ENERGIEWENDE · 27. MAI 2026
Tronder EnergiWindpark Fosen: Wie ein Menschenrechtskonflikt instrumentalisiert wird
Die indigenen Sami reisten nach München, um für ihre Rechte zu kämpfen. Der Konflikt um den Windpark Fosen ist real und ernst. Vernunftkraft-Lobbyist Christoph Canne instrumentalisiert die Interessen des indigenen Volkes für Feindbildpflege.
Acht Vertreter*innen des indigenen Volkes saßen im Münchner Rathaus Repräsentanten der Stadtwerke München gegenüber. Die Delegation kam in traditioneller Kleidung. Sie hatte eine lange Reise hinter sich und eine noch längere vor sich.
Ihr Anliegen ist so einfach wie es berechtigt ist: Der Windpark Fosen steht auf ihrem Weideland, genauer: der Teilpark Roan auf der Halbinsel Fosen. 2020 fertiggestellt, 2021 vom norwegischen Höchstgericht für illegal erklärt - weil sein Bau die Menschenrechte der Sami verletzt. Nach Jahren zäher Verhandlungen kam es 2024 zu einer Einigung: Ausgleichszahlungen und Ersatzweideland. Doch die versprochenen Flächen existieren bis heute nicht.
Das ist der Kern des Konflikts. Er ist real. Er verdient ernsthafte Aufmerksamkeit. Und er verdient keine Vereinnahmung durch jene, denen es nicht um die Sami geht, sondern darum, Windkraft und Grüne als Feindbilder zu pflegen.
Fünfzehn Jahre Widerstand, ein Urteil, keine Lösung
Der Konflikt um Fosen ist nicht jung. Seit 2010, als die norwegische Regierung die Konzession erteilte, kämpfen die Sami dagegen. Sie sind ein indigenes Volk, das seit Jahrhunderten Rentiere auf den Weideflächen der Halbinsel hütet - und dessen Kultur ohne dieses Land nicht existiert. Als der Bau 2016 begann, versammelten sich bereits am fünften Bautag zweihundert Menschen auf der Baustelle zum Protest.
Naturschutzverbände kritisierten den Standort als zentrales Rentierhabitat der südlichen Sami. Der Park wurde trotzdem fertiggestellt. Fosen Vind ist heute mit einer Nennleistung von einem Gigawatt Europas zweitgrößter Onshore-Windkomplex und hat Norwegens Windkraftkapazität bei Inbetriebnahme 2018 bis 2020 mehr als verdoppelt.
278 Vestas-Turbinen auf sechs Teilparks, 3,4 TWh Jahresproduktion, davon ein Drittel per Langzeit-Liefervertrag an Norsk Hydro für die Aluminiumproduktion. Gesamtinvestition: 1,1 Milliarden Euro. Die Stadtwerke München stiegen 2021 ein, als der Komplex bereits lief, mit einer Minderheitsbeteiligung von 29 Prozent am Teilpark Roan.
Im Oktober 2021 fällte der Oberste Gerichtshof Norwegens sein Urteil zum Windpark Fosen - und es war das Gegenteil dessen, was die Betreibergesellschaft erwartet hatte. Fosen Vind hatte das Gericht selbst angerufen, um die Entschädigungszahlungen an die Sami zu reduzieren. Herausgekommen ist stattdessen: Die Lizenzen für 151 der 278 Windräder, die Teilparks Storheia und Roan, sind ungültig. Ihr Bau verletzt die Rechte der Sami nach Artikel 27 des UN-Zivilpakts.
Was das Gericht nicht sagte: wie mit diesem Befund umzugehen sei. Diese Lücke wurde ausgenutzt. Statt die Rechtsverletzung zu beenden, begannen langwierige Verhandlungen. Der Protest wuchs. 500 Tage nach dem Urteil, am 23. Februar 2023, besetzten Aktivist*innen der Sami-Jugend und der Umweltorganisation Natur og Ungdom den Eingang des Ministeriums für Erdöl und Energie in Oslo.
