Screenshot: ZDF / Terra X
SMR und Atomkraft: Harald Lesch zerlegt von der Leyens „strategischen Fehler“
Der Physiker erklärt, warum kleine, modulare Kernreaktoren ökonomisch wie technisch keine Antwort auf die Energiewende sind
In Deutschland kann man die Atomuhr danach stellen: Irgendwann kommt sie wieder, die Debatte über Kernenergie. Jetzt sollen es kleine modulare Reaktoren (SMR) richten. Vergessen ist, dass der Atomausstieg im breiten gesellschaftlichen Konsens geschah; vergessen, dass Ministerpräsident Söder bei einem Nicht-Ausstieg einst mit Rücktritt drohte. Doch jetzt hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen diesen Ausstieg als ’strategischen Fehler‘ bezeichnet. Eine Aussage, die den Physiker Prof. Harald Lesch schwer erschüttert, wie er jetzt verriet.
„Ich bin schwer erschüttert von Frau von der Leyen, dass sie beim Thema Energie solche Aussagen macht“, sagte Lesch im Interview mit WEB.DE News. „Die Abkehr von der teuersten Energiequelle zu einem strategischen Fehler zu erklären, ist nicht im Geringsten nachvollziehbar.“ Der Wissenschaftsjournalist erinnert daran, dass von der Leyen mit dem Green Deal einst selbst für Aufbruchstimmung gesorgt hatte: „Mit ihrem Green Deal hat sie uns allen Hoffnung gegeben, dass endlich Vernunft in die Europäische Union einzieht.“
Dass ausgerechnet sie nun auf eine Technologie setze, die physikalisch, ökonomisch und sicherheitstechnisch in einer Sackgasse steckt, sei für ihn nicht nachvollziehbar. Lesch: „Frau von der Leyen ist keine Kernphysikerin. Es ist unbegreiflich, wer ihr das eingeredet hat.“
SMR: Mehr Atommüll, keine Skalierung, keine Lösung
Im Zentrum der europäischen Atomoffensive stehen die „Kleinen, modularen Reaktoren“, kurz SMR. Das politische Versprechen: kleinere, günstigere, serientaugliche Reaktoren, die den Weg in eine neue nukleare Ära ebnen. Die physikalische Realität sieht grundlegend anders aus. SMR erzeugen zwischen fünf- und 30-mal mehr radioaktiven Abfall als große Reaktoren, weil sie weniger effizient arbeiten. Was als Innovation verkauft wird, verschärft das bestehende Müllproblem erheblich.
Die Behauptung, neue Reaktortypen könnten mit altem Atommüll betrieben werden, weist Lesch entschieden zurück. „Atommüll als Brennstoff zu benutzen ist ein wunderbares Märchen, das noch nirgendwo auf der Welt wahr geworden ist“, sagte er gegenüber WEB.DE News. „Was da behauptet wird, ist Science-Fiction.“ Er verweist auf die Gutachten des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), das zu denselben Schlüssen komme. Das seien nette Versprechen. Mehr nicht.
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Auch die Idee einer industriellen Serienproduktion hält der Physiker für eine Illusion. „Im Vergleich zu Photovoltaik-Kraftwerken wird ein Atomkraftwerk nie seriell hergestellt werden können“, sagte er. Jede einzelne Unterlegscheibe in einem Kernkraftwerk müsse höchsten Sicherheitsstandards entsprechen. „Das wird niemals günstiger werden.“ Wer einen Rolls-Royce in Handarbeit baut, kann nicht plötzlich Fließbandpreise versprechen, egal wie klein er das Modell macht.
Was eine Kilowattstunde Atomstrom wirklich kostet
Die Kostenfrage ist das stärkste Argument gegen den nuklearen Kurs. Neue Kernkraftwerke kommen nach US-Daten, vom Fraunhofer-Institut auf deutsche Verhältnisse umgerechnet, auf 13,6 bis 49 Cent pro Kilowattstunde. Wohlgemerkt: ohne Endlagerungskosten. Zum Vergleich: Onshore-Wind liegt bei 3,9 bis 9,2 Cent, Photovoltaik bei 3 bis 6 Cent. Erneuerbare Energien sind also nicht nur klimafreundlicher, sondern um ein Vielfaches günstiger.
Wer dagegen mit den 2,7 Cent pro Kilowattstunde alter, längst abgeschriebener Reaktoren argumentiert, vergleicht Äpfel mit Birnen. Diese Zahl enthält weder Bau- noch Renovierungskosten, keine Rückstellungen für die Endlagerung und keine Versicherung. Kein privater Versicherer auf der Welt deckt das Risiko eines Kernkraftwerks ab. Ohne staatliche Bürgschaften und Subventionen gäbe es Atomstrom in Europa schlicht nicht. Das ist keine Ideologie, sondern Betriebswirtschaft.
