Mauna Loa ObservatoryKeeling Curve (Keeling-Kurve): CO₂-Anstieg seit 1958 und was er bedeutet
Die älteste CO2-Messreihe der Welt zeigt: 432 ppm – der höchste CO2-Gehalt seit mindestens 3 Millionen Jahren.
Die Keeling-Kurve ist die weltweit älteste und wichtigste Messzeitreihe für den CO2-Gehalt der Erdatmosphäre. Seit 1958 dokumentiert sie den Anstieg von Kohlendioxid – von 313 ppm beim Messbeginn bis auf 432 ppm im Frühjahr 2026. Der Name stammt vom amerikanischen Geochemiker Charles David Keeling, der die erste systematische Dauerüberwachung etablierte. Der vorindustrielle Referenzwert von 278 ppm (um 1750) ist inzwischen um mehr als 50 Prozent überschritten.
Was ist die Keeling-Kurve?
Charles David Keeling (1928–2005) war Geochemiker an der Scripps Institution of Oceanography der UC San Diego. 1958 begann er als Erster, den CO2-Gehalt der Atmosphäre systematisch und dauerhaft zu messen – zunächst an verschiedenen Standorten, dann vor allem am Mauna-Loa-Observatorium auf Hawaii. Keelings Messungen waren der erste wissenschaftliche Beleg dafür, dass der CO2-Gehalt nicht stabil ist, sondern kontinuierlich steigt. 2002 erhielt er aus den Händen von US-Präsident George W. Bush die National Medal of Science – die höchste wissenschaftliche Auszeichnung der USA.
Das Ergebnis ist eine Messkurve, die zwei charakteristische Merkmale zeigt: den langfristigen Aufwärtstrend und ein jährliches Sägezahn-Muster, das die „Atmung“ der Vegetation der Nordhemisphäre widerspiegelt. Der Begriff „Hockey-Stick“ bezieht sich auf die Form im langen historischen Kontext: Über Jahrhunderttausende blieb der CO2-Gehalt zwischen 180 und 300 ppm stabil – dann, mit der Industrialisierung, schoss er steil nach oben.
Die Bedeutung dieser Arbeit lässt sich kaum übertreiben. Als Keeling 2005 starb, zählte sein letzter Vorgesetzter Charles Kennel, Direktor der Scripps Institution of Oceanography, die Messreihe zu den drei wichtigsten Experimenten der Wissenschaftsgeschichte: Tycho Brahe hatte im 16. Jahrhundert Planetenbewegungen aufgezeichnet und damit den Grundstein für Newtons Gravitationstheorie gelegt. Albert Michelsons Messung der Lichtgeschwindigkeit Ende des 19. Jahrhunderts diente Einstein als Fundament der Relativitätstheorie. Und Keelings Arbeit seit 1958 begründete das heutige Wissen über das Klima. Hans Joachim Schellnhuber, Gründer des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, brachte es auf den Punkt: „Die Messreihe belegt, dass die Menschheit ihre planetäre Unschuld verloren hat: Sie verändert die Erde.“
Messung auf dem Mauna Loa: Warum ein Vulkan?
Die Hauptmessstation liegt auf dem Mauna Loa, einem Vulkan auf Hawaii, in 3.397 Metern Höhe. Der Standort ist kein Zufall. In dieser Höhe, weit entfernt von Städten, Wäldern und Industrie, ist die Luft weitgehend frei von lokalen CO2-Quellen und -Senken. Die Messungen erfassen so einen repräsentativen Querschnitt der globalen Atmosphäre. Neben der Eingangstür des Keeling Buildings ist die Messkurve auf einer Bronzetafel eingraviert – ein stilles Denkmal für das, was hier gemessen wird.
Heute führen zwei unabhängige Institutionen die Messreihe fort: die NOAA Global Monitoring Laboratory und die Scripps Institution of Oceanography. Beide messen unabhängig voneinander und kommen zu nahezu identischen Ergebnissen – ein starker Beleg für die Verlässlichkeit der Daten. Als der Mauna Loa im November 2022 ausbrach und die Instrumente beeinträchtigte, griffen die Wissenschaftler auf Messungen vom nahegelegenen Vulkan Haleakalā zurück, um die Datenlücke zu schließen.

