Gasfeld Groningen wurde auch wegen Erdbeben geschlossen (KI-generiert)
Gasfeld Groningen: Warum die Niederlande trotz Iran-Krieg kein fossiles Comeback brauchen
Rechte Parteien wollen Europas größtes Gasfeld als Notreserve offenhalten. Energieexperten widersprechen: Die Krise beweist das Gegenteil.
Das Gasfeld Groningen ist zurück in der politischen Debatte. Seit der Iran-Krieg die Energiepreise in Europa nach oben treibt und die Straße von Hormus für den Großteil des Tankerverkehrs gesperrt ist, fordern rechte Parteien in den Niederlanden, Europas größtes Erdgasfeld als strategische Reserve offenzuhalten. Dabei wurde die Förderung erst 2023 eingestellt – nach Jahrzehnten voller Erdbeben, zerstörter Häuser und gebrochener Versprechen. Die Frage, die sich für ganz Europa stellt: Ist die Rückkehr zum fossilen Notvorrat die richtige Antwort auf geopolitische Krisen – oder genau die falsche?
Am 5. März 2026 hat JA21-Parteichef Joost Eerdmans einen Gesetzentwurf ins niederländische Parlament eingebracht, der die endgültige Versiegelung der Groninger Bohrlöcher verhindern soll. Von den 337 Bohrlöchern im Feld sind bislang nur etwa 70 mit Beton verschlossen, rund 230 stehen noch offen. Eerdmans will sie dauerhaft zugänglich halten – als nationale Notreserve für den Krisenfall. Geert Wilders‘ PVV hat Unterstützung signalisiert, allerdings unter der Bedingung, dass das Gas nur im Notfall und ausschließlich für die niederländische Bevölkerung genutzt wird.
Eine parlamentarische Mehrheit gibt es bislang nicht. Doch die Debatte trifft einen Nerv, denn die Niederlande importieren inzwischen rund 80 Prozent ihres Erdgases. Das macht das Land verwundbar – und genau darauf setzt die Argumentation der Befürworter.
TNO warnt vor Versiegelung – Minenaufsicht warnt vor Wiederöffnung
Rückendeckung bekommt die Initiative von unerwarteter Seite. Das Energie-Forschungsinstitut TNO, das die niederländische Regierung berät, hatte bereits im Februar 2026 empfohlen, die verbliebenen Bohrlöcher nicht endgültig zu verschließen. TNO-Direktor René Peters vergleicht das Konzept mit den strategischen Ölreserven, die die Niederlande seit den Energiekrisen der 1970er-Jahre unterhalten. Das Feld solle nicht kommerziell genutzt werden, aber im Notfall schnell liefern können.
Peters hat drei Szenarien identifiziert, die eine akute Gasknappheit in Europa auslösen könnten: eine russische Sabotage norwegischer Pipelines, die iranische Sperrung der Straße von Hormus mit Unterbrechung der LNG-Lieferungen aus Katar oder ein politisch motivierter US-Stopp von LNG-Exporten nach Europa. Keines dieser Szenarien sei undenkbar, so Peters.
Die niederländische Bergbauaufsicht SodM hält dagegen. Sie warnt seit Jahren konsequent davor, dass eine Wiederaufnahme der Förderung in Groningen unsicher ist. Das Erdbebenrisiko verschwindet nicht – egal, wie begrenzt die Förderung wäre. Und die Realität in der Provinz gibt der Aufsicht recht.
Gasfeld Groningen: 1.600 Erdbeben, zehntausende beschädigte Häuser
In Appingedam, einer Kleinstadt direkt über dem Gasfeld, sehen die Straßen aus wie nach einem Konflikt. Albert Heidema von der Bürgerinitiative „Ons Lu“ kämpft seit 14 Jahren gegen die Folgen der Gasförderung. Vor drei Jahren musste er sein Haus wegen Einsturzgefahr verlassen. Tausende Häuser wurden abgerissen und wieder aufgebaut – nur um erneut Bebenschäden zu erleiden.