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Der Elefant im Raum: Atommüll ohne Endlager
Das gravierendste Problem wird in der politischen Debatte konsequent ausgeblendet. „Bislang hat kein Wissenschaftler auf der Welt eine zufriedenstellende Lösung für die Lagerung von hochradioaktivem Müll geliefert“, sagte Lesch. Finnland hat ein Endlager in Betrieb, Schweden baut eines. Deutschland rechnet frühestens 2074 mit einer Lösung. Wer jetzt neue Reaktoren in Betrieb nehmen will, produziert neuen Müll für ein Problem, das beim alten Müll nicht einmal ansatzweise gelöst ist.
Schon die bestehenden Zwischenlager sind ein Sicherheitsrisiko. In Deutschland stehen Castor-Behälter oberirdisch in Hallen, deren Standorte öffentlich bekannt sind. „Russische Agenten können praktisch im Homeoffice potenzielle Angriffsziele suchen“, sagte Lesch gegenüber WEB.DE News. Es ist ein Satz, den man in der Atomdebatte nicht hören will. Aber er beschreibt die Realität.
Wo das Geld stattdessen hingehört
Leschs Gegenvorschlag ist so klar wie seine Kritik. „Wir sollten all das Geld, das wir jetzt in die Erforschung neuer Atomtechnologien oder auch Kernfusionsforschung stecken wollen, in den Ausbau von Erneuerbaren investieren“, sagte er. Allein die klimaschädlichen Subventionen in Deutschland belaufen sich auf rund 60 Milliarden Euro jährlich. Darunter 18 Cent Subvention pro Liter Diesel. Mit einem Bruchteil dieser Summe ließe sich die Energiewende massiv beschleunigen.
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Dabei lenkt die gesamte Atomdebatte vom eigentlichen Abhängigkeitsproblem ab. Deutschland importierte 2024 rund 22 Terawattstunden elektrische Energie, aber etwa 3.125 Terawattstunden in Form von Öl, Gas und Kohle. „Der Stromsektor ist also irrelevant“, so Lesch. Die fossile Abhängigkeit sitzt im Wärme- und Verkehrssektor. Wer über Atomstrom redet, statt über Elektrifizierung, Wärmepumpen und Erneuerbare, verpasst das eigentliche Thema.
In Deutschland ist unterdessen nicht von einer Renaissance der Atomkraft auszugehen. Zwar trommelt Markus Söder für irgendwelche SMR-Pilotprojekte in Bayern. Kanzler Merz, Wirtschaftsministerin Reiche, Energiepolitikerin Scheer oder Umweltminister Schneider haben glasklar Position bezogen: Es wird ein wenig geforscht. Und das war es. So kann man auch das Ergebnis einer von der AfD gewollten Bundestagsdebatte zusammenfassen.
Fazit und Ausblick: SMR als Ablenkung von der echten Transformation
Harald Lesch spricht aus, was die Zahlen seit Jahren zeigen: Kernenergie ist teuer, langsam und löst kein einziges Energieproblem schneller als Erneuerbare. SMR sind kein technologischer Durchbruch, sondern ein politisches Ablenkungsmanöver, das Zeit und Kapital bindet, die für die echte Transformation fehlen. Dass die EU-Kommission diesen Kurs einschlägt, während Solar- und Windenergie Rekorde brechen, ist das eigentliche Signal: Es geht nicht um die beste Technologie, sondern um politische Interessen. Das vollständige Gespräch mit Prof. Harald Lesch ist bei WEB.DE News abrufbar.
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Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.
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Harald Lesch ist ein verkappter Grüner.
Ich gebe Harald Lesch voll recht, ich bin Elektrotechniker und habe zufällig auch noch ein bisschen Wissen in Thermodynamik. Aber davon haben die faktenaversen Atomis aus CDU/CSU keine Ahnung. Wahrscheinlich haben die nicht im Physikunterricht aufgepasst. Die Kernenergie ist ein totes Pferd, auf welchem die Atomis um unseren wurstfressenden bayrischen Ministerpräsidenten herumliegen wollen. Von den SMR existieren nur Studien, also sind das pinke Einhörner. Es hilft nur eins: Die erneuerbaren Energien maximal ausbauen.
Photovoltaik, Windkraft, Solarthermie, Erdwärme und Speichertechnologien, das ist die Zukunft. Die Spaltung von Atomkernen, um mit der größten Kraft des Universum, der starken Wechselwirkung nur ein bisschen Wasser heiß zu machen und sonst nur unnütze thermische Energie und somit Entropie zu erzeugen, hat abgewirtschaftet. Diese Energie liefert uns der Fusionsreaktor der nur 8 Lichtminten von uns entfernt ist frei Haus.
Also, den Hintern zusammentreffen und alle Kraft in den Ausbau der Erneuerbaren Energien setzen.
Auch wenn der Hintern zusammentrifft. Wurst fressende Ministerpräsidenten, pinke Einhörner, Atomis- damit läßt sich, hier im Blog, sein Fachwissen super unterstreichen. Und das nur Studien zu SMR’s existieren ist nicht ganz der Stand von 2026.
Mit besten Grüßen, Andreas