Habeck in Berkeley, Panik in Berlin

Fossile Panik

Drei Tage vor seiner Berliner Rückkehr schreiben ZEIT und WAMS über Habecks Berkeley-Aufenthalt. Die eine Zeitung liefert Fakten, der andere Chefkorrespondent liefert Nietzsche und Wahnsinnsdiagnose.

Robert Habeck lehrt derzeit einen Monat lang in Berkeley. Die Wochenzeitung DIE ZEIT hat ihn dort besucht, die WELT AM SONNTAG hat es gelesen. Zwei Texte, dieselbe Faktenlage, zwei komplett unterschiedliche Schlüsse. Der eine Text trägt Fakten und lässt den Porträtierten zu Wort kommen, der andere baut eine Nietzsche-Assoziation mit Wahnsinnsdiagnose und filtert die Substanz raus.


Der Vergleich lohnt, weil er weniger über Habeck aussagt als über die deutsche Medienlage drei Tage vor seiner Rückkehr auf eine Berliner Bühne.

Was DIE ZEIT in Berkeley sah

Paul Middelhoff war vor Ort. Er ist seit Januar 2025 US-Korrespondent von ZEIT ONLINE in Washington, kommt aus dem Politik-Ressort und hat gemeinsam mit Christian Fuchs das Standardwerk „Das Netzwerk der Neuen Rechten” veröffentlicht. Er kennt das Milieu, aus dem ein Teil der aktuellen Habeck-Kritik stammt, also besser als die meisten seiner Kollegen.

Robert Habeck in Berkeley - ZEIT Magazin

Sein Porträt „California Dreamin‘” in DIE ZEIT Nr. 17/2026 beschreibt eine nüchterne Konstellation. Habeck wohnt seit August 2025 nicht mehr in Deutschland, sondern in Kopenhagen. Er ist Senior Analyst beim Dänischen Institut für Internationale Studien, forscht zu den Folgen der Klimaerwärmung in der Arktis und fährt morgens um acht mit dem Rad zur Arbeit.

Hinzu kommen einzelne Gastaufenthalte. Im Oktober 2025 war Habeck auf Einladung der ehemaligen US-Botschafterin Amy Gutmann an der University of Pennsylvania. Im Januar 2026 lehrte er an der Hebrew University in Jerusalem, diskutierte mit arabischen und jüdischen Studierenden über Karten Europas zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs.

Haas School of Business (By BrokenSphere - Own work, CC BY-SA 3.0)
Haas School of Business (By BrokenSphere – Own work, CC BY-SA 3.0)

Jetzt ein Monat Berkeley, gemeinsam mit seiner Frau Andrea Paluch. Sie gibt Kompaktkurse in kreativem Schreiben. Er, der einst als Kinderbuchautor verspottet wurde, arbeitet mit der deutschen Ökonomin Ulrike Malmendier zusammen, Professorin an der Haas School of Business, und ehemaliges Mitglied des Sachverständigenrats.

Die Studierenden bearbeiten Fallstudien aus Habecks Regierungsalltag. Ein Beispiel: die Vogelgrippe, aus seiner Zeit als Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein. Wie viele Hühner würden die Studierenden keulen lassen, wie würden sie mit der Öffentlichkeit kommunizieren.

Malmendier hat ihrerseits eine Studie zu CEO-Stress, Altern und Tod vorgelegt. Die Kombination aus ökonomischer Krisenforschung und politischem Entscheidungsalltag ergibt dieses Seminar. Das ist nicht Elfenbeinturm, das ist sauber konzipierte Lehre.

Daneben beschreibt Middelhoff die inhaltlichen Fragen, die Habeck im Gespräch umtreiben. Kürzlich war er in Harvard beim Politologen Daniel Ziblatt, dem Autor von „How Democracies Die”. Die Frage, die Habeck ihm gestellt hat, lautet: Wäre nicht ein Nachfolgebuch fällig, „How Democracies Survive”?

