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Faktencheck: Wird wirklich Strom für drei Mrd. Euro pro Jahr weggeworfen?
Katherina Reiche wiederholt diese häufig verbreitete These zu Redispatch-Kosten in einem aktuellen Video.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat in einem am 4. März 2026 verbreiteten Ministeriums-Video auf LinkedIn behauptet, jedes Jahr werde Strom für drei Milliarden Euro „einfach weggeworfen“. Die Zahl als sogenannte Redispatch-Kosten ist grob falsch – um den Faktor fünf. Dieser Faktencheck zerlegt die Behauptung anhand offizieller Daten der Bundesnetzagentur (SMARD), ordnet sie international ein und zeigt, warum das Netzpaket aus dem Bundeswirtschaftsministerium auf einer falschen Diagnose basiert.
Auf einen Blick
| Behauptung | Fakt |
|---|---|
| „Jedes Jahr wird Strom für 3 Milliarden Euro weggeworfen“ | Die Entschädigung für abgeregelten EE-Strom lag 2024 bei 554 Millionen Euro – ein Fünftel der Behauptung |
| Die 3 Milliarden Euro seien Kosten für „Abregelung“ | 2,776 Mrd. sind die Gesamtkosten des Netzengpassmanagements – darin vor allem: fossile Ersatzkraftwerke (1,125 Mrd.) und Reservekraft-Vorhaltung (940 Mio.) |
| Strom werde „einfach weggeworfen“ | 96,5 % des EE-Stroms werden planmäßig genutzt. Der Rest wird nicht erzeugt, weil das Netz voll ist – nicht „weggeworfen“ |
| Die Kosten steigen immer weiter | Sie sinken: 2023 nach 2024 minus 17 %. Prognosen für 2026–2028 um fast 4 Milliarden Euro nach unten korrigiert |
| Deutschland hat ein einzigartiges Problem | Großbritannien hat eine Curtailment-Rate von über 10 % und zahlte 2024 umgerechnet 1,4 Mrd. Euro – bei weniger EE-Kapazität als Deutschland |
Drei Milliarden Redispatch-Kosten? Das Zitat und sein Kontext
In dem Video des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie begründet Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) ihren geplanten Kurswechsel in der Energiepolitik mit den Worten:
„Wir setzen künftig nicht mehr auf Abregelung bei Überproduktion von Strom und hohe Kosten für die Allgemeinheit durch Subventionen. Denn jedes Jahr wird Strom für 3 Milliarden Euro einfach weggeworfen.“
Reiche stellt damit eine direkte Verbindung zwischen der „Abregelung“ Erneuerbarer Energien und Kosten von drei Milliarden Euro pro Jahr her. Auf dieser Behauptung baut sie die Begründung für das geplante Netzpaket ihres Ministeriums auf, mit dem sie unter anderem Entschädigungen für abgeregelte Erneuerbare-Energien-Anlagen in sogenannten „kapazitätslimitierten Gebieten“ streichen will.
Doch die Behauptung ist gleich in zweifacher Hinsicht grob falsch: Die drei Milliarden Euro sind nicht die Kosten der Abregelung – und der abgeregelte Strom wird nicht „weggeworfen“. Beides lässt sich anhand der Daten der Bundesnetzagentur und der SMARD-Plattform präzise belegen.
Was sind Redispatch-Kosten – und was hat das mit „weggeworfenem Strom“ zu tun?
Redispatch ist ein technischer Vorgang im Netzengpassmanagement: Wenn an einer Stelle im Stromnetz mehr Strom fließt, als die Leitung transportieren kann, greifen die Übertragungsnetzbetreiber ein. Sie regeln Kraftwerke oder Erneuerbare-Energien-Anlagen an einer Stelle herunter und fahren an anderer Stelle andere Kraftwerke hoch. Damit wird sichergestellt, dass das Stromnetz stabil bleibt und der Strom dort ankommt, wo er gebraucht wird.
Die Gesamtkosten des Netzengpassmanagements umfassen dabei deutlich mehr als nur abgeregelten erneuerbaren Strom. Sie setzen sich aus vier Blöcken zusammen:
- dem finanziellen Ausgleich für abgeregelte Erneuerbare-Energien-Anlagen,
- den Einsatzkosten für konventionellen Redispatch (fossile Kraftwerke, die hoch- oder heruntergefahren werden),
- den Vorhalte- und Einsatzkosten für Reservekraftwerke
- sowie dem sogenannten Countertrading – dem grenzüberschreitenden Gegenstromhandel.
