Gasspeicher Jemgun: Bild EWE
Leere Gasspeicher? Dieser YouTuber redet eine Katastrophe herbei
Die aktuellen Daten der Gasspeicher-Füllstände zeigen indes: Es gibt keine Mangel-Situation in diesem Winter 2026.
Droht Deutschland 2026 wirklich eine Gasmangellage? Während wir diese Frage bereits in einem ersten Beitrag zum Gasmarkt eingeordnet haben, liegt der aktuelle Füllstand der deutschen Gasspeicher bei rund 37,8 Prozent – laut DVGW ausreichend, um bei normaler Witterung bis mindestens Ende April zu kommen. Akute Krise? Nicht in Sicht. Bei YouTube klingt das derzeit völlig anders: Kanäle wie „Vermietertagebuch“ inszenieren seit Tagen eine angeblich unmittelbar bevorstehende „Katastrophe“. In diesem zweiten Teil geht es deshalb um eine nüchterne Analyse der Gasspeicher-Füllstände – und darum, Zahlen von alarmistischen Narrativen zu trennen.
Einordnung: Was sagen die Gasspeicher wirklich über die Versorgungslage?
Entscheidend ist zunächst, wie Gasspeicher überhaupt zu lesen sind. Der BR-Energieexperte Lorenz Storch weist darauf hin, dass Speicherstände nicht isoliert oder regional betrachtet werden dürfen, sondern immer im Kontext des gesamten deutschen und europäischen Gasnetzes. Deutschland verfügt über ein eng vermaschtes Fernleitungsnetz, das Gasströme flexibel in alle Richtungen lenken kann.
Einzelne Speicher mit niedrigen Füllständen sind daher für sich genommen kein Warnsignal – relevant ist der Gesamtfüllstand aller Speicher und die laufende Importfähigkeit. Zudem verfügt Deutschland im europäischen Vergleich über außergewöhnlich große Speicherkapazitäten, die als strukturelles Sicherheitsnetz wirken.
Besonders irreführend ist die Fokussierung auf einzelne kleine oder regional unbedeutende Speicher, wie sie in alarmistischen Beiträgen regelmäßig betrieben wird. In der deutschen Speicherübersicht zeigt sich, dass die größten Speicherstandorte weiterhin deutlich über 40 Prozent gefüllt sind und damit den Löwenanteil der tatsächlich verfügbaren Kapazität stellen.
Kleine Speicher mit niedrigen Prozentwerten können optisch dramatisch wirken, tragen aber nur marginal zur nationalen Versorgung bei. Wer aus solchen Einzelwerten eine angebliche nationale „Katastrophe“ ableitet, verzerrt bewusst die Größenverhältnisse.
Hinzu kommt ein weiterer struktureller Faktor: Der große österreichische Speicher Haidach, der größer ist als alle bayerischen Speicher zusammen, steht Deutschland zu rund 50 Prozent zur Verfügung – aktuell mit einem Füllstand von knapp 59 Prozent. Allein dieser Zugriff entspricht etwa zehn Terawattstunden verfügbarer Reserve. Gleichzeitig hat der ehemals zentrale Speicher Rheden durch veränderte Gasflüsse und neue Importstrukturen strategisch an Bedeutung verloren, was erklärt, warum seine Befüllung heute nicht mehr die gleiche Aussagekraft besitzt wie noch vor einigen Jahren. Auch diese Verschiebung wird in vielen Paniknarrativen systematisch ausgeblendet.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Die Gasspeicher liefern kein Indiz für eine unmittelbar drohende Versorgungskrise. Sie sind Teil eines flexiblen Gesamtsystems aus Speichern, Pipelines und LNG-Importkapazitäten, das kurzfristige Schwankungen ausgleichen kann. Die aktuell niedrigeren Füllstände erklären sich vor allem aus veränderten gesetzlichen Vorgaben zur Vorbefüllung und einem kalten Winter – nicht aus einer strukturellen Mangellage. Wer aus einzelnen Prozentzahlen apokalyptische Szenarien ableitet, ersetzt Analyse durch Dramatisierung.

