Eindrücke vom Rundgang durchs tesa-Werk mit K. Fegebank (Foto: tesa)
tesa setzt auf H2: Wie der Klebeband-Hersteller Hamburgs Industrie-Transformation antreibt
950.000 Euro Förderung für Netzanschluss und vier Dekarbonisierungs-Säulen. Größtes tesa-Werk soll klimaneutral werden.
tesa, der Hamburger Klebeband-Hersteller und Beiersdorf-Tochter, rüstet sein größtes Produktionswerk auf grünen Wasserstoff um. Ende März 2026 übergab Umweltsenatorin Katharina Fegebank eine Förderzusage der Stadt in Höhe von 950.000 Euro an das Unternehmen. Damit wird tesa am Standort Hamburg-Hausbruch als erster industrieller Abnehmer an das Hamburger Wasserstoff-Industrie-Netz HH-WIN angeschlossen. Die Versorgung mit grünem Wasserstoff soll bereits 2027 starten.
Der Fall ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Er zeigt, dass die industrielle Wasserstoffnutzung in Deutschland nicht mehr nur auf dem Papier existiert, sondern konkrete Bauaufträge, Netzanschlüsse und Zeitpläne hat. Und er macht greifbar, was der Hamburger Zukunftsentscheid vom Oktober 2025 in der Praxis bedeutet: Die Bürgerinnen und Bürger der Hansestadt haben mit 53 Prozent dafür gestimmt, die Klimaneutralität von 2045 auf 2040 vorzuziehen. Projekte wie der tesa-Umbau sind der Lackmustest dafür, ob dieses Ziel erreichbar ist.
Vier Säulen für eine klimaneutrale Klebeband-Produktion
Die Herstellung von Klebebändern ist energieintensiver, als man vermuten würde. Beschichtungs- und Trocknungsprozesse erfordern hohe Temperaturen und große Mengen Prozessdampf. Bislang liefern erdgasbefeuerte Dampfkessel diese Energie. Das Transformationskonzept von tesa setzt an vier Stellen an: grüner Wasserstoff für die Hochtemperaturprozesse, Elektrifizierung von Prozessdampf mit thermischen Wärmespeichern für niedrigere Temperaturstufen, KI-gestützte Energiesteuerung und kontinuierliche Effizienzsteigerung.
Lesen Sie auch: Kraftblock Tata Steel Abwärme statt Erdgas
Die Arbeitsteilung zwischen Wasserstoff und Strom folgt dabei einem Prinzip, das Energieexperten seit Jahren fordern: Elektrifizierung zuerst, Wasserstoff dort, wo direkte Elektrifizierung technisch oder wirtschaftlich nicht sinnvoll ist. Konkret bedeutet das: Trocknungsöfen und thermische Beschichtungsstufen, die hohe Temperaturen brauchen, werden künftig mit Wasserstoffbrennern betrieben. Vorwärm- und Konditionierungsprozesse laufen über ein Power-to-Heat-System mit integriertem Wärmespeicher, das Strom in Zeiten niedriger Börsenpreise aufnimmt und die Wärme bei Bedarf abgibt.
Technisch erfordert der Brennstoffwechsel von Erdgas auf Wasserstoff mehr als den Austausch einer Düse. Wasserstoff brennt mit deutlich höherer Flammengeschwindigkeit, hat einen breiteren Zündbereich und bildet bei ungünstiger Verbrennung mehr Stickoxide. Die neuen H2-ready-Dampfkessel brauchen deshalb andere Brennergeometrien, eine angepasste Verbrennungsluftführung und präzisere Flammenüberwachung.
Im tesa-Werk werden in einer ersten Stufe die erdgasbefeuerten Kessel durch solche Systeme ersetzt, ergänzt um Wasserstoffturbinen für die kombinierte Strom- und Wärmeerzeugung vor Ort.
Für die Elektrifizierungs-Säule arbeitet tesa mit dem Cleantech-Unternehmen ENERGYNEST zusammen, der thermische Speichermodule auf Betonbasis liefert. Das System entkoppelt den Zeitpunkt des Strombezugs vom Wärmebedarf in der Produktion: Wenn nachts oder an windreichen Wochenenden die Strompreise fallen, lädt der Speicher auf. In den Produktionsspitzen unter der Woche gibt er die Wärme als Dampf wieder ab. Das reduziert nicht nur den Wasserstoffverbrauch, sondern auch die Stromspitzen und damit die Netzentgelte.
