Fehlschlag Energiewende? Warum die „NZZ“ irreführend argumentiert

ENERGIEWENDE · 21. MAI 2026

Fehlschlag Energiewende? Warum die „NZZ" irreführend argumentiert

Die Neue Zürcher Zeitung zeigt eine Grafik, die Deutschland als Energiewende-Versager darstellt. Installierte Leistung plus 143 Prozent, erzeugter Strom minus zehn Prozent. Was die Grafik nicht zeigt, verändert das gesamte Narrativ.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 8 Min. Lesezeit LESEN


Es ist eine Grafik, die sich viral verbreitet. Zwei Kurven, eine Aussage: Deutschland baut Windräder und Solaranlagen in Rekordzahlen, erzeugt dabei aber weniger Strom als im Jahr 2000. Die Neue Zürcher Zeitung veröffentlichte sie am 19. Mai 2026 unter der Überschrift „Fehlschlag Energiewende" (Online) bzw. "Das deutsche Stromparadox" (Print). Seither wird sie in sozialen Netzwerken geteilt, von Energiewendegegnern als Beweis zitiert, von der rechtskonservativen Brussels Signal auf Englisch weiterverbreitet.

Das Paradoxe: Die Zahlen der NZZ sind irreführend interpretiert. Die installierte Kraftwerksleistung ist tatsächlich um 143 Prozent gestiegen. Die Bruttostromerzeugung ist tatsächlich um rund zehn Prozent gesunken. Beides stimmt. Und trotzdem ist die Schlussfolgerung „Fehlschlag" methodisch unredlich. Weil zwischen diesen beiden korrekten Zahlen eine Lücke klafft, in die die NZZ drei entscheidende Fakten fallen lässt.

Dieser Artikel legt offen, welche Fakten das sind, warum ihre Auslassung kein journalistisches Versehen ist, und was die Zahlen wirklich erzählen, wenn man sie vollständig betrachtet.

Der Trick mit dem falschen Maßstab

Die NZZ-Grafik vergleicht installierte Leistung in Gigawatt mit erzeugtem Strom in Terawattstunden. Das klingt nach demselben Thema. Es ist es nicht. Installierte Leistung beschreibt, wie viel Strom alle Anlagen gleichzeitig liefern könnten, wenn sie alle gleichzeitig auf Volllast laufen. Erzeugte Strommenge beschreibt, wie viel tatsächlich produziert wurde.

Der Unterschied ist physikalisch und fundamental. Ein Kernkraftwerk läuft rund 8.000 Stunden im Jahr auf Volllast, ein Windrad an Land durchschnittlich 1.600 Stunden, eine Photovoltaikanlage in Deutschland rund 1.000 Stunden. Wer 1 Gigawatt Kernkraft durch 1 Gigawatt Windkraft ersetzt, verliert damit rechnerisch rund 75 Prozent der erzeugten Strommenge, obwohl die installierte Leistung identisch bleibt.

Fehlschlag Energiewende NZZ: Die Cleanthinking-Grafik zeigt, was die Schweizer Tageszeitung vergisst.
Fehlschlag Energiewende NZZ: Die Cleanthinking-Grafik zeigt, was die Schweizer Tageszeitung vergisst.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor: „Wind- & PV-Anlagen [wurden] so billig, dass sich ihre Installation auch unter suboptimalen Bedingungen lohnt: PV-Fassaden, windärmere Binnenstandorte etc.", schrieb Krauter auf LinkedIn. Was die NZZ als Systemversagen rahmt, ist damit auch ein Markterfolg der Technologie.

Stefan Krauter, Solarenergieexperte und Professor an der Universität Paderborn, wies die NZZ-These auf LinkedIn direkt zurück: „Sowohl die erzeugte Strommenge, als auch der relative Beitrag zur Stromversorgung haben stetig zugenommen." Der falsche Eindruck entsteht allein durch den Vergleich zweier Größen, die unterschiedliche Dinge messen.

Die drei Zahlen, die die NZZ nicht zeigt

Die AG Energiebilanzen, das offizielle Statistikgremium der deutschen Energiewirtschaft, veröffentlicht jährlich vollständige Zeitreihen zur deutschen Stromerzeugung. Sie sind öffentlich zugänglich. Die NZZ hat sie als Quelle angegeben. Trotzdem fehlen drei Zahlen in der Grafik.

