Ökologischer Kalter Krieg - Symbolbild (KI)
Hat ein ‚Ökologische Kalte Krieg‘ bereits begonnen?
Geopolitik und Energiewende
Historiker Nils Gilman beschreibt, wie sich die Welt in Petrostaaten und Elektrostaaten spaltet. Welchen Weg geht Europa?
Die Anzeichen verdichten sich: Ein „Ökologischer Kalter Krieg“ hat begonnen. Spätestens seit der Wiederwahl Donald Trumps ist überdeutlich: geopolitisch geht es nicht mehr um Demokratie gegen Autokratie, sondern um den Erhalt fossiler Macht. Allen voran der Historiker Nils Gilman hat in einem Essay für das US-Magazin Foreign Policy den energetischen Kampf Öl gegen Strom beschrieben und formuliert, wie die Dekarbonisierung die geopolitische Landkarte neu zeichnet.
Auf der einen Seite formiert sich im Rahmen dieses neuen Kalten Krieges eine Achse der Petrostaaten, angeführt von den USA unter Donald Trump, Russland und Saudi-Arabien. Auf der anderen Seite entsteht eine Grüne Entente unter Führung Chinas. In der Mitte: Europa, das sich entscheiden muss.
Gilmans Analyse geht weit über Klimapolitik hinaus. Was sich gerade formiert, ist ein Konflikt um die metabolische Grundlage moderner Gesellschaften. Der Kampf entscheidet, ob die Zukunft auf fossilen Brennstoffen oder auf Elektrifizierung gebaut wird. Diese Umstrukturierung von Allianzen dreht sich laut Gilman „um konkurrierende Visionen und Narrative der Moderne” oder konkreter: darüber, was es braucht, um zu modernisieren, zu überleben und zu gedeihen.
Ökologischer kalter Krieg: Wird die Zukunft zukunftsorientiert, grün und mutig planetar sein – oder rückwärtsgerichtet, kohlenstoffintensiv und ausgesprochen souveränistisch?
Fossile Brennstoffe als Machtinstrument
Die überraschendste These Gilmans betrifft die Vereinigten Staaten. Der weltweit größte Öl- und Gasproduzent hat sich vordergründig vom Wettbewerb um grüne Technologien verabschiedet. Was unter Joe Biden noch als Konkurrenz mit China um die beste Methode der Energiewende angelegt war, hat sich in eine fundamental andere Auseinandersetzung verwandelt.
Trump bekämpft nicht nur Chinas Dominanz bei Solarmodule und Batterien. Er bekämpft die Idee der Energiewende selbst. Und behauptet wissenschaftsfern, der menschengemachte Klimawandel sei ein Schwindel.
Hinter dieser Ablehnung steckt laut Gilman eine tiefere ideologische Formation: eine petro-populistische Vision der USA als Land grenzenloser Energie und göttlichen Anspruchs auf kohlenstoffintensive Modernität. Fossile Brennstoffe werden nicht nur zum Rohstoff, sondern zum Symbol kultureller Autonomie und politischer Trotzhaltung.
Die Allianz mit Russland und Saudi-Arabien ergibt in dieser Logik sowohl praktisch als auch ideologisch Sinn. Was diese drei Staaten verbindet, ist nicht ein gemeinsames Regierungsmodell. Es ist ein gemeinsames Interesse an der Macht, die jeder von ihnen aus fossiler Souveränität ableitet.
Sie wollen, dass andere Staaten weiterhin von fossilen Brennstoffen abhängig bleiben, weil diese Abhängigkeit für sie geopolitischen Einfluss bedeutet.
Drei Petrostaaten, drei Motive
Für Russland sind Kohlenwasserstoffe nicht nur eine wirtschaftliche Lebensader, sondern die Grundlage geopolitischer Relevanz und zivilisatorischer Selbsterzählung. Die Einnahmen aus Öl und Gas finanzieren Patronagenetzwerke im Inland und militärische Abenteuer im Ausland. In Putins revanchistischer Erzählung sind fossile Brennstoffe mit imperialem Erbe verknüpft.
Der grüne Übergang droht, russische Vermögenswerte zu entwerten, den Staatshaushalt auszuhöhlen und das Land aus den technologischen Wertschöpfungsketten der Zukunft zu drängen.
Saudi-Arabien verfolgt eine andere Strategie, die mindestens ebenso beunruhigend ist. Das Königreich will fossile Brennstoffe nicht auslaufen lassen. Es will sie monopolisieren. Saudisches Öl gehört zu den günstigsten und am wenigsten CO₂-intensiven weltweit.
Das Kalkül: Wenn andere Produzenten unter dem Druck der Dekarbonisierung aussteigen, bleibt Saudi-Arabien als letzter Anbieter übrig. Das Haus Saud nutzt seine Öleinnahmen, um sowohl die innere Gesellschaftsordnung als auch den internationalen Einfluss zu finanzieren. Klimagovernance betrachtet Riad nicht als Verantwortung, sondern als Eingriff in souveräne Vorrechte.
Und die USA? Trump hat das, was zuvor rechte Talkshow-Rhetorik war, zur harten Politik gemacht. Die Vereinigten Staaten sind der weltweit größte Produzent fossiler Brennstoffe. Die Aufrechterhaltung globaler fossiler Förderung ist eine zentrale Säule der geopolitischen Strategie geworden.