Greta Thunberg kettete sich vier Tage später gemeinsam mit anderen Demonstrant*innen am Gebäude fest. Die Polizei räumte noch in derselben Nacht. Ministerpräsident Jonas Gahr Støre gestand öffentlich ein, dass auf Fosen eine andauernde Menschenrechtsverletzung stattfinde. Und dann passierte lange Zeit: wenig.
Im Dezember 2023 und März 2024 wurden Einigungen erzielt, getrennt für die südliche Gruppe bei Storheia und die nördliche bei Roan. Die Sami bekommen Entschädigungszahlungen, Ersatzweideland und ein Vetorecht, sollte Fosen Vind nach Ablauf der Lizenz 2045 eine Verlängerung beantragen.
Kein Abriss. Kein Rückbau. Der Park läuft weiter. Das versprochene Ersatzweideland liegt rund 400 Kilometer von Roan entfernt, fünf Lkw-Stunden im Winter. Eine Herde kann mehrere Tausend Tiere umfassen. Bis heute ist dieses Gebiet nicht nutzbar.
Was die Forschung zeigt, macht die Dimension des Problems klarer. Studien der Norwegischen Universität für Umwelt- und Biowissenschaften belegen, dass Rentiere im Umkreis von bis zu zehn Kilometern um Windturbinen ihre Weidegebiete signifikant einschränken. Die Tiere reagieren auf Lärm, Schattenwurf und den Anblick der Rotoren.
Wanderrouten werden gemieden. Die breiten Erschließungsstraßen und Stromleitungen zerschneiden die alten Pfade der Herden. Diese Befunde stammen aus GPS-gestützter Feldforschung der Norwegischen Universität für Umwelt- und Biowissenschaften, durchgeführt über mehrere Jahre.
Was in München tatsächlich passierte
Organisiert hat das Treffen Christian Schwarzenberger, Stadtrat der Linken. Die Stadtwerke München schickten Thomas Meerpohl, zuständig für den Großteil der erneuerbaren Erzeugung. Er erschien, hörte zu und nahm Verantwortung an.
Meerpohl räumte ein, dass man beim Einstieg 2021 nicht damit gerechnet habe, dass der Park eine so gravierende Verletzung indigener Rechte darstelle. Er verwies auf die Einigung von 2024 und machte ein Versprechen, das zählt: Bei zwei geplanten Windparkerweiterungen in Norwegen sei man bereits im Dialog mit Sami-Familien.
Beaska Niillas, Sprecher der Sami-Delegation, brachte es auf den Punkt: Sein Volk leide doppelt unter dem Klimawandel. Zum einen unter dem Temperaturanstieg, der in Nordeuropa besonders stark ist. Zum anderen unter seiner Bekämpfung, weil Windräder auf ihrem Weideland stehen. „Grüne Energie ist nicht immer grün", sagte er.
Das ist ein ehrlicher Satz. Er benennt einen echten Widerspruch. Die Stadtwerke München haben an diesem Donnerstag eine erkennbar ernsthafte Antwort gegeben, unvollständig vielleicht. Das ist der Stand der Dinge.
Lobbyarbeit als Analyse getarnt
Christoph Canne ist Pressesprecher der Bundesinitiative Vernunftkraft, einer der zentralen organisierten Anti-Windkraft-Lobbygruppen in Deutschland. Es ist sein gutes Recht, etwas gegen Windkraft zu haben. Was er aus dem Münchner Treffen macht, ist dennoch fragwürdig.
Canne hat den Sami-Besuch für das umstrittene Portale Apollo News zu einem Beweisstück für „grüne Heuchelei" umgeschrieben. Titel? Wenn Windkraft die Existenz von Ureinwohnern zerstört. Seine Argumentation: Weil Grüne und SPD dem Gesprächstermin fernblieben, sei die Doppelmoral der linken Parteien bewiesen. Das ist Feindbildpflege. Nichts weiter.
Ein Gesprächstermin, den ein Linken-Stadtrat organisiert hat, war kein parlamentarisches Gremium, keine Anhörung, kein Pflichttermin für Fraktionen. Der Vertreter der Stadtwerke war da. Die zuständige Seite war vertreten.
Wichtiger aber ist, was Canne verschweigt. Die Stadtwerke München hielten 29 Prozent an Roan, nicht die Mehrheit. Sie stiegen 2021 ein, als der Park bereits in Betrieb war und eine gültige Konzession hatte.
