Bild: Nano Banana 3
Wie Daniel Wetzel in der WELT die besten Argumente für den fossilen Ausstieg liefert
Nutzenergie
Daniel Wetzel will beweisen, dass Erneuerbare Deutschland nicht unabhängig machen. Dabei liefert er selbst die besten Argumente für den Ausstieg aus Öl und Gas. Über einen Text, der klüger ist als seine Überschrift.
Daniel Wetzel hat in der WELT einen bemerkenswerten Artikel geschrieben. Unter der Rubrik „Grüner Mythos” will der Wirtschaftsredakteur nachweisen, dass erneuerbare Energien Deutschland nicht von fossilen Importen befreien können. „Doch ein schneller Umstieg ist eine Illusion”, schreibt er und untermauert das mit Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen. Doch wer den Text („Unabhängig durch Ökostrom? Der große Denkfehler bei Deutschlands Energiewende”) aufmerksam liest, findet etwas anderes: einen Journalisten, der den Ausstieg aus Öl und Gas längst akzeptiert hat.

Wetzel streitet nicht mehr über das Ob, nur noch über das Wie schnell. Für einen Springer-Wirtschaftsredakteur, der mit dem Robert-Mayer-Preis des VDI ausgezeichnet wurde, ist das beachtlich.
Noch bemerkenswerter ist, was Daniel Wetzel unterwegs an Fakten liefert. Er benennt die Kosten der fossilen Abhängigkeit: 80 Milliarden Euro pro Jahr für Öl-, Gas- und Kohleimporte. Er beschreibt E-Autos und Wärmepumpen als „Effizienztechnologien”. Er vermerkt, dass Wärmepumpen sich zu „Bestsellern am Heizungsmarkt” entwickelt haben. Und er erkennt an, dass die Iran-Krise die Nachfrage nach genau diesen Technologien ankurbelt.
Alles richtig. Die Frage ist nur, warum Daniel Wetzel aus diesen Befunden das Gegenteil dessen schließt, was sie nahelegen. Die Antwort steckt in einer einzigen Zahl, die er falsch einordnet. Und in einer Rechnung, bei der er die fossile Seite vergisst.
Der Nenner, der nicht stillhält
Das Fundament von Wetzels Skepsis ist eine einzige Zahl: acht Prozent. So viel trügen Wind und Solar zum „gesamten deutschen Energieverbrauch” bei. Zu wenig für baldige Unabhängigkeit, findet Wetzel. Klingt niederschmetternd. Ist aber ein Taschenspielertrick mit dem Primärenergieverbrauch.

Wirtschaftsjournalist Wetzel führt den Fachbegriff oben im Text sauber ein: 10.500 Petajoule Primärenergiebedarf. Doch in dem Satz, der beim Leser hängenbleiben soll, fällt das Wort „Primär“ plötzlich weg. Wind und Solar deckten „acht Prozent des gesamten deutschen Energieverbrauchs”, schreibt er.
Der Leser denkt: acht Prozent von allem. Doch der Primärenergieverbrauch misst nicht, was Deutschland an Energie nutzt. Er misst, was Deutschland an Energie einsetzt. Inklusive der gewaltigen Mengen, die als Abwärme wirkungslos in die Atmosphäre entweichen.
Ein Beispiel macht das greifbar. Wenn Daniel Wetzel morgens mit dem Verbrenner in die WELT-Redaktion nach Berlin fährt, nutzt sein Motor weniger als ein Drittel der Energie im Benzin für den Vortrieb. Der Rest heizt die Berliner Luft auf. Genau diese verschwendete Energie zählt Wetzel mit, wenn er seinen Acht-Prozent-Vergleich aufmacht. Würde Daniel Wetzel elektrisch fahren, bräuchte er für dieselbe Strecke ein Fünftel der Energie. Der „Bedarf” schrumpft, die Dienstleistung bleibt dieselbe.
Dasselbe bei der Heizung, deren Technologiewandel Wetzel selbst beschreibt. Eine Wärmepumpe macht aus einer Kilowattstunde Strom drei bis fünf Kilowattstunden Wärme. Die Gasheizung, die sie ersetzt, liefert bestenfalls 0,9 Kilowattstunden pro eingesetzter Kilowattstunde Gas. Wer hier in Primärenergie vergleicht, vergleicht Äpfel mit Dampfmaschinen.
