Primärenergie-Trugschluss: Argumente für ein neues Energiesystem‑Mindset

Warum Nutzenergie statt Primärenergie die Transformation zum Elektrostaat erleichtert.

Wer die Energiewende kleinreden will, greift zu einer bewährten Taktik: Er vergleicht erneuerbare Energien mit dem gesamten Primärenergie-Verbrauch. Das klingt wissenschaftlich, ist aber irreführend. Der Energieexperte Jan Rosenow nennt es den „Primärenergie‑Trugschluss“. Dieser Artikel auf Basis einer Analyse der Denkfabrik Ember zeigt, warum der Blick auf die Nutzenergie das entscheidende Kriterium ist – und warum die Protagonisten des fossilen Zeitalters ein Energiesystem der Verschwendung verteidigen.​

Die Zitatparade: „Nur fünf Prozent!“

Es ist ein rhetorisches Muster, das sich durch Talkshows, Zeitungskolumnen und YouTube‑Vorträge zieht. Prominente Stimmen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Medien greifen zu einer Zahl, die den Fortschritt der Erneuerbaren als verschwindend gering erscheinen lässt:​


„Viele Leute übersehen, wie gering die Bedeutung des Wind‑ und Sonnenstroms in Deutschland tatsächlich ist. Am Primärenergieverbrauch ist der Anteil gerade mal 5,5 Prozent.“ – Hans‑Werner Sinn, Focus Money, September 2022

„Es muss immer wieder daran erinnert werden, dass in 2021 der Anteil von Wind‑ und Solarenergie knapp über 5% der Primärenergie betrug.“ – Fritz Vahrenholt, Newsletter „Kalte Sonne“

„Windenergie würde aktuell nur 3,5 Prozent der Primärenergie hergeben.“ – Stefan Aust, ARD „Maischberger“, 2022

Erneuerbare würden „nur etwas mehr als vier Prozent des Primärenergieverbrauchs“ decken. – Axel Bojanowski, WELT‑Chefreporter Wissenschaft

Erneuerbare hätten „nur 16 Prozent im Primärenergiemix“. – Manuel Frondel, RWI Leibniz‑Institut für Wirtschaftsforschung​

Die Botschaft ist immer dieselbe: Seht her, nach so vielen Jahren Energiewende decken Wind, Sonne und Co. nur einen Bruchteil unseres Energiebedarfs. Das soll Resignation erzeugen. Doch das Argument hat einen fundamentalen Denkfehler – und der ist kein Zufall.​

Was Primärenergie eigentlich misst

Primärenergie umfasst also den gesamten Energiegehalt der eingesetzten Rohstoffe: die Kohle im Kraftwerk, das Erdöl in der Raffinerie, das Gas in der Pipeline. Auf dem Weg zur tatsächlichen Nutzung – Wärme im Haus, Bewegung auf der Straße, Licht am Arbeitsplatz – geht jedoch ein großer Teil dieser Energie verloren. Ein Kohlekraftwerk wandelt nur etwa 30 bis 40 Prozent der eingesetzten Energie in Strom um, ein Benzinmotor bestenfalls rund 30 Prozent der Kraftstoffenergie in Bewegung. Der Rest verpufft als Abwärme.​

Die erzeugte Energie nach der ersten Umwandlung nennt sich Sekundärenergie – etwa Strom aus dem Kraftwerk oder Fernwärme aus einem Heizwerk. Für unseren Alltag entscheidend ist aber, was am Ende tatsächlich nutzbar ankommt: Licht, Raumwärme, Kälte, mechanische Arbeit. Diese Nutzenergie treibt unsere Zivilisation an.​

Der Primärenergie‑Trugschluss: Effizienz wird „bestraft“

Jan Rosenow, Direktor des Regulatory Assistance Project (RAP), spricht vom Primärenergie‑Trugschluss („Primary Energy Fallacy“). Sein Kernargument: Primärenergie misst nicht, wie viel Energie die Gesellschaft nutzt, sondern wie viel Energie in das System eingespeist wird – inklusive aller Verluste. Effiziente Technologien schneiden in dieser Logik schlechter ab als verschwenderische.​