Wer all diese Kosten in einen Topf wirft und als „weggeworfenen Strom“ bezeichnet, verschleiert den tatsächlichen Sachverhalt.
Die echten Zahlen: 554 Millionen statt drei Milliarden
Die Bundesnetzagentur veröffentlicht über ihre SMARD-Plattform quartalsweise detaillierte Berichte zum Netzengpassmanagement. Die Zahlen für das vollständige Jahr 2024 zeigen ein gänzlich anderes Bild als das, was Reiche suggeriert.
Die Gesamtkosten des Netzengpassmanagements betrugen 2024 rund 2,776 Milliarden Euro – also nicht einmal drei Milliarden und bereits 17 Prozent weniger als im Vorjahr (2023: 3,335 Milliarden Euro). Die Kosten sinken, nicht steigen.
Entscheidend ist aber die Aufschlüsselung. Die tatsächliche Entschädigung für abgeregelte Erneuerbare-Energien-Anlagen – also das, was dem Narrativ des „weggeworfenen Stroms“ am ehesten entspricht – lag 2024 bei nur 554 Millionen Euro. Im Vorjahr waren es 580 Millionen Euro, ein Rückgang um vier Prozent. Das ist ein Fünftel der Gesamtkosten, nicht die Gesamtkosten selbst.
| Kostenblock | Betrag 2024 | Was dahintersteckt | „Weggeworfener Strom“? |
|---|---|---|---|
| EE-Entschädigung | 554 Mio. € | Ausgleich für nicht erzeugten EE-Strom | Einzig mögliche Zuordnung |
| Konventioneller Redispatch | 1.125 Mio. € | Fossile Kraftwerke, die im Süden hochgefahren werden | Nein – Strom wird erzeugt und verbraucht |
| Reservekraftwerke (Vorhaltung + Einsatz) | ~940 Mio. € | Versicherung: Kraftwerke stehen bereit, ob sie laufen oder nicht | Nein – Bereitschaftskosten, keine Verschwendung |
| Countertrading | 69 Mio. € | Grenzüberschreitender Stromhandel, oft mit Erlösen | Nein – Strom wird exportiert und bezahlt |
| Gesamt | 2.776 Mio. € |
Keine der drei größeren Positionen außer der EE-Entschädigung hat etwas mit „weggeworfenem Strom“ zu tun. Der konventionelle Redispatch sind die Kosten dafür, dass fossile Kraftwerke im Süden hochgefahren werden, um den Engpass auszugleichen – dieser Strom wird erzeugt und verbraucht. Die Reservekraftwerke werden vorgehalten, um im Notfall einspringen zu können – ihre Vorhaltekosten fallen an, egal ob erneuerbarer Strom abgeregelt wird oder nicht, wie auch der Grünen-Landtagsabgeordnete Michael Joukov in einem vergleichbaren Faktencheck nachgewiesen hat: Reservekraftwerke laufen gerade dann nicht, wenn es ein Überangebot an erneuerbarem Strom gibt. Und Countertrading ist grenzüberschreitender Stromhandel, bei dem Deutschland oft Erlöse erzielt.
Wer behauptet, es werde „Strom für drei Milliarden Euro weggeworfen“, wirft also den Ausgleich für erneuerbaren Strom mit den Kosten für fossile Ersatzstromerzeugung und Netz-Versicherungsprämien in einen Topf. Das ist nicht ungenau – es ist grob falsch, und zwar um den Faktor fünf.
Was passiert wirklich, wenn EE-Strom abgeregelt wird?
Auch die 554 Millionen Euro Entschädigung sind nicht das, was Reiches Formulierung suggeriert. Wenn eine Windkraftanlage oder Solaranlage abgeregelt wird, passiert Folgendes: Die Anlage wird angewiesen, weniger oder keinen Strom zu produzieren. Der Strom wird also nicht „weggeworfen“ – er wird schlicht nicht erzeugt. Ein Windrad, das abgeregelt wird, dreht sich langsamer oder steht still. Eine Solarzelle wird vom Wechselrichter gedrosselt. Es gibt keinen Strom, der irgendwo hinfließt und verschwindet.
Die Entschädigung regelt §13a des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG): Der Anlagenbetreiber darf wirtschaftlich nicht schlechter gestellt werden, als er ohne den Eingriff stünde. Bei Erneuerbaren-Energien-Anlagen in der Direktvermarktung bedeutet das in der Praxis: Die Betreiber behalten ihren Markterlös (weil der Strom bilanziell ausgeglichen wird) und erhalten als Entschädigung lediglich die sogenannte Marktprämie – also die Differenz zwischen dem EEG-Fördersatz und dem Börsenstrompreis.