Der relevante Maßstab heißt Nutzenergie. Die Energie, die tatsächlich Autos bewegt, Häuser wärmt und Maschinen antreibt. In einer vollständig elektrifizierten Welt bräuchte Deutschland nach Schätzungen des Fraunhofer ISE 40 bis 60 Prozent weniger Energie als heute, um dieselben Dienstleistungen zu erbringen.
Auf dieser Basis sehen die Erneuerbaren längst nicht mehr so mickrig aus, wie Wetzel seine Leser glauben machen will. Denn mit jeder Wärmepumpe und jedem Elektroauto schrumpft nicht nur der Verbrauch. Es schrumpft der Nenner in Wetzels eigener Rechnung.
Wetzels Beweisstücke gegen Wetzel
Hier liegt die tiefere Ironie des Textes. Wetzel nennt E-Autos und Wärmepumpen „Effizienztechnologien”. Das Wort steht da, schwarz auf weiß. Damit gibt er zu, dass diese Technologien weniger Energie für dieselbe Dienstleistung brauchen. Und damit widerlegt er seine Primärenergie-Rechnung, ohne es zu merken.
Denn wenn es Effizienztechnologien sind, dann sind die 10.500 Petajoule keine feste Zielmarke. Dann ist der Nenner ein Wert, der mit jeder installierten Wärmepumpe und jedem zugelassenen Elektroauto kleiner wird.

Daniel Wetzel schreibt: „Einiges spricht dafür, vieles dagegen.” Der Satz klingt nach abwägender Analyse. Was dagegen spreche, bleibt allerdings dünn: Subventionsbedarf. Bei Technologien, deren Kosten seit Jahren exponentiell fallen. Kein Wort zu Lernkurven, kein Wort zu den Kostenreduktionen bei Batterien (minus 90 Prozent in 15 Jahren), kein Wort zur Preisdynamik bei Wärmepumpen.
Auch das Energieeffizienzgesetz, das Wetzel als Beleg für überzogene Ambitionen anführt, spricht gegen seine These. Das Gesetz enthält zwei Ziele: Der Primärenergieverbrauch soll bis 2030 um 39,3 Prozent gegenüber 2008 sinken, der Endenergieverbrauch um 26,5 Prozent auf 1.867 Terawattstunden. Wetzel zitiert nur das Primärenergieziel und nennt es „hoch ambitioniert”.
Das Endenergieziel verschweigt er. Obwohl es im selben Paragraphen steht. Obwohl es genau die Größe beschreibt, die für Verbraucher, Industrie und Heizungskeller tatsächlich zählt. Und obwohl es die passendere Kennzahl für seine eigene Effizienz-Argumentation wäre.
Beim Primärenergieziel, das Wetzel so unerreichbar erscheinen lässt, sind laut Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen bereits zwei Drittel des Weges geschafft: Der Verbrauch lag 2025 bei 2.931 Terawattstunden, das sind 26,6 Prozent unter dem Ausgangswert von 2008. Von den angestrebten 39,3 Prozent fehlen also noch 12,7 Prozentpunkte in fünf Jahren.
Ambitioniert, ja. Eine Illusion? Nicht, wenn man bedenkt, dass jede Wärmepumpe und jedes Elektroauto, jeder Elektrobus und E-LKW den Primärenergieverbrauch überproportional senkt, weil fossile Umwandlungsverluste entfallen. Und der Anteil erneuerbarer Energien am Bruttoendenergieverbrauch? Der lag 2025 bereits bei 23,8 Prozent. Nicht acht.
Die Rechnung ohne den Gegenwert
Das zweite Feld, auf dem Autor Wetzel sich verheddert, ist das Geld. Er beziffert die Subventionen für Grünstrom-Erzeuger auf 16 Milliarden Euro jährlich, die Wärmepumpenförderung auf bis zu 70 Prozent, den E-Auto-Zuschuss auf 6.000 Euro. „Hochgradig subventioniert”, schreibt er, als sei das ein Makel.
Was er nicht tut: die fossile Seite der Bilanz aufmachen. Das Dieselprivileg kostet den Staat rund acht Milliarden Euro pro Jahr. Dazu die Kerosinsteuerbefreiung, die Entfernungspauschale, das Dienstwagenprivileg. Das fossile Subventionssystem ist so tief in den Alltag eingewoben, dass es unsichtbar geworden ist. Und Wetzel kann 6.000 Euro E-Auto-Zuschuss als Skandal framen, während die vielfach höheren fossilen Begünstigungen als Normalzustand durchgehen.
