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Wie Daniel Wetzel in der WELT die besten Argumente für den fossilen Ausstieg liefert
Nutzenergie
Daniel Wetzel will beweisen, dass Erneuerbare Deutschland nicht unabhängig machen. Dabei liefert er selbst die besten Argumente für den Ausstieg aus Öl und Gas. Über einen Text, der klüger ist als seine Überschrift.
Daniel Wetzel hat in der WELT einen bemerkenswerten Artikel geschrieben. Unter der Rubrik „Grüner Mythos“ will der Wirtschaftsredakteur nachweisen, dass erneuerbare Energien Deutschland nicht von fossilen Importen befreien können. „Doch ein schneller Umstieg ist eine Illusion“, schreibt er und untermauert das mit Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen. Doch wer den Text („Unabhängig durch Ökostrom? Der große Denkfehler bei Deutschlands Energiewende„) aufmerksam liest, findet etwas anderes: einen Journalisten, der den Ausstieg aus Öl und Gas längst akzeptiert hat.

Wetzel streitet nicht mehr über das Ob, nur noch über das Wie schnell. Für einen Springer-Wirtschaftsredakteur, der mit dem Robert-Mayer-Preis des VDI ausgezeichnet wurde, ist das beachtlich.
Noch bemerkenswerter ist, was Daniel Wetzel unterwegs an Fakten liefert. Er benennt die Kosten der fossilen Abhängigkeit: 80 Milliarden Euro pro Jahr für Öl-, Gas- und Kohleimporte. Er beschreibt E-Autos und Wärmepumpen als „Effizienztechnologien„. Er vermerkt, dass Wärmepumpen sich zu „Bestsellern am Heizungsmarkt“ entwickelt haben. Und er erkennt an, dass die Iran-Krise die Nachfrage nach genau diesen Technologien ankurbelt.
Alles richtig. Die Frage ist nur, warum Daniel Wetzel aus diesen Befunden das Gegenteil dessen schließt, was sie nahelegen. Die Antwort steckt in einer einzigen Zahl, die er falsch einordnet. Und in einer Rechnung, bei der er die fossile Seite vergisst.
Der Nenner, der nicht stillhält
Das Fundament von Wetzels Skepsis ist eine einzige Zahl: acht Prozent. So viel trügen Wind und Solar zum „gesamten deutschen Energieverbrauch“ bei. Zu wenig für baldige Unabhängigkeit, findet Wetzel. Klingt niederschmetternd. Ist aber ein Taschenspielertrick mit dem Primärenergieverbrauch.

Wirtschaftsjournalist Wetzel führt den Fachbegriff oben im Text sauber ein: 10.500 Petajoule Primärenergiebedarf. Doch in dem Satz, der beim Leser hängenbleiben soll, fällt das Wort „Primär“ plötzlich weg. Wind und Solar deckten „acht Prozent des gesamten deutschen Energieverbrauchs“, schreibt er.
Der Leser denkt: acht Prozent von allem. Doch der Primärenergieverbrauch misst nicht, was Deutschland an Energie nutzt. Er misst, was Deutschland an Energie einsetzt. Inklusive der gewaltigen Mengen, die als Abwärme wirkungslos in die Atmosphäre entweichen.
Ein Beispiel macht das greifbar. Wenn Daniel Wetzel morgens mit dem Verbrenner in die WELT-Redaktion nach Berlin fährt, nutzt sein Motor weniger als ein Drittel der Energie im Benzin für den Vortrieb. Der Rest heizt die Berliner Luft auf. Genau diese verschwendete Energie zählt Wetzel mit, wenn er seinen Acht-Prozent-Vergleich aufmacht. Würde Daniel Wetzel elektrisch fahren, bräuchte er für dieselbe Strecke ein Fünftel der Energie. Der „Bedarf“ schrumpft, die Dienstleistung bleibt dieselbe.
Dasselbe bei der Heizung, deren Technologiewandel Wetzel selbst beschreibt. Eine Wärmepumpe macht aus einer Kilowattstunde Strom drei bis fünf Kilowattstunden Wärme. Die Gasheizung, die sie ersetzt, liefert bestenfalls 0,9 Kilowattstunden pro eingesetzter Kilowattstunde Gas. Wer hier in Primärenergie vergleicht, vergleicht Äpfel mit Dampfmaschinen.
