Buch Kurzschluss: Kemferts Abrechnung mit der Fossilokratie

Nach „Schockwellen“ legt die Energieökonomin nach – persönlicher, systemischer und erschreckend aktuell

2023 hat Claudia Kemfert in „Schockwellen“ (Rezension hier) die deutsche Energiepolitik der vergangenen vier Jahrzehnte seziert – ein Verriss, der weder „Klimakanzlerin“ Merkel noch Gabriel noch Scholz schonte. Cleanthinking rezensierte das Buch damals und stellte fest: Die Analyse ist stark, aber jetzt muss der Blick nach vorn gehen. In „Kurzschluss – Wie wir unsere Energiezukunft verspielen“ tut die Energieökonomin genau das. Sie benennt nicht mehr nur die Fehler einzelner Politiker. Sie legt das System der Fossilokratie frei, das diese Fehler immer wieder produziert.

Das Buch Kurzschluss erschien am heutigen 19. März im Campus Verlag – und es trifft eine Realität, die dessen Thesen in Echtzeit bestätigt. Seit dem 1. März bombardieren die USA den Iran. Die Straße von Hormus, durch die rund 20 Prozent des weltweit gehandelten Öls fließen, wird zum geopolitischen Nadelöhr.


Wenige Tage vor Veröffentlichung des Buches beschließt die Bundesregierung auf Bitten der Internationalen Energieagentur IEA die historisch große Freigabe von strategische Ölreserven. Es soll ein Akt der Solidarität mit Asien sein, wo echte Öl-Knappheit droh. Kemfert ist sich sicher und argumentiert in einem Gastbeitrag: „Warum die Freigabe der Ölreserven ein riskanter Kurzschluss ist.”

Es ist, als hätte die Wirklichkeit einen vierten Beleg für Kemferts zentrale These geliefert: Bei jeder Energiekrise stabilisiert Deutschland reflexartig das fossile System – statt es zu überwinden. Die Autorin nennt dieses Muster „Kurzschluss”. Und sie nennt die Machtordnung dahinter „Fossilokratie”: ein System, in dem fossile Energien nicht bloß Rohstoffe sind, sondern die Grundlage geopolitischer Kontrolle.

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„Heizungshammer”, „Verbotskultur”, „Dunkelflaute” – die Debatte über die Energiewende zerreißt Familien und Freundeskreise, spaltet Gesellschaft und Wirtschaft. Was wird aus meinem Eigenheim, wenn die nächste Krise kommt? Wer wird am Ende wirklich zahlen müssen? Wen trifft die Fossilokratie besonders hart?

Das 1,5-Grad-Ziel ist Geschichte, Ressourcenkriege verwüsten bereits ganze Kontinente. Kemfert konfrontiert ihre Leser*innen mit den klimapolitischen Fragen, die sich heute neu stellen – und deckt auf, wo Mythen gefährliche Realitäten verschleiern. Sie zeigt, welche Technologien funktionieren, warum der Gasausstieg Deutschland zum Technologie-Weltmarktführer machen könnte – und warum die Zeit dafür knapp wird.

Kemfert ist Professorin für Energieökonomie an der Leuphana Universität Lüneburg und leitet seit 2004 die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am DIW Berlin. Als Co-Vorsitzende des Sachverständigenrats für Umweltfragen berät sie die Bundesregierung und die EU. Bereits 2007 bezifferte sie die Kosten der Klimakatastrophe auf 800 Milliarden Euro bis 2050 – und die Kosten der Dekarbonisierung auf lediglich sechs Milliarden pro Jahr.

In 13 Kapiteln zerlegt sie nun die Kampfbegriffe der fossilen Gegenwart und setzt ihnen Fakten, ökonomische Logik und persönliche Begegnungen entgegen.