Erste fehlende Zahl: Die Erneuerbaren haben ihre Stromerzeugung von 37,9 Terawattstunden im Jahr 2000 auf 292 Terawattstunden im Jahr 2025 gesteigert. Das ist ein Zuwachs von 670 Prozent. Auf der NZZ-Grafik ist diese Kurve nicht zu sehen.

Zweite fehlende Zahl: Die Kernenergie hat zwischen 2000 und 2023 ihre Stromerzeugung von 169,6 auf null Terawattstunden reduziert. Dieser Wegfall von 170 Terawattstunden ist für sich allein größer als der gesamte Rückgang der deutschen Bruttostromerzeugung im selben Zeitraum. Wer den Atomausstieg aus der Gleichung herauslässt und dann fragt, warum weniger Strom erzeugt wird, beantwortet eine andere Frage als die gestellte.

Dritte fehlende Zahl: Der deutsche Bruttostromverbrauch aus dem öffentlichen Netz sank von seinem Höchststand 624 Terawattstunden im Jahr 2007 auf 521 Terawattstunden im Jahr 2025. Die NZZ nennt das „wirtschaftliche Erosion".

Krauter widerspricht dieser Interpretation direkt: „Die Reduktion des Stromverbrauches aus dem öffentlichen Netz kann nicht unbedingt als Wirtschaftsindikator gelten, da viele Effizienzmaßnahmen wirken und sich zunehmend Bürger, Gewerbe und Industrie mit Solar- als auch Gasstrom selbst versorgen."

Die Zahlen dazu sind aus Energy-Charts.info ablesbar: Die industrielle Eigenproduktion aus Erdgas lag 2025 bei 29,8 Terawattstunden, der solare Selbstverbrauch bei 19,8 Terawattstunden. Zusammen fast 50 Terawattstunden, die nicht ins öffentliche Netz eingespeist werden und deshalb in der NZZ-Messung unsichtbar bleiben. Krauter bringt es auf den Punkt: Dieser Eigenverbrauchsbeitrag sei „inzwischen höher als der Beitrag der letzten drei Atomkraftwerke."

Was die Erneuerbaren tatsächlich geleistet haben

Der langjährige Fraunhofer-ISE-Forscher Bruno Burger dokumentiert seit Jahren, was nach dem Atomausstieg im April 2023 tatsächlich passierte. Die rund 30 Terawattstunden, die die letzten drei Kernkraftwerke jährlich lieferten, wurden energetisch durch erneuerbare Energien ersetzt. Die fossile Stromerzeugung ging im ersten Jahr nach dem Ausstieg um mehr als ein Viertel zurück. Deutschland importierte zwar mehr Strom aus Europa, aber überwiegend günstigen Wind- und Wasserkraftstrom aus Skandinavien und den Niederlanden, nicht, wie oft behauptet, französischen Atomstrom als Notlösung.

Der EE-Anteil am deutschen Bruttostromverbrauch stieg von 6,3 Prozent im Jahr 2000 auf 58 Prozent im Jahr 2025. Kein anderes großes Industrieland hat diesen Wandel in diesem Tempo vollzogen. Der Anteil der fossilen Energieträger an der Stromerzeugung ist im selben Zeitraum von über 60 Prozent auf unter 40 Prozent gesunken. Das sind keine Anzeichen eines gescheiterten Systems. Das ist die Beschreibung einer laufenden Transformation.

Auch der direkte Vergleich mit Spanien, den die NZZ als Gegenbeispiel anführt, hält einer näheren Betrachtung nicht stand. Spanien hat seine Kernkraftwerke nicht abgeschaltet: Sie lieferten 2024 knapp 20 Prozent des spanischen Strommix. Spaniens Bevölkerung wuchs zwischen 2000 und 2024 um 21 Prozent, Deutschlands nur um 2 Prozent. Spanien erlebte einen Klimaanlagen-Boom durch wachsende Hitzeextreme, der den Stromverbrauch trieb. Ein fairer Ländervergleich sähe anders aus.

Ein Muster mit Methode

Die NZZ-Datengrafik folgt einem Argumentationsmuster, das in der Energiewendedebatte bekannt ist: Ein reales Faktum wird korrekt benannt, der entscheidende Kontext wird weggelassen, daraus wird ein politisch verwertbarer Schluss gezogen. Das Ergebnis ist nicht gelogen. Es ist selektiv.

