Fast jedes vierte neue Wohnhaus wird aus Holz geplant

BETON, STAHL ODER HOLZ? · 18. OKTOBER 2026

Wie Gebäude im Holzbau zum Kohlenstoffspeicher werden

Holz besteht etwa zur Hälfte aus Kohlenstoff, den Bäume der Luft entzogen haben. Im Gebäude bleibt er gebunden, solange Balken und Decken halten. Ob Holzbau dem Klima nützt, hängt an Nutzungsdauer, ersetztem Beton und Stahl und am Zustand der Wälder.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. LESEN


Zement und Stahl tragen fast jeden Neubau, und ihre Herstellung setzt große Mengen CO2 frei. Allein die chemischen Prozesse verursachten im Jahr 2014 rund 1.320 Millionen Tonnen CO2 beim Zement und 1.740 Millionen Tonnen beim Stahl. Bis 2050 erwarten die Vereinten Nationen 2,3 Milliarden zusätzliche Stadtbewohner*innen, die Wohnungen, Schulen und Büros brauchen.

Ein Forschungsteam aus Potsdam und Yale um Galina Churkina hat das Szenario durchgerechnet: Was geschieht, wenn diese Städte aus Holz entstehen? Die Arbeit erschien im Januar 2020 im Fachjournal Nature Sustainability unter dem Titel „Buildings as a global carbon sink“, Gebäude als globale Kohlenstoffsenke. Ein fünfgeschossiges Wohnhaus aus verleimtem Massivholz speichert danach bis zu 186 Kilogramm Kohlenstoff pro Quadratmeter in der Tragstruktur. Der kohlenstoffreichste natürliche Wald, typisch für die Küstengebirge im Westen Nordamerikas, bindet oberirdisch rund 52 Kilogramm.

Mit Holzbau können Gebäude also Kohlenstoff einlagern, eine seltene Eigenschaft im Bauwesen. Der Haken liegt im Wald: Für jeden Balken fällt ein Baum. Der deutsche Wald hat zwischen 2017 und 2022 unterm Strich Kohlenstoff verloren, und die Rechnung des Holzbaus muss diesen Verlust einpreisen.

Wie viel Kohlenstoff ein Holzgebäude speichert

Bäume nehmen CO2 aus der Luft auf und bauen den Kohlenstoff per Photosynthese ins Holz ein. Eine Tonne Kohlenstoff entspricht rund 3,67 Tonnen CO2. Im modernen Holzbau verleimen Werke das Holz zu Brettsperrholz oder Brettschichtholz, und der Vorrat wandert aus dem Wald in die Stadt.

Churkina und Kolleg*innen spielen vier Pfade für neue Stadtgebäude zwischen 2020 und 2050 durch. Im Basisfall entstehen 0,5 Prozent aus Holz, in den übrigen Szenarien zehn, 50 und 90 Prozent. Je nach Szenario und Wohnfläche pro Kopf speichern die neuen Holzgebäude 0,01 bis 0,68 Milliarden Tonnen Kohlenstoff im Jahr. Langlebige Holzprodukte binden weltweit bisher 0,05 bis 0,09 Milliarden Tonnen jährlich.

Szenario 2020-2050Gespeicherter Kohlenstoff, kumuliert (Mrd. t C)Holzbedarf pro Jahr bei 30 m² Wohnfläche je Kopf (Mrd. t C)
10 % Holzbau0,25-2,30,12-0,15
50 % Holzbau1-110,28
90 % Holzbau2-200,51

Die Spannen fallen so breit aus, weil die Wohnfläche pro Kopf den Materialbedarf treibt. Die Studie rechnet mit 30 Quadratmetern als globalem Mittel und mit bis zu 79 Quadratmetern als Obergrenze. Baut die Welt weiter mit Stahl und Beton, entstehen bis 2050 Emissionen von 4,4 bis 19 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. Die Arbeit erschien als Perspektive, sie skizziert also ein Potenzial und misst keine gebauten Städte.

Warum Holz nur im Tausch gegen Beton und Stahl Emissionen spart

Für den Holzbau zählt neben dem Speicher ein zweiter Effekt: Jeder Holzbalken ersetzt Material, dessen Herstellung CO2 freigesetzt hätte. Das Europäische Forstinstitut EFI hat 2018 dazu 51 Studien mit 433 Substitutionsfaktoren ausgewertet, 79 Prozent davon aus dem Bausektor. Im Mittel vermeidet jedes Kilogramm Kohlenstoff im Holzprodukt rund 1,2 Kilogramm Kohlenstoff an Emissionen. Die Werte streuen stark, 95 Prozent liegen zwischen minus 0,7 und 5,1.

