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Energieresilienz: Warum die echte Gas-Herausforderung erst im Frühjahr beginnt
Versorgung gesichert, Puffer kleiner – und jede Wärmepumpe hilft
Am Ende dieses Winters werden die Gasspeicher in Deutschland und Europa deutlich leerer sein als in den Vorjahren. Die Energieresilienz leidet – Folge des marktwirtschaftlichen Kurses von Bundesenergieministerin Katherina Reiche, die bewusst auf staatliche Füllvorgaben verzichtet hat. Neben Klaus Müller, Chef der Bundesnetzagentur, zeigt das auch der DVGW, der von rund 7,2 Prozent Restfüllstand Ende April ausgeht. Selbst dann stehen allein für Deutschland immer noch etwa 20 TWh Arbeitsgas zur Verfügung – ein Puffer, der bei aktuellen Entnahmeraten für mehrere Wochen reichen würde.
Die echte Herausforderung, darauf verweisen etwa Grünen-Politiker Michael Kellner und DIW-Energieökonomin Claudia Kemfert unisono, ist eine andere: Wie lassen sich die Speicher für den kommenden Winter preisverträglich füllen – und wie lässt sich die Energietransformation beschleunigen, um solch verunsichernde Debatten wie in diesem Winter mittelfristig obsolet zu machen?
Wissenschaft und Politik mit klarer Botschaft: Jetzt umsteigen
Claudia Kemfert bringt die Lage auf den Punkt: „Die Versorgung ist aktuell gesichert, aber die niedrigen Füllstände sind ein klares Warnsignal. Der Puffer ist kleiner als in früheren Jahren, und das erhöht die Anfälligkeit für Kälteperioden und Preissprünge.“
Doch statt in Panik zu verfallen, zieht die DIW-Ökonomin die richtige Konsequenz: „Es ist sinnvoll, den Gasverbrauch weiter zu senken. Wer kann, sollte auch über einen Wechsel der Gasheizung nachdenken, denn jede neue Wärmepumpe reduziert dauerhaft Kosten, Abhängigkeiten und Krisenrisiken.“
Grünen-Politiker Michael Kellner argumentiert identisch: „Jede Wärmepumpe hilft uns unabhängig zu sein von fossilem Gas.“ Beide nutzen die aktuelle Debatte nicht für Alarmismus, sondern für eine strategische Botschaft: Die strukturelle Antwort auf Gasspeicher-Nervosität heißt Elektrifizierung.
Die Sommer-Falle: Warum mehr LNG-Angebot nicht automatisch hilft
Andere Analysten und Marktbeobachter setzen darauf, dass eine globale LNG-Angebotswelle ab 2026 für Entspannung sorgt. Tatsächlich soll die weltweite Verflüssigungskapazität laut Prognosen von ADI, Kpler und Rystad Energy bis 2030 um mehr als 150 Millionen Tonnen pro Jahr wachsen. Zwei Drittel dieses Zuwachses entfallen auf die USA und Katar. Neue Projekte wie Golden Pass LNG an der US-Golfküste und die Erweiterung des North Field in Katar sollen erhebliche Mengen beitragen.
Das klingt nach Entlastung. Doch die Rechnung hat mehrere Haken.
Denn parallel zum wachsenden Angebot steigt auch die Nachfrage – und zwar aus mehreren Richtungen gleichzeitig. China und Indien kehren mit zweistelligen Zuwachsraten auf den LNG-Markt zurück, angelockt von sinkenden Preisen. Europa wiederum muss russisches Pipelinegas ersetzen und wird damit zum strukturellen LNG-Abnehmer: Bis Ende 2027 will die EU überhaupt kein Gas mehr aus Russland importieren.
Das Ergebnis ist kein entspannter Markt, sondern ein verschärfter Bieterwettbewerb. Europa steht nicht allein vor einem größeren Buffet, sondern erneut in Konkurrenz mit Asien um flexible Lieferungen.
Genau dieses Muster zeigte sich bereits in den Sommern 2023 und 2024: Trotz wachsenden Angebots blieben die Preise hoch, weil die globale Nachfrage mitzog. Energieresilienz in Zeiten von Terrorismus und Autokratien? Unzureichend.
Von der Abhängigkeit zur Energieresilienz: Was wirklich fehlt
Die politische Erzählung lautet oft: Mehr LNG bedeutet mehr Sicherheit. Die Realität ist differenzierter. Mehr LNG bedeutet zunächst mehr Wettbewerb, mehr Volatilität und neue geopolitische Abhängigkeiten – von Russland über die USA bis Katar haben alle großen Lieferanten gezeigt, dass sie Gas als politisches Druckmittel einsetzen können oder wollen.
Der entscheidende Unterschied zur alten Pipelineabhängigkeit: LNG-Tanker lassen sich nicht so einfach „abdrehen“ wie eine Röhre durch die Ostsee. Der Markt ist flexibler, Ladungen können umgeleitet werden. Doch Preisabhängigkeit ersetzt Lieferabhängigkeit – und genau das macht Europa bei der Speicherbefüllung verwundbar.
Aus Resilienzgründen wären höhere Speicherstände vor diesem Winter wünschenswert gewesen. Die Bundesregierung hat sich jedoch bewusst für einen marktorientierten Ansatz entschieden und auf staatliche Eingriffe bei den Füllvorgaben verzichtet. Das ist legitim – erzeugt aber Nervosität, wenn es nicht sauber kommuniziert wird.
Eine strategische Gasreserve nach dem Vorbild Frankreichs oder Polens wäre ein sinnvoller staatlicher Puffer, während alles darüber hinaus dem Markt überlassen bleiben kann. Langfristig führt jedoch kein Weg an der eigentlichen Lösung vorbei: weniger Gas insgesamt. Willkommen im Gas-Casino.
Die strukturelle Antwort: Elektrifizierung statt Importwettlauf
Kemferts Botschaft verdient Wiederholung: „Jede neue Wärmepumpe reduziert dauerhaft Kosten, Abhängigkeiten und Krisenrisiken.“ Das ist keine grüne Ideologie, sondern Systemphysik. Sie hilft jedem Hausbesitzer einerseits und uns als Gesellschaft andererseits.
