CO₂-PIPELINE DURCH DEUTSCHLAND · 18. OKTOBER 2026
Tausende stemmen sich gegen den Delta Rhine Corridor
Mit dem Delta Rhine Corridor, einer CO₂-Pipeline quer durch NRW, will Open Grid Europe Kohlendioxid aus der Industrie unter die Nordsee leiten. Quer durch das Land und quer durch alle Parteien wehren sich Bürger*innen und Räte. Sie treffen einen wunden Punkt.
„Ein Rohr kann man verlegen, einen 150 Jahre alten Wald nicht", stand auf dem Fahrradanhänger von Wolfgang Dewald. Mit rund 1000 Menschen zog der Radaktivist vor einer Woche vom Duisburger Hauptbahnhof zum Waldspielplatz an der Kammerstraße. Familien schoben Kinderwagen, viele Teilnehmende waren jung. Zur selben Zeit lief in Mülheim ein zweiter Zug durch den Wald, den die CO₂-Pipeline durchschneiden soll.
Duisburg ist nur ein Ort auf einer langen Linie. Die CO₂-Pipeline Delta Rhine Corridor soll rund 200 Kilometer durch Nordrhein-Westfalen laufen. Ein Strang beginnt in Wesseling und Köln und führt über Leverkusen und den Kreis Mettmann, ein zweiter kommt aus Gelsenkirchen über Essen und Oberhausen. In Duisburg treffen sie sich, von dort geht es über Moers, Krefeld und Kempen bis Nettetal an der niederländischen Grenze. 60 Städte und Gemeinden liegen in den Korridoren, die das Land gerade prüft, und fast überall regt sich Widerstand.
Open Grid Europe will CO₂ unter die Nordsee pressen
Hinter dem Projekt steht Open Grid Europe (OGE), der Gasnetzbetreiber aus Essen und Nachfolger der Ruhrgas AG. Die Behörden sprechen von einer CO₂-Transportleitung. Sie soll das Treibhausgas aus Industrieanlagen sammeln und bei Venlo an das niederländische Netz übergeben. Von Rotterdam aus soll es in frühere Erdgaslagerstätten unter der Nordsee gepresst werden.
In den Niederlanden laufen unter demselben Namen auch Wasserstoffleitungen, in NRW geht es um CO₂. Der Delta Rhine Corridor ist Teil eines bundesweit geplanten Netzes von rund 1000 Kilometern. OGE will mehr als eine Milliarde Euro investieren, in Betrieb gehen soll die Leitung frühestens 2033.
Cleanthinking hält diese Infrastruktur für nötig. In Zement- und Kalkwerken entsteht CO₂ aus dem Gestein selbst, kein Ökostrom verhindert das. Für solche unvermeidbaren Emissionen braucht es Abscheidung, Leitungen und Speicher, und die Mengen werden groß sein. Allein die EU will bis 2030 jährlich 50 Millionen Tonnen CO₂ unter die Erde bringen. Heidelberg Materials scheidet im norwegischen Brevik bereits CO₂ ab.
Gerade deshalb muss so eine Leitung sauber gebaut werden. Der Eingriff in die Natur muss so klein sein wie irgend möglich. Wer einspeisen darf, wie gemessen und überwacht wird und wer Leckagen bewertet, muss feststehen, bevor der erste Bagger rollt. Und die Leitung darf kein Freibrief für ein Weiter-so werden, für Emissionen, die sich mit Strom aus Wind und Sonne längst vermeiden ließen.
Von Hilden bis Nettetal stehen Städte und Bürger*innen auf
Im Duisburger Stadtwald und im Mülheimer Uhlenhorst könnten bis zu 17 Hektar Wald fallen, knapp 24 Fußballfelder. Mehr als 8700 Menschen haben die Petition der Deutschen Waldjugend gegen die Waldtrasse unterschrieben. Mülheims Baudezernent Felix Blasch hält die Umweltauswirkungen für sehr hoch. Eine Rodung auf fast 30 Metern Breite wäre „mit Neupflanzungen im Stadtgebiet nicht zu kompensieren", sagt er.
Die Mülheimer Politik will alle rechtlichen Mittel gegen die Waldtrasse prüfen lassen. CDU-Fraktionschefin Christina Küsters möchte sogar klären, ob der Uhlenhorst zum Luftkurort erklärt werden kann. Eine zweite Petition, gestartet von einer Mülheimer Anwohnerin, sammelte in wenigen Tagen mehr als 1300 Unterschriften.
In Hilden soll die Leitung an der A3 entlang mitten durch die Stadt laufen. Bürgermeister Claus Pommer (CDU) will wissen, warum OGE eine linksrheinische Alternative offenbar nicht ernsthaft verfolgt. Stattdessen bevorzuge das Unternehmen „ausgerechnet eine Trassenführung durch einen dicht besiedelten Raum wie Hilden". Der SPD-Landtagsabgeordnete Frank Börner aus Duisburg sagt, seine Partei sei nicht grundsätzlich gegen Pipelines, der Wald müsse aber bleiben.