Habeck denkt auch in Berkeley über zwei Denkschulen progressiver Politik nach. Über Mehrheitsbildung jenseits der neuen Rechten, über das niederländische Modell der Sammelbewegung, über skandinavische Minderheitsregierungen. Das ist keine esoterische Unterrichtung, sondern politische Grundsatzarbeit mit Abstand.

Am Dänischen Institut für Internationale Studien ist Habeck nach Middelhoffs Schilderung nicht dekorativ aufgehängt. Er gibt Interviews im finnischen Radio, erklärt dänischen Abgeordneten die deutsche Politik, arbeitet an Studien zu arktischen Klimafolgen. Das ist keine Bühne, das ist Facharbeit in einem europäischen Forschungsinstitut.

Middelhoff ist in seinem Porträt des Berkeley-Habecks nicht unkritisch. Er schreibt, Habeck stecke den Kopf nicht in den Sand, sondern in die Wolken. Er fragt, ob das besser sei.

Er hinterfragt die Rolle des ewigen Pioniers, zitiert Habecks Aussage, für konkrete Ratschläge gebe es gerade keinen Bedarf, sonst hätten die Leute ihn ja gewählt. Das ist nicht schmeichelhaft. Aber Middelhoff lässt die Fakten stehen, lässt den Porträtierten zu Wort kommen, ordnet ein. Das ist journalistisches Handwerk.

Was DIE WELT daraus macht

Jan Küveler ist Chefkorrespondent Feuilleton der WELT. Sein Text erschien online am 18. April 2026 unter der Schlagzeile „Vom Minister zum Schreibdozenten – und plötzlich ergibt alles Sinn„. Die Herablassung ist nicht versteckt, sondern Programm: Habeck sei „eigentlich“ immer der Kleinere gewesen, der Minister-Posten ein Missverständnis.

In der Print-Ausgabe der WELT AM SONNTAG vom 19. April 2026 läuft der Text unter dem Seitentitel „MEINUNGSFREIHEIT“, online in der Rubrik „MEINUNG“. Die Selbstinszenierung als Kämpfer für freie Rede, während ein Chefkorrespondent des Feuilletons eine Kampagne gegen einen einzelnen Ex-Politiker fährt, ist das Rahmen-Theater dazu.

Küveler war nicht in Berkeley. Seine einzige Quelle ist erkennbar Middelhoffs Reportage. Er nimmt die ZEIT, filtert sie aus, und baut daraus etwas Neues. Kulturkampf im Feuilleton.

Habeck in Berkeley - der Artikel der "Meinungsfreiheit" in der Welt am Sonntag

Der Rohstoff ist derselbe: Quesadilla, Brooks-Turnschuhe Modell Adrenaline, Stinson Beach, Raum 370 des Germanistischen Instituts, die Vogelgrippe-Fallstudie. Die Verarbeitung ist eine andere.

Küveler öffnet mit Nietzsche. Das Seminar heißt, zitiert Küveler aus Middelhoffs Text, „Writing Together – How We Did It“. Daraus wird eine Anspielung auf Nietzsches „Ecce Homo“ mit den Kapiteln „Warum ich so weise bin“ und „Warum ich so klug bin“.

Der Vergleich bleibt nicht bei der Selbstbeschreibung. Küveler schreibt ausdrücklich hinzu, dass Nietzsche „alsbald dem Wahnsinn verfiel“. Und setzt nach: Böse Zungen behaupteten, dass Habeck das „schon hinter sich habe, etwa bei der Einführung des Heizungsgesetzes“.

Dann folgen „Paralyse, Demenz und Sprachverlust“, formal als Beschreibung von Nietzsches Spätphase, funktional als Assoziationsraum für Habeck. Das ist kein Feuilleton-Journalismus. Das ist eine als Glosse getarnte Wahnsinnsdiagnose.

Was Küveler aus der ZEIT-Reportage übernimmt, ist die Oberfläche. Was er konsequent auslässt, ist die Substanz. Ulrike Malmendier kommt in seinem Text nicht vor, Daniel Ziblatt kommt nicht vor, das Dänische Institut für Internationale Studien kommt nicht vor.

