Bild: Frankfurt School
Roland Koch preist Reiches Energiepolitik – und entlarvt dabei die fossile Doppelmoral
Ex-Ministerpräsident Roland Koch behauptet im Kommentar für die Ludwig-Erhard-Stiftung, Katherina Reiche setze Marktwirtschaft bei Erneuerbaren Energien um. Stimmt das?
Der ehemalige hessische Ministerpräsident Roland Koch feiert Katherina Reiches Energiepolitik als Rückkehr zur Marktwirtschaft. Sein Kommentar für die Ludwig-Erhard-Stiftung liest sich wie ein Lehrstück der freien Marktwirtschaft. Doch wer genau hinschaut, findet darin vor allem eines: die perfekte Blaupause fossiler Doppelmoral. ist Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung. Die Kernthese: Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche befreie die erneuerbaren Energien endlich aus dem „Subventions-Eldorado“ und führe sie in den richtigen Markt. „Bezahlt werden sollte nur, was auch gebraucht wird“, schreibt Koch. „Zurück zur Marktwirtschaft“, fordert er. Klingt vernünftig. Ist es aber nicht.
Roland Koch: Die Doppelmoral in einem Satz
Mario Buchinger, Wirtschaftsingenieur und Berater, bringt es in seiner Antwort auf LinkedIn auf den Punkt: „Leider fordern Sie von den Erneuerbaren das, was bei Fossilen und Nuklear immer konsequent ignoriert wird: Marktkonformität.“
Das ist der zentrale Widerspruch in Kochs gesamtem Kommentar: Er fordert Marktwirtschaft für Windräder und Solaranlagen, während fossile Energieträger in Deutschland weiterhin mit zweistelligen Milliardenbeträgen subventioniert werden. Laut Umweltbundesamt beliefen sich die umweltschädlichen Subventionen in Deutschland zuletzt auf über 65 Milliarden Euro pro Jahr.
Die G7-Staaten haben 2016 versprochen, fossile Subventionen bis 2025 abzubauen. Stattdessen hat Deutschland sie um 49 Prozent gesteigert – die zweithöchste Steigerungsrate in der gesamten G7-Gruppe.
Davon steht in Kochs Kommentar kein Wort. Kein einziges.
Wenn der Markt nur für Erneuerbare gelten soll
Roland Koch, der auch an der Frankfurt School als Professor wirkt, schreibt, das EEG habe aus einem „marktwirtschaftlich gesteuerten Energieversorgungssystem“ ein „immer teureres Subventions-Eldorado“ gemacht. Was er dabei verschweigt: Das deutsche Energieversorgungssystem war nie marktwirtschaftlich. Es war ein Oligopol aus vier Großkonzernen, die mit politisch abgesicherten Kohle- und Gaskraftwerken jahrzehntelang Renditen einstrichen, während die externen Kosten – Klimaschäden, Gesundheitsfolgen, Umweltzerstörung – auf die Allgemeinheit abgewälzt wurden.
Allein 2024 importierte Deutschland fossile Brennstoffe im Wert von 76 Milliarden Euro. 76 Milliarden, die Jahr für Jahr ins Ausland fließen – an Lieferanten wie Norwegen, die USA, Kasachstan und Libyen. Über diesen Transfer spricht Koch nicht. Er spricht auch nicht über die Milliarden für LNG-Terminals, nicht über die geplanten Subventionen für neue Gaskraftwerke, nicht über Dienstwagenprivileg und Kerosinsteuerbefreiung.
Sein „Markt“ hat einen selektiven Geltungsbereich: Er beginnt bei der Windkraftanlage und endet vor der Gasleitung.
Das Grüngas-Märchen
Besonders aufschlussreich ist, was Koch zwischen den Zeilen verbreitet. In seinem LinkedIn-Post zum Artikel schwärmt er davon, wie „Grüngas angeboten, Speicher gebaut und intelligente Stromverträge geschlossen werden“. Mario Buchinger reagiert deutlich: „Dazu verbreiten auch Sie das Märchen von Grüngas, das es für diese Anwendungsfälle nicht gibt und wenn, wären diese extrem teuer – wie war das mit der Marktkonformität?“
Das ist der Kern der Absurdität: Grünes Gas ist physikalisch und ökonomisch die teuerste denkbare Lösung für Raumwärme. Eine Wärmepumpe liefert mit einer Kilowattstunde Strom drei bis fünf Kilowattstunden Wärme. Ein Gaskessel, betrieben mit synthetischem Methan, braucht für die gleiche Wärmeleistung ein Vielfaches an Primärenergie. In einem echten Markt würde niemand Grüngas zum Heizen kaufen.
Aber Koch fordert den Markt ja nur für die Seite, die er schwächen will.
Die perfekte Verbindung: Koch, Reiche, Ludwig-Erhard-Stiftung
Was Roland Koch in seinem Kommentar ebenfalls unerwähnt lässt: Er und Katherina Reiche sind keine unabhängigen Stimmen. Reiche sitzt als Jurymitglied im Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik, den Kochs Stiftung vergibt. Koch lobt Reiche, Reiche sitzt in Kochs Jury. Das ist kein unabhängiger Kommentar, das ist ein Netzwerk, das sich gegenseitig legitimiert.
