Frühwarnstufe Gas: Wie Apollo News mit dem Speicher Rehden Panik verbreitet

Was die Frühwarnstufe bedeutet, warum Rehden an Bedeutung verloren hat – und wann tatsächlich eine Gasmangellage drohen würde.

Deutschlands größter Gasspeicher nur noch zu zehn Prozent gefüllt. Frühwarnstufe ausgerufen. Bundesnetzagentur greift nicht ein. Wer Medien wie Apollo News folgt, könnte meinen, Deutschland stehe unmittelbar vor einer Gasmangellage. Die Realität sieht anders aus. Zeit für eine Einordnung: Was bedeutet die Frühwarnstufe Gas tatsächlich? Welche Rolle spielen Gasspeicher heute noch? Und warum ist der niedrige Füllstand in Rehden kein Alarmsignal?

Die drei Stufen des ‚Notfallplan Gas‘

Deutschland hat einen Notfallplan Gas mit drei Eskalationsstufen: Frühwarnstufe Gas, Alarmstufe, Notfallstufe.


Die Frühwarnstufe ist die niedrigste Stufe. Sie bedeutet: Die Lage wird beobachtet, ein Krisenteam im Wirtschaftsministerium tritt turnusgemäß zusammen. Markteingriffe finden nicht statt. Die Verantwortung für die Versorgung liegt bei den Marktakteuren – Händlern, Lieferanten, Netzbetreibern.

In der Alarmstufe kann der Staat die Trading Hub Europe (THE) als Marktgebietsverantwortlicher mit der Beschaffung und Einspeicherung von Gas beauftragen – so geschehen während der Krise 2022. Die Marktakteure bleiben aber weiterhin in der Verantwortung.

Aktuell ist eine solche staatliche Einspeicherung nicht vorgesehen. Das Bundeswirtschaftsministerium begründet das gegenüber dem NDR klar: Deutschland bekomme mehr Gas aus Norwegen als vor der Gaskrise, die Versorgungsflüsse seien gut, an den LNG-Terminals gebe es sogar noch freie Kapazitäten.

Sprecherin Susanne Ungrad sagte dem NDR: „Wenn die Bundesregierung in dieser Situation die Einspeicherung beauftragen würde, dann würde das Kosten für den Bundeshaushalt und damit für den Steuerzahler verursachen, obwohl die Versorgungssicherheit nicht gefährdet ist.“

Erst in der Notfallstufe greift der Staat also direkt ein. Dann wird die Bundesnetzagentur zum „Bundeslastverteiler“ und kann in Abstimmung mit den Netzbetreibern hoheitliche Maßnahmen anordnen – bis hin zur Rationierung.

Momentan gilt die Frühwarnstufe. Die Alarmstufe wurde am 1. Juli 2025 bewusst zurückgestuft. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche begründete dies mit neuen Lieferwegen, vier LNG-Terminals in Betrieb und einer breiteren Diversifizierung der Gasimporte.

Die Frühwarnstufe dokumentiert nicht Knappheit – sie dokumentiert die Rückkehr zur Normalität nach der Krise 2022. Wer sie dennoch als Alarmsignal verkauft, verdreht bewusst die Logik des Notfallplans.

Warum die Bundesnetzagentur nicht eingreift

Dass die Bundesnetzagentur aktuell keine Maßnahmen ergreift – was Apollo News hinterfragt -, ist kein Versagen – es ist ihr gesetzlicher Auftrag. Die Behörde erklärte gegenüber t-online, sie werde weder durch Abschaltungen noch durch die Festlegung von Quoten ins Marktgeschehen eingreifen. Das klingt nach Untätigkeit – ist aber schlicht die Konsequenz aus der aktuellen Stufe im Notfallplan.

In der Frühwarnstufe hat die Bundesnetzagentur keine Eingriffsbefugnis. Die Verantwortung liegt bei den Marktakteuren. Erst wenn die Bundesregierung die Notfallstufe ausruft, wird die Behörde als „Bundeslastverteiler“ aktiv und kann Maßnahmen anordnen.

Das ist keine Verantwortungsflucht, sondern das reguläre Verfahren im Notfallplan Gas. Das System funktioniert genau so, wie es vorgesehen ist.

Die veränderte Rolle des Gasspeichers Rehden

Deutschland verfügt über die größten Gasspeicherkapazitäten in der EU – auch wegen seiner historischen Rolle als Transitland für russisches Gas.

Der Speicher Rehden in Niedersachsen ist mit knapp 3,9 Milliarden Kubikmetern Arbeitsgasvolumen der größte unterirdische Erdgasspeicher des Landes und einer der größten in Westeuropa. Sein Volumen entspricht rund einem Fünftel der gesamten deutschen Speicherkapazität. Früher war Rehden ein klassischer saisonaler Langzeitspeicher: Im Sommer gefüllt, im Winter entleert. Diese Rolle hat sich grundlegend gewandelt.

So berichtet Apollo News über den Gasspeicher Rehden. Im Artikel geht es auch um die Frühwarnstufe - auf irreführende Weise.
So berichtet Apollo News über den Gasspeicher Rehden.