Das Muster ist nicht neu für die NZZ. Das Blatt hat in den vergangenen Jahren wiederholt Artikel veröffentlicht, die Kernkraft rehabilitieren, Klimaschutzpolitik als wirtschaftsfeindlich rahmen und Erneuerbare als unzuverlässig darstellen. Die neue Datenjournalismus-Rubrik „Der andere Blick mit Daten" setzt diesen Kurs mit dem Anstrich wissenschaftlicher Objektivität fort. Grafiken wirken neutral. Ihre Auswahl ist es nicht.

Selbst aus dem NZZ-eigenen Archiv ergibt sich ein Widerspruch: E.On-Chef Leonhard Birnbaum erklärte in einem Interview in derselben Zeitung eine Woche vor dem Datenstück, knapp 60 Prozent des deutschen Stroms stammten aus erneuerbaren Energien. „Das ist ein Erfolg." Der CEO des größten deutschen Energiekonzerns widerspricht der eigenen Zeitung in der Substanz.

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Was die Kritik zu Recht trifft

Die Energiewende hat echte Schwachstellen, und sie verdienen seriöse Kritik. Der Windkraftausbau an Land liegt 2025 rund 8 Gigawatt unter dem gesetzlichen Zielwert. Die EEG-Strommengenziele wurden deutlich verfehlt. Die Netzinfrastruktur hinkt dem Ausbau hinterher. Die Strompreise für Haushalte und energieintensive Industrie sind im europäischen Vergleich hoch. Diese Kritik ist berechtigt.

Sie hat mit der NZZ-Grafik jedoch nichts zu tun. Die NZZ-Grafik fragt nicht, ob die Energiewende schnell genug geht. Sie behauptet, sie sei grundsätzlich gescheitert. Dieser Schluss ist durch die gezeigten Daten nicht gedeckt, auch nicht durch die vollständige Datenlage, die der Grafik zugrunde liegt.

Claudia Kemfert, Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, hat das Grundproblem dieser Argumentation präzise benannt: Wer weiterhin ein altes, auf konventioneller Energie basierendes System aufrechtzuerhalten versuche, investiere in ein sinkendes Schiff. Die Messgröße für den Erfolg der Energiewende kann nicht sein, ob das Gesamtsystem des Jahres 2000 erhalten blieb. Sie muss sein, ob ein neues, CO₂-armes System entsteht.

Das Stromparadox und seine wahre Ursache

Das „deutsche Stromparadox", wie die NZZ es nennt, existiert. Nur seine Ursache ist eine andere als die behauptete. Deutschland erzeugt 2025 weniger Strom als 2000, weil es seinen Stromverbrauch durch Effizienz und industriellen Wandel massiv reduziert hat, weil es 170 Terawattstunden Kernenergie planmäßig vom Netz genommen hat, und weil es in einem integrierten europäischen Strommarkt dann importiert, wenn Strom aus dem Ausland günstiger ist als heimische Erzeugung.

Gleichzeitig hat Deutschland seine erneuerbare Stromerzeugung von 38 auf 292 Terawattstunden versiebenfacht. Ohne diesen Zubau hätte der Atom- und Kohleausstieg zu massiven Versorgungslücken geführt. Die Erneuerbaren haben nicht versagt. Sie haben das System stabilisiert, während konventionelle Kapazitäten planmäßig stillgelegt wurden.

Eine Grafik, die diese Geschichte erzählen will, zeigt vier Kurven, nicht zwei. Sie zeigt, was wegfiel, was wuchs und was gespart wurde. Die NZZ zeigt zwei Kurven und nennt das Datenjournalismus. Es ist selektive Datenauswahl mit politischem Ergebnis. Und das Ergebnis ist bekannt: Die Kurven gehen durch soziale Netzwerke, die Gegenfakten bleiben zurück.

Wer seriös über den Zustand der deutschen Energiewende schreiben will, muss die richtige Frage stellen. Nicht: Erzeugt Deutschland mehr oder weniger Strom als im Jahr 2000? Sondern: Gelingt der Umbau des Stromsystems hin zu einer versorgungssicheren, bezahlbaren und CO₂-freien Erzeugung schnell genug? Auf diese Frage gibt es berechtigte Kritik, offene Antworten und echten Handlungsbedarf. Die NZZ-Grafik beantwortet sie nicht. Sie stellt sie nicht einmal.

Das ist das eigentliche Paradox: Eine Zeitung, die Datenjournalismus für sich beansprucht, wählt genau jene zwei Datenpunkte aus, die ihre These stützen, und lässt jene weg, die sie widerlegen. Das ist kein Zufall. Es ist (irreführende) Redaktionslinie.

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