Und hier wird es entscheidend: Seit den EEG-Reformen unter Robert Habeck erhalten immer mehr Anlagen bei negativen Börsenpreisen gar keine Vergütung mehr. §51 EEG 2023 regelt, dass sich der anzulegende Wert auf null verringert, sobald der Spotmarktpreis negativ ist. Seit Februar 2025 gilt diese Nullvergütung sogar für neue Anlagen ab zwei Kilowatt Leistung – in jeder einzelnen Viertelstunde mit negativem Preis.
Das heißt: In genau den Situationen, in denen Reiche von „Überproduktion“ und „weggeworfenem Strom“ spricht, bekommen die meisten Erneuerbare-Energien-Anlagen bereits heute null Entschädigung. Das System korrigiert sich selbst – schneller als Reiches Narrativ.
96,5 Prozent des Erneuerbaren-Stroms werden genutzt
Reiches Formulierung, Strom werde „einfach weggeworfen“, suggeriert ein massenhaftes Verschwenden von erneuerbarer Energie. Die SMARD-Daten zeigen das Gegenteil: 2024 konnten 96,5 Prozent des erzeugten Stroms aus Erneuerbaren Energien ins Netz eingespeist und von Verbrauchern genutzt werden. Lediglich 3,5 Prozent mussten aufgrund von Netzengpässen abgeregelt werden. In den ersten drei Quartalen 2025 lag diese Quote bei 96 bis 97 Prozent pro Quartal – trotz eines kräftigen PV-Zubaus und außergewöhnlich hoher Sonneneinstrahlung im Sommer.
Zum Vergleich: In Großbritannien lag die Curtailment-Rate (Abregelungsquote) für Windkraft 2024 bei über zehn Prozent. Die Gesamtkosten für Wind-Curtailment und Ersatzstromerzeugung beliefen sich laut Drax-Analyse auf rund 1,23 Milliarden Pfund (ca. 1,4 Milliarden Euro) – bei deutlich weniger installierter EE-Kapazität als Deutschland. In Chile wurden 2024 knapp 5.900 GWh abgeregelt, ein Anstieg um 149 Prozent.
In Griechenland fielen allein im März 2025 Curtailments von 200 GWh an – ein Viertel des gesamten Vorjahresvolumens. Europaweit gingen laut einer Studie von Beyond Fossil Fuels, E3G, Ember und IEEFA 2024 mehr als 10 TWh durch Curtailment verloren. Deutschland steht mit seiner Integrationsquote von 96,5 Prozent im internationalen Vergleich sehr gut da. Das ist kein Verschwendungsproblem – es ist ein Erfolg des Netzmanagements in einer Phase des Übergangs.
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2025: Die Kosten sinken weiter
Die Quartalszahlen für 2025, die die Bundesnetzagentur bisher veröffentlicht hat, bestätigen den Trend. Der finanzielle Ausgleich an Betreiber abgeregelter Erneuerbarer-Energien-Anlagen lag im zweiten Quartal 2025 bei rund 158 Millionen Euro – auf nahezu gleichem Niveau wie im Vorjahresquartal (Q2 2024: 162 Mio. Euro). Im dritten Quartal 2025 konnten rund 96 Prozent der erneuerbaren Stromerzeugung ins Netz eingespeist werden.
Zwar stiegen die Gesamtkosten in Q3 um zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr (667 Mio. vs. 608 Mio. Euro), was vor allem auf verdoppelte PV-Abregelungen bei außergewöhnlich hoher Sonneneinstrahlung zurückging – doch die strukturellen Kosten sinken.
Amprion hat im Januar 2026 eine vorläufige Schätzung für das Gesamtjahr 2025 veröffentlicht: Die Gesamtkosten des bundesweiten Netzengpassmanagements lagen 2025 bei rund 2,7 Milliarden Euro – auf Vorjahresniveau. Das Maßnahmenvolumen sank aber von 15,3 auf 14,4 TWh, die abrufabhängigen Kosten fielen von 1,9 auf 1,7 Milliarden Euro. Amprion-CEO Christoph Müller kommentierte: „Wir sehen an diesen Zahlen, dass der Netzausbau wirkt.“
Die Übertragungsnetzbetreiber haben zudem ihre Redispatch-Kostenprognosen für die Jahre 2026 bis 2028 um fast vier Milliarden Euro nach unten korrigiert – weil die großen Trassen Ultranet (2026), A-Nord und SuedOstLink (2027) sowie SuedLink (2028) in Betrieb gehen sollen. Das Problem löst sich – genau in dem Moment, in dem Reiche es zum Anlass für einen Systemumbau nimmt.