Das Umweltbundesamt weist ausdrücklich darauf hin: Bei erneuerbaren Energien wie Wind und Solar wird ein Wirkungsgrad von 100 Prozent angesetzt – eine Kilowattstunde Primärenergie entspricht einer Kilowattstunde Endenergie. Bei fossilen Kraftwerken liegt der Wirkungsgrad dagegen je nach Technologie nur bei etwa 30 bis 45 Prozent. Das UBA spricht von „methodenbedingten Verzerrungen“, die dazu führen, dass der Primärenergieverbrauch überproportional sinkt, wenn erneuerbare Energien fossile Rohstoffe ersetzen.​

Die AG Energiebilanzen hat diesen Effekt anschaulich dokumentiert: Als im ersten Quartal 2025 wegen windarmer Witterung mehr fossile Kraftwerke einspringen mussten, stieg der Primärenergieverbrauch um 5,5 Prozent – nicht, weil mehr Energie genutzt wurde, sondern weil der geringere Wirkungsgrad der thermischen Kraftwerke mehr Brennstoffeinsatz erforderte. Das Energiesystem brauchte also mehr Rohstoff für die gleiche Leistung.​

Wie verschwenderisch das fossile System ist

Wie groß das Ausmaß der Verschwendung ist, zeigen Daten des Energie‑Thinktanks Ember und Analysen von Kingsmill Bond. Global wurden 2023 rund 590 Exajoule Primärenergie eingesetzt, aber nur etwa 209 Exajoule kamen als Nutzenergie bei den Verbrauchern an – fast zwei Drittel der eingesetzten Energie gingen unterwegs verloren.​​

Für Deutschland ergibt sich ein ähnliches Bild: 2020 wurden etwa 3.200 Terawattstunden Primärenergie eingesetzt, die Endenergie lag bei rund 2.330 Terawattstunden. Schon auf dieser Ebene verschwindet also ungefähr ein Drittel der Energie. Und selbst von der Endenergie kommt nicht alles als Nutzenergie an – der Verbrennungsmotor verwandelt noch immer den Großteil seines Kraftstoffs in Wärme.​

Das neue Energiesystem-Mindset: Primärenergie-Trugschluss ersetzen. Nutzenergie im Fokus.
Das neue Energiesystem-Mindset: Primärenergie-Trugschluss ersetzen. Nutzenergie im Fokus.

Das Ember‑Framework „Rethinking Energy in the Age of Electricity“ kommt zu einem klaren Befund: Electrosources – also Energiequellen, die direkt Strom erzeugen, wie Wind, Solar und Wasserkraft – erreichen im System Wirkungsgrade von rund 92 Prozent. Thermische Quellen wie Kohle, Gas oder Atomkraft kommen lediglich auf etwa 29 Prozent; der Rest wird als Abwärme an die Umwelt abgegeben.​

Energieanalyst Kingsmill Bond spricht deshalb vom „fossilen Energiesystem der Verschwendung“, das durch effiziente elektrische Technologien ökonomisch überholt wird.

Drei Beispiele: Warum Elektrifizierung den Bedarf schrumpfen lässt

Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie viel Rohstoff setzen wir ein? Sondern: Wie viel Energie kommt dort an, wo sie gebraucht wird? Drei Beispiele zeigen, warum Elektrifizierung den Bedarf an Primärenergie drastisch senkt.​

Mobilität: Ein Elektroauto nutzt etwa 85 bis 90 Prozent der eingesetzten Energie für den Antrieb. Ein Verbrenner bringt bestenfalls rund 30 Prozent auf die Straße; beim Dieselmotor gibt der TÜV Nord maximal etwa 45 Prozent an. Das E‑Auto ist also mindestens dreimal effizienter – es benötigt für die gleiche Fahrleistung nur rund ein Drittel der Primärenergie.​