Von 280 auf 432 ppm: Die CO2-Meilensteine
Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre stieg seit der Industrialisierung schneller als in den vorangegangenen 800.000 Jahren. Besonders auffällig: Die Anstiegsrate selbst beschleunigt sich. In den 1960er-Jahren stieg die Konzentration noch um durchschnittlich 0,86 ppm pro Jahr, in den vergangenen 15 Jahren lag der Mittelwert bei 2,47 ppm pro Jahr (Umweltbundesamt, 2026).
| Zeitraum / Jahr | CO₂-Konzentration | Kontext |
|---|---|---|
| Letzte Eiszeit (vor ~20.000 Jahren) | 180–210 ppm | Natürliches Minimum der letzten 800.000 Jahre |
| Vorindustriell (1750) | 278 ppm | IPCC-Referenzwert vor Beginn der Industrialisierung |
| 1958 (Messbeginn) | 313 ppm | Erste Keeling-Messung auf dem Mauna Loa |
| 1980 | ~338 ppm | Anstiegsrate: ~1,3 ppm/Jahr |
| 2000 | ~370 ppm | Anstiegsrate: ~1,5 ppm/Jahr |
| 2015 | 400 ppm | Erstmals über 400 ppm im Jahresmittel |
| 2024 | 424,6 ppm | Jahresmittel Mauna Loa (NOAA, 2025) |
| 2025 (Jahresmittel) | 427,4 ppm | Anstieg von 2,8 ppm gegenüber 2024 |
| Mai 2025 (Saisonhoch) | 430,5 ppm | Erstmals über 430 ppm – neuer Rekord (NOAA, 2025) |
| April 2026 (Saisonhoch) | 432 ppm | Gemessener Rekordwert am Mauna Loa; Jahresprognose 2026: ~429,4 ppm (Met Office) |
Die Zacken der Kurve: Die jährliche Atmung der Erde
Das Muster, das die Keeling-Kurve so unverwechselbar macht, entdeckte Charles Keeling im zweiten Jahr seiner Messungen – und es machte ihm zunächst Angst. Als die CO2-Werte im Sommer 1958 plötzlich unter die März-Werte fielen, schrieb er in seiner Autobiografie: „Ich begann mir Sorgen zu machen, dass die Daten hoffnungslos sprunghaft sein könnten.“ Dann wiederholte sich das Muster im zweiten Jahr exakt – und Keeling erkannte: Es war keine Messsürung, sondern die Erde selbst, die da atmete.
Das jährliche Sägezahn-Muster entsteht durch die Pflanzenwelt der Nordhemisphäre – dort gibt es mehr Land und mehr Wälder als auf der Südhalbkugel. Im Frühjahr und Sommer entzieht die wachsende Vegetation der Atmosphäre CO2 durch Photosynthese, besonders in den riesigen Wäldern Sibiriens und Kanadas. Die Werte sinken. Im Herbst und Winter, wenn Blätter fallen und verwesen, wird das CO2 wieder freigesetzt. Das Saisonmaximum liegt typischerweise im Mai, kurz bevor die Vegetationsperiode voll anlaufen kann. Die jährliche Amplitude beträgt etwa sechs ppm.
Im Mai 2025 überstieg der saisonale Höchstwert erstmals die Marke von 430 ppm: Scripps maß 430,2 ppm, NOAA 430,5 ppm. Im April 2026 kletterte die CO2-Konzentration am Mauna Loa bereits auf 432 ppm – ein neuer Rekord (NOAA / SRF Meteo, April 2026).
Ist die Keeling-Kurve belastbar? Kritik und Einordnung
Einige Kritiker stellen die Messgenauigkeit der Keeling-Kurve in Frage oder bezweifeln, dass einzelne Standorte wie Mauna Loa repräsentativ für die gesamte Atmosphäre sind. Diese Kritik ist wissenschaftlich nicht haltbar. Die Mauna-Loa-Daten werden von einem globalen Netzwerk unabhängiger Messstationen bestätigt – von der Antarktis über Alaska bis zum deutschen Messturm Schauinsland des Umweltbundesamts. Alle Standorte zeigen denselben Aufwärtstrend.
Hinzu kommen Eisbohrkerne aus Grönland und der Antarktis, die den CO2-Gehalt der letzten 800.000 Jahre konservieren. Die Werte aus den Eisbohrkernen schließen nahtlos an die Keeling-Kurve an. Der Synthesebericht des Weltklimarats IPCC (2023) stützt sich maßgeblich auf diese kombinierten Daten.
Ein weiterer unabhängiger Beweis kommt aus der Isotopenforschung. Der österreichisch-amerikanische Chemiker Hans Suess entdeckte 1957, dass fossile Brennstoffe kein radioaktives Kohlenstoffisotop C-14 mehr enthalten – es ist nach Hunderttausenden von Jahren vollständig zerfallen. Das CO2, das wir durch Verbrennung von Kohle, Öl und Gas freisetzen, verdünnt messbar den C-14-Anteil in der gesamten Atmosphäre. Dieser sogenannte Suess-Effekt belegt unabhängig von allen Mauna-Loa-Messungen: Der CO2-Anstieg ist menschengemacht.