Das Bundeswirtschaftsministerium stellt klar: „Deutschlands größter Speicher im niedersächsischen Rehden verliert an Bedeutung.“ Zwei Gründe: Erstens handelt es sich um einen Porenspeicher, in den nur langsam ein- und ausgespeichert werden kann. Zweitens wird der Norden Deutschlands inzwischen gut durch LNG-Terminals und norwegisches Pipeline-Gas versorgt.

Wer den niedrigen Füllstand im größten deutschen Speicher isoliert betrachtet, ignoriert diese veränderten Gegebenheiten. Rehden allein sagt heute wenig über die Versorgungssicherheit aus.

Was Experten zur Lage sagen

Jochen Linßen vom Forschungszentrum Jülich sagte dem NDR: „Die Situation ist nicht entspannt, aber es gibt auch keine Anzeichen, dass es kritisch ist.“ Die Lage auf dem Gasmarkt sei eine völlig andere als vor der Gaskrise: Norwegen liefere viel Erdgas, Deutschland beziehe zusätzlich LNG. „Es kann also relativ flexibel Energie dazugekauft werden.“

Franziska Holz vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht es ähnlich: „Das Gros unserer Gasversorgung kommt – auch im Winter – per Pipeline aus Norwegen und per LNG. Diese Lieferungen funktionieren ohne absehbare Einschränkungen.“

Prognose: Tiefststand im April, danach Erholung

Der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) hat ein Prognose-Tool veröffentlicht, das die erwartete Entwicklung der Speicherfüllstände abbildet. Anders als die oft falsch interpretierte Szenario-Analyse der Initiative Energien Speichern (INES), die Extremszenarien durchrechnet, handelt es sich hier um eine echte Prognose auf Basis aktueller Rahmenbedingungen.

Das Ergebnis: Der niedrigste Füllstand wird demnach am 17. April 2026 mit rund zehn Prozent erreicht. Danach beginnt die Wiederbefüllung – im Juli liegen die Speicher laut Prognose bereits wieder bei über 30 Prozent.

Speicher DVGW Prognose Frühwarnstufe Gas

Die Kurve zeigt: Das System funktioniert. Die Speicher werden im Winter genutzt, im Frühjahr und Sommer wieder aufgefüllt. Von einer unkontrollierten Entleerung oder drohenden Mangellage ist nichts zu sehen.

Keine automatischen Abschaltungen bei niedrigen Füllständen

Ein verbreiteter Irrtum, dem auch Apollo News in seinem Artikel unterliegt: Bei bestimmten Speicherfüllständen (unter 20 Prozent?) würden automatisch Abschaltungen der Industrie, von Schwimmbädern etc. greifen. Das ist falsch.

Es gibt keinen Schwellenwert, bei dem Industrie oder Haushalte zwangsweise vom Gas getrennt werden.

Sinkende Füllstände können die maximale Ausspeicherleistung einzelner Speicher reduzieren – sie lösen aber keinerlei automatische Abschaltungen aus. Eingriffe wären erst in der Notfallstufe möglich – und die wird politisch ausgerufen, nicht durch das Unterschreiten einer Zahl.

Was niedrige Füllstände technisch bedeuten

Gasspeicher bestehen aus Arbeitsgas (für den Verbrauch verfügbar) und sogenanntem Kissengas. Das Kissengas verbleibt dauerhaft im Speicher, um den notwendigen Druck aufrechtzuerhalten – es ist nicht für den Verbrauch vorgesehen.

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Sinkt der Füllstand stark, nähert man sich dem Bereich, in dem fast nur noch Kissengas vorhanden ist. Das Szenario „0 Prozent“ ist deshalb praktisch irrelevant.

Fazit: Einordnung statt Alarmismus

Die Frühwarnstufe Gas ist die niedrigste Stufe im Notfallplan – sie signalisiert Beobachtung, nicht Krise. Der Gasspeicher Rehden ist zwar Deutschlands größter Speicher, hat aber an strategischer Bedeutung verloren und ist kein Gradmesser für die Gasversorgung. Eine Gasmangellage droht nicht: Deutschland verfügt über die größten Speicherkapazitäten in der EU, die Importströme funktionieren, LNG-Kapazitäten stehen bereit, Experten sehen keine kritische Lage.

Viel wichtiger als Fata Morgana-Diskussionen ist daher die Fragen: War die Entscheidung der Regierung, die Speicher nicht staatlich stärker zu füllen aus Resilienz-Gründen ein Fehler? Begibt man sich mit einer solchen Strategie in ein fragiles Gas-Casino?

Gerade bei emotional aufgeladenen Themen wie der Energieversorgung ist redliche Berichterstattung besonders wichtig: alle Blickwinkel betrachten, aktuelle Informationen einordnen, Zusammenhänge erklären. Wer stattdessen durch Weglassen von Kontext oder veraltete Systemannahmen Ängste schürt – wie zuletzt Apollo News –, leistet keinen Beitrag zur Debatte. In einer ohnehin nervösen Diskussion, die vom globalen Gas-Casino geprägt ist, brauchen wir Aufklärung, nicht Verunsicherung.

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