Preiswahrheit

1.840 Dollar Schaden pro Tonne CO₂: Stanford-Studie beziffert die wahren Klimakosten fossiler Energie

Ein neues Berechnungsmodell der Stanford University zeigt: Fossile Energie ist nur profitabel, weil die Allgemeinheit die Rechnung zahlt. Eine Analyse über Zins und Zinseszins der Klimakrise.


Eine Tonne Kohlendioxid, ausgestoßen im Jahr 1990, hat bis zum Jahr 2020 rund 180 Dollar Schaden angerichtet. Bis zum Ende des Jahrhunderts werden es Klimakosten fossiler Energie bei 1.840 Dollar sein. Zehnmal so viel. Das ist die zentrale Erkenntnis einer Studie, die vergangene Woche in Nature erschienen ist, dem wichtigsten wissenschaftlichen Fachjournal der Welt.

Forscher der Stanford University um Marshall Burke haben dafür einen Rahmen entwickelt, der Treibhausgase wie einen negativen Vermögenswert behandelt. Das CO₂ von 1990 ist nicht verschwunden. Es hängt in der Atmosphäre, es erwärmt den Planeten, und es richtet mit jedem weiteren Jahr mehr wirtschaftlichen Schaden an.

Co-Autor Solomon Hsiang bringt das auf eine Formel, die jeder versteht: Treibhausgasemissionen funktionierten wie Müll. Müll dürfe man nicht einfach abladen, wo man wolle, weil er Kosten für andere verursache. Man bezahle jemanden, der ihn entsorge.

„Das Erbe der Treibhausgasemissionen ist ähnlich“, so Hsiang, „nur hat nie jemand die Rechnung bezahlt, und sie läuft immer weiter Zinsen auf.“

Es ist ein Bild, das den Kern des Problems trifft. Denn über die Frage, wer diese Rechnung begleicht, wird gerade ein Kampf geführt, der in Brüssel, Washington und Berlin über die wirtschaftliche Ordnung der kommenden Jahrzehnte entscheidet. Es geht nicht um Umweltpolitik im engeren Sinne. Es geht darum, ob Preise in dieser Wirtschaft die Wahrheit sagen oder nicht.

Selbst das Institut der Deutschen Wirtschaft, die wirtschaftswissenschaftliche Stimme der Arbeitgeber, hält fest: Die Internalisierung ökologischer Kosten sei notwendig, um diese den Verursachern zuzuweisen. In Form von Preisen könnten sie dann bei Konsumentscheidungen berücksichtigt werden, ohne dass Produkte verboten werden müssten.

Kein grünes Projekt also, sondern marktwirtschaftliche Grundlogik: Wer Schäden verursacht, muss sie bezahlen, damit Märkte funktionieren. Ökonomen nennen das die Internalisierung externer Effekte. Es bedeutet: Schluss mit der Illusion, dass fossile Energie billig ist, wenn die wahren Klimakosten auf die Allgemeinheit abgewälzt werden.

Gleichzeitig zeigen die eigenen Umfragedaten desselben Instituts, wie wenig diese Logik in der Bevölkerung angekommen ist. Nur 29,9 Prozent der Deutschen stimmen zu, dass ökologische Kosten in den Preis von Produkten und Dienstleistungen einfließen sollten. Drei Viertel fühlen sich über den CO₂-Preis nicht ausreichend informiert. Die Preiswahrheit ist ökonomisch unstrittig. Aber sie wurde politisch nie erklärt.

Die Korrektur hatte begonnen

Lange sagten Preise die Wahrheit nicht. Der Preis für eine Tonne CO₂ betrug über Jahrzehnte: null. Wer fossile Rohstoffe verbrannte, bezahlte den Rohstoff, die Logistik, die Steuern. Aber nicht den Schaden, den die Verbrennung anrichtet. Externalisierte Kosten nennen Ökonomen das. Es bedeutet: Jemand anderes zahlt. Die Allgemeinheit. Künftige Generationen. Länder, die am wenigsten zur Erwärmung beigetragen haben.

