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Wie Vay mit Teledriving den Weg für autonomes Fahren frei macht

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Berliner Cleantech-Startup Vay schließt große Finanzierungsrunde ab, will Tür-zu-Tür-Service 2022 in Hamburg-Bergedorf starten.

Es ist eine neue Idee, den Übergang zu autonomem Fahren zu ermöglichen: Das Berliner Cleantech-Startup Vay will ferngesteuerte Autos ab Anfang 2022 auf Hamburgs Straßen zum Einsatz bringen. Die Tests dafür laufen bereits seit zwei Jahren, das Unternehmen agierte bislang aber eher im Verborgenen. Für den Carsharing-Kunden bedeutet der Vay-Service: Er kann jederzeit ein Auto direkt vor die Haustür bestellen – und nach der Fahrt auch wieder dem Fahrer mit der Fernsteuerung übergeben. Jetzt haben die Berliner neue Investoren gewonnen.

Das Cleantech-Unternehmen hat 95 Millionen US-Dollar in seiner jüngsten Finanzierungsrunde eingesammelt. Es will Carsharing auf ein neues Level heben, das den Vorteilen des autonomen Fahrens durchaus nahe kommt. In der ersten Phase, die im kommenden Jahr in Hamburg starten wird, ist Vay auf menschliche Fahrer angewiesen. Diese sitzen allerdings nicht im Auto, sondern vor Bildschirmen, und steuern das Fahrzeug von dort sicher durch den Großstadtverkehr.

Die sogenannten Teledriver haben eine 360-Grad-Kamerasicht, die das Nachrüsten der eingesetzten Fahrzeuge notwendig macht. Vay-CEO Thomas von der Ohe sieht den Teledriver-Service als wesentliche Möglichkeite, um Einnahmen und Daten zu erhalten, die die schrittweise Einführung der vollständig autonomen Technologie in den Service ermöglichen werden.

Für von der Ohe ist die Gedankenwelt des autonomen Fahrens nicht neu: Er arbeitete zuvor beim Amazon-eigenen Robotaxi-Startup Zoox. „Wir verfolgen einen anderen Ansatz für das autonome Fahren, den wir Teledrive First nennen, und das ermöglicht uns einen viel, viel früheren Start“, sagt von der Ohe. „Es ist viel billiger als Ride-Hailing, vor allem weil man in der Mitte fährt und wir niemanden für die gesamte Fahrt bezahlen müssen, so dass wir die Kosten wirklich in die Nähe des städtischen Autobesitzes bringen können.“

Ohne Laser- oder Lidar-Sensoren bietet Vay ein kostengünstiges Basissystem, um den Service in Hamburg, aber auch in anderen europäischen Metropolen und den USA an den Start bringen zu können. Letztlich unterscheidet sich Vay kaum von dem Ansatz, den auch Tesla fährt, und dabei auf Lidar-Sensorik verzichtet: Tesla nutzt die Kundenflotte, um Daten zu sammeln, um eines Tages vollständig autonomes Fahren ermöglichen zu können.

Während bei Tesla der Fahrzeugbesitzer die Fahrt überwacht, übernimmt diese Rolle bei Vay ein Teledriver. Knackpunkt könnte sein, dass die Verbindung zum Kontrollzentrum, in dem der Teledriver sitzt, immer gewährleistet sein muss. Zwar bleibt das Fahrzeug, das den Kontakt verliert, automatisch stehen. Die Reaktionszeiten müssen im dichten, städtischen Verkehr aber kurz sein.

Vay-Start ab 2022 in Bergedorf

Ab 2022 will Vay im grünen Hamburger Stadtteil Bergedorf starten. Die Behörden hat das Cleantech-Unternehmen frühzeitig eingebunden. Die Dienstleistung ist der Übergang zu reinem, autonomem Fahren. Zum Start mehr Uber als Robotaxi, aber mit gewaltigem Potenzial. Investoren schätzen, dass das Teledriver-Modell 60 Prozent günstiger sein könnte als eine Fahrt mit Uber. Und Uber hat den Taximarkt in den USA revolutioniert, heute einen Marktwert von 64 Milliarden Euro.

Gelingt Vay der Durchbruch mit seiner Technologie im Alltag, könnte Uber nachziehen oder sogar mit den Berlinern kooperieren. Deutschland ist bislang ein schwieriges Pflaster für alternative Fahrdienste wie etwa Clevershuttle oder Uber. Lizenzen werden aus Rücksicht vor dem Taxigewerbe oft nicht erteilt – Clevershuttle etwa hat sich zuletzt aus mehreren Städten des Landes zurückgezogen.

