Nach Kühlturm-Sprengung: Warum Gundremmingen nie wieder in Betrieb geht

Die markanten Kühltürme des ehemaligen Atomkraftwerks Gundremmingen, die seit Jahrzehnten die Skyline der Region prägten, sind Geschichte. Die Sprengung erfolgte am 25. Oktober 2025 – ein spektakuläres Ereignis, das Tausende Zuschauer verfolgten. Die Sprengung markiert einen bedeutenden Schritt im deutschen Atomausstieg und im Rückbauprozess des Kernkraftwerks, das Ende 2021 planmäßig vom Netz genommen wurde.

Update Oktober 2025: Die Sprengung ist Geschichte

Am Samstag, den 25. Oktober 2025, um 12:00 Uhr mittags fielen die 160 Meter hohen Kühltürme des Kernkraftwerks Gundremmingen in sich zusammen – spektakulär, kontrolliert und vor den Augen Tausender Zuschauer. Die von RWE verantwortete Sprengung markierte das endgültige Ende einer Ära: Gundremmingen, einst eines der leistungsstärksten Atomkraftwerke Deutschlands, ist damit sichtbar Geschichte.


Vor der Explosion wurden Tiere aus dem unmittelbaren Umfeld vergrämt, um Kollateralschäden zu vermeiden. Dann fielen die Wahrzeichen der bayerischen Energiewirtschaft innerhalb weniger Sekunden. Die kontrollierte Sprengung verlief ohne Zwischenfälle – ein Meisterstück der Abbruchtechnik. Doch das eigentliche Ende des Kraftwerks liegt noch in weiter Ferne: Der vollständige Rückbau wird Jahrzehnte dauern und Milliarden verschlingen.

Technische Präzision und öffentliches Spektakel

Die Sprengung der Gundremminger Kühltürme war nicht nur ein technisches, sondern auch ein mediales Ereignis. Sprengmeister hatten im Vorfeld strategisch platzierte Sprengladungen angebracht, die die massiven Betonkonstruktionen gezielt zum Einsturz brachten. Die Türme fielen nach innen, um Schäden an umliegenden Gebäuden und Infrastruktur zu vermeiden.

Tausende Schaulustige verfolgten das Spektakel aus sicherer Entfernung – viele Anwohner sahen darin einen symbolischen Moment des Abschieds von der Atomenergie, andere bedauerten das Verschwinden eines regionalen Wahrzeichens. Die lokale Wirtschaft profitierte vom Ansturm: Hotels und Gaststätten in Gundremmingen und Umgebung waren ausgebucht. Der Abbruch der Türme ist jedoch nur ein sichtbarer Meilenstein.

Der eigentliche Rückbau der radioaktiven Anlagenteile erfolgt unter Ausschluss der Öffentlichkeit und wird noch bis mindestens 2040 andauern. Allein für die Entsorgung und Lagerung schwach- und mittelradioaktiver Abfälle sind mehrere Jahre veranschlagt.

Rückbau bis 2040 – und dann?

Mit der Sprengung der Kühltürme ist der Rückbau des Kernkraftwerks Gundremmingen längst nicht abgeschlossen. RWE plant, das gesamte Gelände bis 2040 vollständig zu entkernen und dekontaminieren. Die Kosten dafür werden auf mehrere Milliarden Euro geschätzt – wobei ein erheblicher Teil aus Rückstellungen gedeckt wird, die der Konzern über Jahrzehnte gebildet hat. Unklar ist bislang, was mit dem Areal nach dem Ende des Rückbaus geschehen soll.

Diskutiert werden unterschiedliche Szenarien: Von der Nachnutzung als Gewerbegebiet über die Ansiedlung erneuerbarer Energien bis hin zur vollständigen Renaturierung ist alles denkbar. Die Gemeinde Gundremmingen und die bayerische Landesregierung müssen hier Weichen stellen.

Aus Sicht von Energiewende-Befürwortern wäre eine symbolische Nachnutzung durch Wind- oder Solarparks konsequent – faktisch scheitert dies jedoch oft an den strengen Abstandsregeln in Bayern.

Das letzte Kapitel der Kernkraft in Deutschland

Die Sprengung der Gundremminger Kühltürme reiht sich ein in eine lange Liste ähnlicher Ereignisse: Überall in Deutschland werden ehemalige Atomkraftwerke zurückgebaut. Bis 2040 sollen sämtliche 19 kommerziellen Kernkraftwerke vollständig abgebaut sein. Gundremmingen war eines der jüngsten AKWs, die vom Netz gingen – Block B ging 2017 außer Betrieb, Block C folgte im Dezember 2021 im Zuge des Atomausstiegs nach Fukushima.