Die robusteste Antwort auf jede Form fossiler Abhängigkeit ist sinkende Nachfrage:
Wärmepumpen ersetzen Gasheizungen und reduzieren den Heizbedarf direkt. Jede installierte Wärmepumpe ist eine dauerhafte Entlastung der Gasspeicher – nicht nur in diesem Winter, sondern in allen kommenden.
Elektroautos verdrängen Verbrenner und senken die fossile Gesamtenergiebilanz.
Industrielle Elektrifizierung und grüner Wasserstoff ersetzen Prozesswärme aus Gas.
Wind- und Solarstrom verdrängen Gasverstromung aus der Merit-Order.
Das aktuelle Strommix-Bild bestätigt diese Logik: Bei hohem Windanteil sinken die Börsenpreise, Gas wird aus der Stromerzeugung verdrängt, die Speicher werden geschont. Wind im Netz bedeutet faktisch Gas im Speicher.
Lokale Wertschöpfung als Resilienzfaktor
Die Gasdebatte fügt sich in eine größere Erkenntnis ein, die auch Bosch-Chef Stefan Hartung kürzlich formuliert hat: Offene Märkte funktionieren nur, wenn sie als fair und stabil wahrgenommen werden. Für die Energiewende heißt das: Märkte dort, wo sie effizient sind – strategische Energieresilienz dort, wo Abhängigkeiten politisch toxisch werden.
Strategische Reserven, beschleunigte Elektrifizierung und der Aufbau lokaler Wertschöpfung bei Wärmepumpen, Batterien und Elektrofahrzeugen sind keine Gegensätze zum freien Handel, sondern Teile derselben Antwort auf geopolitische Verwerfungen.
Die Panik-Debatte: Was die Daten wirklich zeigen
Seit mehreren Wochen gibt es in Deutschland eine aufgeregte Debatte zum Thema Gasmangellage. Dabei wird oft nur mit den Gasspeicher-Füllständen argumentiert – einzelne Prozentzahlen werden zu Alarmsignalen hochstilisiert. Doch diese Analyse greift zu kurz.

Die Fakten sprechen eine andere Sprache:
Der Verbrauchspeak lag Anfang Januar bei rund 4.700 GWh pro Tag – nur während einer kurzen Kältephase vom 5. bis 10. Januar. Seitdem sinkt der tägliche Absatz deutlich und liegt Anfang Februar bei rund 3.000 bis 3.300 GWh. Von den oft behaupteten 5.000 bis 6.000 GWh Dauerverbrauch ist die Realität weit entfernt.
Die Speicherentnahme beträgt aktuell etwa 0,4 bis 0,5 TWh pro Tag – nicht die vielfach kolportierten 1 TWh. Die Panikrechchnungen sind damit um fast die Hälfte überzeichnet.
Der Strommix zeigt Entspannung: Hohe Windstromerzeugung drückt die Börsenpreise, Gas wird aus der Stromerzeugung verdrängt. Deutschland exportiert derzeit rund 7,5 GW Strom ins Ausland – ein klares Zeichen, dass erhebliche Grundlast im System ist und keine Mangelsituation vorliegt.
Claudia Kemfert fasst es präzise: „Die Versorgung ist aktuell gesichert.“ Und selbst Kritiker der Regierungspolitik wie Michael Kellner sprechen nicht von einer akuten Mangellage, sondern von struktureller Vorsorge für den nächsten Winter.
Auch Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, spricht nicht von einer Gasmangellage, sondern von funktionierenden Importen, stabilen Haushaltsverträgen und einer Debatte über künftige Vorsorge. Wer daraus Panik ableitet, ignoriert nicht nur die Daten, sondern auch das Gesagte.
Bundesnetzagentur, Industrie, Opposition und Marktakteure sagen übereinstimmend: Kein akuter Engpass. Die Debatte betrifft Vorsorge für den nächsten Winter. Die entscheidende Beobachtung: Wenn es ein akutes Gasproblem gäbe, würden Experten über heute sprechen – nicht über 2026/27.
Fazit: Die eigentliche Lehre aus diesem Winter
Die Gasspeicher-Debatte zeigt nicht das Versagen von Märkten, sondern das Fehlen strategischer Kommunikation und langfristiger Resilienzstrukturen.
Dieser Winter ist kein Versorgungsproblem. Die Speicher werden niedrig, aber kontrolliert auslaufen. Der Verbrauch sinkt saisonal, die Importe laufen stabil, das Stromsystem ist entspannt.
Die echte Herausforderung liegt im Frühjahr und Sommer: Wie lassen sich die Speicher preisverträglich füllen, wenn Europa mit China und Indien um LNG-Ladungen konkurriert? Und wie beschleunigen wir die Transformation, damit diese Debatten in fünf Jahren Geschichte sind?
Die Antwort ist nicht mehr Panik, sondern mehr Energieresilienz: strategische Reserven für die Absicherung, Märkte für die Optimierung – und vor allem Wärmepumpen, Elektroautos und Erneuerbare für die strukturelle Unabhängigkeit.
Claudia Kemfert hat recht: Jede neue Wärmepumpe reduziert dauerhaft Kosten, Abhängigkeiten und Krisenrisiken. Die beste Gasreserve ist die, die man nicht braucht.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.
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Jetzt etwas näher zum Thema.
Soweit ich von Ihnen verstanden habe, wurden die Speicher nicht aufgefüllt, weil die Preise im Sommer höher als im Winter sind. Ich verstehe dann nicht, warum jetzt nicht mehr Gas eingekauft wird (zumal, wie Sie ausführen, genug Import-Kapazitäten zur Verfügung stehen), nicht nur um den aktellen Bedarf zu decken, sondern auch um weniger im Sommer kaufen zu müssen.
Dies möchte ich von Ihnen erklärt bekommen, oder zumindest ein Link bekommen, falls Sie es schon irgendwo genacht haben.
Hallo Yoyo,
die Aussage ist korrekt. Und trifft auch jetzt auf den Winter zu.
Die Grafik zu den Gaspreisen ->
zeigt, dass diese seit Januar winterbedingt angestiegen sind, aber davor lange konstant waren.
So wie es im Sommer kein Preissignal gab, die Speicher stärker zu füllen, als es gesetzlich vorgesehen war, gibt es jetzt das Preissignal, abzuwarten, bis der Winter vorbei ist. Die Gashändler sind private Unternehmen, die immer Margen kalkulieren – zumal die Dienstleistung der Speicherung auch Geld kostet.