Vor allem aber fehlt der Gegenwert. Die Dieselsubvention senkt den Spritpreis für den einzelnen Autofahrer und erzeugt externe Kosten für alle: Luftverschmutzung, Klimaschäden, Gesundheitskosten. Die Wärmepumpenförderung dagegen senkt Emissionen, reduziert Importabhängigkeit und stabilisiert langfristig Energiepreise. Das ist keine Subvention. Das ist eine Investition mit gesellschaftlicher Dividende. Wer heute in Wärmepumpen investiert, senkt morgen die Gasrechnung der Volkswirtschaft.
Und die 80 Milliarden Euro Importkosten, die Wetzel selbst benennt? Die fließen mit jedem Tanker, der die Straße von Hormus passiert, in Regionen ab, die gerade in Echtzeit vorführen, was fossile Abhängigkeit bedeutet. Wetzel stellt diese 80 Milliarden nicht den 16 Milliarden Grünstrom-Förderung gegenüber. Die Kosten-Nutzen-Rechnung, die er dem Leser anbietet, ist nur auf der Kostenseite der Erneuerbaren vollständig.
Bemerkenswert ist auch, was Wetzel über das Heizungsgesetz schreibt: „Als der frühere Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck es dennoch versuchte, schrumpften seine Grünen schlagartig zur Elf-Prozent-Partei.” Er beschreibt die Wirkung einer monatelangen Springer-Kampagne als Naturereignis.
Als hätte sich das einfach so ergeben. Als hätten nicht BILD-Schlagzeilen im Stundentakt und WELT-Kommentare im Dauerfeuer ein handwerklich schlecht kommuniziertes, aber sachlich vernünftiges Gesetz in eine Existenzangst-Kampagne verwandelt.
Und Springer selbst hat das Verbrenner-Aus bekämpft, das einzige marktwirtschaftliche Instrument, das Planungssicherheit für den Umstieg geschaffen hätte. Ohne klares Ausstiegsdatum fehlt das Investitionssignal. Dann beklagt Wetzel, die Elektrifizierung gehe zu langsam.
Der Artikel, der klüger ist als seine These
Daniel Wetzel hat alle Puzzleteile auf dem Tisch ausgebreitet. Effizienztechnologien, die den Energiebedarf senken. 80 Milliarden Importkosten, die ins Ausland abfließen. Eine geopolitische Krise, die den Umstieg beschleunigt. Wärmepumpen als Bestseller. Günstigere Elektroautos am Horizont. Er weigert sich nur, das Puzzle zusammenzusetzen.
Stattdessen greift er zum Primärenergieverbrauch, einer Kennzahl, die den fossilen Ballast mitschleppt, den er selbst loswerden will. Und konstruiert daraus eine Unmöglichkeitsbehauptung. Fokus auf Nutzenergie, Herr Wetzel. Dann löst sich die Illusion auf, allerdings eine andere als die, die Sie im Sinn hatten.
Machen wir uns die Abkehr von fossilen Energieträgern nicht unnötig schwer, indem wir ignorieren, dass der Nenner in der Rechnung mit jedem Elektroauto, jeder Wärmepumpe und jedem Solarmodul kleiner wird. Wer Wetzels Artikel zu Ende denkt, kommt zum gegenteiligen Schluss: Die Energiewende ist kein grüner Mythos. Sie ist eine ökonomische Notwendigkeit, die Wetzel selbst belegt hat. In einem Text, der klüger ist als seine Überschrift.
Lesen Sie hier auch, warum Kingsmill Bond und Ember dafür plädieren, auf Nutzenergie umzustellen: Schluss mit dem Primärenergie-Trugschluss

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.
[…] Ehrenrettung: Geinitz arbeitet deutlich sauberer als etwa WELT-Journalist Daniel Wetzel, der im selben Kontext nur Wind und Solar isoliert und auf „acht Prozent“ des […]
Fossiler Energiewende Lobbyist und Anti Erneuerbaren-Hetzer Daniel Wetzel von der WELT, dem zum fossilen Investor KKR gehörenden Bild-Lügenblatt, bekommt hier Fakten vorgelegt und zeigt in den Kommentaren in seiner Antwort, dass er nichts verstanden hat. Seit 25 Jahren lese ich nun schon seinen Unfug und muss sagen, er lernt nichts dazu.
Geehrter Herr Jendrischik,
Ihre ausführliche Kritik an meinem Beitrag ist unzutreffend. Dass Missverständnis scheint mir eher bei Ihnen zu liegen – insbesondere, wenn Sie das mindestens 10 Jahre alte, dutzendfach gehörte und hier völlig unangebrachte „Endenergie“-Argument bemühen. Auch in vielen anderen Einzelpunkten irren Sie grundsätzlich. Ich fange mal chronologisch an.