Gilman beschreibt diese Entwicklung als Verfestigung einer petro-nationalistischen politischen Ökonomie, in der fossile Brennstoffe zum Bollwerk gegen kosmopolitische grüne Regierungsführung werden.
Chinas Sprung zum Green-Tech-Hegemon
Die Gegenseite führt ein Land an, das vor zwei Jahrzehnten noch als größter Umweltverschmutzer der Welt galt. China hat den Sprung vom ökologischen Problemfall zum Green-Tech-Hegemon geschafft. Nicht trotz, sondern wegen seines autoritären Systems. Pekings Kombination aus technokratischem Ehrgeiz und kompromissloser Top-down-Governance umgeht die prozeduralen Reibungen, die Demokratien behindern: Genehmigungsverfahren, regulatorische Fragmentierung, politische Kurzfristigkeit.
Die Zahlen sind erdrückend. China produziert mehr als 80 Prozent der weltweiten Solarpanels und über 70 Prozent der Lithium-Ionen-Batterien. Es kontrolliert den Großteil der Verarbeitung von Schlüsselmineralien wie Lithium, Kobalt und Seltenen Erden. Zwischen 2010 und 2020 senkte China die Kosten für Solar-PV-Module um mehr als 80 Prozent und unterbot westliche Hersteller so massiv, dass viele bankrottgingen.
Allein 2023 installierte das Land mehr Solarkapazität als der gesamte Rest der Welt im Vorjahr.
Diese Dominanz beschränkt sich nicht auf den Export. Im Inland betreibt China die weltweit größte Flotte von Elektrofahrzeugen und das umfangreichste Hochgeschwindigkeitsnetz. Es führt bei Elektrobussen, bei Wind Offshore und bei der Batteriechemie. Gilman nennt das, was hier entsteht, einen grünen Autoritarismus.
Und er weist auf einen unbequemen Punkt hin: So wie die Kontrolle der OPEC über Öl im 20. Jahrhundert geopolitischen Einfluss verschaffte, verleiht Chinas Griff auf die grüne Lieferkette ihm im 21. Jahrhundert enormen Hebel.
Was bedeutet das für Europa und Deutschland?
Gilman skizziert die Möglichkeit einer sino-europäischen „Grünen Entente”. China und die EU sind die beiden größten Ölimporteure der Welt. Genau deshalb sind beide zu den schnellsten Entwicklern erneuerbarer Energien geworden. Europa hat die Folgen fossiler Abhängigkeit am eigenen Leib erfahren, als Russland 2022 den Gashahn zudrehte.
Jetzt droht eine neue Abhängigkeit: US-amerikanisches Flüssiggas, geliefert von einem zunehmend feindseligen Partner. Und Gilmans Analyse entstand vor dem Iran-Krieg und der Schließung der Straße von Hormus.
Die Konvergenz mit China wäre nicht ideologisch, sondern pragmatisch: Europa bietet wohlhabende Märkte und ein stabiles politisches Bekenntnis zu Klimaschutz, China liefert die industrielle Kapazität. Das klingt aus der Perspektive demokratischer Werteallianzen befremdlich.
Aber Gilman argumentiert, dass die zentrale geopolitische Frage des 21. Jahrhunderts nicht mehr lautet, welches Regierungsmodell den besten Weg zu Wohlstand bietet. Sondern wie planetare Herausforderungen am effektivsten bewältigt werden.
Für Deutschland bedeutet diese Analyse eine unangenehme Klarstellung. Wer den Ausbau von LNG-Infrastruktur vorantreibt und den Erneuerbaren-Ausbau bremst, trifft in Gilmans Logik keine energiepolitische Entscheidung. Er trifft eine geopolitische.
Jede fossile Infrastruktur-Investition bindet das Land für Jahrzehnte an die Petrostaaten-Achse. Jeder Ausbau von Solar, Wind und Batteriespeichern bringt strategische Autonomie, auch wenn die Abhängigkeit von chinesischer Technologie ein eigenes Problem darstellt.
Ökologischer Kalter Krieg: Die Blockwahl dieser Generation
Gilmans Analyse hat Schwächen. Die Blocklogik ist bewusst zugespitzt. China baut weiterhin Kohlekraftwerke, die USA haben trotz Trump einen boomenden Solarmarkt. Die Welt ist nicht so binär, wie das Ökologischer Kalter Krieg-Schema suggeriert. Aber die Grundrichtung seiner Argumentation ist schwer zu widerlegen: Die Energiewende ist längst keine rein technische oder ökonomische Frage mehr. Sie ist der Schmelztiegel einer neuen geopolitischen Ordnung.
Für die Petrostaaten geht es um existenzielle Bedrohung. Gilman erwartet keinen passiven Rückgang, sondern aktiven Widerstand: Energiemärkte als Waffe, Cyberangriffe auf grüne Infrastruktur, Klimadesinformation als ideologische Gegenerzählung.
Für Europa und Deutschland bleibt die Frage, ob sie Zuschauer oder Gestalter dieser Neuordnung sein wollen.
Die Entscheidung zwischen Petrostaaten-Abhängigkeit und Elektrostaat-Zukunft ist keine abstrakte geopolitische Übung. Sie fällt in jedem Genehmigungsverfahren für Windräder, in jeder Kaufentscheidung für Wärmepumpen, in jeder politischen Debatte über den Verbrennungsmotor. Wer Gilmans Analyse ernst nimmt, erkennt: Die Energiewende ist kein Klimaprojekt. Sie ist die geopolitische Grundsatzentscheidung dieser Generation.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.