Klar ist auch: Gäbe es im Markt einen Mangel, würden die Preise explodieren. Das ist aber nicht der Fall und ein untrügliches Zeichen dafür, dass es schlicht keinen Mangel gibt.
Genau diese Situation – keine Preisanreize für die Wiederbefüllung für den kommenden Winter – ist das, was die meisten Experten wie Kemfert, aber auch Müller, den BNetzA-Chef, umtreibt. Daher wird eine strategische Gasreserve gefordert.
Ich hoffe, das klärt die Lage etwas auf,
Martin Jendrischik
Hallo Herr Jendrischik,
etwas an Thema vorbei aber eine größere Chance, dass Sie es lesen, als unter einem alten einschlägigen Artikel.
Können Sie bitte einen Artikel vollständig der Widerlegung von „Outdoor-Chiemgau“ widmen? Er wird in den rechten Kreisen für einen seriösen Experten gehalten, quasi ein Gegenspieler für Sie. Aber auch die andere könnten auf sein jonglieren mit Zahlen reinfallen. Es ist vielleicht auch die Zeit für eine Aktualisierung zum Thema.
Bitte passen allerdings Sie auf, dass Sie keine Substitution von Konzepten betreiben. Wenn er über die mutmaßlich mangelnden LNG-Schiffe spricht, erwidern Sie mit vorhandenen Kapazitäten in LNG Terminalen. Das ist ja nicht dasselbe, denn die Kapazitäten nutzten ja nichts wenn die Schiffe tatsächlich fehlen würden. [Ich weiß nicht wie es darum steht]
Hallo Andrey,
vielen Dank für die Nachricht – mich erreicht jeder Kommentar, ganz gleich unter welchem Artikel.
Ich werde mich am Mittwoch voraussichtlich wieder dem Thema widmen – dann wenn die Ausschusssitzung in Berlin stattgefunden hat. Mein Problem dabei ist: Neue Erkenntnisse gibt es nicht wirklich.
Jan Hegenberg hat bei Twitter fleißig mit Herrn Spiegelsperger diskutiert. Ich schaue mal, ob ich nochmal Lust habe, zu enttarnen, wie sich sein Framing seit dem Start vor fast drei Wochen gewandelt hat.
VG Martin Jendrischik
Hallo Herr Jendrischik,
danke für Ihre Antwort. Ich freue mich auf den neuen Artikel.
Ich möchte kinzufügen, dass nach den aktuellen Wetteraussichten der Winter vorausichtlich im März, zwar nicht durchgehend, aber mit wiederholten Polarluftvorstößen in Verlängerung geht und dass der nachhaltige Frühling auf sich mindestens bis April auf sich warten lässt. Wenn Sie bei Spiegelsperger reinschauen werden, werden Sie wahrscheinlich von Kai Zorn mitbekommen. Kai Zorn ist zwar leider aus politischer Naivität auf die Panikmache um die Gasversorgung reingefallen, macht aber trotzdem die besten Prognosen.
Dies sollten Sie bei Ihrer Analyse berücksichtigen.
Hallo Yoyo,
heutige Aussagen zum Wetter im April sind reine Spekulation. Das sagen die Meteorologen auch stets dazu.
Zorn ignoriere ich, seit er zusammen mit rechten Hetzern aufgetreten ist. Stattdessen verfolge ich Kachelmannwetter.
Was man in der 16-Tage-Vorschau sieht, die so halbwegs verlässlich ist, sind deutlich höhere Temperaturen ab 22. Februar.
Viele Grüße,
Martin Jendrischik
Heute ist der 14.02.26. Um die Diskussion fortzuführen: Die Speicher, die ja angeblich so irrelevant sind, leeren sich sehr schnell. Gleichzeitig gab es eine Ausschreibung vom Trading Hub Europe, die das Ziel hatte, mehr Gas zu besorgen. Ob diese Ausschreibung erfolgreich war oder nicht, weiß kein Mensch, denn man bekommt keine Informationen. Gleichzeitig passiert bei LNG nicht viel, und diese minimalen Mengen, die durch LNG bereit gestellt werden, helfen uns nicht. Die Situation in der EU ist auch nicht viel besser, denn auch die Niederlande nähert sich dem Punkt, an dem sie uns kein Gas mehr bereitstellen kann. Ich frage mich: Was weiß die Bundesnetzagentur, was andere Journalisten nicht wissen? Und falls sie etwas weiß, warum teilt sie es dann nicht mit anderen?
Lieber Nico,
nein, niemand sagt die Speicher seien irrelevant. Wie kommen Sie denn darauf? Es geht darum, dass die Speichersituation von interessierter Seite bewusst fehlinterpretiert wird.
Die Ausschreibung der THE war erfolgreich. Es geht um Regelenergie, nicht um zusätzliches Gas. Die Regelenergie wird strategisch organisiert, um im Extremfall Druck im Gasnetz auszugleichen. Dass die Ausschreibung erfolgreich war, ist ein weiterer Beleg dafür, dass keine Krisensituation existiert.
Die Bundesnetzagentur beobachtet die Gesamtlage als Teil des Krisenteams Gas. Und die Gesamtlage ist angespannt und beobachtenswert, aber eben nicht kritisch. Die Gründe dafür haben BNetzA und Ministerium immer wieder dargelegt.
Tiefenentspannte Grüße,
Martin Jendrischik
Das ist jetzt tatsächlich wie im Sozialismus: Es könnte funktionieren, wenn nur alle mitmachen. Bedarf es also einer Wärmepumpen-Pflicht? Ich frage für einen Freund … NB: Ach ja, warum (re)agiert die Politik nicht? Nun, ganz einfach, Wahlen stehen vor der Tür, und die Wahrheit könnte die Bürger verunsichern.
Lieber Nico,
unlogische Verschwörungserzählungen helfen uns ganz sicher nicht weiter. So einen Quatsch dulde ich hier nicht.
Viele Grüße,
Martin Jendrischik
Lieber Martin, warum so aggressiv? Ich stelle Fragen, berechtigte Fragen. Was hat das mit einer ‚Verschwörungserzählung‘ zu tun? Ganz davon abgesehen, dass sich viele angebliche Verschwörungstheorien in den letzten Jahren leider (!) bewahrheitet haben … VG, Nico
Nico – wenn Du keine Verschwörungsgeschichten verbreitest, können wir gerne sachlich debattieren.
