Heizkraftwerk Benningen: Wie ein Fernwärmeprojekt im Allgäu Erdgas überflüssig macht

E-Con und die Gemeinde Benningen setzen auf einen Mix aus Hackschnitzeln, Wärmepumpen und industrieller Abwärme – ein Modell für die kommunale Wärmewende?

Das Heizkraftwerk Benningen versorgt künftig bis zu 3.700 Haushalte in Benningen und Memmingen mit Fernwärme – und spart dabei jährlich 2,5 Millionen Kubikmeter Erdgas ein. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche bezeichnete das 30-Millionen-Euro-Projekt bei der Eröffnung vor wenigen Tagen als „Prototypen“ für andere Regionen. Doch wie innovativ ist die Anlage der Alois-Müller-Tochter E-Con wirklich? Der Schlüssel liegt im Zusammenspiel mehrerer Wärmequellen: Hackschnitzelkessel, solarbetriebene Wärmepumpen und die Einspeisung industrieller Abwärme ins Netz. Ein Blick auf Technik, Förderpolitik und die Frage, ob sich das Modell tatsächlich skalieren lässt.

50 Megawatt aus Hackschnitzeln, Solarstrom und Abwärme

Das Heizwerk Memmingen Süd/Benningen ist nach zweijähriger Bauzeit fertiggestellt und auf eine Endausbau-Leistung von 50 Megawatt ausgelegt. Das reicht nicht nur für die komplette Wärmeversorgung der Gemeinde Benningen, sondern auch für Teile der Stadt Memmingen sowie angeschlossene Industriekunden wie Rohde & Schwarz und Magnet-Schultz (MSM).


Der zentrale Wärmeerzeuger ist ein 13 Meter hoher Hackschnitzelkessel mit einer Leistung von 5.000 Kilowatt. Hinzu kommen Großwärmepumpen, die in der ersten Ausbaustufe rund 1.500 Kilowatt leisten. Der Strom für die Wärmepumpen stammt aus Photovoltaikanlagen am Allgäu Airport – die Anlage arbeitet somit vollständig mit regenerativen Energiequellen. Ein Wärmespeicher in Form eines Warmwasserpuffers entkoppelt Erzeugung und Verbrauch zeitlich.

Für die langfristige Skalierung ist entscheidend: Die Netzinstallationen sind vorausschauend geplant, sodass perspektivisch bis zu 50.000 Megawattstunden an Wärmeleistung möglich sind. Die Zahl der Großwärmepumpen lässt sich bei Bedarf entsprechend erweitern.

Das 4-Leiter-Netz als eigentliche Innovation

Die Ministerin nannte das Projekt „innovativ“ und „beispielhaft“. Ist das berechtigt? Fernwärmenetze mit Hackschnitzeln und Wärmepumpen gibt es in Deutschland vielfach, etwa in ländlichen Kommunen Süddeutschlands und Österreichs. Was Benningen von den meisten Projekten unterscheidet, ist das 4-Leiter-Wärmenetz zur Nutzung industrieller Abwärme.

Für Gewerbekunden kommt ein 4-Leiter-Wärmenetz zum Einsatz, um industrielle Abwärme effizient zu nutzen. Dabei wird Wasser mit niedriger Grundtemperatur zu Unternehmen geführt, dort durch Abwärme erwärmt und zurück zum Heizwerk geleitet. Großwärmepumpen heben das Temperaturniveau anschließend für die Fernwärme an.

Dieses Prinzip ist technisch anspruchsvoll. Die Niedrig-Temperatur-Abwärme aus Kühlprozessen der Industriekunden wäre normalerweise für ein Fernwärmenetz zu kalt. Durch die zusätzlichen Leitungen – zwei für die Fernwärme, zwei für den Abwärme-Rücklauf – können die Wärmepumpen das Temperaturniveau effizient anheben. Projektleiter Enrico Lagoda erklärt, dass das Wasser bereits vorerwärmt sei, weshalb deutlich weniger Primärenergie benötigt werde als bei einer Erwärmung ausgehend von der Grundtemperatur.

Diese Integration von dezentraler Industrieabwärme in ein Fernwärmenetz mittels 4-Leiter-System und Großwärmepumpen ist in dieser Größenordnung tatsächlich selten. Der Innovationsgrad liegt nicht in einer einzelnen Technologie, sondern in der systemischen Verknüpfung: Hackschnitzel für die Grundlast, Solarstrom-betriebene Wärmepumpen als zweite Säule, industrielle Abwärme als dritte – und das alles in einem skalierbaren Netz.

Rohde & Schwarz und Magnet-Schultz als Abwärme-Lieferanten

Die Industriepartner spielen eine Doppelrolle: Sie sind Abnehmer von Fernwärme und zugleich Lieferanten von Abwärme. Rohde & Schwarz rechnet mit Einsparungen von bis zu 270 Tonnen CO₂ pro Jahr, Magnet-Schultz mit bis zu 500 Tonnen CO₂ pro Jahr. Für die Unternehmen bedeutet das: geringere Energiekosten und einen konkreten Beitrag zu ihren Klimastrategien. Für das Netz bedeutet es: eine zusätzliche Wärmequelle, die sonst ungenutzt in die Umgebung abgegeben würde.

Dieses Modell der Kreislaufwirtschaft in der Wärmeversorgung macht Benningen besonders interessant für andere Kommunen, die in der Nähe von Gewerbe- und Industriegebieten Fernwärmenetze aufbauen wollen. Die kommunale Wärmeplanung, zu der Gemeinden und Städte gesetzlich verpflichtet sind, könnte solche Partnerschaften systematisch fördern.