Das Groninger Gasfeld, 1959 entdeckt, ist mit einer ursprünglichen Kapazität von rund 2.800 Milliarden Kubikmetern eines der 20 größten der Welt. Die Förderung durch die Nederlandse Aardolie Maatschappij (NAM), ein Joint Venture von Shell und ExxonMobil, begann 1963. 60 Jahre lang floss das Gas – und mit ihm 429 Milliarden Euro an Einnahmen, von denen 85 Prozent in die niederländische Staatskasse gingen. Doch seit den 1990er-Jahren bebt die Erde in der Region. Über 1.600 Erdbeben wurden registriert, rund 27.000 Häuser weisen Schäden auf.
Die Besonderheit: Die Beben entstehen in nur zwei bis drei Kilometern Tiefe – dort, wo das Gasfeld liegt. Natürliche Erdbeben treten typischerweise in 15 bis 30 Kilometern Tiefe auf. Die Energie erreicht die Oberfläche in Groningen deshalb schneller und verursacht verhältnismäßig schwere Schäden.
Was bedeutet das für Europa und Deutschland?
Die Gasfeld Groningen-Debatte ist kein rein niederländisches Thema. Sie steht exemplarisch für eine Frage, die ganz Europa betrifft: Wie reagieren wir auf fossile Versorgungskrisen – mit einem Rückfall in alte Abhängigkeiten oder mit beschleunigter Transformation?
Jilles van den Beukel von der Strategieberatung HCSS in Den Haag widerspricht der fossilen Notreserve-Logik grundsätzlich. Die Energiewende weiterzutreiben mache nicht nur für das Klima Sinn, sondern sei auch günstiger und mache Europa unabhängig. Solar und Wind würden die Basis der europäischen Stromversorgung. In China, Indien, Südkorea und Australien werde die Iran-Krise als Beschleuniger des fossilen Ausstiegs verstanden – nur Europa tue sich mit dieser Erkenntnis schwer.
Parallel dazu klagen Shell und ExxonMobil in einem internationalen Schiedsverfahren auf Entschädigung für entgangene Gewinne durch die Feldschließung. Die Konzerne, deren Förderung 1.600 Erdbeben verursacht und zehntausende Häuser beschädigt hat, wollen also nicht zurück nach Groningen – sie wollen Geld dafür, dass sie nicht mehr fördern dürfen. Betroffene in der Region haben sich organisiert und machen gegen die Klage mobil.
Für Deutschland ist die Parallele offensichtlich. Auch hierzulande werden fossile Rückfalloptionen unter dem Label „Versorgungssicherheit“ diskutiert. Der Iran-Krieg treibt die Spritpreise auf Jahreshöchststände, die Straße von Hormus ist faktisch blockiert, Brent-Rohöl hat die 100-Dollar-Marke überschritten. Jede dieser Krisen lässt sich als Argument für fossile Vorratshaltung instrumentalisieren. Oder als Beweis dafür, dass fossile Abhängigkeit selbst das Risiko ist.
Fazit und Ausblick: Groningen zeigt das Dilemma der fossilen Logik
Die Provinz Groningen plant längst die Zukunft nach dem Gas. Neun Milliarden Euro sollen in den Umbau zur Wasserstoffwirtschaft fließen, die EU steuert über den Just Transition Fund 623 Millionen Euro bei. Zwei große Wasserstoffpipelines nach Deutschland sind geplant. Die Region, die jahrzehntelang Europa mit Gas versorgt hat, könnte künftig grünen Wasserstoff exportieren.
Die Gasfeld Groningen-Debatte verdichtet ein Muster, das sich bei jeder fossilen Krise wiederholt: Kurzfristige Panik überlagert langfristige Logik. Doch die Fakten sind eindeutig. Die Förderung hat eine ganze Region zerstört. Die Konzerne klagen auf Entschädigung statt auf Wiedereröffnung. Und die Erneuerbaren sind nicht nur klimafreundlicher, sondern auch günstiger und sicherer. Die einzig sinnvolle strategische Reserve Europas steht nicht drei Kilometer unter Appingedam. Sie steht auf den Dächern und in den Windparks.
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Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.