Frankreich fährt mit Karacho in die energiepolitische Sackgasse

Geheimes Dokument zeigt den Atomkraft-Wahnsinn in Frankreich – trotzdem soll Kernenergie ausgebaut werden.

Die französische Regierung verkündet sechs neue Atomreaktoren und bremst die Erneuerbaren. Rechte Medien feiern das als Triumph. Doch die Fakten erzählen eine ganz andere Geschichte: ein Land, das auf mit Karacho in eine wirtschaftspolitische und energiepolitische Sackgasse zurast – und den Rückwärtsgang nicht findet.

Frankreichs energiepolitische Sackgasse: Was Apollo News verschweigt

Die Schlagzeile klingt nach Aufbruch: „Frankreich setzt voll auf Atomkraft und drosselt den Ausbau der Erneuerbaren.“ So titelte Apollo News am 15. Februar 2026. Der Artikel liest sich wie eine Pressemitteilung der französischen Regierung. Sechs neue Reaktoren, längere Laufzeiten, weniger Wind und Solar. Alles super, oder?


Nein. Ganz und gar nicht. Was Apollo News seinen Lesern verschweigt, ist der komplette Kontext. Und dieser Kontext zeigt: Frankreich fährt gerade mit Vollgas in eine energiepolitische Sackgasse. Die Fakten sind so erdrückend, dass die französische Regierung sogar einen Bericht ihres eigenen Stromkonzerns EDF monatelang unter Verschluss gehalten hat.

Apollo Schlagzeile Atomkraft Frankreich energiepolitische Sackgasse
So framt Apollo News die Atomkraft-Nachrichten aus Frankreich.

Der geheime Bericht, den niemand sehen sollte

Am 16. Februar 2026 – also genau einen Tag nach dem jubelnden Apollo-Artikel – hat EDF endlich einen Bericht veröffentlicht, den die französische Regierung wochenlang blockiert hatte. Die Investigativplattform Reporterre hatte die Unterdrückung Anfang Februar aufgedeckt. Die größte Gewerkschaft bei EDF, CFE Énergies, hatte öffentlich die Freigabe gefordert.

Warum wollte die Regierung diesen Bericht verstecken? Weil er zeigt, dass das französische Atomsystem von innen heraus zerbricht.

Das Problem heißt „Modulation„. Und es geht so: Wenn in Frankreich die Sonne scheint und der Wind weht, müssen die Atomkraftwerke ihre Leistung drosseln. Erneuerbare haben Vorrang im Netz. Die AKWs müssen dann runtergefahren werden. Das klingt erstmal harmlos. Ist es aber nicht.

Atomkraftwerke sind wie riesige Dampfmaschinen aus dem letzten Jahrhundert. Sie sind dafür gebaut, rund um die Uhr mit voller Leistung zu laufen. Nicht dafür, ständig hoch- und runtergefahren zu werden. Jeder Zyklus belastet das Material. Turbinen, Pumpen, Generatoren – alles verschleißt schneller.

Wie das im Alltag aussieht, zeigte sich bereits im Juni 2024. An einem windigen Wochenende produzierte Frankreichs Windkraft absolute Rekordmengen – und der Strom an der französischen Börse fiel auf minus 5,76 Euro pro Megawattstunde. Wer Strom kaufte, bekam also Geld dazu. EDF musste sechs Atomkraftwerke auf einen Schlag vom Netz nehmen. Sechs Stück. An einem Wochenende.

EDF-Vizepräsident Cédric Lewandowski sagte im französischen Senat dazu: „Was wir am meisten fürchten, ist wenn wir die Reaktoren stoppen müssen.“ Laut der Energieanalystin Sabrina Kernbichler braucht EDF mindestens 22 Euro pro Megawattstunde, um profitabel zu sein. An vielen Tagen ist das längst eine utopische Vorstellung.

Die Modulation hat sich von 15 auf 33 Terawattstunden verdoppelt – und soll bis 2028 auf 42,5 TWh steigen. Die Turbinen der Reaktoren müssen jetzt alle sechs statt alle zehn Jahre kontrolliert werden. Allein das kostet 30 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr. Die Gaskraftwerke mussten doppelt so oft an- und abgeschaltet werden. Pumpspeicherkraftwerke laufen auf Rekordniveau.