Die eigentliche Ursache: verschleppter Netzausbau
Die Redispatch-Kosten entstehen, weil das deutsche Stromnetz nicht schnell genug ausgebaut wird, um den Strom von den Erzeugungsregionen im Norden und Osten zu den Verbrauchszentren im Süden und Westen zu transportieren. Laut SMARD entfielen 2024 rund 74 Prozent aller Engpässe auf das Übertragungsnetz – also auf die großen Stromautobahnen, die von TenneT, 50Hertz, Amprion und TransnetBW betrieben werden.
Der Netzausbau wurde über Jahre verschleppt – unter anderem durch die Entscheidung, Leitungen wie SuedLink als Erdkabel statt als Freileitungen zu bauen, was die Fertigstellung um Jahre verzögerte. Das Ergebnis: Im Norden steht mehr Windstrom bereit, als die Leitungen transportieren können. Im Süden laufen fossile Kraftwerke, um die Lücke zu füllen. Die Kosten dafür tragen die Verbraucher über die Netzentgelte.
Reiches Netzpaket bekämpft also nicht die Ursache (den verspäteten Netzausbau), sondern attackiert die Folge (die Entschädigung für EE-Anlagen, die wegen des Netzengpasses nicht einspeisen können). Das wäre, als würde man eine Überschwemmung bekämpfen, indem man die Versicherung kürzt, statt den Deich zu bauen.
Bezeichnend ist, dass selbst in der schwarz-roten Koalition die Lösung nicht im Netzpaket gesehen wird, sondern im Netzausbau. SPD-Fraktionsvize Armand Zorn forderte im Dezember 2025 gegenüber dem Tagesspiegel, das Wirtschaftsministerium müsse „zügig eine Novelle des Bundesbedarfsplangesetzes auf den Weg bringen“ für zusätzliche Stromautobahnen. Auch Grünen-Politiker Alaa Alhamwi verlangte: „Die Koalition muss jetzt den Bau neuer Stromleitungen beschließen.“ Einigkeit herrscht also über die Parteigrenzen hinweg, dass Netzausbau das Mittel der Wahl ist. Nur Reiches Ministerium setzt stattdessen darauf, den Erneuerbaren die Entschädigung zu streichen.
Wer profitiert? Der Interessenkonflikt der Ministerin
Katherina Reiche war bis Mai 2025 Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG – einer E.ON-Tochter und einem der größten Verteilnetzbetreiber Deutschlands. Die Verteilnetztochter Westnetz gehört zu den Unternehmen, die vom Netzpaket profitieren würden: In sogenannten „kapazitätslimitierten Gebieten“ müssten sie keine Entschädigung mehr an Betreiber Erneuerbarer-Energien-Anlagen zahlen – selbst wenn der Netzausbau in ihrem eigenen Verantwortungsbereich nicht vorangekommen ist. Statt Anreize für schnelleren Netzausbau zu setzen, belohnt das Netzpaket diejenigen, die zu langsam ausgebaut haben.
Der Bundesverband Windenergie (BWE) hat ein Rechtsgutachten der Kanzlei Raue vorgelegt, wonach zentrale Elemente des Netzpakets europarechtswidrig sein könnten – insbesondere die Streichung der Entschädigung, die gegen die Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU verstößt.
Den Interessenkonflikt der Ministerin thematisiert auch Berater und Physiker Mario Buchinger immer wieder. So auch in diesem Video über die aktuelle Reiche-Politik:
Wer verbreitet die Drei-Milliarden-These?
Die Behauptung, in Deutschland werde für Milliarden Euro Strom „weggeworfen“ oder „vernichtet“, kursiert seit Jahren in einem Netzwerk fossiler Desinformation. Der YouTuber Stefan Spiegelsperger veranschlagte im Oktober 2024 allein für ein Wochenende 430 Millionen Euro an Redispatch-Kosten – die tatsächlichen Kosten für den ganzen Monat lagen bei 161 Millionen Euro für konventionelle Marktkraftwerke. Michael Joukov deckte die Falschbehauptung im schon verlinkten YouTube-Video auf.
