Eine Gaspipeline schneidet durch Agrarland. Die fossile Düngemittelproduktion verbindet Energiekrisen direkt mit der Welternährung. (Symbolbild)
Hunger aus der Pipeline
Der Iran-Krieg offenbart die gefährlichste fossile Abhängigkeit: Erdgas steckt nicht nur in Heizungen, es steckt über Stickstoffdünger auch im Brot. Diese drei Cleantech-Startups durchbrechen die Kette.
30 Prozent des globalen Harnstoffhandels sind eingeschränkt. Die Straße von Hormuz, durch die normalerweise ein Drittel des weltweiten Düngemittelhandels fließt, ist seit Wochen nahezu blockiert. In Myanmar drohen die Düngemittelkosten für die kommende Monsun-Ernte auf das Doppelte des Vorjahres zu steigen – 12,4 Millionen Menschen leiden dort bereits unter akutem Hunger. „Menschen, die das Erdbeben überlebt haben, konnten sich kaum wieder aufrichten – und jetzt wirft sie der nächste Schlag zurück“, warnt Michael Dunford, Landesdirektor des Welternährungsprogramms.
In Äthiopien, das über 90 Prozent seines Stickstoffdüngers aus dem Golf bezieht, kommt schlicht nichts mehr an. „Die Pflanzzeit ist jetzt. Der Dünger ist nicht da“, sagt Raj Patel, Ernährungsökonom an der Universität Texas. China stoppt die Ausfuhr, Russland fährt auf Volllast, die Golfstaaten können nicht liefern.
Und die unvergleichliche Düngemittel-Krise trifft nicht nur den Globalen Süden. „Unsere Pflanzen brauchen jetzt Stickstoff – je eher, desto besser, damit sie sich etablieren und Reserven für die Ernte im Sommer aufbauen können“, sagt Dirk Peters, Agraringenieur und Landwirt bei Berlin. Ernteausfall droht bereits.
Wer über die Iran-Krise spricht, spricht über Ölpreise und Gaspreise und Stromkosten. Kaum jemand spricht über Düngemittel. Dabei beginnt genau hier die Kette, die aus einer Energiekrise eine Ernährungskrise macht – jedes Mal, wenn fossile Lieferwege zusammenbrechen. 2022 war es Russland. 2026 ist es Iran. Dasselbe Muster, dieselbe Verwundbarkeit. Bei Preis und bei Menge.
Zwischen der Straße von Hormus und dem Weizenfeld steht ein einziges Molekül: Ammoniak. Hergestellt aus Erdgas, nach einem Verfahren, das der deutsche Chemiker Fritz Haber und der Ingenieur Carl Bosch 1909 entwickelten. Das Haber-Bosch-Verfahren verbraucht rund zwei Prozent der globalen Energie, fast ausschließlich Erdgas. Es verursacht bis zu fünf Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. Und es ernährt fast die Hälfte der Menschheit.
Indien allein budgetiert 12,7 Milliarden Dollar für Harnstoff-Subventionen in diesem Jahr – nicht für Klimaschutz, sondern um die eigene Abhängigkeit von importiertem Gas zu kaschieren. Beim Haber-Bosch-Verfahren gehen 60 bis 70 Prozent des ausgebrachten Stickstoffs ohnehin verloren, rechnet Dr. Nadine Geiser vom Berliner Klimafonds World Fund vor. Ein Verfahren, das Gas verschwendet, um Stickstoff zu verschwenden – und ohne das die Welt nicht satt wird. Noch nicht.
Deutschland: doppelt verwundbar
SKW Piesteritz in Sachsen-Anhalt, Deutschlands größter Harnstoffproduzent, musste 2022 die Produktion drosseln, weil Gas zu teuer wurde. BASF Ludwigshafen, der größte Chemiestandort Europas, benötigt Ammoniak als Grundbaustein für Dutzende Produkte. Deutsche Landwirte zahlten 2022 dreifache Düngemittelpreise. Der direkte Draht von der Straße von Hormus zum Weizenpreis in Sachsen-Anhalt.

2026 steht dasselbe Szenario wieder vor der Tür. Und diesmal gibt es eine zusätzliche Pointe: Die Aktie von CF Industries, dem weltgrößten Ammoniakproduzenten, hat Mitte März neue Höchststände erreicht. Der Chart zeichnet die Verwundbarkeit des fossilen Ernährungssystems in zwei Kurvenspitzen: 2022 Russlands Krieg, Spike auf Allzeithoch. Normalisierung. 2026 Irans Krieg, wieder dasselbe Niveau. Zwei Kriege, zwei Düngerpreis-Explosionen, zwei Mal Rekordkurse für denselben Konzern.