Und nein: Es ist ein Mythos aus interessierten Kreisen, dass Verschwörungstheorien ‚wahr‘ geworden wären.
Grüße, Martin Jendrischik
Einordnung für die Leser*innen von Cleanthinking
Wir befinden uns aktuell auf der niedrigsten von drei Stufen des Notfallplans Gas. Das heißt: Normalbetrieb. Bund, Länder, Netzbetreiber und die zuständigen Behörden überwachen die Lage täglich. Es gibt keine Alarm- und keine Notfallstufe, keine Eingriffe, keine Abschaltungen, keine Rationierung.
Eine Gasmangellage entsteht nicht, weil der Staat kurzfristig keine zusätzlichen Importkapazitäten „herbeizaubern“ kann. Sie entsteht nur dann, wenn das laufende Gesamtsystem aus Pipelinegas, LNG-Zuflüssen und geplanten Speicherentnahmen die Nachfrage nicht mehr decken kann. Genau das ist derzeit nicht der Fall.
Kurzfristig zusätzliche LNG-Mengen zu organisieren ist weder möglich noch erforderlich. LNG, Pipelines und Speicher sind keine Feuerwehr, sondern Teil eines kontinuierlich arbeitenden Systems. Wartungen, begrenzte Terminal-Slots oder Transitfragen sind Normalbetrieb, keine Krisensignale.
Auch einzelne kalte Tage oder regionale Frostphasen ändern daran nichts. Eine Gasmangellage entscheidet sich nicht am Wetter einzelner Wochen, sondern an Infrastruktur, Importfähigkeit und Systemreserven – und diese sind gegeben.
Was ich entschieden zurückweise: die Unterstellung, Ministerien, Wissenschaft, Verbände, Netzbetreiber und Fachbehörden würden „unisono lügen“, um die Bevölkerung zu täuschen. Das ist zutiefst unlogisch und setzt ein Menschenbild voraus, nach dem alle relevanten Institutionen gemeinsam täuschen müssten – ohne Leaks, ohne Widerspruch, ohne Belege. Dieses Menschenbild teile ich ausdrücklich nicht.
Sachliche Kritik ist legitim. Pauschales Misstrauen als Ersatz für Analyse ist es nicht.
Sollte Lesern dieses Blogs oder Ihnen immer noch unklar sein, was die Regierung machen könnte um zeitnah oder mittelfristig in den nächsten Monaten den Import von Erdgas spürbar zu steigern, sage ich es Ihnen: in den nächsten Wochen NICHTS und mittelfristig sehr wenig. Und auch langfristig ohne erhebliche Investitionen in die Importkapazitäten geht nur sehr wenig.
Pipelines aus Norwegen laufen bereits seit 2025 auf Verschleiß da sie dauerhaft an der Kapazitätsgrenze gefahren werden, da müssen im Jahr 2025 ausgebliebene Wartungen im Mai unbedingt nachgeholt werden. Es ist daher mit stark rückgängigen Importen im Mai aus Norwegen zu rechnen.
Von deutsche LNG Terminals kann mittelfristig unter erheblichen Anstrengungen äußerst bescheidene 200 bis 300 GWh/Tag zusätzlich realistischerweise erwartet werden. Weniger als Tropfen auf den heißen Stein…Kurzfristig geht da NICHTS.
Die Betreiber, etwa Deutsche Regas haben bereits abgewunken… da sind Slots für die nächsten Wochen längst eingeplant, da wird auch kein zusätzlicher Tanker entladen werden.
Belgien ist lediglich Transitland für an seinen Küsten angelandetes LNG. Diese Infrastruktur ist nicht darauf ausgelegt Deutschland und halb Mitteleuropa zu versorgen. Sie können auf entsog die historische Gasflüsse verfolgen. Da geht kurzfristig auch nicht mehr. Mittelfristig unter Anstrengungen möglicherweise 10-20%.
Niederlande: eigene Gasförderung rückläufig also für Deutschland auch nur für Transit von LNG… Rotterdam von Bedeutung. Da gilt ähnliches wie für Belgien.
Die zur Verfügung stehenden Gasmengen in den Speichern diesem Ländern sind vernachlässigbar. Da ist nichts für die Versorgung eines Großverbrauchers wie Deutschland und halb Mitteleuropa ausgelegt!
Bleiben die Exporte. Soll der Transit (siehe entsog) nach Tschechien, Österreich, der Schweiz und neuerdings Polen eingeschränkt werden? Wollen wir denen den Gashahn abdrehen?
Bleibt nur noch der Verbrauch. Das ist die einzige Stellschraube, die der Regierung in den nächsten Wochen, sogar Monaten zu Verfügung steht.
Die Regierung verharrt jedoch seit Wochen in einer Art Schockstarre und „beobachtet“ bestenfalls (nach eigenen Angaben).
Grüße aus Bonn
Don
Sieht man auch daran, das sich die Speicher immer weiter leeren, das wir unseren Bedarf im Winter nicht aus Importen decken können. Der derzeitige Verbrauch 4,5 TWh ist fast doppelt so groß wie die Netto-Importe 2,3 TWh (2.2.26). LNG macht nur ca. 10% an den Importen.
LNG von deutschen Terminals sind 10%, aber auch die Lieferung aus Belgien und den Niederlanden sind überwiegend LNG.
Zu Zeit beschäftige ich mich (mit der Unterstützung eines kleinen Teams) mit der Simulation (und Abschätzung des Verbrauchs und der Speicherfüllstände) der physisch möglichen Gasflüsse nach Deutschland und aus Deutschland für die Zeit bis zum 01.11.2026.
Und glauben SIE mir, es tuen sich Abgüründe auf. Wenn die Regierung weiter zuwarten und, wie bisher, keine ernsthafte Anstrengungen unternimmt um die Nettoimporte langfristig zu steigern oder wenigstens anordnet die Gasverstromung zu reduzieren, ist ein besserer Füllungsgrad (mehr als im letzten Jahr) der Speicher zum 01.11.2026 ausgeschlossen.
Grüße aus Bonn
Die wollen die Netto-Gasimporte gar weiter reduzieren. Aber auf Gaskraftwerke als Übergangstechnologie zur Stromerzeugung setzen. Deshalb sage ich auch: 2026 bricht das Kartenhaus zusammen.
Wir verlassen nicht die Versorgungssicherheit – wir verlassen in Trippelschritten das fossile Verbrennen.
