Schneesturm in Texas, Rechnung in Leipzig: Europas Weg aus dem Gas-Casino

Wintersturm legt US-Gasproduktion lahm – Erdgaspreise steigen um 40 %. Aber: Haushalte, Gewerbe und Industrie haben Optionen, diesem fossilen Casino zu entkommen.

Willkommen im Gas-Casino: Ende Januar 2026 legte Wintersturm Fern die US-Gasproduktion teilweise lahm. In Texas und Louisiana froren Leitungen ein, LNG-Terminals drosselten den Betrieb, rund zwölf Prozent der Förderung fielen zeitweise aus. Und selbst 8.000 Kilometer weiter stiegen in der Folge die europäischen Erdgaspreise binnen weniger Tage um mehr als 40 Prozent an.

Der Mechanismus ist brutal einfach: Wenn amerikanisches LNG im eigenen Land gebraucht wird, fahren die Tanker nicht nach Europa. Und wenn gleichzeitig asiatische Abnehmer höhere Preise bieten, dreht kein Schiff Richtung Rotterdam oder Deutschland. Europa spielt Risiko im globalen Gas-Casino – ohne Kontrolle über Wetter, Spekulation oder geopolitische Entscheidungen anderswo.


Das Ende der Preissouveränität

Lange galt Pipelinegas als Stabilitätsanker. Doch diese Zeiten sind vorbei. Norwegisches Gas – heute Deutschlands wichtigste Quelle – wird längst nicht mehr in langfristigen Verträgen mit festen Preisen geliefert. Equinor und andere Produzenten indexieren ihre Lieferungen an die europäischen Handelspunkte TTF, NBP und THE. 70 Prozent der Preise orientieren sich am Day-Ahead-Markt, 30 Prozent am Monatsdurchschnitt.

Das bedeutet: Auch vermeintlich sicheres Pipelinegas folgt demselben volatilen Weltmarkt – dem fossilen Gas-Casino – wie LNG aus Katar oder den USA. Die Korrelation zwischen europäischen und asiatischen Gaspreisen erreichte 2025 einen historischen Höchststand von 0,955 – die Märkte bewegen sich praktisch synchron.

Hinzu kommt die Spekulation. Nach Informationen vom Handelsblatt wurden im Januar 2026 zahlreiche Hedgefonds von einem Short-Squeeze überrascht. Wer auf fallende Preise gewettet hatte, musste panisch kaufen, als die Kurse stiegen – und trieb sie damit weiter nach oben. Die Financial Times zitierte Händler mit den Worten, einige Kollegen seien von der Kältewelle „völlig überrascht“ worden.

Wie hart trifft die Entwicklung der Erdgaspreise auch Deutschland?

Die Daten der Bundesnetzagentur zeigen das Muster schonungslos: Anfang Dezember 2025 lag der Großhandelspreis für Erdgas am deutschen Handelspunkt THE bei rund 28 Euro pro Megawattstunde. Ende Januar 2026 waren es über 43 Euro – ein Anstieg von mehr als 50 Prozent innerhalb von sechs Wochen.

Gaspreise Grosshandel Dezember Januar 2026

Im historischen Vergleich wirkt das trotzdem beinahe harmlos: Im August 2022, auf dem Höhepunkt der Gaskrise, erreichte der THE Day-Ahead-Preis zeitweise 340 Euro pro Megawattstunde. Doch genau dieser Vergleich führt in die Irre. Das Vorkrisenniveau lag bei etwa 20 Euro – die aktuellen 43 Euro bedeuten also mehr als eine Verdopplung gegenüber dem, was einmal „normal“ war.

Großhandel Erdgaspreise historisch seit Energiekrise - willkommen im Gas-Casino

Woher kommt das Gas – und warum Speicher heute anders funktionieren

Die Struktur der deutschen Gasversorgung hat sich seit 2022 grundlegend gewandelt. Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine kam mehr als die Hälfte des deutschen Erdgases aus Russland – über Pipelines mit langfristigen Verträgen und relativ stabilen Preisen. Diese Welt existiert nicht mehr.

Heute dominieren zwei Quellen: norwegisches Pipelinegas und Flüssigerdgas (LNG) aus verschiedenen Herkunftsländern, darunter die USA, Katar und zunehmend auch afrikanische Produzenten. Norwegen liefert inzwischen mehr Gas nach Deutschland als vor der Krise – aber zu Preisen, die am volatilen Spotmarkt gebildet werden. LNG wiederum konkurriert auf einem globalen Markt, auf dem Europa gegen asiatische Abnehmer bieten muss.

Die Rolle der Gasspeicher hat sich damit verändert. Früher dienten sie primär dem saisonalen Ausgleich: Im Sommer füllte billiges Pipelinegas die Kavernen, im Winter wurde es entnommen. Das System war träge, aber berechenbar.

Heute sind Speicher Teil eines globalen Preisspiels. Wer im Sommer einspeichert, wettet darauf, dass die Winterpreise höher liegen als die Beschaffungskosten plus Speichergebühren. Diese Wette geht nicht immer auf – und genau hier liegt das politische Dilemma.