Die KI-Steuerung optimiert die Lastverteilung zwischen beiden Systemen in Echtzeit. Bei hoher Verfügbarkeit von günstigem Erneuerbaren-Strom läuft Power-to-Heat maximal, die Wasserstoffbrenner fahren herunter. Bei angespannten Strompreisen ist es umgekehrt. Die Steuerung berücksichtigt dabei Produktionspläne, Energiepreise, Netzsignale und Speicherfüllstände gleichzeitig. tesa investiert nach eigenen Angaben bis 2030 insgesamt rund 300 Millionen Euro in die Transformation seiner weltweiten Standorte.

Das Unternehmen hat seine CO₂-Emissionen in Scope 1 und 2 bereits um 50 Prozent reduziert und bezieht 90 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Quellen. Für diese Leistung wurde tesa 2026 zum dritten Mal in Folge mit dem CDP-A-Rating und der EcoVadis-Goldmedaille ausgezeichnet.
HH-WIN: Hamburgs Wasserstoff-Rückgrat nimmt Gestalt an
Der Anschluss von tesa ist eingebettet in den Aufbau einer Infrastruktur, die weit über ein einzelnes Werk hinausreicht. Das Hamburger Wasserstoff-Industrie-Netz HH-WIN, betrieben von den Hamburger Energienetzen, soll 2027 mit rund 40 Kilometern Leitungslänge im Hafengebiet in Betrieb gehen. Bis 2031/32 wächst es auf 60 Kilometer. Bereits 18 Kilometer Trasse sind fertiggestellt. HH-WIN ist Teil des nationalen Wasserstoff-Kernnetzes und damit an die großen Energiezentren im Süden Deutschlands angebunden.
Am früheren Kraftwerksstandort Moorburg entsteht parallel der Hamburg Green Hydrogen Hub (HGHH) mit einem 100-MW-Elektrolyseur von Siemens Energy, ausgelegt auf rund 10.000 Tonnen grünen Wasserstoff pro Jahr. Der Baubeginn erfolgte im Dezember 2025, die kommerzielle Inbetriebnahme ist für 2027 geplant.
Eine Einspeiseanlage mit Verdichterstation wird den vor Ort erzeugten Wasserstoff direkt ins Netz bringen. Das Druckniveau von 25 bis 70 bar erlaubt dabei eine bidirektionale Nutzung: Hamburg kann Wasserstoff sowohl von verschiedenen Anbietern beziehen als auch ins überregionale Netz einspeisen.
Für tesa selbst wird eine Übergabestation mit einer Anschlussleistung von 25 MW errichtet, die den Netzdruck auf das für die Werksanlagen passende Niveau reduziert und den Verbrauch bilanziert. Die Fördermittel der IFB Hamburg decken genau diese „letzte Meile“ zwischen dem HH-WIN-Netz und dem Werksgelände sowie die technische Umrüstung der Produktionsanlagen. Das Geld stammt aus dem Hamburger Klimaplan und fließt über das Programm „Unternehmen für Ressourcenschutz“, das die Umweltbehörde im Dezember 2025 gezielt um eine Wasserstoff-Komponente erweitert hat.
Es schließt eine Lücke in der Förderlandschaft: Während Bund und EU den Aufbau der großen Infrastruktur finanzieren, fehlte bislang ein Instrument für den letzten Abschnitt zwischen Verteilnetz und Werkstor.
Der Zeitplan ist ambitioniert, aber klar strukturiert: 2026 Infrastruktur-Bau, 2027 Start der Wasserstofflieferung und des Power-to-Heat-Betriebs, bis 2030 schrittweise Erweiterung, bis Erdgas vollständig verdrängt ist. tesa ist dabei nicht das einzige Unternehmen im Hamburger Hafen, das auf Wasserstoff umstellen will. HH-WIN ist so konzipiert, dass weitere industrielle Abnehmer angeschlossen werden können, von der Metallindustrie bis zur Chemie.
Der Unterschied zu vielen anderen Wasserstoffprojekten in Deutschland: Hier steht kein einzelnes Leuchtturmexperiment, sondern ein vernetztes System aus Erzeugung, Verteilung und industrieller Nutzung vor der Inbetriebnahme.
Was bedeutet das für den Industriestandort Hamburg?