Wer sein Geschäftsmodell auf fossiler Knappheit aufbaut, braucht keinen Frieden. Er braucht die nächste Krise. Isabella Weber nennt dieses Muster Verkäuferinflation: Wenn nicht Kosten die Preise treiben, sondern Margen. Die fossile Düngemittelindustrie verdient nicht trotz der Krise – sie verdient an ihr.
„Die Nahrungsmittelversorgung ist fragil und hängt von stabilen Düngemittel-Lieferketten ab“, sagt Hanna Opsahl-Ben Ammar von Yara International, einem der größten Düngemittelkonzerne der Welt. Oliver Oliveros von der Agroecology Coalition geht weiter: „Das könnte ein Wendepunkt sein.“
Drei Technologien, ein Ziel: Stickstoffdünger ohne Erdgas
Ein echter Wendepunkt wird Zeit brauchen. Die drei Cleantech-Startups, die die Richtung zeigen, operieren noch im Pilotstadium oder in der ersten kommerziellen Skalierung – während Haber-Bosch-Anlagen weltweit Hunderte Millionen Tonnen Dünger produzieren. Aber sie beginnen nicht in den Laboren der großen Konzerne, sondern dort, wo Disruption immer beginnt: am Rand des Systems. Drei Unternehmen, drei Kontinente, drei verschiedene Technologien, alle mit demselben Ziel: Stickstoffdünger ohne Erdgas herstellen. Aus Luft, Wasser und erneuerbarem Strom.

Nitricity aus Kalifornien ist am weitesten. Gegründet 2018 von drei Stanford-Absolventen, die ihren ersten solarbetriebenen Dünger an einem Zitronenbaum im Hinterhof testeten. Heute hat das Unternehmen 50 Millionen Dollar in einer Series-B-Runde eingesammelt, angeführt vom Münchner Klimafonds World Fund und Khosla Ventures.
Auch Chipotles Risikokapitalarm ist beteiligt. Die Technologie: ein elektrochemischer Prozess, der aus recycelten Mandelschalen, Luft, Wasser und Strom organischen Stickstoffdünger erzeugt. Die erste kommerzielle Fabrik in Kalifornien ist bis 2028 ausverkauft. Über 150 Millionen Dollar stehen in der Verkaufspipeline.
„Die Düngemittelproduktion hat sich seit über einem Jahrhundert nicht verändert – komplex, teuer und anfällig für globale Lieferschocks”, sagt Rajesh Swaminathan, Partner bei Khosla Ventures. Nitricitys Flaggschiff-Produkt „Ash Tea“ ist ein flüssiger, organischer Dünger für Bewässerungssysteme – kein Ersatz für den globalen Massen-Harnstoff-Markt, aber eine emissionsarme Alternative für den wachsenden Öko-Landbau. Die Emissionsreduktion gegenüber Haber-Bosch beziffert World Fund auf 92 Prozent. Die Expansion nach Europa ist angekündigt – der europäische Markt für organischen Dünger sei noch größer als der amerikanische, sagt CEO Nicolas Pinkowski.
NitroVolt aus Dänemark geht einen anderen Weg: elektrochemisch erzeugtes grünes Ammoniak, direkt aus Luft, Wasser und Windstrom. Das 20-köpfige Team baut derzeit seinen ersten containergroßen Demo-Reaktor – ausgelegt für 5 Kilogramm grünes Ammoniak pro Tag, betrieben mit dänischem Windstrom.
Das Projekt wird von der EU gefördert, zusammen mit dem Danish Technological Institute und der Universität Süddänemark. Nach dem Benchmarking von über 300 Elektrolyseur-Herstellern fiel die Wahl auf einen AEM-Elektrolyseur von Enapter – einem deutsch-italienischen Hersteller, der die Kosten der Elektrolyse auf Geräteebene durch Modularität senkt. Das Wasserstoff-Subsystem läuft bereits, die vollständige Inbetriebnahme ist für 2026 geplant.
Der dritte Ansatz kommt aus Schweden. NitroCapt nutzt Mikrowellen-Plasma, um Stickstoff und Sauerstoff aus der Luft zu spalten – eine modernisierte Version des Birkeland-Eyde-Verfahrens, das älter ist als Haber-Bosch selbst. „Wir spalten Stickstoff- und Sauerstoffmoleküle unter sehr hohem Druck in Atome, was den Prozess extrem produktiv macht”, sagt CEO Gustaf Forsberg. Die Pilotanlage läuft, 22 Produktionseinheiten sind bestellt. 2025 gewann NitroCapt den Food Planet Prize, dotiert mit 2 Millionen Dollar.
