Sustainable Economy Barometer 2026: Wirtschaft widerspricht dem Klimaziel-Rollback

Repräsentative Civey-Umfrage zum Auftakt des Sustainable Economy Summit in Berlin

2.500 Entscheider*innen aus Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitenden bewerten Nachhaltigkeit als Standortvorteil und die wiederkehrende Debatte um eine Verschiebung der Klimaziele als wirtschaftlich schädlich. Eine direkte Botschaft an Wirtschaftsministerin Katherina Reiche.

Das Sustainable Economy Barometer 2026 räumt mit einem Narrativ auf, das seit dem Regierungswechsel in Berlin den politischen Diskurs bestimmt: Klimaschutz sei eine Belastung für die Wirtschaft, Klimaziele seien unrealistisch, Nachhaltigkeitsregulierung schade dem Standort Deutschland. Die am 21. April beim Sustainable Economy Summit vorgestellte Civey-Umfrage unter 2.500 privatwirtschaftlichen Entscheidungsträger*innen zeichnet das genaue Gegenbild. Knapp zwei Drittel der Befragten (65,1 Prozent) sehen nachhaltige Geschäftsmodelle als Treiber für langfristigen Unternehmenserfolg, ein Plus von sieben Prozentpunkten gegenüber der Ersterhebung 2023.


Das Sustainable Economy Barometer 2026 wurde im Auftrag der Sustainable Economy gGmbH durchgeführt, der statistische Fehler liegt bei 3,8 Prozentpunkten.

Der Befund ist deutlich: Die deutsche Wirtschaft ist in der Transformationsfrage weiter als die politische Debatte, die über sie geführt wird. Mehr als die Hälfte der Entscheider*innen (56,6 Prozent) bewertet die wiederkehrende Debatte um eine Verschiebung der Klimaziele als wirtschaftlich schädlich. Knapp zwei Drittel (64,1 Prozent) halten die Kontinuität der Klimaziele bis 2045 für wichtig oder sehr wichtig für ihre Planungssicherheit.

Sustainable Economy Barometer 2026 von Civey: Wirtschaft steht hinter den Klimazielen

Damit widerspricht die Wirtschaft selbst jener Rhetorik, mit der Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche derzeit eine klimapolitische Rolle rückwärts begründet.

Nachhaltigkeit als Standortfaktor: plus zehn Prozentpunkte in drei Jahren

56,4 Prozent der Befragten schreiben einer klimaneutralen und nachhaltigen Wirtschaft eine hohe Bedeutung für den künftigen Wirtschaftsstandort Deutschland zu. Gegenüber 2023 ist dieser Wert um zehn Prozentpunkte gestiegen. 53,7 Prozent stimmen der Aussage zu, dass Unternehmen ohne Nachhaltigkeitsstrategie langfristig nicht wettbewerbsfähig sind, ein Plus von 5,5 Prozentpunkten. Die Zustimmung wächst, obwohl oder gerade weil die politische Kommunikation in die entgegengesetzte Richtung zielt.

Bemerkenswert ist auch das Maßnahmenbild. Jedes zweite Unternehmen (50,5 Prozent) hat bereits Effizienzmaßnahmen zur Energieeinsparung umgesetzt. 38,6 Prozent sind auf erneuerbare Energieträger umgestiegen, acht Prozentpunkte mehr als 2023. Maßnahmen zur Ressourceneffizienz legen um sieben Prozentpunkte auf 37,3 Prozent zu, nachhaltige Mobilität ebenfalls um sieben Prozentpunkte auf 35,6 Prozent.

Die Wirtschaft investiert nicht in eine Zukunft, die sie für bloße Rhetorik hält, sondern in eine Transformation, die längst läuft. Parallel dazu setzt die EU-Kommission mit AccelerateEU den europäischen Rahmen für Elektrifizierung und Effizienz auf volle Fahrt, während Berlin das Energieeffizienzgesetz bremst. Die Unternehmen zeigen mit ihrem Antwortverhalten, an welcher Linie sie sich orientieren: an der Brüsseler, nicht an der Berliner.

Rechtsunsicherheit als Investitionsbremse

Die wirklich harte Zahl des Barometers betrifft die Folgen politischer Inkonsequenz. 72,5 Prozent der Befragten stimmen zu, dass rechtliche Unsicherheiten rund um Nachhaltigkeitsberichterstattung und Sorgfaltspflichten Investitionsentscheidungen verzögern. Damit ist nicht die Regulierung selbst das Problem, sondern ihre permanente Infragestellung. Jede neue Debatte über CSRD-Verschiebung, Lieferkettengesetz-Rollback oder Klimaziel-Aufweichung kostet Investitionen.

Die Sustainable-Economy-Geschäftsführerin Prof. Dr. Katharina Reuter formuliert den politischen Auftrag bei der Präsentation der Daten scharf: „Die Wirtschaft ist weiter als die Debatte, jetzt muss die Politik nachziehen.” Rita Schwarzelühr-Sutter, Staatssekretärin im Bundesumweltministerium (BMUKN), stützt diese Lesart. Sie machte beim Summit-Auftakt deutlich, dass Unternehmen aus klimafreundlicher Produktion einen überzeugenden Business Case machen können, solange der politische Rahmen verlässlich bleibt.