EDF-Chef Bernard Fontana sagte es selbst: Es gebe einen „wirtschaftlichen Effekt durch die vorzeitige Abnutzung von Turbinen, Pumpen und Generatoren“. Er nannte aber keine Gesamtkosten. Die Zeitung La Tribune, die vorab exklusive Einblicke in den Bericht erhalten hatte, bezifferte die Mehrkosten auf rund vier Milliarden Euro jährlich für das gesamte Stromsystem.

Vier Milliarden. Jedes Jahr. Weil Atomkraftwerke nicht mit Erneuerbaren zusammenarbeiten können.

Die Fédération Environnement Durable formulierte es so: Es bestehe eine „schwerwiegende Unvereinbarkeit zwischen Atomkraft und Erneuerbaren Energien“. Und ein früherer EDF-Experte wurde bei Reporterre noch deutlicher: „Es wäre unvorsichtig zu behaupten, dass die Modulation des Kraftwerksbetriebs eine industriell tragfähige Strategie sei.“

Verschleiß rauf, Laufzeit rauf – Frankreichs nukleare Doppelmoral

Der EDF-Bericht zeigt schwarz auf weiß: Die Modulation beschleunigt den Verschleiß der Reaktoren. Turbinen, Pumpen, Generatoren – alles wird stärker belastet. EDF selbst spricht von „mehreren Milliarden Euro zusätzlicher Wartungskosten“ in den kommenden Jahrzehnten. Die Turbineninspektionen müssen von alle zehn auf alle sechs Jahre verkürzt werden.

Und was macht die Regierung? Sie verlängert die Laufzeiten genau dieser Reaktoren. Die 57 aktiven AKWs in Frankreich haben ein Durchschnittsalter von 39,6 Jahren – die ältesten sind bereits über 45 Jahre alt. Die PPE3 sieht vor, sie auf 50 bis 60 Jahre laufen zu lassen. Manche Reaktoren sollen also noch 15 bis 20 weitere Jahre am Netz bleiben.

Zusammengefasst: Die Reaktoren werden durch die erzwungene Modulation stärker belastet als je zuvor. Gleichzeitig sollen sie länger laufen als je geplant. Das ist, als würde man ein Auto mit 300.000 Kilometern auf dem Tacho über unbefestigte Straßen jagen – und gleichzeitig die nächste Hauptuntersuchung nach hinten verschieben.

Das Grand Carénage – das milliardenschwere Sanierungsprogramm für die bestehenden Reaktoren – wurde bereits von 55 auf 49,4 Milliarden Euro gekürzt. Jetzt kommen die Modulationsschäden obendrauf. Die Frage ist nicht ob, sondern wann der erste schwere Zwischenfall passiert.

EDFs Lösung: Mehr Strom verbrauchen!

Der EDF-Bericht enthält noch eine Passage, die bei genauem Lesen fassungslos macht. EDFs Lösung für den Überschussstrom aus den AKWs lautet nämlich nicht: weniger Atomstrom produzieren. Sondern: mehr Strom verbrauchen. Frankreich soll seinen Stromverbrauch massiv steigern, damit die Reaktoren wieder auf Volllast laufen können.

Die Mittel dazu:

  • mehr Elektroautos,
  • mehr Wärmepumpen,
  • elektrische Industrieöfen und
  • neue Rechenzentren.

All das soll den Strom aufsaugen, den die AKWs produzieren.

Das Ziel ist gigantisch: Heute macht Strom nur rund 30 Prozent des gesamten französischen Energieverbrauchs aus. 58 Prozent kommen immer noch aus fossilen Quellen – Öl, Gas und Kohle (Stand 2023). Bis 2030 soll der Stromanteil auf 60 Prozent steigen. Fossile Brennstoffe sollen dann nur noch 40 Prozent ausmachen.

Klingt erstmal gut. Elektrifizierung ist der richtige Weg. Aber jetzt kommt der Widerspruch: Elektroautos laden vor allem dann, wenn die Besitzer sie nicht brauchen – also nachts und am Wochenende. Wärmepumpen laufen vor allem im Winter. Rechenzentren brauchen rund um die Uhr Strom. Kein einziger dieser neuen Verbraucher richtet sich danach, wann die AKWs ihren Strom loswerden müssen.