Zuerst unterstellen Sie, ich wolle nachweisen, „dass erneuerbare Energien Deutschland nicht von fossilen Importen befreien können“. Sie belegen das mit dem Zitat „Doch ein schneller Umstieg ist eine Illusion.“ Dieses Zitat belegt allerdings nur Zweifel an einer schnellen (sic) Import-Unabhängigkeit, nicht an der generellen Ersetzbarkeit fossiler Energien. Sie beginnen also mit einer unbelegten Unterstellung. Kein schöner Zug.
Und dann kommt das hinlänglich bekannte Endenergie-Argument, das ich seit Jahrzehnten aus den Kreisen der Energiewende-Fans höre und daher weiß, wie wichtig es Ihnen ist. Es ist in diesem Kontext allerdings falsch (genauso falsch übrigens wie Ihre Unterstellung, ich würde mit dem Verbrenner in die Redaktion fahren: Ich besitze kein Auto).
Denn es handelt sich um einen Artikel über Import-Abhängigkeit von fossilen Energien. Fossile Energien werden als Primärenergie eingekauft. Und da Deutschland noch zu 78 Prozent von fossilen Energien abhängig ist, betrachtet eine Reihe von Institutionen den in diesem Kontext zunächst wichtigen Primärenergie-Bedarf: Die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) führt eine Primärenergie-Bilanz. Die IEA ebenso. Das Energieeffizienzgesetz des Bundes enthält Ziele nicht nur für Endenergie, sondern auch Primärenergie. Und zwar aus gutem Grund.
Wie, glauben Sie, hat zum Beispiel ein Robert Habeck Erdgas in Kanada oder Katar eingekauft? „Liefern Sie uns x-Milliarden TWh Endenergie, bitte bereits abzüglich aller Umwandlungsverluste“. So etwa? Die Energie, Herr Jendrischik, muss erstmal beschafft und bezahlt werden, und dies in Form von Primärenergie. Im Kontext von Energie-Importen ist es die relevante Kennzahl. Sie wird deshalb völlig sachgemäß in meinem Artikel verwendet.
Die Bundesregierung will nun das Land hauptsächlich elektrifizieren, und da Biomasse und Geothermie keine größeren Potenziale eingeräumt werden, soll dies vor allem auf Basis von Wind- und Solarenergie erfolgen. Das im EEG festgeschriebene Ziel, die Photovoltaik auf 400 Gigawatt auszubauen, belegt die Ambitionen. Die Politik erwähnt das Klimaschutz-Ziel inzwischen nur noch am Rande und behauptet stattdessen, die Erneuerbaren – also Wind und Sonne – würden uns von fossilen Primär (sic!)-Energieimporten unabhängig machen.
Dies habe ich kritisch besprochen, in dem ich zunächst den Anteil festgestellt habe, den Wind und Sonne an der Deckung des Primärenergiebedarfs derzeit haben. Die Daten sind in der Jahresbilanz der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) öffentlich einsehbar. Sie aber möchten nicht, dass irgendwer aus irgendeinem Grund die Kategorie Primärenergie benutzt sondern ausschließlich die Kategorie Endenergie. Ich schlage vor, Sie schreiben einmal die AGEB und die IEA etc an und fordern die Streichung dieser Kategorie aus allen nationalen und internationalen Statistiken, weil Sie ja eine bessere Alternative gefunden haben.
Ihr Motiv ist sehr offensichtlich: Sie nehmen die zukünftige, noch unklare Verbreitung der Effizienz-Gewinne durch E-Autos und Wärmepumpen vorweg und verfrühstücken diese unrealisierten und in ihrer Höhe noch unklaren Gewinne schon mal in ihrem Endenergie-Jubel. Das geht natürlich nicht.
Sehr sauber habe ich nach Feststellung der derzeit nötigen Primärenergie-Importe im Artikel diskutiert, wie schnell sich die Effizienztechnologien im Endenergiebedarf niederschlagen könnten. CO2-Abgaben, Benzin- und Gaspreis-Explosion im Zuge des Iran-Kriegs stehen u.a. dafür. Dagegen steht, dass der leere Bundeshaushalt sich Subventionen für Wärmepumpen und E-Autos kaum noch leisten kann. Etc. pp. Mit der Diskussion der Effizienztechnologien ist auch die Kategorie „Endenergie“ im Artikel deutlich sichtbar und diskutiert. Ihr „mit keinem Wort erwähnt“ ist also falsch.
