Gaskraftwerk Stuttgart (Bild: EnBW)
Gaskraftwerke kosten bis zu 67 Cent pro Kilowattstunde
Neue FÖS-Studie für Green Planet Energy enthüllt die wahren Kosten von Erdgas-Backup – erneuerbare Alternativen sind günstiger und krisenfest
Die Bundesregierung will mindestens 10 Gigawatt neue Gaskraftwerke bauen – als vermeintlich günstiges Backup für die Energiewende. Doch eine neue Studie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) im Auftrag von Green Planet Energy zeigt: Die gesamtgesellschaftlichen Kosten neuer Gaskraftwerke liegen bei 35 bis 67 Cent pro Kilowattstunde. Während die Politik fossiles Erdgas als Brückentechnologie verkauft, zahlen Stromkunden Milliarden-Subventionen und kommende Generationen die Klimaschäden.
Stromgestehungskosten drei- bis siebenmal so hoch wie bei Erneuerbaren
Das FÖS hat für die Studie ein Referenzkraftwerk mit 500 Megawatt modelliert, das im Jahr 2030 in Betrieb geht und mit 1.000 Volllaststunden pro Jahr als flexibles Backup läuft. Die reinen Stromgestehungskosten betragen je nach CO2-Preis zwischen 23 und 28 Cent pro Kilowattstunde – bereits drei- bis viermal so teuer wie Strom aus neuen Wind- und Solaranlagen, der bei unter 10 Cent liegt. Die Kostenstruktur ist dabei dreigeteilt: Investitionskosten (CAPEX), Erdgas- und CO2-Kosten schlagen jeweils mit knapp 7 Cent pro Kilowattstunde zu Buche.
Werden die nicht über den CO2-Preis internalisierten Klimaschadenskosten einbezogen, explodiert die Rechnung. Bei einem Klimaschadenskostensatz von 335 Euro pro Tonne CO2 gemäß der konservativen UBA-Methodenkonvention steigen die gesamtgesellschaftlichen Kosten auf rund 35 Cent pro Kilowattstunde. Wird die Wohlfahrt künftiger Generationen gleichgewichtet – also eine Zeitpräferenzrate von null Prozent angesetzt – liegen die Kosten sogar bei 67 Cent pro Kilowattstunde. Die Differenz zwischen dem aktuellen CO2-Preis und den tatsächlichen Klimaschäden beträgt in diesem Szenario allein rund 44 Cent pro Kilowattstunde.

Iran-Krieg treibt Gaspreise – Energiepreiskrise 2.0 droht
Die Studie erscheint in einem brisanten Moment. Innerhalb weniger Tage ist der Erdgaspreis um fast 70 Prozent gestiegen – von knapp 32 Euro pro Megawattstunde am 27. Februar auf über 54 Euro pro Megawattstunde am 3. März 2026, ausgelöst durch den Krieg im Iran und die Bedrohung der Straße von Hormus. Es ist der höchste Stand seit drei Jahren und ein Déjà-vu der Energiepreiskrise von 2022.
Die FÖS-Studie hat genau dieses Szenario durchgerechnet. Steigt der Gaspreis auf das Niveau der Energiepreiskrise 2022/23 – durchschnittlich 127 Euro pro Megawattstunde –, klettern allein die Stromgestehungskosten auf 48 bis 53 Cent pro Kilowattstunde. Die Klimaschäden sind dabei noch nicht einmal eingerechnet. Die Energiepreiskrise hat gezeigt, dass Gaskraftwerke häufig den Börsenstrompreis bestimmen: Im EU-Durchschnitt waren sie 2022 in 63 Prozent der Stunden preissetzend, obwohl sie nur 20 Prozent des Erzeugungsmix ausmachten.
Milliarden-Subventionen für fossilen Lock-in
Die Kraftwerksstrategie der Bundesregierung sieht vor, im Sommer 2026 die ersten Ausschreibungen für 10 Gigawatt Langfristkapazitäten durchzuführen, die ab spätestens 2031 ans Netz gehen. Das FÖS schätzt die Förderkosten allein für diese Tranche auf rund 6,6 Milliarden Euro – finanziert über eine Umlage auf den Stromverbrauch. Eine Umstellung auf Wasserstoff ist lediglich für 2 Gigawatt im Jahr 2040 und weitere 2 Gigawatt im Jahr 2043 vorgesehen. Die vollständige Dekarbonisierung soll erst 2045 erfolgen.