Und es gibt ein noch größeres Problem: Für Elektrifizierung braucht man keinen Atomstrom. Elektroautos können mit Solarstrom vom eigenen Dach geladen werden. Wärmepumpen laufen am effizientesten mit günstigen Erneuerbaren. Rechenzentren in den USA – Google, Microsoft, Amazon – setzen massiv auf direkte Stromlieferverträge mit Wind- und Solarparks. Weil es schlicht billiger ist.

EDF will also ein Problem lösen, das es ohne Atomkraft gar nicht gäbe. Und die Lösung, die EDF vorschlägt – Elektrifizierung – funktioniert mit Erneuerbaren besser, schneller und günstiger als mit Atomstrom.

Was Frankreichs Rechnungshof wirklich sagt

Apollo News erwähnt mit keinem Wort, was Frankreichs eigener Rechnungshof – die Cour des Comptes – zu all dem sagt. Und das hat einen Grund: Die Botschaft des Rechnungshofs ist das exakte Gegenteil der Apollo-Erzählung.

Im Januar 2025 hat der Rechnungshof unter seinem Präsidenten Pierre Moscovici einen vernichtenden Bericht über das französische Atomprogramm vorgelegt. Seine Empfehlung:

Warum? Schauen wir uns den einzigen neuen Reaktor an, den Frankreich in den letzten Jahrzehnten gebaut hat: Flamanville 3 an der Kanalküste.

Geplante Kosten: 3,3 Milliarden Euro. Tatsächliche Kosten: 23,7 Milliarden Euro. Das ist mehr als das Siebenfache. Die Bauzeit: 17 Jahre statt der geplanten fünf. Und jetzt kommt der Witz: Seit der Inbetriebnahme im Januar 2025 hat Flamanville 3 mehr Strom verbraucht als geliefert. Bis 19. Juni 2025 lieferte der Reaktor überhaupt keinen Strom mehr. Der Reaktordeckel musste beim ersten Brennelementewechsel ausgetauscht werden.

EDF hat sich laut Rechnungshof „bewusst und beharrlich geweigert“, Zahlen zur Rentabilität von Flamanville vorzulegen. Als der Rechnungshof selbst rechnete, kam heraus: Bei einem Strompreis von unter 9 Cent pro Kilowattstunde liegt die Rendite unter zwei Prozent – also praktisch null. Das Kraftwerk kann seine Baukosten nicht wieder einspielen. Es wird bis ans Ende seiner Laufzeit ein Verlustgeschäft bleiben.

Und jetzt plant die Regierung sechs weitere Reaktoren desselben Typs. Der Rechnungshof zeichnet damit das Bild einer energiepolitischen Sackgasse, in die Frankreich sehenden Auges hineinfährt.

67 Milliarden Euro – und noch kein Spatenstich

Apollo News schreibt begeistert von sechs neuen Reaktoren, als wäre das ein Zeichen der Stärke. Die Fakten sagen etwas anderes.

Die geschätzten Kosten für das EPR2-Programm – die sechs neuen Reaktoren – lagen ursprünglich bei 51,7 Milliarden Euro. Schon 2023, bevor auch nur ein einziger Spatenstich getan wurde, stiegen die Kosten auf 67,4 Milliarden Euro. Wer die Geschichte von Flamanville kennt, weiß: Das wird nicht das Ende sein.

Der Rechnungshof warnte wörtlich: „Die Anhäufung von Risiken und Zwängen könnte zum Scheitern des EPR2-Programms führen.“ Die Lieferketten seien nicht vorbereitet. Die Finanzierung sei ungeklärt. EDF fordere zinslose Staatskredite, weil das Unternehmen die Investitionen nicht alleine stemmen könne.

Der erste neue Reaktor in Penly am Ärmelkanal – den Apollo News erwähnt – soll frühestens 2038 ans Netz gehen. In zwölf Jahren. Zum Vergleich: Ein großer Solarpark wird in wenigen Monaten gebaut. Batteriespeicher in unter einem Jahr.

