Habeck-Rede in Berlin: Diese Energiekrise wird die Elektrifizierung beschleunigen

Sustainable Economy Summit

Beim Sustainable Economy Summit zieht Habeck einen Vergleich von drei Energiekrisen und kommt zu einem Befund, der die Politik des aktuellen Wirtschaftsministeriums als historische Fehlinterpretation erscheinen lässt.

Die Habeck-Rede in Berlin beim Sustainable Economy Summit war ein Vergleich der drei großen Energiekrisen seit 1973. Ihr Befund lässt die Politik von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche als historische Fehlinterpretation erscheinen. Vor rund 450 Wirtschaftsentscheider*innen direkt am Brandenburger Tor sprach der ehemalige Vizekanzler über Europas Energiezukunft zwischen Klima und Geopolitik. Seine zentrale These: Diese Krise wird die globale Elektrifizierung beschleunigen, China ist bereits ihr größter Gewinner, Europa hat noch eine Chance, sollte sie aber nicht verspielen. Den Vortrag rahmte ein bemerkenswerter Befund zum politischen Klima in Berlin, den die Gastgeberin schon in der Anmoderation lieferte.


Drei Krisen, ein Vertrauensbruch

Habeck eichte die Perspektive zu Beginn bewusst von außen. Er arbeite hauptberuflich am Dänischen Institut für Internationale Studien (DIIS) in Kopenhagen, einem öffentlich finanzierten Thinktank des dänischen Außen- und Verteidigungsministeriums. Aus dieser Distanz heraus, sagte er, würden viele deutsche Debatten kleiner, andere dafür schärfer.

Die zentrale Analyse: Die Energiekrise 2022 war ein lokales europäisches Problem. Russland drehte das Gas ab, Deutschland diversifizierte die Lieferketten, baute LNG-Terminals, brachte das Osterpaket durchs Parlament. Die Lehre damals lautete: Bei kritischen Ressourcen nicht von einem einzelnen Land abhängig sein.

Die Krise 2026 sei dagegen eine andere Qualität. Diesmal werde nicht eine Lieferbeziehung gestört, sondern das Vertrauen in offene Märkte global erschüttert. Die internationale Seeschifffahrt sei blockierbar, die Straße von Hormus bleibe Risiko, und LNG könne jederzeit als Waffe eingesetzt werden. Habeck spielte das Szenario durch, dass die US-Regierung amerikanische Gaslieferungen nach Europa kurzfristig aussetzen könnte, weil ein europäischer Partner einer politischen Forderung nicht nachkommt. Das sei keine ferne Hypothese mehr.

Daraus folge eine globale Verschiebung. Rund 100 Länder produzieren fossile Energien, aber nur 10 bis 15 sind große Exporteure. Den verbleibenden rund 150 Importeur-Ländern stelle sich nun grundsätzlich die Frage, ob sie weiter abhängig sein wollen von einem Markt, dem sie nicht mehr trauen. Genau dort, so Habeck, würden die politischen Weichen jetzt Richtung Zukunft gestellt.

Die Analyse deckt sich weitgehend mit der der Denkfabrik Ember, die oft von Finanzanalyst Kingsmill Bond vertreten wird. Lesen Sie hier mehr: Die Zwillingsschocks – Warum die 2020er die Energiewelt stärker verändern als die 1970er

Drei Lehren aus dem Vergleich mit den 70er Jahren

Aus dem Vergleich mit der Ölkrise der 70er leitete Habeck drei Lehren ab. Erstens: Effizienz wird zur Elektrifizierung. Vor 1970 verbrauchte die globale Autoflotte im Durchschnitt 20 Liter auf 100 Kilometer, zehn Jahre später nur noch 8,5 Liter. Heute funktioniere die analoge Effizienzrevolution nicht mehr im Verbrennungsmotor, sondern im Wechsel der Antriebstechnik.

Die Zahlen, die Habeck dafür anführte, sind augenöffnend. Vor fünf Jahren lag der globale Anteil der E-Autos an den Neuzulassungen bei knapp fünf Prozent. Letztes Jahr waren es rund 30 Prozent. Wer die Kurve fortschreibe, lande in fünf Jahren nicht bei 60 Prozent, sondern „aller Wahrscheinlichkeit nach knapp unter hundert”. Der Weltmarkt entwickle sich „in einer rasenden Geschwindigkeit” Richtung Elektrifizierung.

Zweitens: Homegrown Energy bedeutet diesmal Erneuerbare, nicht Atomkraft. In den 70ern war der Atomkraft-Boom die Antwort auf die Importabhängigkeit. Auch heute werde die Nuklearenergie wieder wachsen, das sei unstrittig. Aber sie stehe „in keinem Vergleich” zu dem, was bei den Erneuerbaren passieren werde. Atomkraft sei teuer und langsam, Uran komme zudem aus wenigen Lieferländern, von denen nicht alle dauerhaft verlässlich seien. Man tausche eine fossile Abhängigkeit gegen eine nukleare ein.