Der Konflikt läuft nicht zwischen Parteien und Windrädern. Er läuft zwischen einem Minderheitsgesellschafter, den Mehrheitseigentümern aus Norwegen und der Schweiz, dem norwegischen Staat und dem indigenen Volk. Das ist ein unternehmerisch-rechtlicher Vorgang, kein politisches Lehrstück über Grüne.
Jede Infrastruktur hat einen Preis
Hier liegt der Kippmoment, den Cannes Analyse verweigert: Jede Bautätigkeit hat Auswirkungen. Straßen zerschneiden Lebensräume. Kohlekraftwerke legen Dörfer frei. Staudämme vernichten Täler.
Das ist kein Versagen der Energiewende, das ist die Grundbedingung jeder Zivilisation. Die Frage ist nie ob es Trade-offs gibt. Die Frage ist, ob sie transparent gemacht werden, ob Betroffene beteiligt werden und ob Ausgleich geleistet wird.
Beim Windpark Roan ist der Ausgleich nicht geleistet worden. Das Alternativweideland existiert zwei Jahre nach der Einigung immer noch nicht. Die Sami befürchten zudem Konflikte mit Schafhaltern, die das Ersatzgebiet bisher nutzen. Das sind legitime Sorgen, die konkrete Antworten verdienen. Die Ausgleichsflächen müssen kommen, sind ein legitimes Anliegen.
Und wer künftig Windparks in Gebieten indigener Völker plant, muss diesen Dialog von Anfang an führen, nicht im Nachgang eines Gerichtsurteils. Das hat Stadtwerke-Mann Thomas Meerpohl im Münchner Rathaus zugesagt. Es gilt, ihn beim Wort zu nehmen.
Was die Sami wirklich brauchen
Die Sami sind das einzige offiziell anerkannte indigene Volk in der Europäischen Union. Ihr Recht auf kulturelle Praxis ist durch Artikel 27 des UN-Zivilpakts geschützt. Das norwegische Höchstgericht hat 2021 festgestellt, dass dieser Schutz verletzt wurde.
Was die Sami - der Name bedeutet in etwa „Sumpfleute” - brauchen, ist keine parteipolitische Vereinnahmung ihres Kampfes. Sie brauchen keine Lobby-Argumente, die ihren Namen benutzen, um Windräder generell zu diskreditieren. Ayla Gáren Nutti, eine der Delegierten beim Münchner Treffen, hat es klar formuliert: Ein Windpark wie Roan wirke sich nicht nur auf das angrenzende Weideland aus, sondern auf ein ganzes Volk für sehr lange Zeit.
Die Energiewende braucht gesellschaftliche Akzeptanz. Sie entsteht dort, wo Betroffene gehört werden, wo Einigungen eingehalten werden und wo niemand die Kosten der Transformation allein tragen muss. Der Fall Roan ist ein Prüfstein dafür, ob das ernst gemeint ist.
Das Versprechen, das Thomas Meerpohl im Rathaus gemacht hat, ist notiert. Bei geplanten Windparkerweiterungen in Norwegen soll der Dialog mit Sami-Familien von Anfang an geführt werden, nicht erst nach einem Gerichtsurteil. Die Frage ist, ob es auch dann gilt, wenn Zeitpläne drücken und Investitionsentscheidungen warten. Das Schweigen auf der anderen Seite des Tisches, in Oslo, hält an.
QUELLEN
- Bernd Kastner, Süddeutsche Zeitung (21.05.2026): „Grüne Energie ist nicht immer grün”
- Jan Krattiger, Abendzeitung München (21.05.2026): Sámi-Protest in München
- Oberster Gerichtshof Norwegen, Urteil Oktober 2021: Fosen Vind
- Business and Human Rights Resource Centre (BHRRC): Fosen Vind wind farm
- Eftestøl et al. (2022), Rangeland Ecology and Management: GPS-Studie Rentierverhalten Windparks
Die bayrische Regierung täte gut daran die Windkraft im eigenen Land voran zubringen.
Statt Grenzabstände bis zur Unmöglichkeit auszudehnen.