Die deutschen Gasspeicher starteten am 1. November 2025 mit einem Füllstand von nur rund 76 Prozent in die Heizperiode – deutlich unter den 95 Prozent der Vorjahre. Die gesetzliche Vorgabe von 70 Prozent wurde zwar erfüllt, doch die Zielvorgaben selbst waren abgesenkt worden.

Ende Januar 2026 liegt der Füllstand bei rund 37 Prozent. Die gesetzlich vorgeschriebene Marke von 30 Prozent bis zum 1. Februar wird erreicht – aber ohne großen Puffer. Die Lage ist angespannt, nicht katastrophal: Der DVGW prognostiziert bei normaler Witterung eine Reichweite bis mindestens Ende April.

Die Initiative Energien Speichern (INES) hatte im November gewarnt: Bei extrem kalten Temperaturen wie im historischen Kältewinter 2010 hätten die Speicher Mitte Januar vollständig entleert sein können. Im Januar 2026 relativierte INES diese Einschätzung – der milde Dezember habe die Ausgangslage verbessert.

Das Bundeswirtschaftsministerium hat sich im Winter 2025/26 bewusst gegen eine staatlich beauftragte Zusatzbefüllung entschieden. Sprecherin Susanne Ungrad begründete dies Ende Januar: Die Versorgungsflüsse seien gut, Norwegen liefere zuverlässig, an den LNG-Terminals gebe es sogar noch freie Kapazitäten. Eine staatliche Einspeicherung hätte Kosten für den Steuerzahler verursacht, obwohl die Versorgungssicherheit nicht akut gefährdet sei.

Die Kehrseite dieser Strategie zeigt sich jetzt: Die Speicher werden womöglich bis an die technischen Untergrenzen gefahren, der Puffer für Extremsituationen schrumpft. Um ausführliche Analyse zur aktuellen Speicherlage und den gesetzlichen Vorgaben geht es auch in diesem und in jenem Artikel.

INES-Geschäftsführer Sebastian Heinermann kritisierte dennoch die strukturellen Rahmenbedingungen: Die Speicherbefüllung für den Winter 2025/26 sei für den Fall eines extrem kalten Winters unzureichend gewesen – trotz neuer LNG-Kapazitäten. Die politischen Instrumente zur Sicherstellung höherer Füllstände seien nicht genutzt worden.

20 Jahre im Gas-Casino – wie rauskommen?

Die unangenehme Wahrheit: Europa wird noch etwa zwei Jahrzehnte von fossilem Gas abhängig bleiben. Hierfür legt Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche aus deutscher Sicht gerade die Grundlagen. Energieexperte Mario Buchinger warnt eindringlich vor den Gefahren für den Wirtschaftsstandort. Die Infrastruktur ist gebaut, die Verträge sind geschlossen, der Umbau braucht Zeit. Das Ziel Klimaneutralität 2045 markiert das Ende dieser Abhängigkeit – aber bis dahin bleibt der Kontinent verwundbar.

Die Frage ist nicht, ob Europa aus Erdgas aussteigt, sondern wie schnell – und wer die Volatilität bis dahin trägt. Während die Politik über Gaskraftwerke und Kapazitätsmärkte streitet, haben Haushalte, Gewerbebetriebe und Industrieunternehmen einige Handlungsoptionen.

Haushalte: Raus aus der Gasheizung

Der direkteste Weg aus dem Gas-Casino führt über die Heizung. Nach aktuellen Daten des Heizspiegels 2025 zahlen Haushalte mit Wärmepumpe im Durchschnitt 715 Euro Heizkosten pro Jahr (70-Quadratmeter-Wohnung im Mehrfamilienhaus), mit Gasheizung sind es 1.180 Euro.

Der Unterschied wird sich verschärfen: Die CO₂-Abgabe steigt 2026 auf bis zu 65 Euro pro Tonne, ab 2027 gilt der europäische Emissionshandel mit marktbasierten – und damit wahrscheinlich deutlich höheren – Preisen. Wer mit Gas heizt, ist dieser Entwicklung ausgeliefert. Wer mit Strom heizt, kann sich durch eigene PV-Anlagen zumindest teilweise entkoppeln.

Die KfW-Förderung für den Heizungstausch liegt bei bis zu 70 Prozent der förderfähigen Kosten (maximal 21.000 Euro). Der Geschwindigkeitsbonus von 20 Prozent gilt noch bis Ende 2028 – danach sinkt er. Die wirtschaftliche Rechnung verschiebt sich von Jahr zu Jahr zugunsten der Wärmepumpe.

Gewerbe: Elektrifizierung als Schutzschild

Für Gewerbebetriebe wie Bäckereien, Fleischereien oder Wäschereien ist die hohe Energiekostenvolatilität unter Umständen existenzbedrohend. Die Elektrifizierung bietet einen Ausweg – und wird politisch gefördert.