Blick auf die großen Speicher: VNG, Uniper & RWE
Ein zentraler Fehler vieler Paniknarrative ist die verzerrte Fokussierung auf einzelne kleine Speicher mit niedrigen Prozentzahlen, als sei das repräsentativ für die gesamte Versorgungsarchitektur. Ein aussagekräftigerer Maßstab sind die großen Speicherstandorte, die zusammen einen erheblichen Teil der deutschen Speicherkapazität ausmachen – und damit für die nationale Versorgung deutlich relevanter sind.
Bei VNG Gasspeicher handelt es sich nicht um einen einzelnen Kavernenspeicher, sondern um ein Portfolio mehrerer Anlagen mit einer relativ hohen gesamten Arbeitsgas-Kapazität. Diese Gruppe von Speichern bildet zusammen einen der größeren volumengewichteten Puffer im deutschen System. Unter Berücksichtigung der verschiedenen Kavernen ergibt sich im Durchschnitt ein mittlerer Füllstand, der weiterhin deutlich über den Prozentwerten kleinerer Einzelspeicher liegt.
Ähnlich verhält es sich bei Uniper Energy Storage: Auch hier ist nicht ein einzelner Speicher gemeint, sondern eine Reihe von Speicherfeldern, die gemeinsam betrieben werden. Die aggregierten Füllstände dieser Uniper-Speicher bewegen sich im oberen Bereich des nationalen Durchschnitts – was unterstreicht, dass große Speichervolumina stabilere Puffer bilden und nicht in Kollektivpanik verfallen, nur weil kleine Speicher regional niedrig stehen.
Bei RWE Gas Storage GmbH ist die Logik dieselbe: Mehrere Speicher werden gemeinsam bilanziert, was dem Betreiber eine gewisse Diversifikation und Ausgleichsmöglichkeiten im System gibt. Der durchschnittliche Füllstand dieser Speicher liegt ebenfalls auf einem Niveau, das zeigt: Die großen volumetrischen Blöcke des deutschen Speicherparks sind – trotz saisonaler Abflüsse – nicht dramatisch „leer“, sondern tragen substantiell zur realen Versorgungssicherheit bei.
Wenn man die mittleren Füllstände dieser drei großen Speichergruppen – VNG, Uniper und RWE – zusammenfasst, ergibt sich ein Bild, das weit entfernt ist von einer systemischen Krise: Diese volumengewichteten Speicher befinden sich im Bereich deutlich über dem, was einzelne Alarmmeldungen suggerieren. Das zeigt, wie wichtig es ist, nicht nur einzelne Prozentwerte isoliert zu betrachten, sondern die absolute Kapazität hinter den Zahlen und die aggregierte Wirkung im gesamten Gasnetz.
Ein weiterer Punkt, der in der öffentlichen Debatte fast vollständig unterschlagen wird, ist die bewusste Speicherstrategie der Bundesregierung. Nach den extrem teuren staatlichen Zwangsbefüllungen der Krisenjahre wurde das Regime gelockert: Statt Speicher im Sommer um jeden Preis auf über 90 Prozent zu füllen, wurde das Mindestniveau gesenkt. Der Hintergrund ist ökonomisch banal – der Markt bot Gas im Sommer zeitweise teurer an als im Winter. Eine staatlich verordnete Vollbefüllung hätte die Kosten für Verbraucher künstlich nach oben getrieben und Preissignale verzerrt. Genau darauf verweist auch der Energieexperte im BR-Interview: Der Staat wollte den Markt wieder stärker wirken lassen und vermeiden, erneut teuer gegen den Markt einzukaufen.