Und die Ludwig-Erhard-Stiftung selbst? Laut Lobbypedia ist sie „ein einflussreiches marktliberales Netzwerk, zu dem Unternehmer, Manager, Vertreter von Wirtschaftsverbänden und Politiker – ganz überwiegend aus CDU und FDP – gehören.“ Koch ist gleichzeitig Präsidiumsmitglied im Wirtschaftsrat der CDU und im Lobbyregister als Interessenvertreter für Vodafone eingetragen.
Sein Vorgänger als Stiftungsvorsitzender war Roland Tichy, der nach einem Sexismus-Skandal nicht mehr antrat.
Die Karriere des Roland Koch: Ein Muster
Wer Roland Koch nicht (mehr) kennt: Er war von 1999 bis 2010 Ministerpräsident in Hessen. 1999 gewann er die Landtagswahl unter anderem mit einer Unterschriftenkampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, die für breite Empörung sorgte. In die Schwarzgeldaffäre der hessischen CDU war er verwickelt, nachdem illegale Parteispenden als angebliches Erbe deutscher Juden verbucht worden waren. Koch forderte „brutalstmögliche Aufklärung“ – bis sich herausstellte, dass er mutmaßlich selbst an der Verschleierung beteiligt war.
Nach der Politik wechselte Koch zum Baukonzern Bilfinger. Bei seinem Amtsantritt machte das Unternehmen 400 Millionen Euro Gewinn. Koch prophezeite auf einer Pressekonferenz 2012 einen Gewinn von 600 Millionen für 2016. Bei seinem Abgang 2014 steuerte Bilfinger auf einen Rekordverlust von einer halben Milliarde Euro zu. Koch erhielt bis zum Ende seines Vertrags weiterhin 2,35 Millionen Euro Jahresgehalt. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz bezeichnete ihn als „Hauptverantwortlichen der Unternehmenskrise“.
Dieser Mann erklärt jetzt, wie Marktwirtschaft funktioniert.
Das Timing: Iran-Krise zeigt fossile Verwundbarkeit
Kochs Kommentar erscheint ausgerechnet in der Woche, in der die Straße von Hormus wegen der Iran-Krise geschlossen ist und die Energiepreise steigen. Die ZEIT schreibt, Deutschland drohe als importabhängiges Land zum „wirtschaftlichen Totalschaden“ zu werden. Iran setzt darauf, Trump durch steigende Energiepreise innenpolitisch unter Druck zu setzen. Deutschland wäre dabei Kollateralschaden.
Robert Habeck wollte Deutschlands Importabhängigkeit bei fossilen Energien von über 70 Prozent auf 30 Prozent reduzieren. Katherina Reiche macht das Gegenteil: mehr Gasinfrastruktur, mehr Importabhängigkeit, Biomethan aus der Ukraine. Koch feiert genau diese Politik als „Rückkehr zum Markt“.
Der Markt, der gerade zeigt, was er mit fossiler Abhängigkeit macht: Preisexplosion, Erpressbarkeit, Kontrollverlust. Es ist ein fossiles Casino.
Was Roland Koch verschweigt, weiß die Physik
Mario Buchinger schließt seinen Kommentar mit einem Satz, den man sich merken sollte: „Das führt unweigerlich dazu, dass man so tut, als würden die Regeln der Mathematik und Physik nicht gelten. Doch sie gelten.“
Kochs gesamter Kommentar basiert auf einer Prämisse, die physikalisch falsch ist: dass fossile und erneuerbare Energien sich auf dem gleichen „Markt“ befinden. Tun sie nicht. Fossile Energie hat Grenzkosten, die vom Weltmarkt diktiert werden – von Kriegen, von Spekulanten, vom Wetter in Texas. Erneuerbare Energie hat Grenzkosten von nahe null, sobald die Anlage steht. In einem echten, vollständig internalisierten Markt hätten fossile Energien keine Chance.
Roland Koch weiß das. Deshalb fordert er den Markt nur für die Gegenseite.
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Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.
Die Physik weiß, dass wir 4-5 mal so viel Strom benötigen, wie derzeit, um Heizen und Mobilität zu elektrifizieren und den kompletten Stromverbrauch auf EE umzustellen. Hinzu kommen der Ausbau von Speichern und Stromnetzen.
Derzeit werden ca. 20 % unseres Endenergieverbrauches aus EE gedeckt.
Rechnen wir mal: Auto statt 70 kWh/ 100 km (ca.7l/100 km) nur noch 15 kWh/ 100 km.
Heizung: statt 7500 kWh Gas nur 2000 kWh Strom für die Wärmepumpe.
Da ist wohl der Endenergieverbrauch momentan 3 x zu hoch wegen ineffizienter Technik.
Das heißt: Aus den 20% werden mindestens 60 %.
Wer braucht da das 4-5 – fache an Strom?
Ich komme auf maximal Faktor 2.
Das deckt sich mit unseren Erfahrungen: PKW jetzt beide elektrisch, Wärmepumpe statt Gas. Stromverbrauch statt 2600 jetzt 4700 kWh. Nicht mal verdoppelt.
Das ist Physik.
1/5 am Energieverbrauch aus EE. Macht also eine Ver5fachung.