Anders als Sie mir vorwerfen, erwähne ich auch die fallenden Preise für E-Autos und Wärmepumpen im Beitrag sehr wohl. Und Sie irren natürlich grundsätzlich, wenn Sie schreiben, „das Endenergieziel wäre die passendere Kennzahl für eine Effizienz-Argumentation.“: Denn bei dem Artikel handelt es sich eben nicht um eine Effizienz-Argumentation, sondern um einen Beitrag über Import-Abhängigkeit. Aber da Sie nur einen Hammer haben, ist für Sie jedes Problem ein Nagel.
Dass Effizienztechnologien einen Beitrag leisten, weiß ich und habe es geschrieben. Dass E-Autos und Wärmepumpen in Zukunft Standard werden können, glaube ich ebenso. Ich halte es nur für fahrlässig, den Eindruck zu erwecken, 2000 neue Windräder würden die baldige Unabhängigkeit bescheren, wie Herr Schneider suggeriert. Mir geht es darum, Transparenz über die Größenverhältnisse und Zeitbedarfe herzustellen. Bei 3,4 Prozent Anteil am Primärenergiebedarf und Subventionen von 10 Milliarden Euro pro Jahr nur für die hellen Tagesstunden auf Basis von 90 Prozent aus China importierter Solartechnik leistet die Fotovoltaik für unsere Unabhängigkeit denkbar wenig. Das ist meine Wertung, zu der stehe ich.
Was die Subventionen für Diesel und fossile Energie angeht: Ich bin Marktwirtschaftler und bin auch hier gegen Subventionen. Bei den Diesel-Subventionen, die Sie nennen, wird aber nicht Geld ausgereicht, oder? Die Politik darf sich gern für eine Abschaffung entscheiden. Das muss dann vor dem Wähler bestehen. Ich erinnere daran, dass noch 2024 jede einzelne Kilowattstunde Solarstrom-Einspeisung im Schnitt mit 17,4 Cent bezahlt wurde. (Monitoringbericht BNetzA Seite 81, unten: https://data.bundesnetzagentur.de/Bundesnetzagentur/SharedDocs/Mediathek/Monitoringberichte/MonitoringberichtEnergie2025.pdf) Das sind De-Industrialisierungspreise, die wir nach 25 Jahren Energiewende noch immer abbezahlen. Kosten, die sich heute real im Staatshaushalt oder auf der Verbraucherrechnung niederschlagen, kann man nicht mit dem Verweis auf in Zukunft winkender Endenergie-Gewinne wie durch Zauberhand verschwinden lassen.
Der Einbau einer Wärmepumpe kostet nach Daten der Energieberater der Verbraucherzentralen im Schnitt (!) 36.000 Euro (https://verbraucherzentrale-energieberatung.de/heizen/neue-heiztechnik/entwicklung-heiztechnikpreise/) Selbst nach 70-prozentiger Förderung aus einem völlig überzogenen Bundeshaushalt bleibt den Verbraucher noch dreifach höhere Kosten hängen als beim Einbau eines Gasbrennwertkessels. Diese Kosten Leuten aufzuzwingen, die am Lebensabend gerade ihr Haus abbezahlt haben, war ein „Hammer“ von Habeck – diese Zuspitzung der BILD-Kollegen halte ich ausnahmsweise sogar für nachvollziehbar. Die soziale Umverteilung von unten nach oben durch Energiewende-Kosten verdient ein eigenes Kapitel.
Wir haben seinerzeit in der Wirtschaftsredaktion ein hohes Leser-Interesse an Heizungsthemen bemerkt – und deshalb regelmäßig über alle Aspekte der geplanten Wärmewende und Heizungsgesetz berichtet. Ich spreche hier nicht für BILD, aber wenn Sie die WELT-Berichterstattung als Teil „Kampagne“ bezeichnen, ist das schlicht falsch, es gab keine Kampagne, sondern nur die tägliche Themenbesprechung im Ressort. Dass Sie solche Unwahrheiten trotzdem wie ein schlechter Propagandist einfach mal raushauen, disqualifiziert Sie in meinen Augen. Dass Sie überdies das Verbrenner-Aus als „marktwirtschaftliches Instrument“ bezeichnen, ist geradezu grotesk.
