Kolja Barghoorn in seinem Video über den Gasspeicher Rehden. Screenshot: YouTube / Aktien mit Kopf
Gasspeicher-Panik: Was „Aktien mit Kopf“ verschweigt
Deutschlands größter Gasspeicher ist nur noch zu 10 % gefüllt. Youtube-Star Kolja Barghoorn nutzt das für aufgesetzte Empörung.
Kolja Barghoorn zieht mit seiner Art Hunderttausende an. 700.000 Abonnenten zählt „Aktien mit Kopf„. Doch Videos wie das mit dem Titel „Schockmeldung aus Niedersachsen: Der größte Gasspeicher Deutschlands hat nur noch zehn Prozent“ sind mehr als fragwürdig. Sie dienen dem Zweck, Empörung über den schlechten Staat oder einzelne Politiker zu verstärken – dafür dienen oft die Inhalte von Apollo News oder NIUS als Vorlage.
Die These folgt im YouTube-Video von „Aktien mit Kopf“ unmittelbar: Wenn es noch ein paar Wochen kalt bleibt, kracht es. Gasrationierung, Industrieabschaltungen, Staatsversagen. Dann kommt ein Sponsoring-Block für Incogni. Von „Deutschland vor der Gasrationierung“ zu „kauft bitte meinen Datenschutz-Service“ in 30 Sekunden. Das sagt viel über die Prioritäten.
Die Fakten
Der Gasspeicher in Rehden – Deutschlands größer Gasspeicher – hat tatsächlich einen Füllstand von zehn Prozent. Darüber hat auch der YouTuber „Vermietertagebuch“ ein Panik-Video gedreht: Und Cleanthinking hat die passenden Fakten geliefert: Gasspeicher-Füllstand: YouTuber redet eine Katastrophe herbei.
Ein schneller Blick auf die Fakten zeigt: Der Gasspeicher Rehden hat strategisch an Bedeutung verloren, weil sich die Struktur der Gasversorgung seit 2022 grundlegend verändert hat. Genau deshalb ist der unter dem Zielstand von 30 Prozent liegende Füllstand kein Grund zur Sorge. Wer das anders sieht, will bewusst mit Empörung Stimmung machen und schlicht Clickbait betreiben.
Das Bundeswirtschaftsministerium betont ausdrücklich: Rehden hat an Systemrelevanz verloren, weil Norddeutschland über Leitungen und LNG gut versorgt ist. Dazu kommt ein technischer Punkt, den Kolja Barghoorn ebenfalls ignoriert: Rehden ist ein Porenspeicher, der Gas nur langsam ein- und ausspeichern kann. Für flexible Lastdeckung im Tages- oder Wochenrhythmus sind Kavernenspeicher besser geeignet.
Ein niedrig gefüllter Porenspeicher bedeutet bei einem insgesamt ausreichenden Füllstand bundesweit nicht, dass Deutschland kein Gas mehr hat. Er bedeutet, dass ein für Spitzenlasten kaum geeigneter Speicher heute in einem völlig anderen System arbeitet als vor drei Jahren. Das heißt nicht, dass Rehden egal ist – aber er ist nicht mehr der systemische Engpassindikator, als den das Video ihn darstellt.
Die Rechnung
90 Terawattstunden lagern immer noch in den deutschen Speichern. Der offizielle Füllstand liegt bei 33 Prozent. Der Januar-Verbrauch liegt bei etwa vier Terawattstunden pro Tag. Das reicht rein rechnerisch für 22 Tage – allein aus den Speichern, ohne eine einzige Terawattstunde Import.
Aber die Importe laufen weiter. Auch die Grafik bei ntv zeigt: Die Importe 2026 sind höher als 2025. Von Knappheit keine Spur.
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Die Begriffe
„Gasmangellage“ ist ein definierter Begriff und existiert nur in der Notfallstufe 3 des nationalen Notfallplans Gas. Deutschland ist in der Frühwarnstufe – die wurde im Juli 2025 sogar von der Alarmstufe zurückgesetzt. „Das Video „Aktien mit Kopf“ erwähnt diesen hoch relevanten Kontext nicht.
Eine im Video genannte „30-Prozent-Grenze“ existiert in der Realität nicht. Es gibt keine harte physikalische oder rechtliche Untergrenze bei 30 Prozent Gasspeicher-Füllstand. Diese Zahl stammt aus Krisenszenarien von 2022 – ohne LNG-Infrastruktur, nach dem Wegfall russischer Importe, unter völlig anderen Bedingungen.
Die Starlink-Fantasie von Kolja Barghoorn
Barghoorns Versuch, zu zeigen, wie toll es in anderen Ländern ist, scheitert an simpler Logik: Im Video wird behauptet, in den USA schicke Elon Musk gerade im Angesicht des Schneesturms seine Satelliten-Internet-Technologie Starlink, damit die Leute kommunizieren können. Das klingt nach privater Tech-Lösung als Alternative zu staatlichen Strukturen. Nur: Starlink braucht selbst Strom.