Seine Methode: Er verwendete „kalkulatorische Kosten“ – also fiktive Preise, die als Entscheidungshilfe dienen, aber kein Geld, das tatsächlich fließt. Vier Tage vor seinem eigenen Video hatte Spiegelsperger noch selbst erklärt, dass bei Negativpreisen kein Geld fließt – und rechnete dann trotzdem mit über 900 Euro pro Megawattstunde.
Das Muster ist immer dasselbe: Gesamtkosten des Netzengpassmanagements werden undifferenziert als „weggeworfener Strom“ präsentiert, kalkulatorische statt realer Kosten verwendet, oder Reservekraftwerkskosten hinzugerechnet, die mit EE-Abregelung nichts zu tun haben. Die Zahlen werden dann von Plattformen wie NIUS, Apollo News und dem Pressesprecher von Vernunftkraft aufgegriffen und millionenfach weiterverbreitet. Dass eine Bundeswirtschaftsministerin dieselbe Falschbehauptung in einem offiziellen Ministeriumsvideo verwendet, gibt der Desinformation staatliche Autorität.
Maurice Höfgen: Die Ministerin entlarvt sich selbst
Doch ungenaue Kommunikation aus dem Ministerium von Reiche ist keine Seltenheit: Der Ökonom und YouTuber Maurice Höfgen hat sich in einem aktuellen Video mit dem Auftritt Reiches im ARD-„Bericht aus Berlin“ auseinandergesetzt und ihr Interview zum Gebäudemodernisierungsgesetz analysiert. Sein Befund: Die Ministerin argumentiere systematisch an der Lebensrealität von Mieterinnen und Mietern vorbei – und verdrehe dabei Fakten.
Besonders aufschlussreich ist Höfgens Faktencheck zu Reiches Behauptung, der Absatz „moderner Heizungen“ sei 2025 eingebrochen. Die Absatzzahlen zeigen das Gegenteil: Wärmepumpen legten 2025 um 55 Prozent auf rund 299.000 Stück zu und waren damit die meistverkaufte neue Heizungsart in Deutschland. Eingebrochen sind hingegen die Verkäufe von Ölheizungen (minus 74 Prozent) und Gasheizungen (minus 33 Prozent).
Reiche beschreibt also den Rückgang fossiler Heizsysteme als Einbruch „moderner Heizungen“ – eine Verdrehung der Tatsachen, die exakt dem Muster der Drei-Milliarden-These entspricht: Die Zahlen existieren, aber die Zuordnung ist falsch.
Höfgen kritisiert auch Reiches Verweis auf günstige Biogastarife bei Verivox: Einzelne Lockangebote seien nicht auf Millionen Haushalte skalierbar. Biogas sei schon heute 25 Prozent teurer als Erdgas bei einer Beimischung von nur zehn Prozent – und der Preis werde weiter steigen, wenn Haushalte, Industrie, Luftfahrt und Schifffahrt gleichzeitig um begrenzte Biomasseressourcen konkurrieren. Ökonomie 101: begrenztes Angebot, explodierende Nachfrage, steigende Preise.
Fazit: Falsche Diagnose, falsche Therapie
Katherina Reiches Aussage, jedes Jahr werde Strom für drei Milliarden Euro „einfach weggeworfen“, ist grob falsch. Die drei Milliarden Euro sind die Gesamtkosten des Netzengpassmanagements – darin enthalten sind vor allem die Kosten für fossile Ersatzkraftwerke und deren Bereitstellung. Die tatsächliche Entschädigung für abgeregelten Erneuerbaren-Strom lag 2024 bei 554 Millionen Euro, also bei einem Fünftel der von Reiche genannten Zahl. Und selbst dieser Strom wird nicht „weggeworfen“, sondern schlicht nicht erzeugt, weil die Netze den Transport nicht hergeben.
Drei Milliarden? Falsch. Weggeworfen? Falsch.
Die Kosten sind rückläufig, 96,5 Prozent des Erneuerbaren-Stroms werden planmäßig genutzt, die Übertragungsnetzbetreiber senken ihre Prognosen um Milliarden, und im internationalen Vergleich steht Deutschland mit seiner Integrationsquote hervorragend da. Auf Basis dieser fehlerhaften Diagnose plant die Bundeswirtschaftsministerin mit dem Netzpaket eine Therapie, die nach Einschätzung des Bundesverbands Windenergie europarechtswidrig sein könnte und den Erneuerbaren-Ausbau gefährdet – statt den tatsächlichen Engpass zu beheben: den schleppenden Netzausbau. Das Netzpaket löst kein Problem. Es schafft neue.
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Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.