Den größten Teil des Vorteils holt das Holz bei der Herstellung, im Mittel 0,8 Kilogramm. Weitere 0,4 Kilogramm kommen hinzu, wenn Altholz am Ende Energie liefert. Die EFI-Autor*innen nennen den Faktor ausdrücklich dynamisch, weil sich die Herstellung der Vergleichsbaustoffe ändert.

Bei diesen Vergleichsbaustoffen ändert sich viel: Stahlwerke stellen auf Wasserstoff und Strom um (mehr dazu: Grüner Stahl in Deutschland). Hersteller bringen Bindemittel ohne klassischen Zement auf den Markt (mehr dazu: Zementfreier Beton). Erste Betonwerke binden CO2 dauerhaft als Karbonat im Baustoff (mehr dazu: CO2-Mineralisierung erklärt). Holz konkurriert damit nicht mit dem Stahl von 2014, sondern mit dem von 2040. Der Ersatzeffekt des Holzbaus schrumpft dann, der Speichereffekt bleibt.

Wie lange der Kohlenstoff im Gebäude gebunden bleibt

Holz hält Kohlenstoff nur fest, solange es weder verrottet noch verbrennt. Treibhausgasbilanzen rechnen deshalb mit Halbwertszeiten: Nach dieser Zeit ist rechnerisch die Hälfte eines Produktjahrgangs aus der Nutzung ausgeschieden. Die britische Forstforschungsanstalt Forest Research setzt in ihrer Bilanz 35 Jahre für Schnittholz an, 25 Jahre für Holzwerkstoffplatten und zwei Jahre für Papier.

Für Gebäude sagen solche Mittelwerte wenig, denn Bauholz in Decken und Balken bleibt laut Forest Research oft viele Jahrzehnte verbaut. Churkina und Kolleg*innen fordern deshalb langlebige, gut geschützte Konstruktionen und eine Planung für den Rückbau. Große Massivholzbauteile lassen sich demontieren und direkt wiederverwenden. Kleinere Stücke gehen in Spanplatten, Zellulosedämmung oder Innenausbau, und nicht verwertbares Holz könnte als Pflanzenkohle Kohlenstoff an Land halten.

Am längsten hält der Speicher, wenn bestehende Häuser weiter genutzt werden. Zimmereien setzen laut Betriebsvergleich ihres Verbands 45 Prozent ihres Umsatzes im Bestand um, Stand Geschäftsjahr 2024. Auch die serielle Sanierung setzt auf vorgefertigte Bauteile für Dach und Fassade (mehr dazu: Klimafreundliche serielle Sanierung).

Wie viel Bauholz in den Wäldern nachwächst

Weltweit sehen Churkina und Kolleg*innen genug Holz. Das ungenutzte Erntepotenzial lag 2010 bei 0,68 Milliarden Tonnen Kohlenstoff pro Jahr, plus oder minus 0,26. Das reicht bei 30 Quadratmetern Wohnfläche rechnerisch für alle drei Holzszenarien. Plantagen bedecken sieben Prozent der Waldfläche, liefern aber 40 Prozent des geernteten Holzes. Wälder durch Bambus zu ersetzen, schließen die Autor*innen ausdrücklich aus.

Die Studie benennt auch den Preis: Mehr Einschlag senkt kurzfristig die Kohlenstoffvorräte im Wald. Die Rückkopplungen im globalen Maßstab können die Forschenden nach eigener Aussage noch nicht beziffern. Der Kohlenstoff im Gebäude gleicht laut Studie einen Teil dieses Verlusts aus, bis der Wald nachwächst.

In Deutschland trifft diese Rechnung auf einen geschwächten Wald. Laut Bundeswaldinventur 2022 verlor die lebende Biomasse seit 2017 rund 41,5 Millionen Tonnen Kohlenstoff, etwa drei Prozent. Der Wald wurde damit zur Kohlenstoffquelle. Sturm, Trockenheit und Borkenkäfer kosteten die Fichte gegenüber 2012 rund 17 Prozent ihrer Fläche.

Der jährliche Holzzuwachs sank auf rund 101,5 Millionen Kubikmeter, 16 Prozent weniger als 2012. Im Totholz kamen 11,3 Millionen Tonnen Kohlenstoff hinzu, im Speicher der Holzprodukte kommen jährlich netto rund fünf Millionen Tonnen CO2 hinzu. Auch weltweit nehmen Wälder und Böden weniger auf als erhofft (mehr dazu: Planetary Health Check 2026). Für den Holzbau taugt deshalb nur Holz aus Wäldern, die nach der Ernte wieder wachsen.

