
Mutmacherin Judith und Mutmacher Thomas: Energiewende für 17.500 Euro
In der Mutmacher-Serie erzählen Cleanthinking-Leser über ihre persönliche Transformation
Mutmacherin Judith (58) und Mutmacher Thomas (57) aus Baden-Württemberg leben in einem umgebauten Haus aus den 70er-Jahren in einem kleinen Dorf. Vor drei Jahren tauschten sie ihre alte Elektroheizung gegen Klimasplitgeräte, im vergangenen Jahr kam eine 4,7-kW-Solaranlage mit 5-kW-Speicher dazu. Ein E-Auto ist für 2026 geplant. Gesamtinvestition bisher: 17.500 Euro. Weniger als eine längere Kreuzfahrt, weniger als eine neue Designerküche – und mit deutlich mehr Zukunft.
Während viele Mutmacher in dieser Serie von einem konkreten Auslöser berichten wie einer kaputten Heizung, einem technischen Aha-Erlebnis, einem Moment der Empörung, ist die Geschichte von Judith und Thomas anders. Bei ihnen war es kein einzelner Wendepunkt, sondern eine Haltung: Kleine Schritte in die richtige Richtung, pragmatisch und ohne Missionseifer. Ihre Geschichte zeigt, dass die Energiewende kein Großprojekt sein muss – und dass die Frage „Rechnet sich das?“ die falsche Frage ist.
40 Prozent weniger Heizkosten – für 7.000 Euro Im Rahmen eines Um- und Anbaus haben Judith und Thomas sich für Klimasplitgeräte entschieden – also Luft-Luft-Wärmepumpen. Ein ungewöhnlicher, aber kluger Weg: Das Haus wurde vorher bereits elektrisch beheizt. Statt eine aufwändige Wasserinstallation für eine klassische Luft-Wasser-Wärmepumpe nachzurüsten, setzten sie auf die effizienteren Splitgeräte. Kostenpunkt: rund 6.000 bis 7.000 Euro inklusive Einbau – deutlich günstiger als jede andere Heizungsalternative.
Das Ergebnis spricht für sich: 40 Prozent weniger Heizkosten im Vergleich zur alten Elektroheizung. Die Wände sind normal gedämmt, mit einer besseren Dachdämmung wäre noch mehr drin. Aber schon der Gerätetausch allein hat sich gerechnet. Für besonders kalte Tage steht ein Kaminofen bereit – den beschreibt Thomas aber eher als Luxus denn als Notwendigkeit. Die Wärmepumpe funktioniere auch im Winter tadellos.
Das ist ein wichtiger Punkt, der in der öffentlichen Debatte gerne untergeht: Nicht jede Wärmepumpe braucht Fußbodenheizung und Vollsanierung. Bei Judith und Thomas reichten Splitgeräte, die in wenigen Tagen installiert waren.
Für die vielen Häuser in Deutschland mit bestehender Elektroheizung ist das ein besonders einfacher und günstiger Umstieg.
4,7 Kilowattpeak Solar am Schattenhang
Im vergangenen Jahr kam die Photovoltaikanlage dazu: 4,7 Kilowatt Leistung auf dem Dach, dazu ein 5-kWh-Speicher. Kosten: 10.500 Euro. Im Sommer produziert die Anlage reichlich Überschuss. Von Mitte November bis Mitte Februar allerdings fast nichts – das Haus liegt an einem Schattenhang, auf den in diesen Monaten kaum Sonne fällt. Ein perfekter Solarstandort ist das nicht.
Aber Judith und Thomas haben sich davon nicht abhalten lassen. Sie wissen: Der Großteil des Jahres bringt genug Ertrag, und die Eigenverbrauchsquote mit Speicher ist hoch genug, um die Investition über die Jahre einzufahren. Die geschätzte Amortisationszeit von rund zehn Jahren nehmen sie gelassen – und stellen stattdessen die Gegenfrage, die diese ganze Mutmacher-Geschichte auf den Punkt bringt.