Wärme: Eine Wärmepumpe erreicht realistische Jahresarbeitszahlen von 3 bis 4. Aus einer Kilowattstunde Strom entstehen so drei bis vier Kilowattstunden Wärme. Eine Gasheizung wandelt dagegen nur etwa 85 bis 95 Prozent des eingesetzten Gases in Wärme. Die Wärmepumpe kommt somit mit ungefähr einem Viertel der Primärenergie aus.​

Industrie: Elektromotoren erreichen Wirkungsgrade von über 90 Prozent, während Verbrennungsmotoren in industriellen Anwendungen meist zwischen 30 und 40 Prozent liegen. Jede Elektrifizierung industrieller Prozesse senkt daher den Rohstoffbedarf deutlich.​

Diese Effizienzgewinne bedeuten: Wenn Verkehr, Gebäudewärme und Teile der Industrie elektrifiziert werden, sinkt der Primärenergiebedarf massiv – selbst bei gleichem oder höherem Nutzenergie‑Output. Die 10.478 Petajoule Primärenergieverbrauch von 2024 sind also nicht der Maßstab, den Erneuerbare ersetzen müssen. Entscheidend ist der deutlich kleinere Nutzenergiebedarf.​

Warum das „Primärenergie‑Argument“ kein Versehen ist

Die Argumentationsstruktur bei Sinn, Vahrenholt, Aust und anderen ist auffällig konsistent: Sie wählen bewusst die Kennzahl, die Erneuerbare am kleinsten aussehen lässt. Würden sie stattdessen den Stromsektor betrachten – in dem Wind und Solar 2024 in Deutschland bereits fast 60 Prozent der öffentlichen Nettostromerzeugung stellten – wäre ihre Botschaft vom „marginalen Beitrag“ nicht mehr haltbar.​​

Das GADMO‑Faktencheck‑Team kommt deshalb zu einem klaren Urteil: „Die Windkraft nicht in Bezug zur Stromproduktion, sondern zum gesamten Energieverbrauch in Deutschland zu setzen, führt in die Irre.“ Denn in der Primärenergie sind Heizungen, Industrieanlagen und Verbrennungsmotoren enthalten – alles Bereiche mit großen Umwandlungsverlusten.​

Auch das DIW Berlin hat die Methodik der Energiewende‑Skeptiker wiederholt kritisiert. Bereits in der Analyse von Hans‑Werner Sinns Speicher‑Berechnungen zeigte sich: Seine Ergebnisse lagen um „ein bis zwei Größenordnungen“ neben den Ergebnissen anderer Studien – weil er Annahmen traf, die seine Schlussfolgerungen vorbestimmten.​

Das Muster ist immer dasselbe: Wer das fossile Energiesystem verteidigen will, wählt die Kennzahl, die den Vergleich verzerrt. Die Primärenergie‑Metrik leistet genau das: Sie belohnt ein ineffizientes System, weil es viel Rohstoff verbraucht, und bestraft ein effizientes System, weil es wenig braucht.​

Vergessen wir Primärenergie – die Aufgabe ist kleiner als gedacht

Global setzt die Menschheit derzeit rund 180.000 Terawattstunden Primärenergie ein. Der Anteil der Erneuerbaren wirkt mit weniger als zehn Prozent erschreckend klein. Energiewende‑Skeptiker wie Bjørn Lomborg, Vaclav Smil oder Stefan Aust nutzen diese Zahlen gern, um Zweifel zu säen: „Wie sollen Wind und Solar jemals dieses System ersetzen?“​​

Der Haken: Primärenergie ist in einer elektrifizierten Welt ein Maß für Verschwendung, nicht für Versorgungssicherheit. Sie sagt uns, wie viel Energie in den Quellen steckt, bevor wir sie umwandeln – nicht, wie viel davon als Nutzenergie ankommt. Es ist, als würden wir Autos daran messen, wie viel Hafer sie fressen, statt wie viele Kilometer sie fahren.​