Der relevante Maßstab heißt Nutzenergie. Die Energie, die tatsächlich Autos bewegt, Häuser wärmt und Maschinen antreibt. In einer vollständig elektrifizierten Welt bräuchte Deutschland nach Schätzungen des Fraunhofer ISE 40 bis 60 Prozent weniger Energie als heute, um dieselben Dienstleistungen zu erbringen.
Auf dieser Basis sehen die Erneuerbaren längst nicht mehr so mickrig aus, wie Wetzel seine Leser glauben machen will. Denn mit jeder Wärmepumpe und jedem Elektroauto schrumpft nicht nur der Verbrauch. Es schrumpft der Nenner in Wetzels eigener Rechnung.
Wetzels Beweisstücke gegen Wetzel
Hier liegt die tiefere Ironie des Textes. Wetzel nennt E-Autos und Wärmepumpen „Effizienztechnologien“. Das Wort steht da, schwarz auf weiß. Damit gibt er zu, dass diese Technologien weniger Energie für dieselbe Dienstleistung brauchen. Und damit widerlegt er seine Primärenergie-Rechnung, ohne es zu merken.
Denn wenn es Effizienztechnologien sind, dann sind die 10.500 Petajoule keine feste Zielmarke. Dann ist der Nenner ein Wert, der mit jeder installierten Wärmepumpe und jedem zugelassenen Elektroauto kleiner wird.

Daniel Wetzel schreibt: „Einiges spricht dafür, vieles dagegen.“ Der Satz klingt nach abwägender Analyse. Was dagegen spreche, bleibt allerdings dünn: Subventionsbedarf. Bei Technologien, deren Kosten seit Jahren exponentiell fallen. Kein Wort zu Lernkurven, kein Wort zu den Kostenreduktionen bei Batterien (minus 90 Prozent in 15 Jahren), kein Wort zur Preisdynamik bei Wärmepumpen.
Auch das Energieeffizienzgesetz, das Wetzel als Beleg für überzogene Ambitionen anführt, spricht gegen seine These. Das Gesetz enthält zwei Ziele: Der Primärenergieverbrauch soll bis 2030 um 39,3 Prozent gegenüber 2008 sinken, der Endenergieverbrauch um 26,5 Prozent auf 1.867 Terawattstunden. Wetzel zitiert nur das Primärenergieziel und nennt es „hoch ambitioniert“.
Das Endenergieziel verschweigt er. Obwohl es im selben Paragraphen steht. Obwohl es genau die Größe beschreibt, die für Verbraucher, Industrie und Heizungskeller tatsächlich zählt. Und obwohl es die passendere Kennzahl für seine eigene Effizienz-Argumentation wäre.
Beim Primärenergieziel, das Wetzel so unerreichbar erscheinen lässt, sind laut Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen bereits zwei Drittel des Weges geschafft: Der Verbrauch lag 2025 bei 2.931 Terawattstunden, das sind 26,6 Prozent unter dem Ausgangswert von 2008. Von den angestrebten 39,3 Prozent fehlen also noch 12,7 Prozentpunkte in fünf Jahren.
Ambitioniert, ja. Eine Illusion? Nicht, wenn man bedenkt, dass jede Wärmepumpe und jedes Elektroauto, jeder Elektrobus und E-LKW den Primärenergieverbrauch überproportional senkt, weil fossile Umwandlungsverluste entfallen. Und der Anteil erneuerbarer Energien am Bruttoendenergieverbrauch? Der lag 2025 bereits bei 23,8 Prozent. Nicht acht.
Die Rechnung ohne den Gegenwert
Das zweite Feld, auf dem Autor Wetzel sich verheddert, ist das Geld. Er beziffert die Subventionen für Grünstrom-Erzeuger auf 16 Milliarden Euro jährlich, die Wärmepumpenförderung auf bis zu 70 Prozent, den E-Auto-Zuschuss auf 6.000 Euro. „Hochgradig subventioniert„, schreibt er, als sei das ein Makel.