Die Mär vom billigen Atomstrom

Es gibt in Deutschland ein hartnäckiges Märchen: Frankreich habe dank Atomkraft billigen Strom. Apollo News bedient dieses Märchen, indem es die Strompreise in Frankreich mit keinem Wort erwähnt.

Hier die Realität: Präsident Macron hat 2022 die Strompreiserhöhungen auf vier Prozent jährlich gedeckelt. Die Differenz zu den realen Kosten? Wurde als Schulden auf den Staat übertragen. Die Deckelung war eine Illusion. Jetzt ist sie vorbei. Bereits 2023 berichtete Cleanthinking über das Desaster „Atomkraft Frankreich„.

Die Strompreiserhöhungen 2023 und 2024 waren bereits drastisch für französische Verbraucher. Für 2026 wird eine weitere Erhöhung um 67 Prozent erwartet. Die französische Energieregulierungsbehörde CRE hat die Vollkosten des Atomstroms auf 60,3 Euro pro Megawattstunde festgelegt – für den Zeitraum 2026 bis 2028.

Gleichzeitig: Frankreich hat die dritthöchste Schuldenquote der EU mit 113 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. EDF fuhr 2022 einen Rekordverlust von 18 Milliarden Euro ein und musste komplett verstaatlicht werden. Rechnungshof-Präsident Moscovici warnt vor einer Neuverschuldung von weiteren 100 Milliarden Euro durch die Atomausbaupläne.

Ein Analyst der Windbranche fasste es drastisch zusammen: „Wie die Atomwirtschaft mithilft, einen Staatsbankrott Frankreichs herbeizuführen.“ Das klingt übertrieben – aber wenn man die Zahlen zusammenrechnet, wird einem mulmig.

Der Spanien-Blackout: Wie Macron die Fakten verdreht

Apollo News zitiert unkritisch Macrons Behauptung, der Blackout in Spanien und Portugal sei auf den hohen Anteil Erneuerbarer zurückzuführen. Apollo schreibt dann aber selbst im letzten Satz: „Der Blackout wurde nach bisherigen Erkenntnissen durch eine Überspannung ausgelöst.“

Iberischer Blackout: Bericht nennt Ursachen

Man muss diesen Widerspruch einmal sacken lassen. Apollo übernimmt Macrons Behauptung als Headline-Argument – und widerlegt sie im eigenen Artikel. Macron nutzt den Blackout als politische Waffe, um seine neue Energiestrategie PPE3 zu rechtfertigen: weniger Erneuerbare, mehr Atom. Das ist keine Analyse, das ist Propaganda.

Die Ironie des Merz-Macron-Gipfels

Im Februar 2026 hat sich Bundeskanzler Friedrich Merz beim deutsch-französischen Gipfel in Toulon bereit erklärt, Frankreichs Atom-Vorstöße auf EU-Ebene nicht länger zu blockieren. Merz setzte sich gegen die SPD durch und stimmte gemeinsamer Forschung an neuen Reaktortypen zu.

Die Ironie ist kaum zu fassen: Deutschland unterstützt jetzt offiziell ein Atomprogramm, vor dem Frankreichs eigener Rechnungshof warnt. Merz trägt einen Kurs mit, den die obersten Finanzprüfer Frankreichs für wirtschaftlichen Wahnsinn halten.

Mini-Meiler, Maxi-Probleme: Was Söder und Reiche verschweigen

In Deutschland gibt es Politiker, die noch einen Schritt weitergehen wollen als Merz. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder schwärmt von „kleinen, smarten Reaktoren“ – sogenannten Small Modular Reactors (SMR). Und Energieministerin Katherina Reiche hat angedeutet, dass Deutschland in SMR-Forschung investieren könnte.

Beide sollten nach Frankreich schauen. Denn genau dort hat man es schon versucht – und scheitert gerade.