Hinzu kommt: Erdgas profitiert bereits heute von umfangreichen staatlichen Förderungen. Die Kosten für Gasspeicher in Höhe von mehr als 3 Milliarden Euro jährlich werden seit Anfang 2026 aus dem Klima- und Transformationsfonds finanziert. Für Aufbau und Betrieb von LNG-Terminals erhält die Deutsche Energy Terminal bis zu 5 Milliarden Euro. Und die Energiesteuerbefreiung für Gaskraftwerke mit mehr als zwei Megawatt Leistung kostete den Staat allein 2024 rund 1,2 Milliarden Euro. Diese versteckten Subventionen senken die sichtbaren Kosten von Gasstrom künstlich und verzerren den Wettbewerb zulasten erneuerbarer Alternativen.
Klimabilanz: Erdgas teils schmutziger als Kohle
Über die Gesamtlaufzeit von 15 Jahren verursacht jedes neue Gaskraftwerk je nach Auslastung zwischen 2,1 und 8,4 Millionen Tonnen CO2. Die nicht über den CO2-Preis abgedeckten Klimaschäden summieren sich auf 0,5 bis 7 Milliarden Euro pro Kraftwerk. Da Deutschland Erdgas zu 95 Prozent importiert, entstehen erhebliche Methanemissionen bei Förderung und Transport im Ausland – sie tauchen in der deutschen Klimabilanz schlicht nicht auf.
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Studien zeigen, dass Erdgas bereits bei Leckraten zwischen 2,4 und 3,2 Prozent seinen vermeintlichen Klimavorteil gegenüber Kohle verliert. Für Fracking-Gas – aus dem rund 86 Prozent der direkten deutschen LNG-Importe stammen – lässt sich die Leckrate vermutlich kaum unter 3,8 Prozent senken. In den USA gemessene Methanemissionen lagen zudem teils 60 Prozent über den offiziell gemeldeten Werten. Je nach Herkunft und Transportweg kann Gasstrom somit klimaschädlicher sein als Kohlestrom.
Erneuerbare Alternativen: Ähnlich teuer, aber krisenfest
Die Studie vergleicht Gaskraftwerke mit klimafreundlichen Technologien zur Versorgungssicherheit – und das Ergebnis ist eindeutig: Speicher, Bioenergie und grüner Wasserstoff können die Backup-Funktion zu ähnlichen oder sogar geringeren Kosten erfüllen. Berechnungen des Reiner-Lemoine-Instituts beziffern die Stromgestehungskosten von grünem Wasserstoff für 2037 auf 23,5 Cent pro Kilowattstunde. Die Überbauung bestehender Biogasanlagen als Backup-Kraftwerke kommt laut IZES-Studie auf 22,5 bis 29,1 Cent pro Kilowattstunde.

Besonders vielversprechend sind Großbatteriespeicher. Sie können das 10-Stunden-Kriterium der Kraftwerksausschreibungen erfüllen, und die Investitionskostenförderung würde mit rund 450 Euro pro Kilowatt deutlich unter den 660 Euro pro Kilowatt für Gaskraftwerke liegen. Dazu kommen Potenziale durch Lastmanagement – allein in der Wirtschaft werden 6 bis 21 Gigawatt geschätzt – sowie die Flexibilisierung von Wasserkraft mit kurzfristig 1 bis 2 Gigawatt. Entscheidend ist: Keine dieser Optionen ist geopolitischen Preisschocks ausgesetzt.
Einordnung: Fossiles Backup ist die teuerste Option
Die Studie des FÖS liefert eine schonungslose Kostenwahrheit, die in der politischen Debatte systematisch ausgeblendet wird. Die Bundesregierung unter Wirtschaftsministerin Katherina Reiche setzt mit ihrer Kraftwerksstrategie einseitig auf Erdgas – trotz explodierender Importabhängigkeit, trotz Milliardensubventionen und trotz Klimakosten, die auf kommende Generationen abgewälzt werden. Die aktuelle Gaspreisexplosion durch den Iran-Krieg zeigt in Echtzeit, was die Studie in Zahlen belegt: Fossile Abhängigkeit ist ein permanentes Kosten- und Sicherheitsrisiko.
Sönke Tangermann, Vorstand von Green Planet Energy, bringt es auf den Punkt: Die Energiewende sei nicht das Problem, sondern die Antwort – sie schütze vor Energie- und Preiskrisen und mache Deutschland unabhängiger von fossilen Importen. Green Planet Energy fordert technologieoffene Ausschreibungen, verlässliche Investitionsbedingungen für Erneuerbare Energien und den konsequenten Ausbau von Netzen und Flexibilität. Eine Kurskorrektur, die angesichts der Zahlen überfällig ist.
Hier steht die Studie zu Gaskraftwerk Kosten zum Download zur Verfügung.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.