Die Burke-Studie rechnet vor, was dieses Marktversagen in konkreten Zahlen bedeutet. Die Emissionen der USA seit 1990 haben weltweit Klimaschäden in Höhe von rund 10 Billionen Dollar verursacht. China folgt mit 8,7 Billionen, die Europäische Union mit 6,4 Billionen. Allein Saudi Aramco, der größte Einzelemittent der Welt, hat zwischen 1988 und 2015 Emissionen verursacht, die bis 2020 rund drei Billionen Dollar Schaden anrichteten. Wenn dieses CO₂ bis 2100 in der Atmosphäre bleibt, steigt die Summe auf 64 Billionen Dollar.

Es sind Zahlen, die zunächst abstrakt wirken. Aber sie werden konkret, wenn man sie herunterbricht. Ein zusätzlicher Langstreckenflug pro Jahr verursacht rund 165 Dollar Schaden bis 2020. Dieselben Emissionen erzeugen etwa 25.000 Dollar Schaden von 2021 bis 2100. Die Forscher betonen, dass ihre Schätzungen konservativ sind, weil sie den Verlust von Biodiversität, den Anstieg des Meeresspiegels und bestimmte Extremwetterereignisse nicht vollständig abbilden.

Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, hat die Dimension dieser Lücke zwischen tatsächlichen Klimakosten und dem, was Verursacher zahlen, in eine einzige Gegenüberstellung gefasst: Gemessen am Deponieraum der Atmosphäre gebe es ein Überangebot an fossilen Energieträgern. 10.600 Gigatonnen Kohle, Öl und Gas lägen im Boden, aber nur 250 bis 940 Gigatonnen könne die Atmosphäre noch aufnehmen, ohne die Temperaturziele zu reißen. Wer das nicht berücksichtige, mache eine schlechte Klimapolitik.

Das Narrativ einiger Politiker und einflussreicher internationaler Stiftungen, so Edenhofer, laute: Man subventioniere die Erneuerbaren unter die Stromgestehungskosten der Fossilen, dann habe man das Problem gelöst. Das sei „Humbug“, denn es gehe nicht nur um die Stromerzeugung, sondern auch um Verkehr, Industrie und Wärme. Ohne die Verteuerung fossiler Energieträger durch einen wirksamen CO₂-Preis werde die grüne Transformation nicht gelingen.

Nun hatte die Welt begonnen, genau diese Verteuerung umzusetzen. Der europäische Emissionshandel wurde reformiert, ein CO₂-Grenzausgleich beschlossen, nationale CO₂-Preise eingeführt. In Deutschland stieg der Festpreis im nationalen Brennstoffemissionshandel auf 55 Euro pro Tonne, ab 2027 wird durch den europaweiten Markt des EU ETS II eine deutliche Steigerung erwartet.

In Großbritannien wurde das letzte Kohlekraftwerk 2024 abgeschaltet, in Spanien endete die Kohleverstromung bereits 2020. Die Strompreise explodierten nicht, die Versorgung blieb stabil. Das Verursacherprinzip war dabei, sich durchzusetzen. Nicht aus Idealismus, sondern weil es die ökonomisch rationalere Ordnung ist.

Die Zinsen laufen weiter

Dann kam der Rollback. Die Europäische Kommission schwächt Berichtspflichten für Unternehmen. Die US-Regierung unter Donald Trump hat den Social Cost of Carbon auf null gesetzt und Behörden angewiesen, die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels bei der Entwicklung neuer Regulierung nicht mehr zu berücksichtigen. In Deutschland relativiert die Koalition Sektorziele und gibt fossilen Geschäftsmodellen neue Laufzeiten.

Man kann das als politischen Pendelschlag lesen. Als Rückkehr zur Vernunft, wie die Befürworter sagen. Aber wer die ökonomische Logik dahinter versteht, sieht etwas anderes.