Dass diese Strategie nicht allen gefällt, ist ebenso nachvollziehbar – allerdings aus einem anderen Motiv heraus. Speicherbetreiber wie Uniper oder EWE drängen inzwischen auf eine staatlich finanzierte strategische Gasreserve, die ihnen garantierte Auslastung und stabile Erlöse sichern würde. Die Argumentation wird mit Versorgungssicherheit begründet, ökonomisch geht es jedoch vor allem um die Absicherung eines Geschäftsmodells, das durch geringere saisonale Preisspreads unter Druck geraten ist. Wenn Sommer- und Winterpreise näher zusammenrücken, verliert klassische Speicherarbitrage an Attraktivität. Die Forderung nach staatlichen Reserven ist damit weniger ein energiepolitischer Notruf – sondern ein industriepolitischer Verteilungskonflikt.
Bühne frei für das „Rechte Panik-Orchester“
Während Behörden, Netzbetreiber und Fachjournalisten nüchtern mit Zahlen arbeiten, bewerben sich auf YouTube täglich neue Protagonisten um einen Platz auf der großen Tournee der Empörungsökonomie. Jüngster Kandidat für das „Rechte Panik-Orchester“: der Kanal „Vermietertagebuch“. Inhaltlich folgt das Muster inzwischen zuverlässig: maximale Zuspitzung, minimale Datenkenntnis, maximaler Alarmismus – kombiniert mit geopolitischer Dramatisierung und einer Rhetorik, die eher an autoritäre Erzählmuster erinnert als an seriöse Analyse.
Ein besonders groteskes Beispiel liefert die Behauptung, Deutschland sei inzwischen zu „96 Prozent von Trump abhängig“. Diese Zahl stammt – stark verkürzt – aus einer Statistik zu LNG-Importen und bezieht sich ausschließlich auf den Anteil der USA an den deutschen LNG-Mengen, nicht auf die gesamte Gasversorgung. LNG wiederum macht nur einen Teil der deutschen Importe aus; der überwiegende Anteil kommt weiterhin per Pipeline aus Norwegen und den Niederlanden.
Aus „96 Prozent US-Anteil bei LNG“ eine „96-prozentige Abhängigkeit Deutschlands von Trump“ zu konstruieren, ist keine Ungenauigkeit mehr, sondern eine massive Verzerrung der Realität. So entstehen Paniknarrative: durch das bewusste Vermischen unterschiedlicher Bezugsgrößen, bis am Ende eine politisch verwertbare Schlagzeile steht.
Dazu behauptet „Vermietertagebuch“ wahrheitswidrig, die „Hälfte der deutschen Gasspeicher“ sei bereits gelb oder rot in der oben hereinkopierten Liste. Bitte was?
Nicht minder manipulativ ist die Fixierung auf einzelne bayerische Mini-Speicher mit niedrigen Füllständen, die dann als Beleg für eine angeblich drohende nationale Gaskatastrophe herhalten müssen. Prozentwerte werden emotional aufgeladen, ohne die zugrunde liegenden absoluten Speichervolumina zu benennen.
Besonders auffällig: Der für Süddeutschland hochrelevante Großspeicher Haidach, der größer ist als alle fünf bayerischen Speicher zusammen und an dem Deutschland rund 50 Prozent Zugriff hat, taucht in diesen Videos schlicht nicht auf – obwohl er aktuell bei rund 58 Prozent Füllstand liegt und damit allein mehrere Terawattstunden Sicherheitsreserve bereitstellt. Wer solche zentralen Fakten ausblendet, betreibt keine Analyse, sondern Dramatisierung.
Das Muster ist immer gleich: Kleine Speicher werden aufgeblasen, große Speicher ignoriert, relative Prozentzahlen aus dem Kontext gerissen, Importstatistiken verzerrt interpretiert. Heraus kommt kein realistisches Lagebild, sondern ein politisch aufgeladener Alarmismus. Genau deshalb ist es wichtig, diese Narrative konsequent zu dekonstruieren – und Zahlen wieder in ihren systemischen Zusammenhang zu stellen.