„Das fossile Energiesystem ist über Jahrzehnte hinweg zu einer enorm mächtigen Struktur geworden”, schreibt Kemfert. „Und wenn nun klar wird, dass dieses System ersetzt werden muss, geraten diese Geschäftsmodelle unter Druck. In solchen Situationen sehen wir: Zweifel säen, Unsicherheiten erzeugen, politische Debatten verzögern.”

Vier Krisen, vier Jahrzehnte, ein Muster

Die Titelmetapher sitzt. Ein Kurzschluss entsteht, wenn Strom den falschen Weg nimmt – kurz, heftig, und wenn niemand eingreift, legt er das ganze System lahm. Genau das, argumentiert Kemfert, passiert in der deutschen Energiepolitik seit Jahrzehnten.

Immer dasselbe Muster: Eine Krise schlägt ein, die Politik reagiert – aber statt die Ursache zu beseitigen, wird das fossile System stabilisiert. Neue Lieferanten, neue Infrastruktur, neue Abhängigkeiten. Und dann die nächste Krise.

Kemfert belegt das an drei historischen Kurzschlüssen, die das Buch eröffnen. Die Ölkrise der 1970er Jahre: Statt weg vom Öl zu kommen, wechselte Deutschland den Lieferanten – und landete am Ende bei Russland. Der Dieselskandal 2015: Statt Elektromobilität voranzutreiben, manipulierte die Autoindustrie Abgaswerte – und verlor den Anschluss an China.

Der dritte Kurzschluss ist der jüngste: Die LNG-Terminals 2022. Statt den Gasausstieg zu beschleunigen, ersetzte Deutschland russisches Pipeline-Gas durch teureres, klimaschädlicheres US-Fracking-LNG. Mit langfristigen Verträgen wurden neue Abhängigkeiten zementiert – statt alte aufzulösen.

Drei Krisen, drei Jahrzehnte, ein Muster. Das ist die Kernthese des Buches. Und sie ist überzeugend.

Das System hinter dem Muster heißt Fossilokratie

Warum bricht Deutschland nicht aus diesem Kreislauf aus? Kemferts Antwort ist ein Begriff, den sie parallel zum Buch in einem auf der Webseite des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (Januar 2026) ausführlich hergeleitet hat: Fossilokratie. Keine Verschwörungstheorie, sondern eine strukturelle Ordnung, in der fossile Energien die Grundlage wirtschaftlicher und geopolitischer Macht bilden.

Wer Öl, Gas und Kohle kontrolliert, kontrolliert Lieferketten, Preise, Allianzen. Fossilokratie eben. Wer davon abhängt, ist erpressbar. Im Buch zeigt Kemfert, wie diese Logik von Venezuela über Argentinien bis Russland funktioniert – und warum Krisen innerhalb dieses Systems nicht zum Wandel führen, sondern zur Verfestigung bestehender Strukturen.

Besonders das Russland-Kapitel ist stark. Kemfert zeichnet nach, wie Deutschland über Jahrzehnte Putins Kriegsmaschinerie mitfinanzierte – durch ganz normale Gasrechnungen. Mehr als die Hälfte aller russischen Staatseinnahmen stammen aus Energieexporten. Diese Petro-Rente macht das Regime unabhängig von der eigenen Bevölkerung.

Die Autorin beschreibt auch die militärische Dimension: Ein russischer Panzer verbraucht 250 Liter Diesel pro 100 Kilometer, ein Kampfjet 5.000 Liter Kerosin pro Flugstunde. Krieg ist nicht nur menschlich verheerend, sondern auch klimatisch katastrophal. Die fossile Verstrickung machte Deutschland nicht nur verwundbar, sondern mitschuldig.

Menschen statt Modelle

Was „Kurzschluss” von „Schockwellen” unterscheidet, ist der erzählerische Zugang. Jedes Kapitel beginnt mit einer persönlichen Begegnung – nicht als Anekdote, sondern als Methode. Kemfert zeigt, dass Energiepolitik keine abstrakte Debatte ist, sondern Menschen in ihrer Existenz betrifft.