Der Prozess zeigt: Der Ausstieg aus der Atomenergie ist nicht nur eine politische Entscheidung, sondern eine technische und finanzielle Herausforderung über Generationen hinweg. Während andere Länder wie Frankreich, Polen oder Finnland auf Renaissance der Atomkraft setzen, bleibt Deutschland beim Ausstieg – auch wenn dieser teuer und langwierig ist.

Die Endlagersuche für hochradioaktive Abfälle ist immer noch ungeklärt, Schacht Konrad und ein potenzielles Endlager tief in geologischen Formationen bleiben Streitthemen.

Atomdebatte spaltet Europa

Während in Gundremmingen die Kühltürme gefallen sind, bauen Nachbarländer neue Reaktoren. Frankreich setzt auf Small Modular Reactors (SMR) und plant sechs neue EPR2-Anlagen. Polen will bis 2040 mehrere Atomkraftwerke ans Netz bringen. Selbst Großbritannien investiert Milliarden in neue Nuklearkapazitäten. Deutschland steht mit seinem konsequenten Ausstieg zunehmend isoliert da – wirtschaftlich wie energiepolitisch.

Kritiker warnen vor steigenden Strompreisen und wachsender Abhängigkeit von Importen. Befürworter verweisen auf die Erfolge der Energiewende: Rekordanteile erneuerbarer Energien, sinkende CO₂-Emissionen im Stromsektor. Die Sprengung der Gundremminger Kühltürme ist mehr als nur Abbruch – sie ist ein Statement. Deutschland hat sich entschieden. Ob richtig oder falsch, wird die Geschichte zeigen.

Der Rückbau schreitet voran

Der Rückbau des Kernkraftwerks Gundremmingen, heute als Rückbauanlage bezeichnet, läuft bereits seit 2022 und soll laut Betreiberangaben noch bis Mitte der 2030er Jahre andauern. Im Mai 2024 erhielt RWE die dritte und letzte atomrechtliche Genehmigung zur Stilllegung und zum Abbau des Kraftwerks vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz. Diese Genehmigung ermöglicht die nahtlose Fortsetzung des unverzüglichen Abbaus gemäß geltendem Atomgesetz und war ein wichtiger Meilenstein im Rückbauvorhaben.

Der Rückbauprozess umfasst den Abbau aller weiteren und bisher nicht betroffenen Anlagen. Insgesamt müssen 89.000 Tonnen Material entsorgt werden, davon 11.500 Tonnen Atommüll. Die Sprengung der Kühltürme war das erste äußerlich sichtbare Zeichen des Rückbaus und markierte einen symbolträchtigen Moment im Prozess des Atomausstiegs.

Desinformation durch rechte Medien

Trotz der klaren Faktenlage verbreiten einige rechtsgerichtete Medien wie NIUS und Apollo News Desinformation über eine angebliche Reaktivierbarkeit des Kraftwerks. Diese Behauptungen ignorieren wichtige Fakten und den aktuellen Stand des Rückbaus.

image 123
Das rechte Portal NIUS über die Kühlturm-Sprengung.

NIUS beispielsweise suggerierte in einem Artikel vom 25. März 2025, dass die Sprengung der Kühltürme übereilt sei und eine mögliche Wiederinbetriebnahme verhindern solle. Sie zitierten dabei Thomas Seipolt, Chef des AKW-Dienstleisters Nukem, der gegenüber der Bild-Zeitung behauptete: „Wir sehen eine realistische Comeback-Möglichkeit für die Atomkraft und machen der neuen Bundesregierung daher ein Angebot.“

Seipolt argumentierte, dass die sechs Atomkraftwerke, die 2021 und 2023 vom Netz genommen wurden, bis 2030 wieder in Betrieb gehen könnten, wenn man den Rückbau sofort stoppen würde.

Apollo News griff diese Aussagen auf und stellte sie in den Kontext einer angeblich verfehlten Energiepolitik, die Deutschland abhängig von Stromimporten mache. Beide Medien ignorierten dabei bewusst die Tatsache, dass der Rückbauprozess bereits weit fortgeschritten ist und eine Reaktivierung aus technischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Gründen nicht realistisch ist.