Das ist keine Schwäche, das ist Fortschritt auf dem Weg in die saubere Zukunft.
Abwärmenutzung statt Gasverbrennung.
Wärmepumpen statt Gasverbrennung.
Elektroautos statt Öl-, Benzin- und Dieselverbrennung.
Die Zukunft wird heller, als wir denken.
Leider falsch. Eine Transformation macht man dann, wenn man Alternativen hat – und die haben wir nicht mehr bzw. weigern uns, diese zu nutzen. Kernkraft, eigenes Fracking-Gas. Das, was momentan passiert, ist, dass man sowohl Endverbraucher als auch Firmen ins offene Messer laufen lässt.
Lieber Nico,
nein, nicht falsch. Die Alternativen existieren und müssen nur eingesetzt werden. Das mausetote Pferd Atomkraft zählt in Deutschland nicht dazu.
Viele Grüße,
Martin Jendrischik
Herr Jendrischik, Sie schreiben:
In Ihrem Artikel „Schneesturm in Texas, Rechnung in Leipzig: Europas Weg aus dem Gas-Casino“ geben Sie darauf folgende Antwort:
Ich sage: Speicher/Läger können verschiedene Funktionen haben. Unter anderem können sie dazu dienen, möglichen Versorgungsengpässen vorzubeugen. Das hat aber dann mit Sicherheit zu tun und keinesfalls mit Wetten bzw. Spekualtionen auf höhere/niedrige Preise ohne eigenen physischen Bedarf, denn das wäre reines Gezocke.
Transformation bedeutet einen grundlegenden und tiefgreifenden Wandel von Form, Struktur oder Zustand, der über bloße Anpassung hinausgeht und oft neue Systeme schafft. Der Begriff leitet sich vom lateinischen transformare (umformen) ab und beschreibt einen fundamentalen Übergang von einem Ist-Zustand zu einem angestrebten Soll-Zustand, der neue Fähigkeiten und Strukturen erfordert, um langfristig erfolgreich zu sein.
Ich frage: Wer bitte entscheidet über die Transformation/den Soll-Zustand? Sollte nicht der freie Markt (Angebot und Nachfrage) darüber entscheiden? Wer glaubt klüger als der Markt zu sein und will zugleich nicht Anhänger sozialistischer Ideen sein?
Meine Meinung:
Abschließend eine wirklich interessante Fragestellung. Welches Indutrieland fährt den gleichen Kurs in der Energiepolitik wie die Regierung in DE? Gibt es erfolgreiche Vorbilder? Wenn nein, gibt es erfolgreiche Nachahmer?
Herr Jendrischik, können Sie mir da bitte weiterhelfen? Danke für eine Antwort!
Viel Grüße TG
Hallo Thomas,
vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Einige Ihrer Punkte sind berechtigt, andere benötigen aus meiner Sicht eine fachliche Einordnung.
Zum Thema Backup / Versorgungssicherheit
Erneuerbare Energien sind mehr als Wind und Solar. Zum Energiesystem der Zukunft gehören zudem Netze, Speicher, Digitalisierung, Lastmanagement, Sektorkopplung sowie steuerbare Kraftwerke für seltene Residuallasten.
Erdgas – inklusive LNG – wird dabei als Brückentechnologie Kohle ersetzen. Perspektivisch ist eine Umstellung auf Wasserstoff vorgesehen. Das ist kein Glaubenssatz, sondern breiter energiewirtschaftlicher Konsens.
„Sobald der Bedarf an elektrischer Energie aus eigener Kraft sichergestellt werden kann“
Deutschland kann seinen Strombedarf auch heute jederzeit selbst decken. Stromimporte sind Ausdruck des europäischen Verbundsystems und ökonomischer Optimierung – nicht von Abhängigkeit.
2025 importierte Deutschland rund 21 TWh Strom, das entspricht etwa 4,3 % des Gesamtverbrauchs. Der Anteil von Atomstrom daran war marginal.
„Atomkraft aus dem Ausland“
Auch hier gilt: Deutschland ist Teil eines integrierten europäischen Strommarkts. Importe sind keine energiepolitische Strategie, sondern Marktergebnis.
Atomkraft – egal ob inländisch oder aus dem Ausland – ist weder flexibel noch kosteneffizient und eignet sich schlecht als Ergänzung eines zunehmend erneuerbaren Systems.
Zur Angebotsseite
Falls Sie auf den Atomausstieg anspielen: Die weggefallene Leistung wurde im Saldo durch andere Energieträger ersetzt, insbesondere durch Wind- und Solarenergie. Eine strukturelle Verknappung der Stromerzeugung hat nicht stattgefunden.
Zum Begriff der Transformation
Die Transformation, die wir erleben, ist im Kern marktgetrieben. Technologischer Fortschritt, Skaleneffekte und Kostendegression verändern Energie, Mobilität und Industrie.
Politik setzt dabei Ziele und Rahmenbedingungen (z. B. Versorgungssicherheit, Klimaschutz), innerhalb derer der Markt die effizientesten Lösungen hervorbringt. Das ist Ordnungspolitik, kein Sozialismus.
Zu Gasspeichern
Gasspeicher erfüllen mehrere Funktionen: Versorgungssicherheit, Systemstabilität und Preisausgleich.
Meine Kritik am „Gas-Casino“ richtet sich genau gegen eine rein marktgetriebene Preiswette ohne strategische Absicherung. Deshalb halte ich eine strategische Gasreserve auf europäischer Ebene – wie sie ab 2027 diskutiert wird – für sinnvoll.
Strategische Reserve und Marktmechanismen schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich.
Zur Frage nach internationalen Vorbildern
Deutschland ist in vielen Punkten kein Sonderfall. Der entscheidende Hebel der Energiewende – der Markthochlauf erneuerbarer Energien – wurde mit dem EEG frühzeitig ermöglicht. Dieses Instrument wurde weltweit übernommen und an nationale Gegebenheiten angepasst.
Dass viele Länder später auf Ausschreibungen umgestellt haben, ist kein Gegenargument, sondern Folge des Erfolgs der EEG-Phase: Die Technologien wurden marktfähig.
Gleichzeitig unterscheiden sich die Ausgangslagen der Länder stark (Wasserkraft, Kernenergie, fossile Ressourcen). Deshalb gibt es keine 1:1-Nachahmer. Der gemeinsame Trend ist jedoch eindeutig: Ausbau erneuerbarer Energien und schrittweiser Ausstieg aus fossilen Energieträgern.