Die Kältefallen-Rhetorik
Wenn aktuelle Wetterdaten nicht ins Narrativ passen, wird auf kommende Extrem-Ereignisse verwiesen. So warnt etwa Fritz Vahrenholt vor einem „Polarwirbel-Split„, der Deutschland in eine „Kältefalle“ treiben werde. Die ECMWF-Prognosen zeigen jedoch für die nächsten zwei Wochen keine Extrem-Kälte – auch nicht im Erzgebirge, das als Panik-Beispiel herhalten musste. Wer die Apokalypse immer in die Zukunft verschiebt, betreibt keine Analyse, sondern Angst-Rhetorik.
Am Ende bleibt eine doppelte Erkenntnis:
Erstens ist die aktuelle Versorgungslage kein Beleg für eine akute Gasmangellage, sondern Ausdruck eines Systems, das wetterabhängig, marktabhängig und geopolitisch verwundbar bleibt. Genau deshalb ist die eigentliche Lehre nicht, noch mehr Panik zu erzeugen oder neue fossile Abhängigkeiten zu zementieren – sondern die Abhängigkeit von Erdgas strukturell zu reduzieren.
Zweitens zeigt die Debatte, wie dringend eine faktenbasierte öffentliche Energiekommunikation gebraucht wird. Wer selektiv Prozentzahlen skandiert, Speichergrößen verschweigt und Importstatistiken verzerrt, löst kein Problem, sondern produziert Reichweite auf Kosten von Vertrauen.
Die strategische Antwort liegt nicht im Rückfall in fossile Sicherheitsfantasien, sondern in der konsequenten Transformation: schnellere Elektrifizierung von Wärme und Verkehr, beschleunigter Ausbau von Wind und Solar, systemische Speicherlösungen, flexible Netze, Effizienzsteigerung im Gebäudebestand und der schrittweise Ersatz von Erdgas durch Strom, Wärmepumpen, perspektivisch grünen Wasserstoff und synthetische Moleküle dort, wo Elektrifizierung nicht direkt möglich ist. Jede Kilowattstunde, die nicht mehr mit Gas erzeugt oder verheizt wird, senkt Importabhängigkeit, Preissensitivität und geopolitische Verwundbarkeit.
Wer heute seriös über Versorgungssicherheit und Gasspeicher-Füllstände spricht, muss daher nicht fragen, wie wir das nächste Gasjahr überstehen – sondern wie schnell wir das fossile System hinter uns lassen. Die eigentliche Sicherheit entsteht nicht durch immer neue Reservekapazitäten, sondern durch ein robustes, elektrifiziertes, heimisches Energiesystem. Genau hier entscheidet sich, ob Deutschland vom permanenten Krisenmodus in eine Phase struktureller Stabilität kommt.
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Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.
Ideologie vs. Naturwissenschaft
Erneuerbare Energien: wir haben 60 % Erneuerbare im System. Stimmt das? Bezogen auf den Strom, klares JA. Bezogen auf den Gesamtenergiebedarf unseres Landes, einschließlich Heizung, Verkehr, Prozesswärme, Grundstoffindustrie usw. liegen wir bei mageren 18 Prozent. Die einfache Wahrheit: man kann ein Industrieland nicht mit Solarstrom, Windkraft oder Biogas betreiben. Da helfen auch keine Batterie Speicher, flexible Netze, Effizienzsteigerungen und der ganze Kram. Das Problem ist die immense Energie, die in fossilenBrennstoffen steckt.
Komm’ wir elektrifizieren einfach alles. Wirklich? So viel quantitativ skalierbaren und auf der Zeitschiene regelbaren Strom gibt es bei uns nicht mal ansatzweise! Und da kommen die Gasspeicher ins Spiel: wir verstromen so unglaublich viel Gas! Warum? Weil andere Erzeugungsmethoden den Grünen zu schmutzig waren. Und ja, das waren sie auch, aber sie sind eben auch verlässlich. Und weil Politik den Klimaschutz lieber mit der Brechstange (oder der Abrissbirne) statt mit Augenmaß und Sachverstand betreibt, lieber polnischen Kohlestrom oder französischen Atomstrom importiert, bleiben uns nur noch Gaskraftwerke sowie Gasspeicher (die man NICHT auf 0% Prozent entleeren kann) sowie einer winzig kleinen Pipeline nach Norwegen (die für diese Last nie gebaut wurde) und noch viel viel schmutzigeres LNG Gas. Reicht es? Man wird sehen.