Zwischen 50 und 70 Watt, um genau zu sein. Eine kleine Powerbank reicht für etwa eine Stunde, dann ist es vorbei. Wer hat schon passend zum Stromausfall eine große Powerbank parat? Und die Behörden, an die Barghoorn sich kritisch wendet? Die haben beim Schneesturm im Zweifel ebenfalls keinen Strom.
Das Muster
Die Struktur solcher Videos AfD-naher YouTuber ist immer ähnlich: Eine einzelne Zahl oder ein Fakt wird aus dem Kontext gelöst und zum Beweis für eine vorgefertigte These erklärt. Hypothesen ersetzen Wahrscheinlichkeiten. Unsicherheit bleibt bewusst offen – daraus speist sich die emotionale Wirkung.
Bei „Aktien mit Kopf“ folgt dann die Ausweitung: Schnee in Nürnberg, Stromausfall in Berlin, Tschernobyl, Elon Musk, Bitcoin, CBDCs. Einzelereignisse werden assoziativ aneinandergereiht, ohne kausalen Zusammenhang. Der Gasspeicher ist nur der Aufhänger für ein dauerhaftes Grundgefühl von Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen.
Im Video liest Kolja sogar einen Ausschnitt aus dem Notfallplan Gas vor – einen Text, der seine eigene These widerlegt. Der Text zeigt: Das System funktioniert wie vorgesehen, es gibt Stufen, Zuständigkeiten, Mechanismen. Barghoorn präsentiert genau diese Mechanismen als Beweis für staatliches Versagen.
Was die Quellen sagen
Das Wirtschaftsministerium: „Die Gasversorgung ist sichergestellt.“ Die Bundesnetzagentur: Import-Daten 2026 höher als 2025. Die Gas-Industrie auf gas-h2.de: „Die Lage der Gasversorgung in Deutschland ist stabil“ – der erste Satz auf ihrer Website. Der DVGW zeigt, dass die Speicher bis mindestens Ende April ausreichen.
Natasha Fielding von Argus Media bringt es auf den Punkt: „Es gibt keine reale Gefahr von Gasengpässen.“ Die Faktenlage ist eindeutig. Das Video ignoriert sie.
Aktien mit Kopf: Warum es trotzdem funktioniert
Nicht weil die Zahlen stimmen, sondern weil Angst funktioniert. Ein spezifisches Datum, eine niedrige Zahl, ein kaputtes Thumbnail – das erzeugt Klicks. Der Algorithmus belohnt genau das, was am meisten Aufmerksamkeit erzeugt, und Angst ist ein besonders wirksamer Rohstoff.
Barghoorn und „Aktien mit Kopf“ sind hier nicht als Person das Thema, sondern als Beispiel für ein System. Ein System, das aus verzerrten Schlagzeilen Angstprodukte macht.
Genau dieses System zu verstehen ist die Voraussetzung für eine sachliche Debatte über Energieversorgung. Deshalb ist Einordnung wichtig – nicht um Kritik zu unterdrücken, sondern um sie von Panik zu trennen.
Wem vertrauen Sie, liebe Leser: Cleanthinking oder YouTube-Stars, die Empörung als Geschäftsmodell haben?

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.
[…] der rechte Youtube-Kanal „Aktien im Kopf“, der regelmäßig mit Desinformation auffällt, möchte seine Follower vom Sparen […]
[…] der rechte Youtube-Kanal „Aktien im Kopf“, der regelmäßig mit Desinformation auffällt, möchte seine Follower vom Sparen […]
[…] Panik-Orchester aus YouTube-Kanälen wie Outdoor Chiemgau, Politik mit Kopf, Vermietertagebuch oder Aktien mit Kopf vor einer „nicht mehr abwendbaren Gasmangellage 2026″. Goldhändler bewarben […]
Es mag schon stimmen, dass der Porenspeicher was langsamer aufspeichern kann und deshalb was die Flexibilität angeht weniger Relevanz hat. Aber das ist doch sekundär. Fakt ist das der Speicherfüllstand laut https://agsi.gie.eu/ nur noch bei bei 22,33% in Deutschland steht und auch die Grafik der DVGW zeigt an, dass wir laut Prognose ende Mai bei 6,7% Füllstand für Gesamtdeutschland rauskommen. Das bedeutet für mich alles andere als „Die Gasversorgung ist sichergestellt“.
Norwegen pumpt seit über einem Jahr unter Volllast Gas zu uns und musste seine Wartungen an den Pipelines aussetzen. Winterstürme in den USA oder das Zufrieren der Nordsee verhindern LNG-Importe. Die Niederlande, von denen wir seither Gas beziehen, haben selbst nur noch einen Gasspeicherfüllstand von 13,7% und müssen vermutlich bald den Export an uns reduzieren, um selber nicht leer auszugehen. Die Gasverstromung ist aufgrund des ausbleibenden Ertrags von Erneuerbaren zu dieser Jahreszeit auf dem Höhepunkt. Regionale Gasengpässe in Bayern und Baden-Württemberg sowie die immer niedriger werdenden Ausspeicherkapazitäten, die mit zunehmend niedrigeren Gasfüllständen einhergehen, werden ignoriert.