Ich kann mich an Zeiten erinnern, als die EEG-Erfinderin Michaele Hustedt vor Wirtschaftsvertretern sprach. „Ich werde Sie nicht überzeugen, Sie werden mich nicht überzeugen“, war oft ihr Einleitungssatz. So ist es wohl noch immer.
Mit Grüßen
D. Wetzel
Lieber Herr Wetzel,
Ihre ausführliche Antwort freut mich – auch wenn der Ton härter ausfällt, als ich erwartet hätte. Denn mein Text war ausdrücklich kein Angriff. Mit Sätzen wie „Noch bemerkenswerter ist, was Daniel Wetzel unterwegs an Fakten liefert” oder dem Aufgreifen Ihrer Begriffe „Effizienztechnologien” und „Wärmepumpen als Bestseller” wollte ich deutlich machen, dass ich diese Punkte aus Ihrer Feder als Fortschritt empfinde. Dass Sie mir nun vorwerfen, ich hätte sie verschwiegen, verwundert mich daher – ich hatte sie explizit als Fundament meiner Replik gelobt.
Einen anderen Punkt möchte ich faktisch richtig stellen: Ich habe in meinem Text von einer „Springer-Kampagne“ geschrieben, nicht von einer WELT-Kampagne. Die BILD-Berichterstattung zum Heizungsgesetz über Wochen und Monate ist dokumentiert. Dass Sie nicht für BILD sprechen, verstehe ich – aber die Unterscheidung zwischen meiner Formulierung und Ihrem Vorwurf, ich hätte eine Unwahrheit verbreitet, ist mir wichtig.
Nun zur Sache. Sie schreiben, im Kontext von Import-Abhängigkeit sei die Primärenergie die relevante Kennzahl, weil Importe als Primärenergie eingekauft werden. Das ist buchhalterisch korrekt. Aber Ihre Leitfrage lautet ja nicht „Wie viel kaufen wir heute ein?”, sondern „Wann werden wir unabhängig?” – und für diese Frage reicht der Blick auf den heutigen Primärenergiebedarf nicht aus. Denn der Bedarf an fossilen Importen sinkt nicht linear mit dem Ausbau der Erneuerbaren, sondern überproportional durch den Effizienzhebel: Ein Elektroauto ersetzt nicht eine Petajoule Benzin durch eine Petajoule Strom – es ersetzt die gleiche Fahrleistung bei einem Drittel des Energieeinsatzes. Wer den heutigen PE-Bedarf als feste Zielmarke nimmt, überschätzt systematisch den Weg, der noch vor uns liegt.
Niemand will die Kategorie Primärenergie aus den Bilanzen streichen. Aber Analysten wie Kingsmill Bond von Ember argumentieren, dass zukunftsgerichtete Analysen der Energiewende die Nutzenergie in den Mittelpunkt stellen müssen – eben weil die PE-Betrachtung den schrumpfenden Nenner ignoriert und die Transformation statistisch größer erscheinen lässt, als sie ist. Seine Arbeiten dazu sind lesenswert.
Sie nennen 17,4 Cent durchschnittliche Einspeisevergütung für Solar. Diese Zahl ist korrekt – als Durchschnitt aller laufenden EEG-Verträge, inklusive Altanlagen aus den 2000er-Jahren mit Vergütungen von über 50 Cent. Neue Solaranlagen erhalten heute 5 bis 7 Cent pro Kilowattstunde und liefern damit den günstigsten Strom in Deutschland. Die 17,4 Cent als Maßstab für die heutige Wirtschaftlichkeit der Photovoltaik zu verwenden, ist so, als würde man die Kosten des Mobilfunks anhand der D-Netz-Tarife von 1993 bewerten.
Ähnlich bei den 36.000 Euro für eine Wärmepumpe: Die Zahl steht isoliert im Raum, ohne laufende Kosten, ohne CO₂-Preis-Trajektorie – und ohne die Gaspreisexplosion, die Ihr eigener Artikel als Aufhänger nutzt. Wer die Investitionskosten vergleicht, ohne die Betriebskosten über 15 oder 20 Jahre einzubeziehen, liefert eine halbe Rechnung.
Es bleibt dabei: Ihr Text ist deshalb so spannend, weil er alle Puzzleteile für die Lösung auf den Tisch legt – Effizienztechnologien, sinkende Kosten, geopolitische Verwundbarkeit. Man muss sie nur zusammensetzen.
Beste Grüße
Martin Jendrischik
[…] Lesen Sie auch: Wie Daniel Wetzel in der WELT die besten Argumente für den fossilen Ausstieg liefert […]