Wie wichtig die politische Seite ist, zeigt das Barometer mit einer weiteren Zahl: 65,8 Prozent halten die Rolle der Politik für das Erreichen einer klimaneutralen Wirtschaft für wichtig. 69,5 Prozent bewerten politische Unterstützung für nachhaltiges Wirtschaften mit Blick auf den Standort Deutschland als wichtig. Die Unternehmen verlangen keine Ideologie. Sie verlangen Rahmenbedingungen, die nicht nach jeder Talkshow zur Disposition stehen.

Klimaschädliche Subventionen abbauen: die Wirtschaft ist deutlicher als die Koalition

Gefragt nach dem sinnvollsten Instrumenten-Mix, nennen 48,3 Prozent den Abbau klimaschädlicher Subventionen als wichtigste Maßnahme. Es folgen die niedrigere Besteuerung nachhaltiger Produkte (40,7 Prozent) und die steuerliche Förderung nachhaltiger Maßnahmen (36,5 Prozent). Damit priorisieren die Entscheider*innen genau jenes Instrument, das politisch mit dem größten Widerstand belegt ist.

Das Umweltbundesamt beziffert klimaschädliche Subventionen in Deutschland auf mehr als 65 Milliarden Euro pro Jahr, vom Dienstwagenprivileg über das Dieselsteuer-Privileg bis zur Kerosinsteuerbefreiung im internationalen Flugverkehr. Die Wirtschaft selbst schlägt damit einen Hebel vor, den die Koalition bislang auslässt. Dass ein Subventionsabbau zugleich Haushaltsspielraum für Klimaschutz und Industriepolitik schafft, macht die Zurückhaltung umso auffälliger.

Bemerkenswert auch das Urteil über die klassischen Wirtschaftsverbände: 59,3 Prozent der Unternehmen fühlen sich von Kammern und Industrieverbänden bei der Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise nicht ausreichend unterstützt. Der DIHK, der sich öffentlich gern als Stimme „der” Wirtschaft inszeniert, spricht bei diesem Thema offenkundig an seiner Basis vorbei.

Was bedeutet das Barometer für Deutschland?

Die Daten verschieben die Beweislast: Wer in der aktuellen Debatte behauptet, Klimaschutz schade der Wirtschaft, kann sich nicht länger auf „die Wirtschaft” berufen. Die Wirtschaft, jedenfalls die repräsentativ befragte, sieht es anders. Sie sieht Nachhaltigkeit als Wettbewerbsfaktor, Klimaziel-Kontinuität als Planungsgrundlage und den Abbau fossiler Subventionen als sinnvollste Maßnahme. Das ist eine direkte Replik auf die Linie der Wirtschaftsministerin, die seit Amtsantritt einen klimapolitischen Rollback inszeniert.

Gleichzeitig legt das Barometer eine blinde Stelle offen. Rund 42 Prozent halten Klima- und Umweltrisiken für ihr eigenes Geschäftsmodell für nicht oder eher nicht relevant. Der Global Risks Report 2026 sieht genau diese Risiken als die dominierenden der kommenden Dekade. Die Wirtschaft treibt die Transformation also voran, unterschätzt aber zugleich, wie existenziell die Alternative ist.

Der größere Bogen: Die Argumentation, mit der Robert Habeck Elektrifizierung jüngst als geopolitische und ökonomische Notwendigkeit beschrieb, findet ihre empirische Entsprechung in den Barometer-Daten. Erneuerbare Energien (46,0 Prozent) sind das Innovationsfeld, dem die Befragten das größte Potenzial zuschreiben, noch vor KI und Digitalisierung. Die deutsche Wirtschaft hat den Systemwechsel verstanden. Die Frage ist, ob die Politik ihr folgt.

Sustainable Economy Barometer 2026 als Argumentationshilfe

Das Sustainable Economy Barometer 2026 ist mehr als eine Momentaufnahme. Es ist ein empirischer Kontrapunkt gegen eine Debatte, die sich zunehmend von der Realität der Unternehmensentscheidungen entfernt. 65 Prozent Zustimmung zu nachhaltigen Geschäftsmodellen, 57 Prozent Ablehnung der Klimaziel-Verschiebungsdebatte, 73 Prozent, die Rechtsunsicherheit als Investitionsbremse benennen: Diese Zahlen wird jeder Verband, jede Bundestagsfraktion und jede Landesregierung in den kommenden Wochen zitieren können, die politische Verlässlichkeit einfordert.

Für die zweite Hälfte der Legislaturperiode bedeutet das: Wer den Wirtschaftsstandort Deutschland verteidigen will, steht nun vor einer Entscheidung. Weiter gegen den Mehrheitswillen der eigenen Unternehmen zu regieren, oder die klimapolitische Handbremse zu lösen. Das Barometer liefert der zweiten Option das Mandat.

Die vollständigen Ergebnisse des Sustainable Economy Barometer 2026 stehen unter sustainable-economy-summit.org zum Download bereit.

35b7b3b5fcca40ab9bab8a0a1655953c
0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x