Steady Energy
Steady Energy: Dubioses Versprechen eines SMR-Wasserkochers für Fernwärme
Ex-Kernkraftmanager will SMR-Technologie für deutsche Wärmewende nutzen – realistisch?
Das Cleantech-Startup Steady Energy entwickelt einen Nuklearreaktor, (SMR) der keine Elektrizität, sondern Niedertemperaturwärme zwischen 120 und 150 Grad Celsius liefern soll. Der Ex-EnBW-Manager Ulrich Gräber will diese Tauchsieder-Technologie für die deutsche Wärmewende nutzen. Denn, so schreibt das umstrittene Portal Apollo News, das könne eine Gesetzeslücke des Atomausstiegs nutzen. Doch bei genauerem Hinsehen erscheint auch dieses Vorhaben widersprüchlich: Durch eine Studie voller Interessenkonflikte, einen „Pilotreaktor“, der lediglich ein Heizstab ist, und Kostenannahmen, die an der Realität zerschellen.
Die Atomkraft Erzählung: Cleverer Trick gegen den Atomausstieg
„Firma hat Gesetzeslücke beim Atomausstieg entdeckt – und will sie nutzen“, titelt Apollo News und präsentiert die Geschichte als Coup gegen die deutsche Energiepolitik. Ein pensionierter Kernkraftmanager namens Ulrich Gräber – früher Technikvorstand der EnBW Kraftwerke AG und Deutschlandchef des französischen Nukleartechnikkonzerns Areva – will über die neu gegründete Fermi Deutsche Industriekraft GmbH Small Modular Reactors (SMR) in Deutschland bauen.

Sein Argument: Das Atomgesetz verbiete nur Kernkraftwerke zur „gewerblichen Erzeugung von Elektrizität“ – nicht zur Wärmeerzeugung. Das stimmt juristisch sogar. Selbst das Bundesumweltministerium bestätigt: „Ein ausdrückliches Genehmigungsverbot besteht im Atomgesetz dabei für die Errichtung oder den Betrieb von Leistungsreaktoren zur gewerblichen Erzeugung von Elektrizität.“
Aber zwischen einer juristischen Lücke und einem funktionierenden Heizkraftwerk liegen Welten – ökonomisch, technologisch und regulatorisch. Was Apollo News und die Atomkraft-Lobbyisten verschweigen: Diese Geschichte ist kein ingenieurtechnischer Durchbruch. Es ist der verzweifelte Versuch einer sterbenden Branche, sich mit PR-Tricks am Leben zu halten.
Der „Pilotreaktor“: Ein Heizstab im alten Kohlekraftwerk
„Construction of Steady Energy’s Small Nuclear Heating Pilot Plant Begins in Helsinki“, verkündet die Pressemitteilung von Steady Energy im Februar 2026. Finnlands Klimaministerin war vor Ort, es gab Beton und feierliche Worte. Die Überschrift suggeriert: Hier wird ein Nuklearreaktor gebaut.
Die Realität steht in einem einzigen Satz der Pressemitteilung, der leicht überlesen wird: „The pilot is a 1:1 full-scale replica of the LDR-50 small nuclear heating reactor. Instead of a reactor core, the pilot uses an electric resistor that simulates the decay heat produced by an actual reactor.“
Übersetzt: Steady Energy baut keinen Reaktor. Das Unternehmen baut einen elektrisch betriebenen Heizstab in Reaktorgröße. Eine Attrappe, die im alten Kohlekraftwerk von Helen in Helsinki Salmisaari steht und mit Strom beheizt wird, um zu testen, ob die Sicherheitssysteme drumherum funktionieren. Im Grunde ist das ein überdimensionierter Wasserkocher oder Tauchsieder – und er wird als nuklearer Meilenstein verkauft.
„Selling a technology that doesn’t yet exist in practice is challenging“, gibt das Cleantech-Unternehmen selbst zu. Und genau das ist der Kern: Steady Energy simuliert Szenarien für Stadtwerke und vergleicht seinen nicht existierenden Reaktor mit bestehenden Alternativen – in einem Modell, das Steady Energy selbst erstellt. Natürlich fallen die Ergebnisse positiv aus. „Secure first-mover advantages“ – klassischer FOMO-Trigger im Verkaufsgespräch, keine wissenschaftliche Methodik.
Die VTT-Studie: Wenn der Entwickler seine eigene Technologie bewertet
Es gibt tatsächlich eine echte Studie: „Feasibility of small modular reactors for decarbonizing district heating systems„, publiziert im Juni 2025 in Nuclear Engineering and Design. Drei Forscher vom VTT, dem finnischen Forschungszentrum, das auch den Akku von Donut Lab unter die Lupe nimmt, haben den LDR-50 genannten Reaktor in einem Energiesystemmodell der Metropolregion Helsinki durchgerechnet.