Die Realität: Keine Chance auf Reaktivierung des AKW Grundremmingen

Die Behauptungen von NIUS und Apollo News stehen im krassen Gegensatz zur Realität des Rückbauprozesses und den Aussagen der verantwortlichen Experten. Dr. Heiko Ringel, Leiter des ehemaligen Kernkraftwerks Gundremmingen, stellte unmissverständlich klar: „Es ist klar: Das Kernkraftwerk Gundremmingen wird nie wieder in Betrieb gehen.“

Diese Aussage wird durch mehrere Faktoren untermauert:

  1. Der Rückbauprozess ist bereits weit fortgeschritten und umfasst die Demontage kritischer Anlagenteile. Eine Umkehr dieses Prozesses wäre technisch äußerst komplex, wenn nicht unmöglich.
  2. Die rechtlichen Genehmigungen für den Betrieb des Kraftwerks sind erloschen. Eine Neubeantragung würde Jahre dauern und müsste moderne Sicherheitsstandards erfüllen, was bei einem alten Kraftwerk kaum möglich ist.
  3. Die Kosten für eine hypothetische Reaktivierung wären enorm. Schätzungen gehen von mehreren Milliarden Euro pro Kraftwerk aus, was wirtschaftlich nicht vertretbar wäre.
  4. Das Personal mit spezifischer Erfahrung im Betrieb des Kraftwerks wurde größtenteils in den Ruhestand versetzt oder hat sich beruflich neu orientiert.
  5. Die Brennelemente wurden bereits abtransportiert, und die Beschaffung neuer Brennelemente wäre ein langwieriger und kostspieliger Prozess.

Die Sprengung als logischer Schritt

Die Sprengung der Kühltürme war somit kein übereilter Schritt, sondern Teil eines lang geplanten und genehmigten Prozesses. Sie unterstreicht die Endgültigkeit der Stilllegung und ist ein sichtbares Zeichen des deutschen Atomausstiegs.

Bürgermeister Tobias Bühler (CSU) hatte im Vorfeld der Sprengung erklärt: „Sie waren nicht nur für die Gemeinde, sondern für die ganze Region ein Zeichen, nachdem sie in den 1980er Jahren erbaut wurden.“ Der Abbau der Kühltürme markierte das Ende einer Ära in der Region und symbolisiert den Übergang zu einer neuen Energiepolitik.

Der Atomausstieg im Kontext der Energiewende

Anzeigen

Trotz der Behauptungen einiger Medien über steigende Stromimporte ist es wichtig zu betonen, dass der Atomausstieg Teil einer langfristigen Energiestrategie ist, die auf erneuerbare Energien und Energieeffizienz setzt. Deutschland hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte beim Ausbau erneuerbarer Energien gemacht und arbeitet kontinuierlich daran, die Netzinfrastruktur zu verbessern und Speichertechnologien zu entwickeln.

Die Entscheidung zum Atomausstieg wurde nicht leichtfertig getroffen, sondern basiert auf einer sorgfältigen Abwägung von Risiken, Kosten und langfristigen energiepolitischen Zielen. Die Sicherheitsbedenken im Zusammenhang mit der Kernenergie, die Problematik der Endlagerung radioaktiver Abfälle und die hohen Kosten für Bau und Betrieb neuer Kernkraftwerke waren wichtige Faktoren in dieser Entscheidung.

Fazit: Ein Schritt in die Zukunft

Die Sprengung der Kühltürme in Gundremmingen ist mehr als nur der Abriss von Industriebauten. Sie symbolisiert den Wandel in der deutschen Energiepolitik und den Willen, eine nachhaltigere und sicherere Energiezukunft zu gestalten. Während einige Stimmen weiterhin die Rückkehr zur Kernenergie fordern, zeigt die Realität des Rückbaus in Gundremmingen, dass dieser Weg nicht mehr umkehrbar ist.

Die Herausforderungen der Energiewende sind zweifellos groß, aber sie bieten auch enorme Chancen für Innovation, wirtschaftliche Entwicklung und Klimaschutz. Die Sprengung der Kühltürme in Gundremmingen war ein sichtbares Zeichen dieses Wandels sein – ein Moment, der das Ende einer Ära markiert und gleichzeitig den Blick in eine neue energiepolitische Zukunft richtet.

(Dieser Artikel erschien ursprünglich am 25. März 2025 und wurde nach der Sprengung im Dezember 2025 umfassend aktualisiert.)

57b08ea541d04a148062aa0391914481
0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
1 Kommentar
Neueste
Älteste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen

[…] Bayerns Umweltbehörde hat die letzte Genehmigung für den Rückbau des Atomkraftwerks Gundremmingen erteilt. Obwohl Experten ein Comeback der Kernenergie für realistisch halten, ist nun klar: Die markanten Kühltürme verschwinden. Die Betreiber RWE Nuclear GmbH und PreussenElektra GmbH planen die Sprengung noch für dieses Jahr. Damit verliert die Region ein jahrzehntelanges Wahrzeichen – und ein möglicher Neustart der Anlage rückt in weite Ferne (cleanthinking: 25.03.25) […]

1
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x