Denn wer weiß schon, wie das Wetter wird. Ich jedenfalls nehme wahr, dass dieses Jahr ganz anders ist, als die 15 Jahre davor. Wer den Älteren zuhört, versteht: ein Winter kann durchaus bis in den April richtig kalt sein. Wer diese Perspektive einfach abtut, ignoriert oder leugnet, handelt leichtfertig! Wer, wie wir, mit dem Prinzip Hoffnung die Energie- und Wärmeversorgung von Bevölkerung und Wirtschaft zu steuern versucht, handelt grob fahrlässig. Und genau das tun wir! Wir hatten dreimal Glück. Mehr nicht. Im ersten Schritt könnte die Wirtschaft abgeschaltet werden, Produktionsgüter kämen zu Schaden und Menschen verlören ihren Arbeitsplatz. Im zweiten Schritt kämen Menschen zu Schaden und Vermögenswerte würden vernichtet. Beides würde unser Land massiv verändern. Das kann passieren, muss es aber nicht. Man kann es ignorieren, sollte es aber nicht. Passt aufeinander auf und viel Glück uns allen! Norman aus Leipzig
Das Problem ist halt: leere Speicher machen einen erpressbar.
Wenn es stimmt, dass der Ami uns jetzt kein LNG mehr liefern will/kann, wird’s ganz schnell eng.
Ideologie vs. Naturwissenschaft
Erneuerbare Energien: wir haben 60 % Erneuerbare im System. Stimmt das? Bezogen auf den Strom, klares JA. Bezogen auf den Gesamtenergiebedarf unseres Landes, einschließlich Heizung, Verkehr, Prozesswärme, Grundstoffindustrie usw. liegen wir bei mageren 18 Prozent. Die einfache Wahrheit: man kann ein Industrieland nicht mit Solarstrom, Windkraft oder Biogas betreiben. Da helfen auch keine Batteriespeicher, flexiblen Netze, Effizienzsteigerungen und der ganze Kram. Das Problem ist die immense Energie, die in fossilen Brennstoffen steckt.
Komm’ wir elektrifizieren einfach alles. Wirklich? So viel quantitativ skalierbaren und auf der Zeitschiene regelbaren Strom gibt es bei uns nicht mal ansatzweise! Und da kommen die Gasspeicher ins Spiel: wir verstromen so unglaublich viel Gas! Warum? Weil andere Erzeugungsmethoden den Grünen zu schmutzig waren. Und ja, das waren sie auch, aber sie sind eben auch verlässlich. Und weil Politik den Klimaschutz lieber mit der Brechstange (oder der Abrissbirne) statt mit Augenmaß und Sachverstand betreibt, lieber polnischen Kohlestrom oder französischen Atomstrom importiert, bleiben uns nur noch Gaskraftwerke sowie Gasspeicher (die man NICHT auf 0 % Prozent entleeren kann) sowie einer winzig kleinen Pipeline nach Norwegen (die für diese Last nie gebaut wurde) und noch viel, viel schmutzigeres LNG-Gas. Reicht es? Man wird sehen.
Denn wer weiß schon, wie das Wetter wird. Ich jedenfalls nehme wahr, dass dieses Jahr ganz anders ist, als die 15 Jahre davor. Wer den Älteren zuhört, versteht: ein Winter kann durchaus bis in den April richtig kalt sein. Wer diese Perspektive einfach abtut, ignoriert oder leugnet, handelt leichtfertig! Wer, wie wir, mit dem Prinzip Hoffnung die Energie- und Wärmeversorgung von Bevölkerung und Wirtschaft zu steuern versucht, handelt grob fahrlässig. Und genau das tun wir! Wir hatten dreimal Glück. Mehr nicht.