Viele Grüße
Martin Jendrischik
Und nun zur Realität:
Nun berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf eigene Quellen, dass die Bundesregierung von Friedrich Merz (CDU) nach dem Auslaufen der EU-Speicherregeln im Jahr 2027 einen Kurswechsel anstrebt. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) soll im Januar eine Reihe von Treffen mit Wirtschaftsvertretern sowie Aufsichtsbehörden abgehalten haben, da die Besorgnis über niedrige Speicherstände zunimmt. Demnach bereitet die Bundesregierung vor, sich gegen eine Verlängerung der verpflichtenden EU-Füllstandsvorgaben zu stellen. Im Gegenzug wird über nationale strategische Gasreserven diskutiert – nicht als Instrument zum dauerhaften Eingriff in den Markt, sondern als Absicherung für Extremfälle.
Für Anfang Februar liegt der Richtwert (EU) bei rund 45 Prozent, die Deutschland derzeit (mit 32%) nicht erreicht hat. Diese Vorgaben gelten EU-weit und laufen 2027 aus.
Derzeit erfüllen selbst einige Speicher in Deutschland nicht die niedrigeren deutschen Vorgabewerte.
Ach so, Wärmepumpen laufen im Winter zu einem Großteil mit Gasstrom, vor allem bei Flaute. Gas zu verstromen erfordert etwa doppelt soviel Gasverbrauch, wie es gleich zu verheizen.
PS Bei mir in der Stadt kommt z.B. zudem die Wärme (Fernwärme) aus einen Gasheizwerk. Nebenan aus einen BHKW (Gas). Auch der Strom kommt zum Gutteil aus BHKWs (Gas). Oder Gaskraftwerken.
Und sich von LNG-Importen von Trump abhängig zu machen, ist keine gute Idee.
Hallo Michael,
danke für den Hinweis auf den Bloomberg-Artikel – der ist mir bekannt. Er bestätigt allerdings nicht die von dir gezogenen Schlussfolgerungen, sondern im Gegenteil ziemlich genau das, was ich zuvor dargestellt habe.
Bloomberg beschreibt, dass Deutschland auf EU-Ebene eine strategische Gasreserve nach 2027 diskutiert, gerade weil die pauschalen Speicherfüllstandsziele zunehmend kontraproduktive Marktsignale senden. Genau das wird im Artikel explizit benannt – inklusive der Einschätzung von Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller.
Entscheidend ist:
– Es geht nicht um eine akute Versorgungskrise in diesem Winter.
– Es geht nicht um Gasabschaltungen oder eine Mangellage.
– Es geht um Marktmechanik, Preissignale und Resilienz nach 2027.
Dass Händler im Sommer 2025 kaum Anreize hatten, Speicher zu füllen, habe ich ebenfalls beschrieben – ebenso die wachsende Komplexität für Sommer 2026. Die Hintergründe habe ich im aktuellen Beitrag ausführlich eingeordnet.
Wichtig ist auch, was Bloomberg nicht schreibt:
Es gibt keinerlei Hinweise auf Versorgungsprobleme in diesem Winter. Im Gegenteil betont Müller, dass keine staatliche Marktintervention über Trading Hub Europe geplant ist und dass man „gelassen“ auf die Lage blickt.
Die Debatte dreht sich also nicht um „zu wenig Gas“, sondern um die Frage, wie Versorgungssicherheit organisiert wird, ohne Märkte zu verzerren.
Viele Grüße,
Martin Jendrischik
Michael Kellner erzählt doch auf Phoenix, dass die Speicher im Spätsommer/ Herbst unzureichend gefüllt worden sind, das diese leer laufen und im Ernstfall Verbraucher abgeschaltet werden müssen. Als energiepolitscher Sprecher der Grünen.
Das ist das, was alle Skeptiker schon seit Herbst sagen. Frau Kemfert sagt hingegen seit Jahren wir brauchen kein Gas mehr.
Lieber Michael,
Michael Kellner versucht aus der Lage politisches Kapital zu schlagen. Das ist sein gutes Recht. Er vertritt dabei eine andere energiepolitische Philosophie als die Bundesregierung.
Während Robert Habeck und Michael Kellner stark auf staatliche Energieresilienz gesetzt haben, verfolgt Wirtschaftsministerin Katherina Reiche einen marktorientierteren Ansatz und überlässt die Versorgungssicherung primär den Gashändlern.
Kellner nutzt das Interview geschickt, um seine Kernbotschaften zu platzieren: Jede Wärmepumpe, jedes Elektroauto und jedes sanierte Gebäude senkt strukturell die Abhängigkeit von fossilem Gas. Genau das ist der Kern der grünen Transformation.
Die Darstellung zu Claudia Kemfert ist in diesem Zusammenhang allerdings faktisch falsch. Kemfert warnt seit vielen Jahren davor, dass Gasabhängigkeit geopolitisch als Waffe eingesetzt werden kann – exakt das, was Putin getan hat.
Nun droht Europa unter Katherina Reiche und auf EU-Ebene in eine neue Abhängigkeit zu geraten: LNG-Importe aus den USA, also von Donald Trump. Auch das ist geopolitisch riskant – wenn auch anders gelagert.
Viele Grüße
Martin Jendrischik
P.S.: Und nein, die laut schreienden Akteure des Panik-Orchesters haben nicht sachlich agiert. Sie haben eine Gasmangellage ab 20 Prozent Speicherfüllstand als unausweichlich dargestellt – inklusive Countdowns, Abschaltfantasien und angeblicher Automatismen.
Das ist sachlich falsch und hat nichts mit dem zu tun, was Claudia Kemfert oder Michael Kellner zu Recht ansprechen: strukturelle Abhängigkeiten, geopolitische Risiken und die Notwendigkeit, diese durch Transformation zu reduzieren.
Frau Kemfert sagte erst:
Feste LNG-Terminals seien unnötig, da die bestehende Infrastruktur für die Versorgungssicherheit ausreiche.
Aktuell mahnt sie jedoch zur Vorsicht: Angesichts sinkender Speicherstände rät sie zum Gassparen, um Preissprünge im Winter 2026 zu vermeiden.