Die Kreuzfahrt-Frage
Wer rechnet bei einer neuen Küche die Amortisation aus? Wer kalkuliert den Return on Investment einer längeren Kreuzfahrt? Menschen investieren ständig fünfstellige Summen in Dinge, bei denen niemand nach der Wirtschaftlichkeit fragt. Aber sobald es um Solaranlage oder Wärmepumpe geht, muss sich alles in sieben Jahren rechnen – sonst taugt es angeblich nichts.
Judith und Thomas drehen die Logik um: Ihre 17.500 Euro sind eine Investition in niedrigere laufende Kosten, in Unabhängigkeit von steigenden Energiepreisen und in ein gutes Gewissen.
Alles, was eine Kreuzfahrt nicht bietet. Und wenn die Heizung ohnehin irgendwann kaputt geht, muss man sowieso investieren – dann doch lieber in Zukunftstechnologie als in die fossile Kostenfalle. Es ist ein Argument, das man sich merken sollte. Denn die Amortisationsdebatte ist oft nichts anderes als eine bequeme Ausrede, nichts zu verändern.
Naturgarten, Nachbarn und das geplante E-Auto
Die Energiewende hört bei Mutmacherin Judith und Mutmacher Thomas nicht an der Hauswand auf. In ihrem Naturgarten sind sie dabei, einen Teich anzulegen und haben heimische Pflanzen gesetzt, um Artenvielfalt zu fördern. Auch das kostet Geld, auch das „rechnet sich nicht“ im betriebswirtschaftlichen Sinne – aber die blühende Wiese und die Insekten sind für die beiden unbezahlbar. Ob der Wildwuchs oder der akkurat gemähte Nachbarrasen mehr Arbeit macht, darüber lässt sich trefflich streiten.
Noch fahren Judith und Thomas einen Verbrenner – das Auto ist der letzte fossile Baustein. Doch ein Elektroauto ist für dieses Jahr geplant. Dann wäre das Dorf-Häuschen aus den Siebzigern komplett fossilfrei versorgt. Bemerkenswert: Viele Nachbarn in ihrem Dorf handeln ähnlich. Die Energiewende passiert hier nicht als Vorzeigeprojekt, sondern als stille Normalität — Dach für Dach, Haus für Haus.
Mutmacherin Judith und Mutmacher Thomas: Die Transformation im Überblick
Haus aus den 1970ern in Baden-Württemberg, um- und angebaut:
✓ Wärme: Klimasplitgeräte (Luft-Luft-Wärmepumpen), ca. 6.000–7.000 € – 40 % weniger Heizkosten
✓ Strom: 4,7-kW-PV-Anlage + 5-kW-Speicher, 10.500 €
✓ Mobilität: E-Auto in Planung für 2026
✓ Gesamtinvestition: ca. 17.500 €
✓ Besonderheit: Schattenhang-Lage, Naturgarten mit Teich und heimischen Pflanzen
„Es macht uns einfach froh“
Wo Mutmacherin Barbara aus Sachsen-Anhalt unter dem Druck einer kaputten Gastherme und knapper Reserven handeln musste und Mutmacher Dominic aus der Schweiz seine Entscheidungen als „leicht gefallen“ beschreibt, stehen Judith und Thomas für eine dritte Perspektive: die ruhige, überlegte Transformation ohne Druck und ohne Drama. Schritt für Schritt, im eigenen Tempo, mit einem Budget, das überschaubar bleibt.
Für die beiden sind Information, Verantwortungsgefühl und eine zukunftsgerichtete Lebenseinstellung entscheidend. Auch ein Balkonkraftwerk sei ein erster Schritt, betonen sie. Es brauche kein großes finanzielles Budget – nur den Willen, etwas Positives für das eigene Lebensumfeld beizutragen.
„Es macht uns einfach froh, die Stromproduktion unserer Solaranlage zu sehen und zu wissen, dass wir dazu beitragen können, den Verbrauch von Öl und Gas zu verringern“, sagen Judith und Thomas.
Und damit beantworten sie die Frage, ob sich die Energiewende rechnet, auf die einzig richtige Art: Die Frage ist nicht, ob sich 17.500 Euro amortisieren. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, nichts zu tun.
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Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.
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