Am Niederrhein sorgen sich die Menschen um Böden, Naturschutzgebiete und seltene Vögel. Im Nettetaler Ratssaal drängten sich am vergangenen Dienstag rund 100 Zuschauer*innen, viele standen über zwei Stunden. Der Ausschuss beschloss einstimmig, die Pläne abzulehnen, weil die Trasse Naturschutzgebiete durchschneiden würde, darunter ein Schutzprojekt für die seltene Rohrdommel. Im benachbarten Kempen stimmt die Grünen-Stadtverordnete Nicole Marquardt der Planung in ihrer derzeitigen Form nicht zu. „Gerade weil unsere Böden so wertvoll sind, müssen wir genau hinschauen", sagt die Vorsitzende des Umweltausschusses.
Anwohner*innen fürchten das unsichtbare Gas
Neben dem Wald treibt viele die Sicherheit um. In Mülheim-Speldorf warnen Familien in einem Brief an die Stadt vor CO₂-Wolken, die bei einer Beschädigung den Sauerstoff verdrängen. Menschen und Tieren drohe dann der Tod durch Ersticken. Im US-Bundesstaat Mississippi ist das 2020 beinahe passiert. In Satartia barst eine CO₂-Pipeline, 45 Menschen kamen ins Krankenhaus.
Im Delta Rhine Corridor sollen erstmals CO₂-Ströme aus ganz verschiedenen Industrien in einer Leitung zusammenfließen. Schon kleine Mengen an Begleitstoffen können das Gas plötzlich ausdehnen lassen. „Es kann sein, dass die Pipeline das nicht mitmacht", sagt Karin Arnold vom Wuppertal Institut. Dann könnten Risse entstehen und Gas entweichen.
Im Nettetaler Ausschuss applaudierte der Saal, als ein FDP-Politiker nach der Sicherheit der Bevölkerung fragte. Offen blieb, ob Grundstücksbesitzer*innen enteignet werden können. Die Kosten für Atemschutz und Notfallvorsorge bleiben laut Rheinischer Post bei Stadt oder Kreis.
OGE verspielt das Vertrauen, das die Technik braucht
Die Wut richtet sich selten gegen die Idee. Selbst das Duisburger Protestbündnis aus Waldjugend, Fridays for Future und BUND fährt keine Fundamentalopposition. Anders als viele Proteste gegen Windräder kommt dieser Widerstand ohne Verschwörungserzählungen aus und argumentiert mit der Sache. Der Ärger gilt der Art, wie OGE plant und erklärt.
Das Unternehmen nannte das Konzept mit Blick auf die USA „etabliert". Andrew Reid vom Institut für Energiewirtschaft und Finanzanalyse IEEFA widersprach: In den USA fließen keine CO₂-Ströme verschiedener Verbrennungsprozesse in einer Leitung zusammen.
Noch schwerer wiegt, was OGE selbst aufgeschrieben hat. Gegenüber dem Regionalverband Ruhr räumt das Unternehmen ein: Eine Trasse ab dem Autobahnkreuz Breitscheid umgeht die Wälder und schneidet im Vergleich aller Schutzgüter am besten ab. Gewählt hat OGE trotzdem die Waldtrasse, weil sie kürzer und billiger ist.
„Das ist absurd: Bäume speichern CO₂", sagt Isabel Felix, SPD-Bezirksvertreterin in Mülheim, die am Wald aufgewachsen ist und dort bis heute lebt. Ihr Parteikollege Rodion Bakum sitzt für die SPD im Landtag und rechnet anders als OGE. Für das Klima sei die Strecke durch den Wald die teurere, bei einem Geschäft, das auf Jahrzehnte angelegt ist.
Noch bis zum 26. Oktober kann jede*r im Beteiligungsportal des Landes NRW eine Stellungnahme zum Delta Rhine Corridor abgeben. Mehr als 500 sind bereits eingegangen. Im März 2027 will Open Grid Europe seine Vorzugsvariante festlegen, danach beginnt das Genehmigungsverfahren mit einer zweiten Runde Bürgerbeteiligung.
QUELLEN
- Rheinische Post: Widerstand gegen Pipeline: Das wird gefordert, 13.10.2026.
- Rheinische Post: Nettetal will Kohlendioxid-Pipeline ablehnen, 15.10.2026.
- Rheinische Post: Neue Pipeline soll durch den Kreis führen, 15.10.2026.
- NRZ: Breiter Widerstand gegen CO₂-Pipeline quer durch Wald, 24.09.2026.
- WAZ: Schon tausende Unterschriften: Jetzt kommt die Demo gegen die CO2-Pipeline, 09.10.2026.
- WDR: Proteste in Mülheim: Wald soll für CO2-Pipeline gerodet werden, 13.10.2026.
- Correctiv: CO2-Lager: Gefahr durch geplante Pipeline im Rheinland, 11.04.2025.