Da ist der Taxifahrer in Hannover, dessen Sohn bei VW arbeitet und der wissen will: Ist es vorbei mit den deutschen Autos? Kemfert schuldet ihm die Antwort. Am Abend zückt sie seine Visitenkarte, ruft ihn an und lässt sich zurück zum Bahnhof fahren – diesmal mit ehrlicher Antwort im Gepäck.

Da ist Ingrid M. aus Halle, 68 Jahre alt, die einen handgeschriebenen Brief ans DIW schickt: Vierzig Jahre für das eigene Häuschen geschuftet, und jetzt soll es wertlos sein? Kemfert nimmt den Brief ernst und erklärt den Unterschied zwischen Bestandsschutz-Denken und echtem Werterhalt. Wer seinen Hauswert erhalten will, muss investieren – nicht Investitionen vermeiden.

Eine unbequeme Antwort. Aber die richtige.

Und da ist David, Anfang zwanzig, Umweltstudent an der Leuphana, dunkle Ringe unter den Augen. Nach einem Vortrag über die Copernicus-Daten fragt er: Ist es nicht schon zu spät? Kemfert setzt sich nochmal hin und erklärt, warum jedes Zehntelgrad weniger Erwärmung Schäden reduziert.

Am Ende sagt David: Es ist nicht vorbei. Es fängt gerade erst an.

Diese Geschichten tragen das Buch. Sie machen greifbar, was Tabellen allein nicht leisten: die Verunsicherung einer ganzen Gesellschaft, die Wut derer, die sich abgehängt fühlen, und die Erschöpfung junger Menschen, die nicht mehr wissen, ob Engagement noch lohnt.

Dreizehn Kapitel gegen dreizehn Kampfbegriffe

Das Buch ist in 13 Kapitel gegliedert, jedes als Gegenrede zu einem verbreiteten Narrativ. „Deutsche Autos waren mal die besten der Welt” eröffnet den Reigen, „Wir sollten technologieoffen bleiben” folgt in Kapitel 4, „Dieser Heizungshammer ruiniert uns alle” in Kapitel 5. Kemfert nimmt sich jedes dieser Schlagworte vor und zerlegt es – mit Daten, ökonomischer Logik und zwei Jahrzehnten Erfahrung in der öffentlichen Debatte.

Besonders lesenswert ist, wie sie die Mechanik der Desinformation offenlegt. Die Linie reicht von der Tabak-Industrie der 1950er Jahre bis zu den heutigen Zweifel-Strategien gegen die Energiewende. Die Formel war damals wie heute dieselbe: Wenn die Wissenschaft beweist, dass dein Geschäftsmodell schadet, musst du nicht die Wissenschaft widerlegen – du musst nur Zweifel säen.

Kemfert dokumentiert konkrete Verbindungen zwischen der Gasindustrie und der Kampagne gegen das Gebäudeenergiegesetz. Den Begriff „Technologieoffenheit“ entlarvt sie als Blockade-Instrument: In einer Konferenz-Szene schildert sie, wie eine Lobbyistin ihr erklärt, man dürfe sich doch nicht auf eine Technologie festlegen.

Kemferts Gegenargument: Wenn alle Daten in eine Richtung zeigen, ist Beharren auf vermeintlicher Offenheit keine Neutralität – es ist Verzögerungstaktik.

Auch die Atomkraft-Debatte behandelt sie mit ökonomischer Klarheit. Die Stromgestehungskosten neuer Atomkraftwerke sind seit 2010 um 36 Prozent gestiegen – während Wind und Solar im selben Zeitraum um 70 bis 89 Prozent billiger wurden. Die viel beschworene Renaissance der Atomkraft bleibt eine Beschwörung ohne ökonomische Grundlage. Frankreich versinkt so in einer energiepolitischen Sackgasse.

Erneuerbare Energien sind unerpressbar

Kemferts Kernaussage ist nicht neu, aber sie war selten so gut belegt: Die Energiewende ist nicht das Problem, sondern die Lösung – für die Klimakrise, für die wirtschaftliche Zukunft, für die geopolitische Stabilität. Die teuerste Option ist Nichtstun. In „Kurzschluss” aktualisiert sie die Rechnung, die sie seit 2007 aufmacht.