An den Start geht Vay mit einer Mischung aus Taxiservice und Leihwagenmodell: Kunden können sich per App ein Fahrzeug bestellen, das ferngesteuert bei ihnen vorfährt. Dann übernimmt der Kunde selbst das Steuer und fährt an sein Ziel. Vor der Tür kann er wieder an einen Telefahrer abgeben, ganz ohne Parkplatzsuche. Ein Tür-zu-Tür-Mobilitätsservice also, der insbesondere teuren Parkraum überflüssig macht – und erleichtern dürfte, auf ein eigenes Auto zu verzichten.

Unterdessen betreibt Waymo bereits einen fahrerlosen Taxidienst in den Vororten von Phoenix, während Cruise, Zoox und Argo AI von General Motors planen, in naher Zukunft autonome Taxis auf die Straßen amerikanischer Städte zu bringen. Aber klar ist auch: Diese Unternehmen mussten ihre Zeitpläne immer wieder verschieben, Ambitionen und Erwartungen reduzieren. Trotzdem flossen bislang 16 Milliarden Dollar von Investoren an Cleantech-Startups aus dem Bereich des autonomen Fahrens.

Teledriving kann Lücke schließen

Teledriving, wie der Service von Vay auch genannt wird, könnte die Lücke schließen. „Wir können autonome Funktionen schrittweise hinzufügen, wenn wir herausfinden, dass wir 30 Kilometer auf der Autobahn geradeaus fahren, können wir das autonom tun, und für die Kreuzungen und die anderen Abschnitte kommt der Teledriver zurück“, so von der Ohe. Zu diesem Teledriver können die Fahrgäste Kontakt aufnehmen – via App sehen, welche Sicherheitstrainings er absolviert hat. Das schafft Vertrauen.

Der Fahrer sitzt in einem Bürogebäude in Berlin in einer Art Cockpit mit Fahrersitz, Lenkrad, Gaspedal. Vor ihm drei Bildschirme, die das direkte Umfeld visualisieren. Sogar die Geräusche außerhalb des Autos oder die Gespräche im Fahrzeug werden ihm übermittelt. Die Datenübertragung setzt auf dem 4G-Mobilfunknetz auf, Technologie hilft zusätzlich bei der Analyse.

Autonomes Fahren wird noch fünf bis zehn Jahre dauern, sagt auch Niall Wass vom Wagniskapitalgeber Atomico, der mittlerweile in Vay investiert hat. Zuvor, daher seine Expertise, leitete er zeit Jahre nach das Europa- und Asiengeschäft von Uber. Jetzt hat Vay eine Finanzierungsrunde über 84 Millionen Euro abgeschlossen, und so bereits 128 Millionen Euro eingeworben. Kein anderes Startup aus dem Bereich autonomes Fahren hat in Europa mehr Kapital eingeworben.

Der Kreis der Investoren ist ein Illustrer: Mit dabei ist u.a. der Risikapitalfonds Kinnevik, der Hedgefonds Coatue und Eurazeo aus Frankreich. Altinvestoren sind Atomico, Skype-Gründer Niklas Zennström, der Berliner Investor La Famiglia, Creandum, Project A, Visionairies Club und Signals Ventures.

Telefahren für LKW

Noch sinnvoller als Telefahren für PKW erscheint der Ansatz eines anderen Cleantech-Startups: Fernride aus München arbeitet an entsprechendem Service für Lastkraftwagen – angesichts der erwartet zunehmenden Knappheit an LKW-Fahrern ein sinnvolles Unterfangen. Statt einem Fahrer pro LKW, der durchgängig für sein Fahrzeug zuständig ist, kann ein Fernride-Mitarbeiter aus der Ferne 25 Lastwagen betreuen. Während ein Fahrzeug entladen wird, kann er einen anderen LKW von A nach B fahren – zunächst auf Firmengeländen. Das schont Ressourcen, verbessert Effizienz und reduziert Kosten.

Vay und Fernride könnten den Weg für autonomes Fahren frei machen, obwohl sie zunächst einen Schritt zurück machen. Wie der Erfolg sein wird, werden die Kunden entscheiden – ist es attraktiv genug, auf das eigene Fahrzeug zu verzichten, wenn jederzeit ein vorgewärmtes Elektroauto an der richtigen Stelle wartet, den Kunden zur Arbeit fährt, und dann weitere Dienstleistungen erbringt?

Tesla will die Idee etablieren, dass Tesla-Besitzer ihr Auto Freunden oder anderen Interessenten zur Verfügung stellen, wenn sie selbst es nicht brauchen – um damit durchaus auch Geld zu verdienen. Doch die Schwelle, den eigenen Besitz anderen Menschen zu überlassen, ist nach wie vor hoch – obwohl durch Airbnb und andere Dienste sogar bereits mit der eigenen Wohnung erprobt.

Möglicherweise ist es für die junge Generation besonders attraktiv: Die Personen, die ihr Smartphone nutzen, um stets das Verkehrsmittel zu finden, dass im Augenblick gerade perfekt passt. Wenn ab und zu eine Vay-Fahrt dazugehört, kann das Konzept funktionieren und ein Teil der Verkehrswende werden.

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