Drittens: Energieinfrastruktur ist selbst zum Kriegsziel geworden. Die Sprengung von Nord Stream sei der Wendepunkt gewesen. Seitdem zerstöre Russland systematisch ukrainische Kraftwerke und Stromleitungen, die Ukraine wiederum greife russische Öldepots an, im Iran-Konflikt seien arabische Energieanlagen Hauptziel gewesen. Die sicherheitspolitische Konsequenz: Ein einzelnes Großkraftwerk ist ein vergleichsweise leichtes Ziel. Alle Solaranlagen und alle Batteriespeicher eines Landes zu zerstören, ist ungleich schwieriger. Resilienz spreche damit zusätzlich für dezentrale, erneuerbare Erzeugung.

China gewinnt, Europa hat noch eine Chance

Aus der Habeck-Rede ergibt sich ein klarer Gewinner: China sei „im Moment der größte Gewinner der Krise im Iran.” Solaranlagen, Batterien und absehbar auch die digitale Steuerung der Stromsysteme würden in den nächsten Jahren überwiegend aus China kommen. Habeck verwies auf Südkorea, ein Land, das er als Minister noch besucht habe. Selbst dort, wo enge Flächen und stabile LNG-sprachen, kippe nun die Strategie Richtung erneuerbare Energien.

Europa und Deutschland hätten noch eine Chance, sollten sie aber nicht verspielen. Die Warnung vor der Wiederholung des Solar-Desasters vor 20 Jahren war unüberhörbar. Bemerkenswert war auch Habecks USA-Lesart. Während Trump und seine Manager nach Europa reisen würden, um „kauft Gas, vergesst die Erneuerbaren” zu predigen, würden in den USA Solar, Wind und Geothermie „wie blöde ausgebaut,” auch in roten Staaten wie Texas. Die Amerikaner erzählten zwei Geschichten: Kauft unser Gas, wir nutzen es selber nicht.

Was bedeutet das für die deutsche Energiepolitik?

Habeck nannte den Namen Reiche an keiner Stelle. Doch jede der drei Lehren beschreibt das Gegenteil dessen, was die aktuelle Bundesregierung gerade vorbereitet. Wenn diese Krise die Elektrifizierung beschleunigt, ist die Ausschreibung von 10 Gigawatt neuen Gaskraftwerken statt Langzeit-Batteriespeichern strategisch falsch. Wenn dezentrale erneuerbare Erzeugung Resilienz schafft, ist die geplante Streichung von Entschädigungen für abgeregelte Wind- und Solaranlagen eine Schwächung dieser Resilienz.

Wenn 100 Importländer global Richtung erneuerbare Wertschöpfungsketten umsteuern, ist die Demontage des EEG der falsche Zeitpunkt für ein industriepolitisches Signal. Habeck musste das nicht aussprechen. Die Argumentation war so präzise auf das Reiche-Programm gemünzt, dass jede Erwähnung redundant gewesen wäre.

Den passenden Rahmen lieferte Katharina Reuter, Geschäftsführerin des Bundesverbands Nachhaltige Wirtschaft (BNW), bereits in der Anmoderation. Sie berichtete, dass die Veranstalter mehrere Vertreter des Wirtschaftsministeriums angefragt hätten, die Mittelstandsbeauftragte ebenso wie den zuständigen Staatssekretär. Alle hätten abgesagt, und selbst die Absagen seien „nicht zeitnah und auf Augenhöhe, sondern erst nach mehrmaligem Nachfragen” erfolgt. Diese Zukunftsthemen stünden im Ministerium offenbar „gerade nicht so auf der Agenda.

Reuter ordnete das ein als Symptom einer Kabinettskultur, in der das Wirtschaftsministerium Energiegesetze gegen den ausdrücklichen Widerstand des Koalitionspartners SPD durchdrücke: das Netzpaket, die EEG-Novelle und die Gaskraftwerks-Ausschreibung, bei der Batteriespeicher als wichtiger Baustein der zukünftigen Energiewelt um Jahre verzögert würden. Die BDEW-Spitze habe gestern erklärt, sie setze nun auf die Parlamentarierinnen und Parlamentarier.

Ausblick: Habeck-Rede als weiterer Beleg

Habeck kommt nicht als Kandidat zurück. Er kommt als Zeuge einer Politik, deren Logik durch die Iran-Krise gerade in Echtzeit bestätigt wird. Seine Argumentation deckt sich mit den Analysen von Kingsmill Bond bei Ember oder von Tony Seba: Diese Energiekrise wird, anders als die der 70er, nicht zur fossilen Restauration führen, sondern zur exponentiellen Beschleunigung des Erneuerbaren-Hochlaufs. Wer die Kurve nicht reitet, verliert die Wertschöpfung.

Wie offensichtlich diese Analyse im Saal ankam, machte Reuter unmittelbar nach dem Vortrag deutlich. Die Lage sei so offensichtlich, formulierte sie sinngemäß, aber unklar bleibe, wie man sie im Bundeswirtschaftsministerium verankern könne. Genau das ist die Sollbruchstelle der laufenden Legislaturperiode. Der Sustainable Economy Summit hat die Diagnose im Saal, das zuständige Ministerium hat sie nicht.

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