Litherm: Vollelektrische Kalzinierung ohne fossile Brennstoffe

Dekarbonisierung der Grundstoffindustrie

Wie das Cleantech-Startup Litherm die Hard-to-abate-Emissionen der Kalk- und Zementindustrie knackt: mit Wirbelschichttechnologie und integriertem Carbon Capture.

Die Kalk- und Zementindustrie steht vor einem Dilemma: Rund 70 Prozent ihrer CO₂-Emissionen entstehen nicht durch Brennstoffe, sondern durch die chemische Kalzinierungsreaktion selbst. Einfache Elektrifizierung scheitert hier. Litherm Technologies aus Wernigerode in Sachsen-Anhalt hat einen Ansatz entwickelt, der genau diesen Hard-to-abate-Anteil löst. Global verursachen Zement und Kalk rund acht Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen.


Litherm war das erste deutsche Cleantech-Unternehmen, das in das renommierte Breakthrough Energy Fellowship-Programm von Bill Gates aufgenommen wurde.

Keine Verbrennung, nur Strom

Litherm ersetzt den konventionellen Kalkofen durch eine vollelektrische Wirbelschicht-Kalzinierung. Weder Gas noch Kohle werden verbrannt. Stattdessen erhitzt Strom direkt das feinkörnige Rohmaterial. Das Ergebnis: keine Rauch- oder Abgase aus fossilen Brennstoffen. Das bei der Kalkherstellung unvermeidliche Prozess-CO₂ fällt in hochkonzentrierter Form an und steht direkt für CCU- oder CCS-Verwertung bereit.

Besonders clever: Die CO₂-Abscheidung ist prozessintegriert in die Wärmerückgewinnung eingebunden. Keine zusätzlichen Anlagen, kein Extra-Energieaufwand. „Unsere Technologie adressiert genau den Teil der Emissionen, der sich in der Kalk- und Zementindustrie nicht durch einfache Elektrifizierung lösen lässt”, erklärt CEO Felix Nelles. „Dass wir das Carbon Capture ohne zusätzlichen Anlagenaufwand und Energiebedarf in den Prozess integrieren können, ist ein zentraler Hebel für die Wirtschaftlichkeit.

Auf dem Gelände der Fels-Werke in Elbingerode (Sachsen-Anhalt) läuft bereits eine Pilotanlage. Die 6,5 Millionen Euro Seed-Finanzierung vom März 2026 dient nun dem nächsten Schritt: ersten kommerziellen Demonstrationsanlagen. Ziel ist die Skalierung für den großindustriellen Einsatz.

Die Investorenliste spricht für sich: An Bord sind bmp Ventures mit den IBG-Fonds des Landes Sachsen-Anhalt, der kanadische Weltmarktführer Graymont, SkreenHouse Ventures (die Innovationsplattform des britischen Baustoffkonzerns SigmaRoc), die Schweizer Kalkfabrik Netstal, die Breakthrough Energy Foundation sowie UnternehmerTUM. „Die Kombination aus vollelektrischer Produktion und direkt nutzbarem CO₂ als Nebenprodukt ist einzigartig“, betont Graymont-Vizepräsident David Chamberlain.

Was bedeutet das für die Industrie?

Kalk ist ein Grundstoff, der in Dutzenden Industrieprozessen steckt: von der Stahlherstellung über die Wasseraufbereitung bis zur Bauindustrie. Wer Kalk dekarbonisiert, dekarbonisiert ganze Wertschöpfungsketten. Bisher galt die Kalzinierung als einer der hartnäckigsten fossilen Prozesse überhaupt, weil das CO₂ nicht aus dem Brennstoff, sondern aus dem Gestein selbst kommt. Litherms Ansatz löst beide Probleme gleichzeitig: kein fossiler Brennstoff und das Prozess-CO₂ wird als verwertbares Koppelprodukt abgeschieden.

Auch im verwandten Betonbereich gibt es Fortschritte: Das Schweizer Cleantech-Unternehmen Neustark recycelt Abbruchbeton und mineralisiert dabei CO₂ zu einem Zementersatz. Kennzeichen dieser Technologie: Neustark skaliert rasch und ist nach wenigen Jahren schon in mehreren Ländern aktiv. Auch in Deutschland. Zwei Technologien, ein Ziel: die Grundstoffindustrie aus dem fossilen Lock-in befreien.

Litherm-Ausblick: Pragmatischer Angriff auf ein fossiles Bollwerk

Das Cleantech-Startup Litherm ist kein Hype-Unternehmen. Es ist ein pragmatischer Angriff auf eines der letzten großen fossilen Bollwerke der Industrie. Die Technologie steht, die Pilotanlage läuft, die Industriepartner sind an Bord. Der nächste Schritt ist die Demonstration im kommerziellen Maßstab.

Wenn das gelingt, hat Sachsen-Anhalt eine Technologie hervorgebracht, die weltweit Milliarden Tonnen CO₂ einsparen könnte. Genau dort, wo einfache Elektrifizierung nicht reicht. Die Skalierbarkeit könnte zum entscheidenden Vorteil der Lösung aus Ostdeutschland werden. Noch ist es aber eine Wegstrecke bis dahin, die das Team zurücklegen muss.

Lesen Sie auch zum Thema Negativemissionen.

aafcbbc54e0c4da2a1ee07090c19f2d1
0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x