Erneuerbare Energien sind dezentral, resilient und unerpressbar. Kein Autokrat kann den Hahn abdrehen, wenn Millionen Solardächer und Zehntausende Windräder die Versorgung sichern. Ein Sabotageakt auf eine Pipeline kann die Gasversorgung halb Europas gefährden – Millionen Solardächer gleichzeitig auszuschalten ist schlicht nicht möglich.

Die Dezentralität, die oft als Schwäche kritisiert wird, erweist sich als strategische Stärke.

Die Kosten für Solarstrom sind seit 2010 um über 80 Prozent gefallen, die für Windstrom um mehr als 60 Prozent. Ein Kilowatt aus Wind oder Sonne wird niemals teurer – die Rohstoffe sind umsonst und unbegrenzt verfügbar. Gleichzeitig benennt Kemfert klar, was Deutschland verpasst hat: Batterieforschung, Elektromobilität, Solartechnik.

Ihr Urteil über die Autoindustrie ist scharf: Der Dieselskandal sei keine Panne gewesen, sondern das Ergebnis einer Industrie, die lieber betrog, als sich zu verändern. Chinas Vorsprung sei inzwischen so groß, dass deutsche Unternehmen dort nicht mehr im Rückspiegel auftauchen. Cleanthinking bezeichnet das als „das hausgemachte Scheitern”.

Was „Kurzschluss“ leistet – und was nicht

„Kurzschluss” ist das reifere Buch im Vergleich zu „Schockwellen”. Wo Kemfert 2023 vor allem abrechnete, geht sie 2026 mit dem Fossilokratie-Begriff einen Schritt weiter: vom Fehlerprotokoll zur Systemanalyse. Die Kombination aus persönlichen Geschichten und ökonomischer Logik funktioniert, das Buch ist verständlich geschrieben, ohne zu vereinfachen.

Wer allerdings einen detaillierten Fahrplan für die nächsten zehn Jahre erwartet – mit konkreten Maßnahmen, Zeitplänen, Budgets –, wird nur teilweise fündig. Kemfert beschreibt überzeugend, warum die Energiewende die Lösung ist. Wie der Weg dorthin gegen die Macht der Fossilokratie politisch durchzusetzen ist, bleibt skizzenhaft.

Das ist kein Vorwurf. Es ist die bewusste Entscheidung eines Buches, das erst einmal die Analyse liefert, die in der öffentlichen Debatte fehlt. Kemferts Botschaft ist klar: Klima und Wirtschaft lassen sich nicht gegeneinander ausspielen.

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„Kurzschluss” ist ein Buch für alle, die sich der Illusion verweigern, dass es noch einfache Antworten gibt.

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„Kurzschluss – Wie wir unsere Energiezukunft verspielen“ erschien am 19. März 2026 im Campus Verlag. Das Buch umfasst 264 Seiten und kostet 26 Euro als gebundene Ausgabe. Es gibt das Werk auch als E-Book und als Hörbuch, gelesen von Ulrike Kapfer.

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Kurzschluss: Wie wir unsere Energiezukunft verspielen Kurzschluss: Wie wir unsere Energiezukunft verspielen Aktuell keine Bewertungen 26,00 EUR

Kemferts neues Buch „Kurzschluss – Wie wir unsere Energiezukunft verspielen” eignet sich für alle, die verstehen wollen, warum Deutschland trotz besseren Wissens immer wieder in die fossile Falle tappt. Für alle, die die Mechanismen hinter „Heizungshammer”, „Dunkelflaute” und „Technologieoffenheit” durchschauen wollen. Und für alle, die eine faktenbasierte Grundlage suchen, um in der nächsten Familiendiskussion am Küchentisch nicht nur eine Meinung zu haben, sondern Argumente.

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