MSC / Conzelmann
Wie Europas Souveränitätskurs gelingen kann
Ember-Analyst Kingsmill Bond über Elektrostaaten sowie Deutschlands und Europas Fehler.
Die Worte, die Friedrich Merz bei der Münchener Sicherheitskonferenz wählte, waren klar und unmissverständlich: „Wir besinnen uns auf uns selbst“ und „Zwischen Europa und den Vereinigten Staaten hat sich eine Kluft, ein tiefer Graben aufgetan“. Der einst glühende Transatlantiker beansprucht eine deutsche Führungsrolle in Europa und einen selbstbewussten Souveränitätskurs. Doch Souveränität endet nicht bei Panzern und Raketen. Bei Energie, Mobilität und Gebäuden steuert Europa weiter in fossile Abhängigkeiten – und eine der beiden Großmächte, zwischen denen der Kontinent schwankt, will genau das.
Wie groß die Kluft zwischen Europas Anspruch und der energiepolitischen Realität tatsächlich ist, zeigt ein bemerkenswertes Interview, das die ZEIT mit Kingsmill Bond geführt hat. Bond ist Energiestratege beim Londoner Think Tank Ember, zuvor analysierte er für Carbon Tracker und das Rocky Mountain Institute die globale Energiewende. Seit mehr als 30 Jahren beobachtet er Finanzmärkte und Energiepolitik – und was er über Europa sagt, ist ernüchternd.

Ein Kontinent, der seine eigene Revolution nicht nutzt
Bond hat ein Konzept geprägt, das die Debatte verändern könnte: den Elektrostaat. Gemeint ist ein Land, das seinen Strom erneuerbar erzeugt und gleichzeitig seine gesamte Volkswirtschaft elektrifiziert – Heizung, Verkehr, Industrie. Für die 75 Prozent der Weltbevölkerung, die in Ländern leben, die fossile Energieträger importieren müssen, ist das laut Bond die einzige rationale Zukunft.
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Europa sollte auf diesem Weg vorne liegen. Bei der Dekarbonisierung des Stroms ist der Kontinent tatsächlich hervorragend: 70 Prozent kommen inzwischen aus erneuerbaren Quellen. Aber bei der Elektrifizierung des tatsächlichen Energieverbrauchs hingegen ist Europa „miserabel“. Nur 22 Prozent der verbrauchten Endenergie ist Strom – fast unverändert seit 15 Jahren.
Europa hat die Electrotech-Revolution mitfinanziert. Vom Nutzen profitieren derzeit aber Andere.
Der selbstverschuldete Fehler
Bonds Diagnose ist so simpel wie schmerzhaft: Die Steuer- und Abgabenbelastung von Strom ist in vielen Staaten höher als die Belastung von fossilem Gas. Das verlangsamt die Elektrifizierung im Vergleich zu Staaten ohne fossile Abhängigkeiten massiv. Dänemark – lange das Extrembeispiel – hat das begriffen und mittlerweile die Stromsteuer abgeschafft.
Deutschland ist ein weiteres Extrembeispiel. Milliarden flossen in erneuerbare Energien, doch der Strom wurde so teuer gemacht, dass die Elektrifizierung von Wärme und Mobilität bis heute stockt. Wer eine Wärmepumpe betreiben will, zahlt drauf. Wer sein Elektroauto lädt, zahlt drauf.
Die Dekarbonisierung wurde finanziert, indem man die Elektrifizierung abwürgte.

Dazu kommen politische Altlasten. Zu viel Fördergeld fließt in Wasserstoff-Anwendungen, wo direkte Elektrifizierung drei- bis fünfmal effizienter wäre. Die H2-Busse deutscher Stadtwerke sind ein Paradebeispiel – ein Betrieb nach dem anderen stellt fest, dass die Kosten ein Vielfaches der batterie-elektrischen Alternative betragen.
Für Stahl, Zement und Chemie bleibt grüner Wasserstoff zwar alternativlos, aber die politische Debatte verwischt diese Trennlinie bewusst. CCS wirkt ähnlich als Verzögerung: Solange Kohlenstoffabscheidung als Option existiert, haben fossile Akteure eine Ausrede, nicht zu elektrifizieren.
Bei Biomasse greift Bonds Pauschalkritik allerdings zu kurz – Biogas liefert regelbare Leistung gegen Dunkelflauten und sinnvolle dezentrale Wärme gerade im ländlichen Raum.
Souveränitätskurs: Die Welt wartet nicht
Während Europa mit sich selbst beschäftigt ist, elektrifiziert der Rest der Welt mit beeindruckendem Tempo. China ist dabei der klare Anführer und Favorit, als erstes Land den Status eines Elektrostaats zu erreichen. Aber die eigentliche Überraschung liegt woanders: Indien, das bevölkerungsreichste Land der Erde, hat bereits 20 Prozent seiner Endenergie elektrifiziert und etabliert einen Entwicklungspfad, dem andere Schwellenländer folgen können. Südostasien liegt bei 23 Prozent – und hat Europa damit bereits überholt.
Vietnam gehört zu den wenigen Ländern weltweit, die bei Dekarbonisierung und Elektrifizierung gleichzeitig Tempo machen. Selbst für Subsahara-Afrika zeichnet sich ein Leapfrogging ab: Länder, die wirtschaftlich noch hinter Indien liegen, könnten die fossile Phase weitgehend überspringen – so wie der Kontinent einst Festnetzleitungen übersprungen hat und direkt zum Mobilfunk wechselte. Diesmal könnten es Gaspipelines und Kohlekraftwerke sein, die nie gebaut werden.
Für diese Länder ist der Weg einfacher als für Europa – gerade weil sie keine politischen Altlasten mitschleppen. Keine Gaslobby, kein H2-Masterplan, keine CCS-Debatte.
Souveränität gibt es nicht mit Panzern allein
Hier schließt sich der Kreis zu Merz und der Münchener Sicherheitskonferenz. Europa debattiert leidenschaftlich über Verteidigungsausgaben und strategische Autonomie. Aber die energiepolitische Souveränität ist mindestens ebenso existenziell. Wer fossile Brennstoffe importiert, ist erpressbar – das hat Putins Krieg gezeigt.
Doch statt die Konsequenz daraus zu ziehen, droht Europa unter Trumps Einfluss in neue fossile Abhängigkeiten zu stolpern: LNG-Verträge, die Jahrzehnte binden, Gasinfrastruktur, die Investitionen zementiert. Selbst das Wall Street Journal ermutigt Europa, sich nicht mehr auf Energieimporte zu verlassen – schon gar nicht solche von Donald Trump.
Bonds Empfehlung hat bestechende Klarheit: Strom muss billiger werden, fossile Energie teurer. China, Schweden und Norwegen machen es vor. Europa hat das Fundament – 70 Prozent erneuerbarer Strom. Was fehlt, ist der politische Wille, Europas Souveränitätskurs konsequent umzusetzen.
Solange Europa seine Gebäude mit importiertem Gas heizt, seine LKW mit importiertem Diesel fährt und seinen sauberen Strom künstlich verteuert, bleibt der Kontinent verwundbar. Friedrich Merz hat recht: Europa muss sich auf sich selbst besinnen. Aber das bedeutet mehr als Aufrüstung. Es bedeutet konsequente Elektrifizierung.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.