Drei Startups, drei Verfahren – und alle drei entkoppeln die Düngemittelproduktion vom Gaspreis. Nitricity ist elektrochemisch und nutzt Biomasse. NitroVolt ist elektrochemisch und nutzt Windstrom-Elektrolyse. NitroCapt ist plasma-basiert und nutzt Mikrowellen. Was sie verbindet: Keines braucht Erdgas. Keines ist verwundbar gegenüber Hormuz.
Die Kostenlogik kippt
Hinter den Dünger-Startups wächst eine industrielle Zuliefererkette, die den Wandel beschleunigt. Electric Hydrogen, finanziert unter anderem von Bill Gates‘ Breakthrough Energy, baut Elektrolyseur-Anlagen mit 120 Megawatt Leistung – und drückt die Gesamtkosten auf unter 1.000 Dollar pro Kilowatt, bis zu 60 Prozent günstiger als bisherige Systeme. Für ein 240-Megawatt-Projekt in den USA soll ab Ende 2028 grünes Ammoniak in industriellem Maßstab produziert werden: 210.000 Tonnen pro Jahr.
Die Dynamik ist dieselbe wie bei Solar und Batterien: Die Zulieferer drücken die Kosten der Kernkomponenten, die Startups bauen die Anwendung, die Investoren folgen dem Signal. Bei Solarstromkosten unter 4 Cent pro Kilowattstunde kann Nitricity konventionellen Dünger im Preis bereits unterbieten – ohne einen Tropfen Erdgas. Je teurer Gas wird, desto schneller kippt die Kostenlogik zugunsten der erneuerbaren Alternative. Und Gas wird gerade sehr teuer.
Aber die Kostenkurve allein reicht nicht. Die Transition braucht massenhaft günstigen erneuerbaren Strom – mehr, als die Startups heute beziehen können. Sie braucht politische Weichen: Subventionen, die nicht fossile Abhängigkeit kaschieren wie Indiens 12,7-Milliarden-Dollar-Programm, sondern Alternativen finanzieren. Und sie braucht die Erkenntnis, dass effizienterer Einsatz von Dünger – weniger Verluste, präzisere Ausbringung – mindestens so wichtig ist wie neue Produktionsverfahren. Der fossile Riese ist noch lange nicht besiegt. Aber er ist zum ersten Mal verwundbar.

In Deutschland gibt es kein auffindbares Cleantech-Startup, das Stickstoffdünger ohne fossiles Gas herstellt. Keine Plasma-Anlage, keinen Elektrolyse-Ansatz, keine elektrochemische Lösung. Nur Grundlagenforschung an Universitäten. Deutschland ist bei Düngemitteln doppelt verwundbar: abhängig vom Gas – und ohne eigene Alternative. Während Stanford-Absolventen in Kalifornien Mandelschalen zu Dünger machen und dänische Ingenieure Windstrom in Ammoniak verwandeln, importiert SKW Piesteritz Gas für Harnstoff. Das ist keine Technologielücke. Das ist eine Strategielücke.
Selbst das Bundeswirtschaftsministerium warnt in seinen Langfristszenarien davor, Mittel für Kernenergie zu binden, die an anderer Stelle fehlen könnten – etwa für erneuerbare Energien. Und es geht bei Erneuerbaren längst nicht mehr nur um Strom. Es geht um Dünger, um Ammoniak, um die Grundstoffe der Ernährung. Wer die Energiewende auf den Stromzähler reduziert, übersieht, dass Erdgas auch in Brot, Reis und Weizen steckt.
Die Transformation der fossilen Wertschöpfungskette endet nicht beim Kraftwerk. Sie reicht von der Pipeline bis auf den Teller. Drei Startups zeigen, dass die Alternative nicht mehr nur im Labor existiert – sie ist finanziert, getestet und wächst. Ob sie schnell genug wächst, um die nächste Krise abzufedern, ist offen. Dezentrale Lösungen wie NitroVolts Container-Reaktor oder Nitricitys regionale Produktion könnten schneller helfen als globale Skalierung. Aber der Großteil der Welt – Äthiopien, Myanmar, Punjab – bleibt noch Jahre auf fossilen Importdünger angewiesen.
Und Dünger ist nur ein Hebel. Langfristig könnten Präzisionsfermentation und zelluläre Landwirtschaft den Bedarf an konventionellem Ackerbau – und damit an Düngemitteln – grundsätzlich senken. Die Ernährung der Zukunft wird nicht nur anders produziert, sondern anders gedacht. Aber heute, im März 2026, braucht Dirk Peters bei Berlin Stickstoff für seine Felder. Die Reisbauern in Punjab brauchen ihn. Die 12,4 Millionen Hungernden in Myanmar brauchen ihn.
Zwischen ihrer Mahlzeit und dem nächsten Krieg steht ein einziges Molekül – hergestellt aus einem Gas, das gerade wieder zum Spekulationsobjekt wird.
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Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.