Der tesa-Fall bündelt drei Ebenen, die in der deutschen Wasserstoffdebatte selten gleichzeitig so greifbar werden: ein konkretes Unternehmen mit einem konkreten Umrüstungsplan, eine städtische Infrastruktur, die tatsächlich gebaut wird, und ein demokratisch legitimiertes Klimaziel, das den Rahmen setzt. Der Zukunftsentscheid vom Oktober 2025 verpflichtet Hamburg zu jährlichen CO₂-Budgets und einer Schätzbilanz, die erstmals Ende Juni 2026 fällig wird. Wenn der Senat vom Reduktionspfad abweicht, muss er innerhalb von fünf Monaten Gegenmaßnahmen vorlegen.
Für die Hamburger Industrie bedeutet das: Planungssicherheit in beide Richtungen. Unternehmen wie tesa wissen, dass die politische Richtung verbindlich ist und sich Investitionen in die Transformation lohnen. Gleichzeitig steigt der Druck auf Betriebe, die noch zögern. Die Handelskammer Hamburg hat sich unabhängig vom Zukunftsentscheid selbst das Ziel gesetzt, 2040 klimaneutral zu sein. Eine Studie von OECD und Handelskammer bestätigte: Klimaneutralität der Hamburger Wirtschaft bis 2040 ist machbar.
Vor der Abstimmung im Oktober warnten Industrievertreter vor Deindustrialisierung und dem Verlust von Arbeitsplätzen. Das tesa-Beispiel zeigt das Gegenteil: Ein Global Player mit 1,7 Milliarden Euro Umsatz und rund 5.400 Beschäftigten verknüpft sein Bekenntnis zum Standort Hamburg explizit mit den Klimazielen der Stadt. Wirtschaftssenatorin Melanie Leonhard brachte es bei der Übergabe auf den Punkt: Eine funktionierende Wasserstoffwirtschaft brauche enge Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft, und Hamburg bringe den Anschluss industrieller Verbraucher ans Leitungsnetz nicht nur in der Planung, sondern ganz konkret voran.
Dass Hamburg damit nicht allein steht, zeigt der Blick über die Landesgrenzen: Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz peilen ebenfalls Klimaneutralität bis 2040 an. Hamburg ist aber das einzige Bundesland, in dem sich die Bürgerinnen und Bürger ihr Klimaschutzgesetz selbst per Volksentscheid gegeben haben. Das verleiht dem Ziel eine demokratische Legitimation, die politisch schwerer zu ignorieren ist als ein Kabinettsbeschluss.
tesa-CTO Dr. Ingrid Sebald formulierte es bei der Übergabe der Förderzusage so: Das Unternehmen brauche Energiesicherheit, weniger Abhängigkeit von Gasimporten und Schutz vor steigenden CO₂-Preisen. Das sind keine Altruismus-Argumente. Es sind betriebswirtschaftliche Kalkulationen eines Unternehmens, das in über 100 Ländern aktiv ist und seine Kunden zunehmend bei deren eigenen Nachhaltigkeitszielen unterstützen muss.
Wer heute noch auf fossile Prozesswärme setzt, riskiert morgen Wettbewerbsnachteile bei Kunden, die Scope-3-Emissionen in der Lieferkette reduzieren wollen.
Ausblick: Hamburg als Blaupause für industriellen Wasserstoff
Der Fall tesa ist kein Leuchtturmprojekt im üblichen Sinne – er ist bodenständiger und gerade deshalb relevanter. Ein mittelgroßer Industriebetrieb mit energieintensiven Prozessen zeigt, wie die Umrüstung auf grünen Wasserstoff und Power-to-Heat im laufenden Betrieb funktionieren kann, ohne die Produktion zu unterbrechen. Die intelligente Lastaufteilung zwischen Wasserstoff und Strom, gesteuert durch KI, könnte zum Muster für viele produzierende Unternehmen werden, die vor ähnlichen Entscheidungen stehen.
Entscheidend wird sein, ob Hamburg das Versprechen des Zukunftsentscheids einlöst. Die erste CO₂-Schätzbilanz im Sommer 2026 wird zeigen, wie ernst es die Stadt meint. Wenn das HH-WIN-Netz 2027 tatsächlich in Betrieb geht und der Elektrolyseur in Moorburg liefert, hat Hamburg etwas vorzuweisen, woran es der deutschen Wasserstoffstrategie bislang mangelt: eine funktionierende Prozesskette vom Elektrolyseur über das Verteilnetz bis zum industriellen Endkunden. Nicht als Pilotprojekt, sondern im Regelbetrieb.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.