Die Extraktionskosten für fossile Rohstoffe steigen. Die leicht erreichbaren Lagerstätten sind erschöpft. Was bleibt, ist Tiefsee, Arktis, Ölsand, Fracking. Gleichzeitig werden erneuerbare Energien billiger als jede fossile Alternative. Die fossile Industrie steht vor einer doppelten Zange: steigende Kosten auf der Angebotsseite, schwindende Wettbewerbsfähigkeit auf der Nachfrageseite.

Wie verwundbar die fossile Abhängigkeit ist, zeigt sich gerade in Echtzeit. IEA-Direktor Fatih Birol erklärte vergangene Woche in Canberra, die aktuelle Energiekrise durch den Iran-Krieg sei schlimmer als die beiden Ölkrisen der 1970er und die Gaskrise nach dem Ukraine-Krieg zusammengenommen. Die Welt habe bereits 11 Millionen Barrel pro Tag verloren, mehr als bei beiden Ölschocks der Siebziger zusammen. Mindestens 40 Energieanlagen in neun Ländern des Nahen Ostens seien schwer oder sehr schwer beschädigt, darunter Ölfelder, Gasfelder, Raffinerien und Pipelines.

Wer in dieser Lage auf den Abbau von Klimaschutzregeln setzt, investiert nicht in Wettbewerbsfähigkeit. Er vertieft die Abhängigkeit von einer Infrastruktur, die gerade in Flammen steht. Und er verfolgt damit eine Strategie, die nur aus einer ökonomischen Logik heraus Sinn ergibt: Wenn die Extraktionskosten steigen und die Margen schrumpfen, braucht die fossile Industrie schwächere Regeln, um profitabel zu bleiben.

Was gerade in Brüssel und Washington passiert, ist eine Umverteilung. Die Kosten der Umweltzerstörung wandern zurück von den Verursachern zur Allgemeinheit. Die Profite bleiben privat, die Klimaschäden werden sozialisiert. Die Zinsen auf die Rechnung, von der Hsiang spricht, laufen weiter. Nur bezahlt sie jetzt wieder jemand anderes.

Die Ökonomin Isabella Weber, die den Begriff der Verkäuferinflation geprägt hat, hat diesen Mechanismus vor dem Europäischen Parlament beschrieben: Die Profitexplosion in der fossilen Industrie sei von historischem Ausmaß gewesen. Historische Profite seien für historische Aktionärsrenditen verwendet worden, zu einem Zeitpunkt, an dem die Welt aus fossiler Energie aussteigen müsse. Profitabilität sei der Schlüssel zur Kapitalallokation.

Webers Forschung belegt das mit einer Zahl, die den ganzen Zusammenhang verdichtet: 2022 flossen allein in den USA 301 Milliarden Dollar an fossilen Profiten an Aktionäre. Im selben Jahr investierte das Land 267 Milliarden in die gesamte saubere Energiewirtschaft. Mehr Geld für die Ursache des Problems als für die Lösung. Die wahren Klimakosten fossiler Energie werden damit nicht nur externalisiert, sondern aktiv verstärkt: Je profitabler das fossile Geschäft, desto langsamer die Transformation.

Die Stanford-Studie liefert das Gegenstück aus der Schadensperspektive. Saudi Aramco: drei Billionen Dollar Klimaschäden bis 2020, potenziell 64 Billionen bis 2100. In denselben Jahrzehnten hat der Konzern Dividenden und Gewinne in Billionenhöhe ausgeschüttet. Die Profite flossen an Aktionäre und Staatsfonds. Die Schäden tragen Reisbauern in Südasien, Küstenstädte in Westafrika und Steuerzahler in Europa, deren Versicherungsprämien steigen, deren Ernten schrumpfen, deren Infrastruktur unter Extremwetter leidet.

Das ist keine Marktwirtschaft. Das ist deren Gegenteil. Eine Ordnung, in der die wahren Kosten verschleiert werden, ist kein freier Markt. Sie ist ein System organisierter Unwissenheit, das diejenigen begünstigt, die am meisten verschmutzen.