Das BAFA-Modul 6 fördert den Austausch von gas-, kohle- oder ölbetriebenen Produktionsanlagen durch elektrische Alternativen. Die Stromsteuer für das produzierende Gewerbe wurde auf das EU-Minimum von 0,05 Cent pro Kilowattstunde gesenkt – eine Entlastung um rund zwei Cent pro Kilowattstunde gegenüber dem Regelsatz.

Die Umrüstung eines Gasbackofens auf Strombetrieb kostet nach Angaben des Herstellers Wachtel zwischen 6.000 und 7.000 Euro – bei einem Ofen, der in der Neuanschaffung 35.000 Euro kosten würde. Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks empfiehlt seinen Mitgliedsbetrieben, sich mit den Möglichkeiten einer Umrüstung zu befassen. Strom ist planbar, Gas nicht.

Industrie: Abwärme als unterschätzte Ressource

Die energieintensive Industrie steht vor der größten Herausforderung – und hat zugleich das größte Potenzial. Rund 20 Prozent des gesamten deutschen Endenergiebedarfs entfallen auf industrielle Prozesswärme. Ein Großteil davon wird noch immer mit Gas erzeugt.

Doch die Technologie entwickelt sich rasant: Hochtemperatur-Wärmepumpen erreichen inzwischen Prozesstemperaturen von bis zu 200 Grad Celsius – vor wenigen Jahren lag die Grenze noch bei 100 Grad. Damit werden Anwendungen in der Lebensmittel-, Papier- und Chemieindustrie möglich, etwa für Trocknungs-, Sterilisierungs- oder Destillationsprozesse.

Das Fraunhofer ISE schätzt, dass Hochtemperatur-Wärmepumpen bis 2045 zwischen 44 und 64 Prozent der Niedertemperatur-Prozesswärme bereitstellen könnten. Der entscheidende Vorteil: Sie nutzen vorhandene Abwärme aus industriellen Prozessen – Energie, die heute meist ungenutzt verpufft. Nach Schätzungen von EY-Parthenon und Yanmar beträgt das ungenutzte Potenzial in Deutschland mehr als 300 Terawattstunden pro Jahr.

Der EU-Innovationsfonds stellt ab 2025 eine Milliarde Euro für Projekte zur Elektrifizierung industrieller Prozesswärme bereit. Die Auktion startet im Dezember 2025. Unternehmen, die jetzt handeln, können von erheblichen Förderungen profitieren – und sich gegen künftige Gaspreisschocks absichern.

Der Elektro-Kontinent als Souveränitätsprojekt

Mitte Januar 2026 trafen sich Vertreter von acht Nordsee-Anrainerstaaten und einigten sich auf einen Ausbau der Offshore-Windkapazitäten auf 300 Gigawatt bis 2050. Das Ziel ist explizit geopolitisch: Unabhängigkeit von externen Energielieferanten. Und zwar nicht nur beim Strom, sondern auch bei Wasserstoff als Molekül-Ersatz für klimaschädliches Fracking-LNG.

Der Umstieg auf Erneuerbare ist nicht nur Klimapolitik – er ist Wirtschaftspolitik und Sicherheitspolitik. Wind weht in der Nordsee, unabhängig davon, ob in Texas ein Sturm tobt oder Hedgefonds auf fallende Gaspreise wetten. Sonne scheint in Europa, ohne dass ein LNG-Tanker seinen Kurs ändern muss.

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Die Transformation wird nicht schmerzfrei verlaufen. Aber jede Wärmepumpe, jeder Elektro-Ofen, jede Hochtemperatur-Wärmepumpe in der Industrie reduziert Europas Exposition gegenüber dem globalen Gas-Casino. Die Alternative – weitere 20 Jahre Abhängigkeit von Märkten, die wir nicht kontrollieren können – ist keine echte Alternative. Zumal insbesondere Fracking-LNG aus den USA als besonders klimaschädlich bekannt ist.

Das mit Erdgas verbundene Methan ist dabei durchaus als entscheidender Klima-Hebel zu sehen:

Fazit: 20 Jahre Casino-Risiko ist zu viel

Wintersturm Fern war ein Weckruf – aber kein Einzelfall. Solange Europa von globalem LNG abhängt, werden amerikanische Kältewellen, asiatische Nachfragespitzen und spekulative Hedgefonds bestimmen, was Energie kostet. Die Speicher sind voll genug, um diesen Winter zu überstehen. Aber das System selbst ist fragil.

Die gute Nachricht: Die Auswege existieren. Sie erfordern Investitionen, aber sie bieten Planungssicherheit. Wer heute auf Wärmepumpe umsteigt, auf Elektro-Öfen umrüstet oder industrielle Abwärme nutzt, entkoppelt sich Stück für Stück vom fossilen Gas-Casino. Die Technologien sind da, die Förderungen auch. Das Ganze ist kein Sprint, sondern ein Marathon über 10, 15 Jahre.

Europa muss den Tanker umdrehen – im wahrsten Sinne des Wortes. Weniger LNG-Importe, mehr eigene Erzeugung. Es wird dauern. Aber jeder Tag zählt.

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