Sollte irgendeine dieser vielen Variablen ausfallen sind die 6,7% Restfüllstand schnell verbraucht und die Folgen sind gravierend. Denn wir brauchen das Gas nicht nur für die Industrie, deren Anlagen Schaden nehmen, sondern auch zum Heizen und aktuell werden 25% unseres Stroms über Gaskraftwerke erzeugt.
Ich kann doch eine Industrienation nicht auf letzter Rille fahren und auf besser Wetter hoffen und das schon alles gut gehen wird. Und da haben wir noch nicht mal darüber geredet, wie wir unsere Gasspeicher von Ende März bis Oktober wieder von unter 10% auf 85% bekommen wollen. Damit wir nicht nächstes Jahr in der selben Situation sind.
Früher hat man über die Abhängigkeit von Russland geschimpft. Ungeachtet was man von Russland halten will haben diese immer zu den vereinbarten Konditionen geliefert. Nun hat man die Abhängigkeit in die Hände der USA gelegt, die ihre Überlegenheit immer wieder ausnutzen, um durch Druck und Zölle ihre Interessen durchzusetzen. Selbst vor Verbündeten (Grönland) machen sie keinen Halt. Wo sind hier die Aufschreie. Ob wir nächstes Jahr durch den Winter kommen oder nicht, hängt einzig und allein von Trump ab.
Jetzt bin ich etwas ausgeschweift. Ich denke ein gesundes Maß an Angst bzw. Vorsicht sollte definitiv geboten sein. Wie heißt es so schön Vorsicht ist besser als Nachsicht.
Hallo Dominik,
ich stimme Ihnen in weiten Teilen zu. Nicht bei der Panik, die Sie benennen – und auch nicht bei dem, was Sieüber Russland schreiben.
Zu Russland: Putin hat den Gashahn schrittweise abgedreht. Zu behaupten, er hätte immer zuverlässig geliefert, ist faktisch falsch.
Resilienz: Ich habe einen Artikel zu Energieresilienz geschrieben. Der Weg muss IMHO sein, die Transformation zu beschleunigen – mehr Erneuerbare, mehr Speicher, mehr Wärmepumpen. Das schafft Unabhängigkeit und schweißt Europa enger zusammen. Und ja: Dass Katherina Reiche die Entscheidungen allein dem Markt überlässt, ist rechtlich und versorgungstechnisch absolut problematisch.
Trump / LNG: Es gibt reichlich LNG-Anbieter, die auf den Markt drängen. Das Kernproblem ist nicht einmal Trump, sondern die Tatsache, dass LNG zu einer globalen Spekulationsware geworden ist. Ich habe das in meinem Beitrag Gas-Casino genannt. Die Konsequenz auch hier: Transformation beschleunigen.
Viele Grüße,
Martin Jendrischik
Hallo Martin, mich würde mal deine Meinung zu den letzten YouTube – Beiträgen von Outdoor Chiemgau, zum Gas Thema interessieren. Heute erst wieder ein aktuelles Video diesbezüglich auf seinem Kanal. Der Stefan scheint ja gut im Stoff zu stehen, was u.a. Energieversorgung betrifft.
Hallo Andreas,
die Kurzform ist so:
OutdoorChiemgau verkauft alte Schwellenwerte aus 2022 als harte Grenzen, rechnet Speicher isoliert und linear leer und blendet genau die markt- und systemrelevanten Kriterien aus, die der Notfallplan Gas ausdrücklich verlangt.
Er mag sich auskennen – es ist aber sehr verdächtig, dass sich immer wieder Ungenauigkeiten einschleichen. Zufälle gibt es…
Viele Grüße,
Martin Jendrischik
Danke für die Kurzform- Einschätzung. Ich werde die Lage weiter verfolgen. Am Ende sind wir dann im Frühjahr schlauer. Beste Grüße Andreas
Irgendwer muss ja das Gegengewicht zu den staatstreuen Medien wie euch, die immer rechtfertigen, relativieren und beschwichtigen, bilden.
Und sie scheinen den Finger derart in die Wunden zu legen, dass sich selbst Ministerpräsidenten nur noch mit Zensurforderungen zu helfen wissen… äh, ich meine natürlich den Bürger von Eckernförde, der natürlich als Privatperson bei Lanz saß! (wann werde endlich ich, der Jasper aus Buxtehude eingeladen?)
Lieber Jasper,
witzige Anekdote. Hast Du auch was Substanzielles beizusteuern?
Dass Du Vorurteile gegen faktenbasierte Medien rausposaunst, sagt mehr über Dich als über http://www.cleanthinking.de. Aber ja klar: Alle staatshörig, die nicht bereit sind, den Schwurbler-Blödsinn zu verbreiten…
Good luck, Du kannst es gebrauchen!
Martin Jendrischik