Was er nicht tut: die fossile Seite der Bilanz aufmachen. Das Dieselprivileg kostet den Staat rund acht Milliarden Euro pro Jahr. Dazu die Kerosinsteuerbefreiung, die Entfernungspauschale, das Dienstwagenprivileg. Das fossile Subventionssystem ist so tief in den Alltag eingewoben, dass es unsichtbar geworden ist. Und Wetzel kann 6.000 Euro E-Auto-Zuschuss als Skandal framen, während die vielfach höheren fossilen Begünstigungen als Normalzustand durchgehen.
Vor allem aber fehlt der Gegenwert. Die Dieselsubvention senkt den Spritpreis für den einzelnen Autofahrer und erzeugt externe Kosten für alle: Luftverschmutzung, Klimaschäden, Gesundheitskosten. Die Wärmepumpenförderung dagegen senkt Emissionen, reduziert Importabhängigkeit und stabilisiert langfristig Energiepreise. Das ist keine Subvention. Das ist eine Investition mit gesellschaftlicher Dividende. Wer heute in Wärmepumpen investiert, senkt morgen die Gasrechnung der Volkswirtschaft.
Und die 80 Milliarden Euro Importkosten, die Wetzel selbst benennt? Die fließen mit jedem Tanker, der die Straße von Hormus passiert, in Regionen ab, die gerade in Echtzeit vorführen, was fossile Abhängigkeit bedeutet. Wetzel stellt diese 80 Milliarden nicht den 16 Milliarden Grünstrom-Förderung gegenüber. Die Kosten-Nutzen-Rechnung, die er dem Leser anbietet, ist nur auf der Kostenseite der Erneuerbaren vollständig.
Bemerkenswert ist auch, was Wetzel über das Heizungsgesetz schreibt: „Als der frühere Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck es dennoch versuchte, schrumpften seine Grünen schlagartig zur Elf-Prozent-Partei.“ Er beschreibt die Wirkung einer monatelangen Springer-Kampagne als Naturereignis.
Als hätte sich das einfach so ergeben. Als hätten nicht BILD-Schlagzeilen im Stundentakt und WELT-Kommentare im Dauerfeuer ein handwerklich schlecht kommuniziertes, aber sachlich vernünftiges Gesetz in eine Existenzangst-Kampagne verwandelt.
Und Springer selbst hat das Verbrenner-Aus bekämpft, das einzige marktwirtschaftliche Instrument, das Planungssicherheit für den Umstieg geschaffen hätte. Ohne klares Ausstiegsdatum fehlt das Investitionssignal. Dann beklagt Wetzel, die Elektrifizierung gehe zu langsam.
Der Artikel, der klüger ist als seine These
Daniel Wetzel hat alle Puzzleteile auf dem Tisch ausgebreitet. Effizienztechnologien, die den Energiebedarf senken. 80 Milliarden Importkosten, die ins Ausland abfließen. Eine geopolitische Krise, die den Umstieg beschleunigt. Wärmepumpen als Bestseller. Günstigere Elektroautos am Horizont. Er weigert sich nur, das Puzzle zusammenzusetzen.
Stattdessen greift er zum Primärenergieverbrauch, einer Kennzahl, die den fossilen Ballast mitschleppt, den er selbst loswerden will. Und konstruiert daraus eine Unmöglichkeitsbehauptung. Fokus auf Nutzenergie, Herr Wetzel. Dann löst sich die Illusion auf, allerdings eine andere als die, die Sie im Sinn hatten.
Machen wir uns die Abkehr von fossilen Energieträgern nicht unnötig schwer, indem wir ignorieren, dass der Nenner in der Rechnung mit jedem Elektroauto, jeder Wärmepumpe und jedem Solarmodul kleiner wird. Wer Wetzels Artikel zu Ende denkt, kommt zum gegenteiligen Schluss: Die Energiewende ist kein grüner Mythos. Sie ist eine ökonomische Notwendigkeit, die Wetzel selbst belegt hat. In einem Text, der klüger ist als seine Überschrift.
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Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.
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