Michael Kellner, energiepolitischer Sprecher der Grünen, warnt aktuell vor einer drohenden Gasknappheit und wirft der Bundesregierung eine mangelhafte Vorsorge für den Winter 2025/2026 vor.
Kellner betont, dass die deutschen Gasspeicher mit einem Füllstand von nur noch etwa 32 % (Stand Anfang Februar 2026) „kritisch leer“ seien.
Beide raten jetzt zum Gassparen. Wozu die Kritiker auch seit Spätsommer/ Herbst raten. Auch in Hinblick auf den nächsten Winter.
Wir hauen aber weiterhin Gas unvermindert raus. Das wegen der Kommunalwahlen in Bayern am 8. März. Vorher wollen die nicht von Gasmangellage reden.
Ich prognostiziere mal, dass vorher schon die Katze aus den Sack gelassen wird, notgedrungen und dann etliche Wähler die AfD wählen werden.
Weiter prognostiziere ich, dass schon in diesem Jahr das Kartenhaus Energiewende zusammenbrechen wird. Und es zu Aufständen und Unruhen in Deutschland kommen wird.
Lieber Michael,
es gibt keine Gasmangellage im Sinne der im Notfallplan Gas definierten Notlage – weder aktuell noch im Zusammenhang mit der Kommunalwahl.
Da meine wiederholten Hinweise darauf bei Ihnen offenbar keine Wirkung entfalten, beende ich an dieser Stelle die Konversation.
Und die Energiewende ist ein Erfolgsprojekt, das auch in Deutschland sehr gut weitergehen wird.
Alles Gute
Martin Jendrischik
Bin ich mit einverstanden. Melde mich dann erst wieder, wenn das eintrifft, was ich prognostiziere.
Na prima! Ich fürchte nur, Michael Krüger hält sich nicht an diese Ankündigung.
Hallo Martin, also ich lese das jetzt mal so. Es gibt keine, vom Staat definierte, Gasmangellage. Trotzdem wird das Gas immer weniger in den Speichern. Und Du solltest bei dem importierten Strom von nur 4,3 Prozent auch darauf hinweisen was dieser gekostet hat. Wir kaufen meistens zu Höchstpreisen, und wenn wir Stromüberschuss haben wird der oft sogar verschenkt. In einem anderen Post sprachst Du von Trippelschritten Richtung grüner Energie. Ich glaube da eher, die Trippelschritte gehen Richtung Abschaffung funktionierender Industriewirtschaft.
Hallo Andreas,
du vermischst hier mehrere Ebenen – und genau daraus entsteht der falsche Eindruck.
Ja, es gibt aktuell keine staatlich ausgerufene Gasmangellage. Und ja, die Speicherstände sinken im Winter – das ist ihr Zweck. Daraus folgt aber nicht, dass wir auf eine Mangellage zusteuern. Entscheidend sind Flüsse, nicht Prozentzahlen: Importe, Speicherentnahme, Nachfrage, Preisreaktionen und Fuel-Switch greifen ineinander. Genau deshalb sagen Bundesnetzagentur, Speicherbetreiber und Gasgroßhändler übereinstimmend: keine akute Gefahr.
Zum Stromimport:
Das europäische Verbundsystem ist kein Notbehelf, sondern ein Marktmechanismus. Deutschland importiert Strom nur dann, wenn er günstiger ist als das, was ein inländischer Erzeuger anbietet. Dass das oft Frankreich ist, liegt an deren Kraftwerksstruktur – nicht an deutscher „Schwäche“. Preisunterschiede zwischen Zonen werden über Engpasserlöse ausgeglichen und müssen in Netzausbau investiert werden. Für Verbraucher wirkt das preisdämpfend, nicht verteuernd.
Der Satz „Strom wird verschenkt“ ist schlicht falsch. Auch bei negativen Preisen findet kein Verschenken, sondern ein Marktclearing statt – meist verbunden mit Netz- und Systemdienstleistungen. Das ist kein Skandal, sondern ein bekanntes Übergangsphänomen in einem sich wandelnden System.
Zur Industrie:
Es gibt keinen belastbaren Hinweis, dass Deutschland wegen der Energietransformation seine industrielle Basis verliert. Energiepreise sind ein Faktor unter vielen – wichtiger sind Investitionszyklen, Produktivität, Automatisierung, Nachfrage und globale Standortentscheidungen. Die größten Risiken für die Industrie entstehen nicht durch Erneuerbare, sondern durch Planungsunsicherheit und politisches bzw. unternehmerisches Zögern.
Ich würde mir ebenfalls größere, klarere Schritte wünschen. Aber eine „Abschaffung funktionierender Industriewirtschaft“ ist das Gegenteil dessen, was hier passiert.
Viele Grüße
Martin
P.S.: Wenn echtes Interesse an Energiemarkt-Mechanismen besteht, lohnt es sich sehr, Leuten vom Fraunhofer ISE (z.B. Leonhard Gandhi) zu folgen – dort wird mit Daten statt mit Schlagzeilen gearbeitet.
Hallo Martin, deine Aussage “ Es gibt keinen belastbaren Hinweis, dass Deutschland wegen der Energietransformation seine Industrielle Basis verliert“ möchte ich stark anzweifeln. Eine einfache KI Anfrage, zum Thema, führt zu einer Liste von Firmen, die wegen zu hoher Energiepreise Insolvenz anmelden mussten. Weitere Firmen sind im Begriff zu folgen oder verlagern ins Ausland. Also man muß nur die Augen aufmachen. Schönreden und Ausflüchte suchen ist da nicht hilfreich. MfG Andreas
Das DIW hat sich in verschiedenen Analysen und Berichten mit den Auswirkungen hoher Energiekosten auf die deutsche Industrie beschäftigt. Hier die wichtigsten Erkenntnisse und Aussagen im Bezug auf Energiepolitik, Abwanderung der Industrie und Unternehmensschließungen:
Hohe Energiekosten als Standortnachteil
Die Energiekosten in Deutschland sind im internationalen Vergleich sehr hoch, was für energieintensive Industriezweige einen erheblichen Wettbewerbsnachteil darstellt.
Hohe Energiepreise werden als ein wesentlicher Faktor gesehen, der die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen beeinträchtigt.
Abwanderung der Industrie
Laut Umfragen, die auch vom DIW berücksichtigt werden, erwägen viele deutsche Industriebetriebe, Investitionen ins Ausland zu verlagern, um den hohen Energiekosten zu entgehen.