Die Unternehmen, die nicht mitspielen

Es gibt eine andere Logik. Sie ist nicht utopisch, sie ist betriebswirtschaftlich. Unternehmen, die heute in saubere Technologien investieren, setzen nicht auf Regulierungsabbau. Sie setzen auf den einzigen Markt, der strukturell wächst.

Philipp Schröder, CEO des Energietechnologie-Unternehmens 1Komma5°, hat das auf LinkedIn in eine Diagnose gefasst, die den Rollback-Befürwortern den Boden entzieht: Immer mehr Strom aus erneuerbaren Energien verändere den Strommarkt. Es fehle jedoch an notwendigen Preissignalen und an einer Echtzeit-Abrechnung.

Es gebe sehr günstige Möglichkeiten, Netzkosten zu senken, etwa durch flexible Netzentgelte.

Die Pointe ist nicht, was Schröder fordert, sondern was er nicht fordert. Kein Abbau von Regeln. Keine Subventionen. Sondern bessere Marktmechanismen, die den tatsächlichen Wert sauberer Energie in Echtzeit abbilden. Wer flexible Netzentgelte fordert, akzeptiert das Preissignal als Steuerungsinstrument. Er will es nicht abschaffen, er will es schärfen. Das ist das Gegenteil der fossilen Strategie, die Preissignale verwässert, um ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit künstlich zu verlängern.

Die Transformation der Energiewirtschaft läuft. In China, in Indien, in weiten Teilen Europas sinken die Kosten für Solar, Wind und Speicher schneller als jede Prognose vorhergesagt hat. Die Kohle stirbt nicht an Regulierung, sie stirbt an Ökonomie. In Großbritannien hat das letzte Kohlekraftwerk 2024 seinen Betrieb eingestellt. In Spanien steht es kurz bevor. Nicht weil Aktivisten es erzwungen hätten, sondern weil es sich nicht mehr rechnete.

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Was diese Unternehmen und Länder verstanden haben: Preiswahrheit ist kein Kostenfaktor. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Kapital dorthin fließt, wo es die höchste reale Rendite erzielt. Nicht die höchste Rendite abzüglich verschleierter Klimaschäden. Die höchste tatsächliche Rendite. In einer Welt, in der eine Tonne CO₂ laut der Stanford-Studie 1.840 Dollar Schaden verursacht, ist jede Investition in fossile Infrastruktur eine Wette gegen die Physik.

Burke und seine Kollegen haben berechnet, dass die Hälfte des prognostizierten Schadens einer Tonne CO₂ bereits eingetreten ist, wenn sie 25 Jahre in der Atmosphäre verbleibt, bevor sie entfernt wird. Jedes Jahr, in dem die Welt die Emissionen nicht senkt und das CO₂ nicht aus der Atmosphäre holt, wachsen die Zinsen auf die Rechnung. Carbon Removal kann helfen, aber nur, wenn es zeitnah geschieht. Verspätete Entfernung kann die bereits entstandenen Klimaschäden nicht rückgängig machen.

Die Frage ist also nicht, ob die Rechnung bezahlt wird. Die Frage ist, wer sie bezahlt. Die Verursacher oder die Allgemeinheit. Unternehmen, die auf fossile Lobbyarbeit setzen, haben ihre Antwort gegeben. Unternehmen, die auf saubere Technologien setzen, haben eine andere. Und Regierungen, die Umweltvorschriften abbauen, treffen eine Entscheidung, die sie nicht Deregulierung nennen sollten. Sondern Umverteilung.

Die Kosten der Transformation sind bezifferbar. Die Kosten der Unterlassung auch. Die eine Zahl sinkt jedes Jahr, weil saubere Technologien billiger werden. Die andere steigt, mit Zins und Zinseszins, wie die Stanford-Studie zeigt. 180 Dollar. 1.840 Dollar. Und die Rechnung wächst weiter.

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Quelle Nature New Statesman El Pais
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