Das Ergebnis: Der LDR-50 kommt auf einen Internal Rate of Return (IRR / Rendite) von 12 Prozent bei einem einzelnen Modul – profitabel. Der größere E-SMR (Strom und Wärme) landet bei minus 9,1 Prozent – ein Verlustgeschäft. Die Studie ist methodisch solide, das Backbone-Modell ist Open Source und validiert.
Aber hier beginnen die Probleme. Der LDR-50 wurde vom VTT selbst entwickelt. Steady Energy kommerzialisiert VTT-Technologie. Die drei Autoren der Studie arbeiten beim VTT. Das ist kein unabhängiger Vergleich – das ist der Entwickler, der die Wirtschaftlichkeit seines eigenen Produkts bestätigt. Die Studie erwähnt diesen Interessenkonflikt nicht.
Wer tiefer in die VTT-Studie eintaucht, findet Annahmen, die das Ergebnis auf tönernen Füßen stehen lassen:
Bauzeit: 2 Jahre angenommen, historisch unrealistisch
Die Studie nimmt eine Bauzeit von zwei Jahren an. Sie räumt selbst ein: „Delays are a well-known issue in Western nuclear power plant construction“ und „no SMR has been constructed in a Western country.“ Jedes Jahr Verzögerung kostet laut der eigenen Sensitivity-Analyse 1,5 Prozent IRR. Bei vier statt zwei Jahren Bauzeit – was bei Nuklearprojekten historisch eher optimistisch wäre – schmilzt die Rendite auf etwa die Hälfte.
CAPEX: Schätzungen aus Gesprächen, keine realen Baukosten
Die angenommenen Investitionskosten von 1.500 Euro pro Kilowatt thermisch stammen laut Studie aus „discussions with Finnish manufacturing companies“. Keine realen Baukosten, keine Erfahrungswerte. In der Sensitivity-Analyse zeigt sich: Bei 50 Prozent höheren Investitionskosten – was bei nuklearen Erstbauten die Regel ist, nicht die Ausnahme – fällt der IRR auf 2,4 Prozent.
Das NuScale-Projekt in den USA, lange als SMR-Vorreiter gefeiert, verteuerte sich um 53 Prozent, bevor es komplett eingestellt wurde.
Marktbedingungen: Profitabel nur bei hohen Gaspreisen
Im Szenario mit niedrigen Energiepreisen (Zeitreihe 2016) wird der LDR-50 unprofitabel. Die Wirtschaftlichkeit hängt davon ab, dass fossile Brennstoffe und CO₂ teuer bleiben. Das ist eine Wette auf die Zukunft – und eine, die bei erfolgreicher Energiewende gerade nicht aufgeht.
Der fehlende Vergleich: SMR gegen Wärmepumpen
Die vielleicht größte Schwäche der Studie: Sie vergleicht den LDR-50 gegen das bestehende System mit Erdgas-KWK-Anlagen – nicht gegen optimierte Großwärmepumpen als Neuinvestition. Helsinki baut aber gerade massiv Wärmepumpen, Rechenzentrum-Abwärme und saisonale Speicher aus. Die Ironie: Steady Energy will mit Kernspaltung aufwändig das erzeugen, was in Rechenzentren und Industrieanlagen ohnehin als ungenutzte Abwärme verpufft.
Der faire Vergleich wäre SMR gegen ein voll optimiertes erneuerbares Wärmesystem. Diesen Vergleich liefert die Studie nicht.
Warum Deutschland ein Fantasie-Szenario ist
Selbst wenn man alle optimistischen Annahmen für Finnland akzeptiert – für Deutschland ist das Szenario reine Fiktion. Die Gründe:
- Keine Genehmigungsinfrastruktur: Deutschland hat 2023 seine letzten Kernkraftwerke abgeschaltet. Es gibt keine aktive Nuklear-Genehmigungsbehörde auf Landesebene mit entsprechender Expertise. Selbst der Fachjurist Christian Raetzke, den Apollo News als Gewährsmann zitiert, schränkt ein: „Ob die zuständige Behörde sich beeilen würde, eine Genehmigung zu erteilen, ist eine andere, eine politische Frage.“ In Finnland arbeitet die Regulierungsbehörde STUK aktiv an SMR-Regelwerken. In Deutschland existiert nichts Vergleichbares.
- Keine Lieferketten: Die nukleare Lieferkette in Deutschland ist weitgehend abgebaut. Fachkräfte, Zulieferer, Qualitätssicherungssysteme – alles müsste von Grund auf neu aufgebaut werden. Das dauert nicht Jahre, sondern Jahrzehnte.
- Wirtschaftlich sinnlos: Fernwärme in Deutschland kostet laut Apollo News „oft über 100 Euro pro Megawattstunde“. Steady Energy verspricht „unter 40 Euro pro MWh“, während Apollo News von 15 Euro pro MWh schreibt. Aber Großwärmepumpen liefern bereits heute Fernwärme zu wettbewerbsfähigen Preisen – ohne Genehmigungsmarathon, ohne Nuklearrisiko, ohne Bauzeiten von unbekannter Dauer. Geothermie, Abwasserwärme, industrielle Abwärme und saisonale Speicher stehen als erprobte Technologien bereit, die heute skaliert werden können.