Elektrische Systeme drehen dieses Verhältnis um. Jedes Joule Energie, das wir in ein elektrisches System stecken, hat eine viel größere Chance, dort anzukommen, wo wir es brauchen: am Rad, im Ofen, in der Wärmepumpe. Eine Wärmepumpe kann aus einer Kilowattstunde Strom bis zu vier Kilowattstunden Wärme erzeugen. Ein Gasboiler verheizt das Gas – und das war’s. Verbrenner‑Autos sind im Kern Heizungen auf Rädern; Atomkraftwerke sind gigantische Wasserkocher.​

In der Primärenergiestatistik wird eine Kilowattstunde direkt nutzbarer grüner Strom genauso gezählt wie drei Kilowattstunden, die als chemische Energie in Kohle stecken. Der Anteil der Erneuerbaren am Primärenergieverbrauch ist also gerade deswegen so klein, weil sie so effizient sind. Das als Argument gegen die Energiewende zu verwenden, ist ungefähr so logisch, wie im Supermarkt eine Eierpackung mit drei kaputten Eiern als Schnäppchen zu feiern.​

Effizienz heißt auch: Die Kostenaufgabe schrumpft

Analysten wie Michael Liebreich betonen, dass Net Zero gleichzeitig „härter“ und „leichter“ wird als gedacht: härter, weil wir globale Systeme umbauen müssen; leichter, weil effiziente elektrische Lösungen die Aufgabe verkleinern. Wenn die gleiche Dienstleistung – Kilometer, Quadratmeterwärme, Produktionsoutput – mit einem Drittel der Energie auskommt, sinken Investitions‑ und Betriebskosten auf lange Sicht.

Anzeigen

Elektrische Systeme sind typischerweise nach wenigen Jahren die günstigere Option: geringere Betriebskosten, weniger Brennstoffrisiko, planbare Investitionen. Effizienz ist damit nicht nur ein physikalischer, sondern auch ein ökonomischer Vorteil.

Fazit: Nutzenergie misst Fortschritt, nicht Verschwendung

Die Primärenergie‑Argumentation von Sinn, Vahrenholt, Aust, Bojanowski und Frondel folgt einer simplen Logik: Je ineffizienter ein Energiesystem ist, desto beeindruckender wirkt sein Primärenergieverbrauch. Und je effizienter Erneuerbare arbeiten, desto kleiner erscheint ihr Beitrag in dieser Statistik.​ Es ist der Primärenergie-Trugschluss.

Der Primärenergie‑Trugschluss ist kein akademisches Detail. Er ist ein rhetorisches Werkzeug, mit dem der Fortschritt der Energiewende kleingeredet wird. Wer ihn nutzt, verteidigt ein System, das global rund zwei Drittel der eingesetzten Energie als Abwärme an die Umwelt abgibt – und nennt das dann „Realpolitik“.​​

Die richtige Frage lautet nicht, wie viel Primärenergie wir verbrauchen. Die richtige Frage lautet: Wie viel Nutzenergie brauchen wir – und wie effizient können wir sie bereitstellen? In einem elektrifizierten System mit Wind, Solar, Wärmepumpen und Elektroautos sinkt der Bedarf an Primärenergie radikal, weil die Verschwendung entfällt. Nicht 100 Prozent des heutigen Primärenergieverbrauchs müssen ersetzt werden – sondern der Bruchteil, der tatsächlich beim Menschen ankommt.​

Es ist Zeit für ein neues Energiesystem‑Mindset. Wer über Energie diskutiert, sollte nach der Nutzenergie fragen – nicht nach der Verschwendung.​

0107bdab4131470c8cec50a2ff43402f
4 2 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
1 Kommentar
Neueste
Älteste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen

Stand Februar 2026 liegt der Anteil der Erneuerbaren Energien am Endenergieverbrauch (bzw. Bruttoendenergieverbrauch) in Deutschland bei etwa 20–22 %.

1
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x