Habecks inhaltliche Auseinandersetzung mit progressiver Strategie kommt nicht vor. Der Harvard-Besuch kommt nicht vor. Dass Habeck in Berkeley mit einer der profiliertesten deutschen Ökonominnen in den USA zusammenarbeitet, erwähnt die WELT AM SONNTAG mit keinem Wort. Es wäre zu viel Legitimität.

Stattdessen: der braungebrannte Ex-Politiker auf seinem Campus, vegetarische Quesadilla, alkoholfreies Bier, ozeanisches Gefühl am Pazifik. Das klassische Porträt des weltfremden grünen Bonzen, aus denselben Bausteinen gebaut, aus denen Middelhoff ein ambivalentes, aber faires Bild zeichnet.

Küveler nennt Middelhoff beiläufig einen „mitreisenden Hofberichterstatter der ZEIT”, was den ganzen methodischen Witz des WELT-Textes sichtbar macht. Er hat den Hofberichterstatter gelesen, ausgeschlachtet und seine Befunde umgekehrt, ohne selbst je in Berkeley gewesen zu sein.

Lesetipp: Zwillingsschocks: Warum die Energiekrise der 2020er anders endet als die der 1970er

Flankiert wird der WELT-Text von einer zweiten Front. Am 15. April 2026 hat der österreichische Plagiatsjäger Stefan Weber, der Habeck 2025 bereits Plagiate in der Dissertation vorwarf, einen Blogbeitrag unter dem Titel „Lebenslauf-Cheating” veröffentlicht. Sein Vorwurf: Habeck führe sich auf LinkedIn als Gastprofessor in Berkeley, sei dort aber nur „Visiting Scholar“.

Der Unterschied ist im US-System real, aber fein. Visiting Professor ist eine bezahlte Fakultätsposition, Visiting Scholar ein unbezahlter Ehrentitel für Gäste von anderen Institutionen. Die deutsche Übersetzung verwischt das.

„Gastdozent“ hat in US-Unis keinen Entsprechungstitel, „Gastprofessor“ ist die umgangssprachliche Übersetzung für jede Art akademischen Gastspiels. Webers Vorwurf wiegt deshalb leichter, als er tut. Er hat aber eine Funktion: Er liefert die Titelzweifel, damit Küveler den Wahnsinns-Vergleich ziehen kann.

Warum das nach Panik klingt

Wer so gegen einen ehemaligen Minister anschreibt, der öffentlich zurückgetreten ist, sein Mandat abgegeben hat, nach Dänemark gezogen ist, in Berkeley einer von Vielen ist und keiner Partei mehr vorsteht, schreibt nicht gegen einen Vergangenen. Er schreibt gegen eine mögliche Rückkehr. Und zwar nicht gegen die Rückkehr in ein Amt, die niemand ankündigt, sondern gegen die Rückkehr in die deutsche Debatte.

Gemeint ist die Rückkehr jener Stimme, die als Wirtschaftsminister innerhalb von Monaten die russische Gasabhängigkeit abgearbeitet, drei LNG-Terminals errichtet und das Osterpaket zum Erneuerbaren-Ausbau durchs Parlament gebracht hat. Die Wärmepumpen-Industrie ist unter Habeck aus der Nische in den Massenmarkt gewachsen. Fossile Panik hat gute Gründe, diese Stimme nicht zurückhaben zu wollen.

Man muss Habeck nicht mögen, um das zu sehen. Die Wärmepumpen-Kommunikation war handwerklich suboptimal, das Heizungsgesetz wurde zur Projektionsfläche für anderthalb Jahre geballte Kampagne, der Rückzug nach der Bundestagswahl 2025 war konsequent. Aber die inhaltliche Substanz der damaligen Entscheidungen ist nicht kleiner geworden, im Gegenteil.