Im ersten Schritt könnte die Wirtschaft abgeschaltet werden, Produktionsgüter kämen zu Schaden und Menschen verlören ihren Arbeitsplatz. Im zweiten Schritt kämen Menschen zu Schaden und Vermögenswerte würden vernichtet. Beides würde unser Land massiv verändern. Das kann passieren, muss es aber nicht. Man kann es ignorieren, sollte es aber nicht. Passt aufeinander auf und viel Glück uns allen!
Norman aus Leipzig
Lieber Norman,
du bringst wichtige Impulse in die Debatte – vielen Dank dafür. In einigen Punkten stimme ich dir ausdrücklich zu.
a) Der Anteil der Erneuerbaren von aktuell rund 20 Prozent am Endenergieverbrauch zeigt klar, wie groß der Nachholbedarf insbesondere in den Sektoren Wärme, Industrie und Mobilität noch ist. Positiv ist, dass Wärmepumpen zuletzt zur meistgewählten Heizungstechnologie geworden sind, die kommunale Wärmeplanung 2026 vom Planungs- in die Umsetzungsphase geht und die Elektromobilität bei Bussen, Pkw und zunehmend auch Lkw deutlich anzieht. Sorgenkind bleibt die Industrie, die bislang zu langsam dekarbonisiert. Hier bräuchte es dringend Investitions- und Nachfrageimpulse – die unter Merz und Reiche derzeit leider nicht absehbar sind.
b) Gas ist heute systemrelevant – auch das ist Realität. Ob wir „übermäßig“ viel Gas verstromen, kann man diskutieren. Problematisch ist vor allem, dass die Bundesregierung Gas und insbesondere LNG als Übergangslösung bis 2045 festschreibt. Wenn wir gleichzeitig Milliarden in Wasserstoffnetze investieren, können wir nicht so tun, als ließe sich der Umstieg auf Wasserstoff ab Mitte der 2030er Jahre nicht organisieren. Diese Inkonsistenz ist strategisch riskant.
Wichtig ist aus meiner Sicht, den größeren Kontext nicht zu verlieren: Wir befinden uns in der größten industriellen Transformation der Menschheitsgeschichte. Energie, Mobilität, industrielle Wertschöpfung, Materialien und Produktionsprozesse werden grundlegend neu aufgestellt. Der Maßstab, mit dem wir heute „Machbarkeit“ bewerten, verschiebt sich dabei selbst.
Die Frage, ob ein Industrieland wie Deutschland auf Basis Erneuerbarer plus Wasserstoff betrieben werden kann, sollte deshalb entlang der entstehenden Systemarchitektur beantwortet werden – nicht entlang der Logik des fossilen Bestandsystems. Genau diese Verschiebung beschreiben Autoren wie Tony Seba, Tim Meyer und viele andere sehr präzise.
Faktisch bewegen wir uns von einem Energiesystem der Verbrennung in ein Energiesystem der Elektrifizierung. China und Indien treiben diese Entwicklung mit enormer Geschwindigkeit voran. Die eigentliche Herausforderung besteht weniger darin, ob das physikalisch möglich ist – sondern wie schnell wir die Infrastruktur, Märkte und Investitionslogik entsprechend umbauen.
In diesem Sinne viele Abendgrüße
Martin Jendrischik
Sehr wichtig ist Ihr Hinweis zu der Pipeline aus Norwegen.
Dieses klein dimensionierte Röhrchen worüber Deutschland paradoxerweise, jedoch notgedrungen, den Löwenanteil seines Erdgases bezieht wird seit fast 2 Jahren gnadenlos auf Verschleiß gefahren.
Die wichtigen alljährlichen Wartungen/Revisionen der Verdichteranlagen wurden im vergangenen Jahr nicht durchgeführt. Warum? Weil keine andere Wahl Bestand.
Spätestens im Mai wird jedoch die Wartung für 2 Jahre durchgeführt werden müssen. Je nachdem was man dann in den Verdichterturbinen findet, wird das eine mindestens mehrwöchige Einstellung der Gaslieferung bedeuten.