30 Millionen Euro Investition, davon elf Millionen vom Bund

Die Gesamtkosten des Projekts liegen bei rund 30 Millionen Euro. Knapp elf Millionen Euro stammen aus der Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW). Diese Förderung übernimmt bis zu 40 Prozent der Investitionskosten für Erzeugungsanlagen und Infrastruktur, wenn mindestens 75 Prozent der Wärme aus erneuerbaren Energien und Abwärme stammen.

Die BEW ist das zentrale Instrument des Bundes für die Wärmewende. Für 2026 sind im Bundeshaushalt knapp 1,4 Milliarden Euro veranschlagt. Das klingt nach viel Geld – reicht aber bei weitem nicht. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) beziffert den jährlichen Bedarf auf mindestens 3,5 Milliarden Euro, ab 2028 sogar auf 4 bis 4,5 Milliarden.

Ministerin Reiche sprach in Benningen von knapp sechs Milliarden Euro, die für solche Vorhaben bereitstünden – eine Zahl, die sich auf den ursprünglichen Gesamttopf der BEW seit 2022 bezieht und nicht auf die jährlichen Haushaltsmittel. Für Kommunen, die ähnliche Projekte planen, ist das ein wichtiges Signal mit Einschränkung: Die Förderung existiert, aber die Mittel könnten bei steigender Nachfrage schnell aufgebraucht sein.

Der Widerspruch vor der Tür

Während Reiche im Heizwerk die Fernwärme lobte, protestierte draußen die Klimainitiative Memmingen. Ihr Kritikpunkt: die geplante Streichung der Einspeisevergütung für private Solaranlagen unter 25 Kilowatt. Ein EEG-Arbeitsentwurf aus dem Reiche-Ministerium sieht vor, die Förderung für neue Kleinanlagen ab 2027 komplett zu streichen. T-Online Der Bundesverband Solarwirtschaft warnt vor einem Zusammenbruch des Kleinanlagensegments.

Der Protest trifft einen wunden Punkt. Denn die Wärmewende braucht beides: zentrale Fernwärmenetze wie in Benningen und dezentrale Lösungen wie Wärmepumpen, die idealerweise mit eigenem Solarstrom betrieben werden. Wer die eine Seite fördert und die andere ausbremst, riskiert einen Bruch in der Energiewende.

Das Heizkraftwerk Benningen selbst zeigt, wie gut beide Welten zusammenpassen können: Die Wärmepumpen im Heizwerk werden mit PV-Strom vom Allgäu Airport betrieben. Die Logik, dezentrale Solarstromerzeugung und zentrale Wärmeversorgung miteinander zu koppeln, ist also Teil des Erfolgsmodells.

Heizkraftwerk Benningen: Prototyp oder Einzelfall?

Bundesministerin Katherina Reiche nannte das Projekt einen „Prototypen für andere Regionen in Deutschland“. Diese Einordnung ist im Kern richtig – mit einer Einschränkung. Das Modell funktioniert besonders gut dort, wo Industrie- oder Gewerbebetriebe als Abwärme-Lieferanten in unmittelbarer Nähe verfügbar sind. Nicht jede Kommune hat ein Rohde & Schwarz oder ein Magnet-Schultz vor der Tür.

Übertragbar ist allerdings das Grundprinzip vom Heizkraftwerk Benningen: mehrere regenerative Wärmequellen kombinieren, ein skalierbares Netz aufbauen und die kommunale Wärmeplanung als Steuerungsinstrument nutzen. E-Con-Vorstand Peter Waizenegger unterstreicht die Strahlkraft: Nimmt man die Fernwärmenetze Nord und Süd zusammen, erreicht E-Con bereits jetzt eine jährliche Wärmemenge von bis zu 200.000 MWh – das entspricht dem Zielszenario, das die Stadt Memmingen in ihrer kommunalen Wärmeplanung für 2040 ermittelt hat.

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Das Allgäu ist damit 14 Jahre vor dem kommunalen Wärmeplan. Ob das als Blaupause für ganz Deutschland taugt, hängt weniger an der Technik als an den lokalen Rahmenbedingungen – und daran, ob die Bundesförderung die notwendigen Mittel dauerhaft bereitstellt.

Das Heizkraftwerk Benningen verdient den Begriff „innovativ“ – nicht wegen einer einzelnen Technologie, sondern wegen der systemischen Integration von Hackschnitzeln, solarbetriebenen Großwärmepumpen und industrieller Abwärme in einem 4-Leiter-Netz. Das Projekt zeigt, was kommunale Wärmeplanung leisten kann, wenn ein regionaler Energieversorger, Industriepartner und eine engagierte Gemeinde zusammenarbeiten.

Die Förderpolitik des Bundes setzt mit der BEW den richtigen Rahmen, bleibt aber hinter dem tatsächlichen Bedarf zurück. Und der gleichzeitige Angriff auf die private Solarförderung durch dieselbe Ministerin, die in Benningen den Knopf drückte, offenbart einen Widerspruch, der die Glaubwürdigkeit der Wärmewende untergräbt. Die Fakten liegen auf dem Tisch – wie sie politisch bewertet werden, muss jeder selbst entscheiden.

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Quelle B4B Schwaben New Facts Mindelheimer Zeitung
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