Präsident Macron kündigte bereits 2020 in einer viel beachteten Rede an, SMR entwickeln zu wollen. 500 Millionen Euro staatliche Förderung flossen in die Entwicklung. 15 Start-ups bewarben sich, elf erhielten jeweils zehn Millionen Euro Anschubfinanzierung. Vier Jahre später ist das Ergebnis: nichts. Keine funktionierenden Prototypen. Nicht einmal klare Zeitpläne. Viele der Projekte existieren nur als PowerPoint-Präsentationen, wie die ZEIT im November 2025 berichtete.

Von den elf geförderten Start-ups werden nach Einschätzung des Experten Bruno Bonell höchstens drei bis vier überleben. Private Investoren weigern sich, Geld in eine „als unreif empfundene Technologie“ zu stecken. Eine KPMG-Studie kommt zu dem Ergebnis: Die SMR brauchen massive Subventionen, ihre Rentabilität liegt „in weiter Ferne“.

Und selbst EDFs eigenes Vorzeigeprojekt Nuward, mit 300 Millionen Euro gefördert, musste seine innovativen Konzepte aufgeben. Nuward-Präsident Julien Garrel räumte im Februar 2025 ein: Man habe „die schwierige Entscheidung getroffen, sich auf bewährte Bausteine und Technologien zu verlassen“ – also auf die konventionelle Uran-Technik der bestehenden Großreaktoren. Mit all ihren Risiken und der ungelösten Atommüllfrage.

Das ist der Kern des SMR-Traums: Am Ende kommt nichts Neues heraus. Nur dieselbe alte Technik in kleinerem Format – teurer, langsamer und immer noch nicht marktfähig. Wer diese Technologie zum Fundament seiner Energiepolitik machen will, fährt in dieselbe energiepolitische Sackgasse wie Frankreich. Während ein Solarpark in Monaten gebaut wird und ein Batteriespeicher in unter einem Jahr.

Söder sagt, er lehne staatliche Subventionen in der Energieerzeugung ab. Er sollte sich die französische Realität ansehen: Kaum eine Energie wird so hoch subventioniert wie die Atomenergie. Macron musste EDF verstaatlichen, um den Konzern vor der Pleite zu retten. Und die Mini-Reaktoren werden noch mehr Subventionen brauchen als die großen.

Energiepolitische Sackgasse: Was Frankreichs Kurs für Deutschland bedeutet

Die Geschichte, die Apollo News und andere rechte Medien erzählen, ist einfach: Frankreich setzt auf Atom, Deutschland hat seine AKWs abgeschaltet, also ist Deutschland dumm und Frankreich schlau. Diese Erzählung ist in allen wesentlichen Punkten falsch.

Deutschland hat mit dem Atomausstieg im April 2023 die letzten drei Reaktoren abgeschaltet, die zusammen noch fünf Prozent der Stromerzeugung ausmachten. 2023 erzeugten Erneuerbare zum ersten Mal über 55 Prozent des deutschen Stroms. Das Netz ist stabil. Die Strompreise für Neuverträge sinken.

In Frankreich passiert das Gegenteil: Strompreise steigen, die Staatsverschuldung wächst, das Atomprogramm verschlingt Milliarden, die Reaktoren werden kaputtgefahren – und der neueste Reaktor produziert keinen Strom.

Wer fährt hier also in die energiepolitische Sackgasse?

Der Systemkonflikt: Warum Atomkraft in die energiepolitische Sackgasse führt

Es gibt eine fundamentale Wahrheit, die weder Apollo News noch die Atomlobby wahrhaben wollen: Atomkraft und Erneuerbare Energien passen nicht zusammen. Das ist kein ideologisches Statement, sondern Physik und Ökonomie.

Atomkraftwerke brauchen Volllast, um wirtschaftlich zu sein. Erneuerbare Energien liefern Strom, wenn die Sonne scheint und der Wind weht – und sie werden immer billiger. Je mehr Erneuerbare ins Netz kommen, desto mehr müssen AKWs runterfahren. Das macht sie unrentabel und beschädigt die Technik.

Das ist genau das, was der EDF-Bericht zeigt. Es ist genau das, was der Rechnungshof warnt. Es ist genau das, was in Frankreich gerade passiert.

Tony Seba und sein Think Tank RethinkX haben diesen Mechanismus seit Jahren beschrieben: Erneuerbare Energien werden bestehende Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke verdrängen. Nicht weil eine Regierung das beschließt, sondern weil Sonne und Wind schlicht billiger sind. Wer dagegen ankämpft, verbrennt Geld.