Wie die Länder den Brandschutz im Holzbau regeln

Bauordnungsrecht ist in Deutschland Ländersache. Gebäudeklasse vier reicht bis 13 Meter Höhe, Gebäudeklasse fünf bis 22 Meter, darüber beginnt das Hochhaus. Lange mussten tragende Teile in Klasse fünf aus nicht brennbaren Baustoffen bestehen. Bis 2019 hatten nach einer Vorlage der Bremer Baudeputation fünf Länder eigene Wege geöffnet: Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen.

Die Muster-Holzbaurichtlinie liegt in der Fassung vom 24. September 2024 vor, das Deutsche Institut für Bautechnik hat sie im Mai 2025 veröffentlicht. Sie regelt Bauteile aus Massivholz, die 60 Minuten Feuer standhalten müssen, abweichend feuerbeständige Bauteile sogar 90 Minuten. Sie gilt für Abschnitte bis 400 Quadratmeter und verlangt je nach Bauteil Bekleidungen aus nicht brennbaren Platten. Verbindlich wird die Richtlinie erst, wenn ein Land sie in sein Baurecht übernimmt.

Massive Querschnitte brennen langsam von außen ab, die Kohleschicht schützt den tragenden Kern. Trotzdem bremst der Nachweisaufwand. Im Lagebericht 2026 von Holzbau Deutschland nennen Betriebe langwierige Genehmigungen und umfangreiche Nachweise zu Standsicherheit und Brandschutz als zentrale Hindernisse.

Wie hoch Holzhochhäuser heute reichen

Über der Hochhausgrenze stehen inzwischen mehrere fertige Gebäude. Der Mjøstårnet im norwegischen Brumunddal misst 85,4 Meter und wurde im März 2019 fertig. Der Ascent in Milwaukee kommt auf 86,6 Meter und 25 Geschosse, fertiggestellt 2022. Der Rat für hohe Gebäude CTBUH führt ihn als Holz-Beton-Hybrid. Über einem Parksockel aus Beton mit sechs Ebenen stehen 19 Wohngeschosse aus Holz, zwei Betonkerne steifen den Turm aus.

In der Hamburger HafenCity steht mit dem Roots ein Holzhochhaus mit 65 Metern und 19 Geschossen, im Juni 2024 war die Fassade geschlossen. Laut den Bauherren Garbe und Deutsche Wildtier Stiftung verursacht der Bau rund 3.520 Tonnen oder 31 Prozent weniger Emissionen als eine konventionelle Bauweise. Ohne den Stahlbetonsockel wären es demnach rund 70 Prozent.

Hoher Holzbau ist damit gebaute Realität, bisher aber in Einzelprojekten mit Sockel und Kern aus Beton. Auch andere Branchen fragen Ingenieurholz nach, etwa Hersteller von Windkrafttürmen aus Holz (mehr dazu: Modvion-Holzturm).

Wie viele Neubauten in Deutschland aus Holz entstehen

Die Holzbauquote misst den Anteil genehmigter Neubauten, die überwiegend aus Holz geplant sind. Holzbau Deutschland wertet dafür die amtliche Bautätigkeitsstatistik aus, für 2025 ergänzt um Daten der statistischen Landesämter und eigene Berechnungen. 2025 stieg die Quote bei Wohngebäuden auf 24,4 Prozent, ein Höchststand.

JahrGenehmigte Wohngebäudedavon in HolzbauweiseHolzbauquote
2021129.36327.47721,2 %
2022110.67123.53421,3 %
202367.88914.94022,0 %
202454.80613.18024,1 %
202562.18415.17424,4 %

Der Anteil wächst, weil Genehmigungen in anderen Bauweisen während der Baukrise stärker einbrachen. In absoluten Zahlen genehmigten die Behörden 2025 knapp 45 Prozent weniger Holzwohnhäuser als 2021. Von den 15.174 Holzwohnhäusern waren 14.242 Eigenheime. Bei Nichtwohngebäuden lag die Quote 2025 bei 24,9 Prozent, nach 25,4 Prozent im Vorjahr.

Die Bundesregierung will den Anteil steigern. Das Bundeskabinett beschloss im Juni 2023 eine Holzbauinitiative, die die Holzbauquote bis 2030 erhöhen soll, ohne Zielwert. Stand Oktober 2026 koordiniert das Bundeslandwirtschaftsministerium die Initiative gemeinsam mit dem Bauministerium. Die Geschäftsstelle liegt bei der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe, die einen Runden Tisch mit Ländern und Kommunen organisiert.

Churkinas Rechnung zielt auf mittelhohe Gebäude für wachsende Städte. In Deutschland entfielen 2025 nur 932 Holzgenehmigungen auf Mehrfamilienhäuser, gut sechs Prozent aller Holzwohnhäuser. Wer die Stadt als Kohlenstoffspeicher füllen will, muss deshalb beim mehrgeschossigen Wohnungsbau ansetzen.

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