Wie auch immer dieser Winter ausgehen mag, ist es jedoch schon heute völlig ausgeschlossen, in die nächste Heizsaison mit besser gefüllten Speichern zu starten
Stand 24.1.2026 sind unsere Gasspeicher zu 37,5% gefüllt, mit einem täglichen Abfluss von zur Zeit ca. 0,8%. Irgendwann, etwa bei 20%, wird man eine Gasmangellage ausweisen müssen. Das bedeutet dann vor allem für größere industrielle Verbraucher, dass diese ihren Verbrauch drosseln müssen. Bei der sowieso angespannten Lage unserer Wirtschaft ist das kein positives Signal, hier Geld zu investieren.
Hallo Holger,
die Nachfrage nach Gas ist in gewissem Rahmen elastisch. Steigende Preise reduzieren die Nachfrage.
Daher ist die lineare Kalkulation nicht zutreffend.
Viele Grüße,
Martin Jendrischik
Dann kalkulieren doch Sie bitte zutreffend!
Gleichzeitig zeigt diese Dynamik, dass wir uns in einer Mangellage befinden. Die steigenden Preise sollen den Gasverbrauch drosseln und uns über den Winter bringen. Das bedeutet im Kern, dass die Versorgung nicht mehr ausreicht, um die Nachfrage zu decken, eine klassische Mangellage.
Steigende Preise sind Gift für unsere angeschlagene Wirtschaft!
Steigende Preise reduzieren die Nachfrage – für deutsche Produkte!
Steigende Gaspreise sind nicht gut, aber über einen so kurzen Zeitraum auch kein großes Drama.
Die Energiekrise hatte auch nicht zur Folge, dass danach keine Maschinen mehr liefen. Und das war eime tatsächliche Krise.
Hohe Preise nur für einen kurzen Zeitraum, woher wollen Sie das wissen?
Überhaupt erscheint mir die Erwartung, dass steigende Börsenpreise und Großhandelpreise noch innerhalb dieser Heizsaison von ca. 8 Wochen (auf die es jetzt wirklich ankommt) auf die Verbraucherpreise und Gewerbepreise
durchschlagen und (in den nächsten 8 Wochen!!!) daher spürbar weniger Gas verbraucht wird, oder gar die Produktion umgestellt wird, unbegründet.
Vor allem dann nicht, wenn Regierung und Presse im wesentlichen von einer stabilen Lage der Gasversorgung sprechen.
Die Antwort lautet: Logik.
Das heißt, für die Industrie oder Bäckereien wird es dann einfach zu teuer, Gas zu kaufen und sie schalten ab. Tolle Logik. Mit Wettbewerbsfähigkeit hat das wenig zu tun. So lange Gas systemrelevant ist, braucht es Vorsorge. Und die Preise, die jetzt aufgerufen werden, liegen auf alle Fälle über denen im Sommer.
Nein, Tom. Das ist nicht die Logik. Es geht darum, dass es reichlich Verbraucher gibt, die ohne Verwerfungen verschieben können. Das ist die Logik.
Sehr geehrter Herr Jendrischik,
Ihr Artikel zur aktuellen Debatte über die Gasspeicherstände versteht sich erkennbar als Gegenrede zu alarmistischen Darstellungen in sozialen Medien. Eine solche Einordnung ist grundsätzlich sinnvoll. Problematisch wird sie jedoch dort, wo sie selbst in eine Form der Zuspitzung kippt – nur eben in die entgegengesetzte Richtung.
Der Kern der Debatte ist einfach: Die deutschen Gasspeicher sind aktuell außergewöhnlich niedrig gefüllt, deutlich niedriger als in den letzten Jahren. Diese Tatsache ist unstrittig. Niedrige Speicherstände bedeuten einen geringen Puffer, erhöhte Preisanfälligkeit und eine größere Verwundbarkeit des Systems. Das ist keine Panikbehauptung, sondern eine nüchterne Beschreibung von Risiken.