Was bedeuten 432 ppm für das Klima?
CO2 ist das wichtigste vom Menschen verursachte Treibhausgas. Der Anstieg von 278 auf über 432 ppm erhöht die Wärmespeicherung der Atmosphäre signifikant. Der IPCC-Synthesebericht (2023) ist eindeutig: Ohne drastische Reduktion der Treibhausgasemissionen ist das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens nicht zu halten.
Zum Vergleich: Während der letzten Eiszeit vor etwa 20.000 Jahren lag der CO2-Gehalt bei 180 bis 210 ppm. Der vorindustrielle Referenzwert betrug 278 ppm. Der aktuelle Wert liegt damit um mehr als 50 Prozent über der vorindustriellen Baseline – ein in der Menschheitsgeschichte beispielloser Anstieg in dieser Geschwindigkeit. Der Copernicus-Klimadienst bestätigt: Im Frühjahr 2026 wurde erneut ein saisonaler Höchstwert verzeichnet.
Was zeigt die Keeling-Kurve?
Die Keeling-Kurve zeigt den CO2-Gehalt der Erdatmosphu0026auml;re seit 1958. Sie dokumentiert einen kontinuierlichen Anstieg von 313 ppm (1958) auf u0026uuml;ber 432 ppm (2026) sowie ein ju0026auml;hrliches Su0026auml;gezahn-Muster durch die Vegetationsperiode der Nordhemisphu0026auml;re.
Wie hoch ist der aktuelle CO2-Wert 2025 und 2026?
Im Mai 2025 wurde erstmals ein saisonaler Hu0026ouml;chstwert von 430,5 ppm gemessen (NOAA). Das Jahresmittel 2025 lag bei 427,4 ppm. Im April 2026 wurde am Mauna Loa ein saisonaler Hu0026ouml;chstwert von 432 ppm gemessen (NOAA / SRF Meteo). Das Jahresmittel 2026 liegt gemu0026auml;u0026szlig; Met-Office-Prognose bei ~429,4 ppm.
Warum steigt der CO2-Gehalt immer schneller?
Die Anstiegsrate hat sich beschleunigt: In den 1960er-Jahren stieg die CO2-Konzentration noch um 0,86 ppm pro Jahr, in den vergangenen 15 Jahren im Mittel um 2,47 ppm pro Jahr (Umweltbundesamt, 2026). Ursache ist der wachsende Einsatz fossiler Brennstoffe und die ru0026uuml;cklu0026auml;ufige Aufnahmekapazitu0026auml;t natu0026uuml;rlicher CO2-Senken.
Was sind die ju0026auml;hrlichen Zacken in der Keeling-Kurve?
Das charakteristische Su0026auml;gezahn-Muster entsteht durch die Vegetation der Nordhemisphu0026auml;re. Im Fru0026uuml;hjahr nehmen Pflanzen CO2 auf (Photosynthese), im Herbst und Winter wird es durch Verwesung wieder freigesetzt. Die ju0026auml;hrliche Amplitude betru0026auml;gt etwa sechs ppm.
Quellen
- Scripps Institution of Oceanography (2025): „Annual Carbon Dioxide Peak Passes Another Milestone“, UC San Diego.
- NOAA Global Monitoring Laboratory (2026): „Trends in Atmospheric Carbon Dioxide – Mauna Loa, Hawaii“, NOAA.
- Umweltbundesamt (2026): „Atmosphärische Treibhausgas-Konzentrationen“, UBA.
- IPCC (2023): „Synthesebericht des Weltklimarats“, IPCC.
- Met Office (2026): „Mauna Loa carbon dioxide forecast for 2026“, UK Met Office.
- The Keeling Curve (2026): Aktuelle Messdaten, Scripps Institution of Oceanography.
- Jürg Ackermann / SRF Meteo (April 2026): „Warum wir diesen Frühling wieder einen CO2-Rekord erleben“, SRF.
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[…] Besonders bemerkenswert: Das menschengemachte Signal war bereits bei einem CO₂-Anstieg von nur 10 ppm (zwischen 1860 und 1899) nachweisbar. Zum Vergleich: Zwischen 2000 und 2025 ist der CO₂-Wert um rund 50 ppm gestiegen. Insgesamt liegt der Zuwachs seit dem ursprünglich messbaren Zeitpunkt inzwischen bei etwa 140 ppm (vgl. dazu Keeling-Kurve). […]