Rund 40 Prozent der deutschen Industriebetriebe denken über eine Verlagerung von Investitionen ins Ausland nach.
94 Prozent der energieintensiven Unternehmen halten eine Abwanderung weiterer Unternehmen aus Deutschland für wahrscheinlich, wenn die Energiepreise nicht sinken.
Schließung von Unternehmen
Hohe Energiekosten führen nicht nur zu Investitionsverlagerungen, sondern können auch zur Schließung von Unternehmen beitragen, insbesondere in Branchen mit hohem Energieverbrauch.
Dies hat direkte Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die industrielle Struktur in Deutschland.
Forderungen und Handlungsvorschläge
Das DIW und andere wirtschaftliche Institutionen fordern eine energiepolitische Gestaltung, die die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie sichert.
Dazu gehören Maßnahmen zur Senkung der Energiekosten, etwa durch gezielte Entlastungen für energieintensive Unternehmen oder durch den Ausbau kostengünstiger und nachhaltiger Energiequellen.
Fazit
Das DIW sieht die hohen Energiekosten in Deutschland als eine ernsthafte Bedrohung für die Industrie, die zu Abwanderung von Investitionen und Unternehmen sowie zu Schließungen führen kann. Eine angepasste Energiepolitik, die die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie stärkt, wird als notwendig erachtet, um diese Risiken zu minimieren.
Lieber Andreas,
danke für die Zusammenstellung. Dass hohe Energiekosten für energieintensive Unternehmen ein Problem sind, ist unstrittig – und das bestreitet auch niemand.
Man muss allerdings sauber unterscheiden, woraus sich diese Kosten zusammensetzen. Der extreme Preisschub 2022/23 war vor allem Folge des Gaspreisschocks – also einer fossilen Importabhängigkeit, nicht des Ausbaus erneuerbarer Energien. Im Gegenteil: Ohne den wachsenden Anteil günstiger Wind- und Solarenergie wären die Großhandelspreise deutlich höher ausgefallen.
Richtig ist zugleich: Netzentgelte und Systemkosten steigen. Das ist eine Folge des notwendigen Netzausbaus und der Integration neuer Erzeugungsformen. Die Politik hat jedoch Teile dieser Kosten in den Bundeshaushalt überführt, sodass die Strompreise für viele Verbraucher inzwischen wieder auf einem Niveau liegen, das im europäischen Vergleich wettbewerbsfähig ist. Neukundenpreise um die 24 Cent pro Kilowattstunde zeigen, dass die Situation deutlich differenzierter ist als häufig dargestellt.
Das DIW weist auf Standortprobleme hin – leitet daraus aber nicht ab, dass die Energietransformation selbst die industrielle Basis zerstört. Vielmehr betonen viele Studien, dass dauerhaft wettbewerbsfähige Energiepreise nur mit einem schnellen Ausbau günstiger erneuerbarer Energien erreichbar sind.
Deshalb sollte man zwischen drei Ebenen unterscheiden:
– kurzfristigen Kostenanpassungen
– strukturellen Energiepreisrisiken durch fossile Abhängigkeit
– und der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit durch günstige erneuerbare Erzeugung.
Viele Grüße
Martin Jendrischik
Lieber Andreas,
man muss dabei aber schon genauer hinschauen. Energietransformation bedeutet: Umstieg auf Erneuerbare + Wasserstoff.
Wenn sich Unternehmen über hohe Energiepreise beklagen, dann ist das erstens in Mode gekommen und zweitens im Kern dem Problem geschuldet, dass wir eher günstiges Putin-Gas durch andere Optionen ersetzen mussten. Und ja, das ist ein Problem – es ist aber nicht wegen der Energietransformation entstanden.
Trotzdem gilt generell: Politisches Hin- und Her, das wir bei der Energiewende seit 20 Jahren erleben, ist fatal für die Gesamtkosten der Transformation. Wir könnten und sollten bereits wesentlich weiter sein, hätten wir mehr politische Verbindlichkeit gehabt. Denn das Hin- und Her hat es auch Unternehmen leicht gemacht, NICHT auf Erneuerbare umzusteigen.
Die Industrie hat vor allem das Problem unausgelasteter Kapazitäten. DAS muss in den Griff bekommen werden – etwa durch die Stärkung der Kaufkraft innerhalb Europas. Das ist das viel, viel entscheidendere Problem als Energiekosten.
Begriffe wie „Schönreden“ helfen in einer komplexen Debatte allerdings nicht weiter.
Viele Grüße,
Martin Jendrischik
Lieber Martin,
da habe ich Folgendes einzuwenden: Grüner Wasserstoff, und den meinst Du ja sicher, ist im bezahlbaren Rahmen, fast genauso weit weg wie der Kernfusionsreaktor.
BK Merz wartet ja schon drauf.
Du schreibst: „Die Politik hat jedoch Teile dieser Kosten in den Bundeshaushalt überführt“. Ja, von was wird denn der Bundeshaushalt bestritten? Von den Steuereinnahmen der Bürger und Unternehmen. Das ist linke Tasche, rechte Tasche.
Dazu kommt noch Kreditaufnahme und Sondervermögen. Sodass, vor allem der kommenden Generation, ein Scherbenhaufen an Schulden hinterlassen wird.
Das alles für eine grüne Transformation, die in der übrigen Welt eher mit Skepsis betrachtet wird.
Beste Grüße
Andreas
Lieber Andreas,
sorry, aber die Verfügbarkeit von bezahlbarem, grünen Wasserstoff als „fast genausoweit entfernt“ zu erklären, wie die Kernfusion, ist mir wirklich erheblich zu wild. Das entbehrt jeglicher Grundlage. Fakt ist: Niemand weiß derzeit, ob es in diesem Jahrhundert überhaupt einen funktionierenden Kernfusionsreaktor geben wird.
Zum Punkt „Die grüne Transformation wird in der übrigen Welt eher mit Skepsis betrachtet“: Dazu empfehle ich das DIE ZEIT-Interview mit Kingsmill Bond (veröffentlicht am 8. Februar 2026). Es beschreibt sehr konkret, warum die Elektrifizierung in Schwellenländern – u.a. in Indien – gerade dynamischer läuft, als viele hierzulande annehmen.
Beste Grüße,
Martin Jendrischik