In Ihrem Artikel wird diese Ausgangslage jedoch nicht ernsthaft gewichtet, sondern rhetorisch relativiert. Statt sich sachlich mit der Frage zu befassen, wie belastbar das System bei niedrigen Reserven ist, verlagert sich der Schwerpunkt auf die Diskreditierung derjenigen, die vor diesen Risiken warnen. Damit wird der Absender zum eigentlichen Thema, nicht die Sache selbst.
Genau hier entsteht eine Parallele zu dem, was Sie kritisieren: So wie manche YouTuber Zuspitzung nutzen, um maximale Dramatik zu erzeugen, nutzen Sie Zuspitzung, um Risiken klein erscheinen zu lassen. Beides ist keine ausgewogene Analyse, sondern selektive Argumentation.
Hinweise auf Importe, Marktmechanismen oder systemische Zusammenhänge sind korrekt, ersetzen aber keine Risikoabwägung. Ein System kann funktionieren und gleichzeitig angespannt sein. Diese Gleichzeitigkeit kommt in Ihrem Artikel kaum vor. Stattdessen entsteht der Eindruck, Warnungen seien per se unseriös oder interessengeleitet.
Das ist schade, denn gerade in einer aufgeheizten Debatte wäre eine klare Trennung wichtig gewesen: zwischen überzogenem Alarmismus auf der einen Seite und berechtigter Sorge über niedrige Speicherstände auf der anderen.
Wer Zuspitzung kritisiert, sollte selbst besonders sorgfältig darin sein, nicht in die entgegengesetzte Überzeichnung zu verfallen. Andernfalls wird aus Einordnung Gegenpolemik – und die eigentliche Sachfrage bleibt unbeantwortet.
Mit freundlichen Grüßen
Vielen Dank für Ihre Meinung.
Ich habe niemandem diskreditiert. Ihren Verglrich weise ich in aller Entschiedenheit zurück.
Heute ist ein zweiter Artikel zum Thema Gasspeicher erschienen.
Viele Grüße,
Martin Jendrischik
Ich stimme Ihnen zu und danke für ihre sachliche Kritik, ZDZ.
Im Artikel wird zudem impliziert (oder soll ich sagen: ersehnt?), ein Ausstieg aus dem Bodenschatz Gas sei einfach möglich. Das ist natürlich Wunschdenken: eine vollumfängliche Ersetzung benötigten Stromes aus Gas und Kohle durch EE ist in absehbarer Zeit nicht absehbar, im Winter ohnehin nicht, weil die im Winter benötigten erheblichen Energiemengen zum Heizen in der Dunkelflaute durch EE nur in einem geringfügigen Umfang erzeugt werden können. Dies scheint dem Autor jedoch nicht weiter erwähnenswert zu sein. Er fokussiert sich in seinem Zweckoptimismus auf andere Felder.
Was in der aktuelle Gasdebatte leider oft vergessen oder bewusst unterschlagen wird, ist das Wegbrechen der Gastransitlieferungen durch die Ukraine zum 01.01.2025.
Und das ist eben der wesentliche Unterschied zu den Jahren davor.
Der Wegfall dieser Lieferungen hat die Gasversorgung von etwa 80 Millionen Menschen in der Ukraine selbst, in Moldawien (vor allem Transnistrien), der Slowakei, Österreich, Ungarn und auch Tschechien schwer getroffen.
Alle diese Länder können nach dem 31.12.2024 nicht mehr aus Russland beliefert werden, sondern müssen dauerhaft aus dem Westen oder Süden versorgt werden (unter Umkehrung der Gasflussrichtung, wo das möglich ist).
Und aus dem Westen bedeutet im Wesentlichen über Deutschland. Ein erheblicher Teil, des im Sommer von Deutschland importierten Gases, ist also so stark wie noch nie, Richtung Osten und Süden wieder abgeflossen. Wer das weiß, wird sich über die niedrigen Speicherstände zu Anfang der Heizsaison nicht wundern.
Der Ausfall von Nordstream konnte noch irgendwie kompensiert werden, den Wegfall der Ukraine-Pipeline auszugleichen ist in der jetzigen Lage eine Herkulesaufgabe.