Frankreich kämpft dagegen an. Und verbrennt Milliarden.

Erst Solar-Turbo, dann Vollbremsung

Es gibt noch eine besondere Pointe in dieser Geschichte. Am 10. Juli 2024 – also nur sieben Monate vor der PPE3-Verkündung – erklärte die französische Regierung die Herstellung von Solarmodulen per Dekret zu „Projekten von nationalem Interesse“. Zwei geplante Giga-Fabriken der französischen Hersteller Carbon und Holosolis erhielten beschleunigte Genehmigungsverfahren. Carbon sollte ab Herbst 2025 in Südfrankreich produzieren. Holosolis plante eine 5-Gigawatt-Fabrik nahe der deutschen Grenze.

Frankreich gab damit ein klares Signal: Solarenergie ist strategisch wichtig, wir investieren.

Und dann kam die PPE3 – und bremste den Solarausbau. Die Zielwerte für Photovoltaik wurden zurückgeschraubt. Offshore-Wind wurde um drei Gigawatt gekürzt. Onshore-Wind gedrosselt.

Wer so Politik macht, braucht sich über verunsicherte Investoren und fehlende Arbeitsplätze nicht zu wundern. Erst den Solar-Turbo zünden, dann die Handbremse ziehen – das ist keine Energiestrategie. Das ist Chaos.

Die Sackgasse hat einen Namen

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Die französische Energiestrategie PPE3, die Apollo News als großen Wurf feiert, ist keine mutige Entscheidung. Sie ist Realitätsverweigerung. Sechs neue Reaktoren, die frühestens 2038 Strom liefern – wenn sie nicht das Schicksal von Flamanville teilen. 67 Milliarden Euro, die noch steigen werden. Alte Reaktoren, die auf Verschleiß gefahren werden – und trotzdem noch Jahrzehnte länger laufen sollen. Ein Strompreis, der explodiert. Und eine Elektrifizierungsstrategie, die Atomstrom als Motor braucht – obwohl Erneuerbare dieselbe Aufgabe billiger und schneller erledigen können.

Frankreich muss 60 Prozent fossile Energie ersetzen. Das ist eine gewaltige Aufgabe. Aber die Lösung ist nicht, diese Lücke mit dem teuersten und langsamsten Strom der Welt zu füllen. Sondern mit dem billigsten und schnellsten: Sonne und Wind.

Die energiepolitische Sackgasse hat einen Namen: PPE3.

Deutschland sollte sich nicht einreden lassen, dass es den falschen Weg gewählt hat. Erneuerbare Energien sind nicht nur sauberer, sondern auch billiger, schneller verfügbar und wirtschaftlich überlegen. Das zeigen die Zahlen aus Frankreich besser als jede Studie.

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Quelle Focus Earth Die Zeit
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Und die 6 Geplanten reichen nicht mal, wenn man die Bauzeit berücksichtigt, müssten es 14 mittlerweile sein… und das alles nur für ein paar reiche Anleger, die hohe Renditen erwarten, die wenn man die Atommüll-Lagerkosten berücksichtigt, gar nicht zustehen!
Atomkraft ist nur dann rentabel, wenn einem die nachfolgenden Generationen scheißegal sind und man nur die Laufzeit-Kosten berücksichtigt.
Ein normal denkender Mensch sollte auf den richtigen Namen kommen.

Danke für den guten Text.
Kleines Detail: „Seit dem 19. Juni 2025 liefert der Reaktor überhaupt keinen Strom mehr.“ Stimmt inzwischen nicht mehr.
Hier die Produktion/Verbrauch des Jahres 2025
https://www.energy-charts.info/charts/power/chart.htm?l=de&c=FR&source=nuclear_unit&per_unit_consumption=production_and_consumption&legendItems=1sy10&interval=year&year=2025

Und hier, was bisher 2026 angefallen ist.
https://www.energy-charts.info/charts/power/chart.htm?l=de&c=FR&source=nuclear_unit&per_unit_consumption=production_and_consumption&legendItems=1sy10&interval=year

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