Der Frankreich-Vergleich zeigt das Desaster
Wer verstehen will, wohin der Nuklear-Weg führt, muss nach Frankreich schauen. Dort zeigt sich, wie die vermeintlich günstige Atomkraft ein ganzes Land in eine energiepolitische Sackgasse führt. Milliardenschwere Kostenexplosionen, jahrzehntelange Bauverzögerungen, marode Reaktoren – und am Ende eine Abhängigkeit, die weit teurer kommt als der Ausbau erneuerbarer Energien.
Das Muster: Jeder Strohhalm wird gegriffen
Was wir hier beobachten, ist kein technologischer Aufbruch. Es ist das letzte Aufbäumen einer Branche, die von der ökonomischen Realität überholt wird. Das Muster ist immer dasselbe:
Ein Startup wie Steady Energy verspricht revolutionäre Nukleartechnologie. Es gibt beeindruckende Renderings, ambitionierte Zeitpläne und Pressemitteilungen über „Meilensteine“, die bei näherer Betrachtung Attrappen sind. Konservative Medien greifen die Geschichte auf und framen sie als Beweis, dass der Atomausstieg ein Fehler war. Die tatsächliche ökonomische Realität – Wärmepumpen, Erneuerbare, Speicher sind schneller, günstiger und verfügbar – wird konsequent ausgeblendet.
NuScale in den USA: Milliarden verbrannt, Projekt eingestellt. Rolls-Royce SMR in Großbritannien: bereits Kostensteigerungen und Zeitplanverschiebungen – noch bevor der erste Spatenstich erfolgt ist. Und nun Steady Energy: ein Heizstab in Helsinki und eine Studie des eigenen Entwicklers als Beweis der Wirtschaftlichkeit.
Was wirklich hilft: Die Energiewende der Gegenwart
Während Atomiker Gesetzeslücken suchen und Heizstäbe als Reaktoren verkaufen, passiert die echte Transformation der Wärmeversorgung längst. Großwärmepumpen werden in ganz Europa installiert. Geothermie-Projekte liefern grundlastfähige Wärme. Saisonale Wärmespeicher überbrücken den Winter. Jede Region hat ungenutzte Abwärme im oft identischen Niedertemperaturbereich, die viel effizienter genutzt werden kann – dabei wird aus einem bisherigen Abfall nutzbare Energie.
Und all das funktioniert heute – nicht in zehn Jahren, nicht nach einem Genehmigungsmarathon, nicht mit Milliarden-Investitionen in unerprobte Technologie.
Die Frage ist nicht, ob SMR-Heizkraftwerke theoretisch möglich wären. Die Frage ist, warum jemand Milliarden in eine Technologie investieren sollte, die frühestens in den 2030er-Jahren verfügbar sein könnte, wenn die Alternativen jetzt bereitstehen.
Die Antwort hat nichts mit Technik zu tun – und alles mit Ideologie.
Fazit: Fossile Panik in neuem Gewand
Die Realität rund um dieses dubiose Versprechen eines SMR-Wasserkochers ist hart: Auch dieser Small Modular Reactor ist derzeit nichts weiter als eine Idee, ein Plan. Erinnert an den PowerPoint-Reaktor namens Dual Fluid. Selbst wenn er technisch funktionieren würde, wäre die Technologie zu aufwändig, um jemals „disruptiv“ wirken zu können.
Und dann ist da noch die Wirtschaftlichkeit, die sich bis Anfang der 2030er Jahre massiv verschlechtert. Daher sage ich im Sinne von Speed & Scale: Bringt nichts für die Wärmewende und wird so nicht breit eingesetzt werden. Die Investoren sollten sich besseren Lösungen zuwenden.
Der Apollo-News-Artikel über die „Gesetzeslücke“ ist kein Journalismus – es ist Lobbying mit redaktionellem Anstrich. Er bedient eine Klientel, die den Atomausstieg für einen Fehler hält und nach jedem Strohhalm greift, der diese These stützt. Dass dabei die Ökonomie, die technologische Realität und die Verfügbarkeit besserer Alternativen komplett ignoriert werden, ist kein Versehen. Es ist Methode.
Die fossile Panik – die verzweifelten Rückzugsgefechte derjenigen, die an alten Energiestrukturen festhalten – manifestiert sich längst nicht mehr nur in der Verteidigung von Kohle und Gas. Sie hat die Atomkraft als trojanisches Pferd entdeckt: eine scheinbar saubere Technologie, mit der sich die Energiewende ausbremsen lässt. Nicht weil SMR die bessere Lösung wären – sondern weil sie die Debatte von den Lösungen ablenken, die heute funktionieren.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.