Drei Jahre nach dem Angriff auf die Ukraine ist Deutschland energiepolitisch in einer Position, für die man Habeck nur bedingt kritisieren kann. Die Rückkehr seiner Perspektive in den Diskurs, auch ohne Mandat, ist für diejenigen, die an einer fossilen Rückabwicklung arbeiten, ein Problem.

Lesen Sie auch: Warum Deutschland keine 10 Gigawatt neue Gaskraftwerke braucht

Genau dort setzen Küveler und Weber an. Nicht am Inhalt, sondern an der Figur. Wenn man den Inhalt nicht angreifen kann, greift man den Menschen.

Lifestyle-Spott plus Wahnsinnsvergleich plus Titelzweifel ergeben eine Konstellation, die Habeck als seriösen Gesprächspartner delegitimieren soll, bevor er wieder spricht. Dahinter steht ein eingeübtes Zusammenspiel mehrerer Plattformen des rechten Kulturkampfs. Apollo News veröffentlicht Texte gegen grünen Lobbyismus, die Bundesnetzagentur-Zahlen ignorieren, NIUS und WELT greifen Webers Titelzweifel auf.

Fossile Panik ist 2026 ein arbeitsteiliger Betrieb, keine einzelne Redaktion. Dass sich DIE WELT AM SONNTAG in diesem Betrieb weiter an Habeck abarbeitet, ist in dieser Lesart nicht Zeichen seiner Irrelevanz, sondern der Beweis des Gegenteils. Man arbeitet sich nicht an Unwichtigen ab.

Was bedeutet das für die deutsche Energiedebatte?

Der nächste Prüfstein kommt schneller, als Küveler lieb sein kann. Am kommenden Mittwoch spricht Robert Habeck in Berlin beim Sustainable Economy Summit. Der angekündigte Titel lautet „Europas Energiezukunft zwischen Klima und Geopolitik.”

Die Programmbeschreibung ist präziser, als die aktuelle Medienlage es vermuten ließe: steigende Energiepreise, neue Abhängigkeiten, verschärfte geopolitische Spannungen, Umbau der Energieversorgung, Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit neu ausbalancieren. Das ist exakt das Feld, auf dem Habeck als Minister gearbeitet hat. Und es ist exakt das Feld, auf dem die Bundesregierung unter Wirtschaftsministerin Katherina Reiche derzeit den Rückwärtsgang einlegt.

Das Netzpaket soll Entschädigungen für abgeregelte Wind- und Solaranlagen in kapazitätslimitierten Gebieten streichen, obwohl der Bundesverband Windenergie ein Rechtsgutachten vorgelegt hat, wonach das gegen die Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU verstößt. Das EEG steht zur Debatte, das Referenzertragsmodell für Süddeutschland ebenso.

Reiche wiederholt parallel die Erzählung vom „für drei Milliarden Euro weggeworfenen Strom.” Der Cleanthinking-Faktencheck hat diese Behauptung bereits Anfang März als irreführend eingeordnet, Correctiv kurz darauf ebenfalls.

Die Gesamtkosten des Netzengpassmanagements lagen 2024 bei 2,8 Milliarden Euro, davon 554 Millionen für Erneuerbare, der Rest konventionelle Kraftwerke und Countertrading. Das ist der energiepolitische Hintergrund, vor dem Habecks Mittwochsauftritt stattfindet.

Habeck kommt nicht als Kandidat zurück. Er kommt als Zeuge einer Politik, deren Ergebnisse belastbar sind und deren Alternative gerade unter unseren Augen durchregiert wird. Das ist mehr, als die fossile Panik gerade verdauen kann.

Deshalb erscheint DIE WELT AM SONNTAG in der Lifestyle-Rubrik, deshalb twittert Weber Titelzweifel, deshalb wird das alles drei Tage vor einem Berliner Vortrag gebündelt. Habeck selbst sagt der ZEIT, er wisse nicht, wo er in sechs Monaten sei. Am kommenden Mittwoch weiß man, wo er ist, und worüber er spricht.

fe0987c547224797904160266539dd8b
5 1 Bewertung
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x