PHOTOVOLTAIK · 6. JULI 2026
Sun-WaysBahnsolar: Sun-Ways zieht Bilanz und expandiert nach Italien
Ein Jahr nach dem Start seines Bahnsolar-Pilotprojekts meldet das Schweizer Startup Sun-Ways eine positive Bilanz. Über 11.000 Züge sind über die Anlage gefahren, ohne Probleme. Jetzt soll ein Pilotprojekt in Italien folgen.
Vor gut einem Jahr installierte das Schweizer Startup Sun-Ways seine erste Bahnsolar-Anlage auf einem 100 Meter langen Streckenabschnitt in Buttes im Kanton Neuenburg. Jetzt zieht Gründer Joseph Scuderi gegenüber Swissinfo eine positive Bilanz: „Wir haben unsere Ziele erreicht, sowohl in Bezug auf die Bahnsicherheit als auch auf die Stromproduktion.“
Über 11.000 Züge sind seit der Inbetriebnahme über die Solarmodule gefahren. Nach Angaben von Sun-Ways hat sich die Installation dabei als vollständig stabil und sicher erwiesen. Auch das oft befürchtete Blendungsrisiko für Lokführerinnen und Lokführer hat sich laut dem Verkehrsunternehmen TransN, das den Streckenabschnitt betreibt, nicht bestätigt.
Wie das Bahnsolar-Projekt im Testbetrieb abschneidet
Die Photovoltaikzellen liegen auf den Bahnschwellen zwischen den Schienen und lassen sich für Wartungsarbeiten an der Infrastruktur wieder demontieren. Das war von Anfang an das zentrale Versprechen der Technologie gegenüber fest verschraubten Lösungen. Der erzeugte Strom wird direkt ins lokale Netz eingespeist.
Nach einem Jahr Betrieb kommt die 18-Kilowatt-Anlage auf rund 16.000 Kilowattstunden Stromproduktion, das entspricht laut Euronews etwa dem Jahresverbrauch eines durchschnittlichen britischen Haushalts. Weil die Module flach zwischen den Schienen liegen statt in optimaler Schräglage, schätzt Sun-Ways den dadurch bedingten Ertragsverlust auf rund 10 Prozent gegenüber einer ideal geneigten Dachanlage. Hochgerechnet auf das gesamte Schweizer Schienennetz von rund 5.317 Kilometern beziffert das Unternehmen das Potenzial auf bis zu eine Terawattstunde pro Jahr, das wären rund 2 Prozent des Schweizer Stromverbrauchs.
Zu möglichen Problemen im ersten Betriebsjahr befragt, hält sich Sun-Ways knapp: „Die Anlage hat einwandfrei funktioniert“, ohne dass eine Sonderwartung nötig gewesen sei, teilte das Unternehmen Euronews Earth mit. Der erzeugte Strom fließt bislang direkt ins öffentliche Netz, langfristig soll er auch direkt in Bahn-Unterwerke oder die Fahrleitung eingespeist werden können.
Der Internationale Eisenbahnverband hatte vorab vor Mikrorissen in den Modulen, einem erhöhten Brandrisiko und blendungsbedingter Ablenkung der Lokführer gewarnt. Sun-Ways begegnet dem nach eigenen Angaben mit robusteren Modulen als auf Hausdächern, einer Anti-Reflexionsbeschichtung sowie eingebauten Sensoren und einer Reinigungsbürste an den Zügen. Offen bleibt eine technische Hürde: Die aktuelle Technologie eignet sich laut Julien Pouget von der Fachhochschule Westschweiz bislang nicht für Streckenabschnitte über 500 Meter, weil der erzeugte Strom für den Ferntransport auf Hochspannung gebracht werden muss. Das Bundesamt für Verkehr hat das Pilotprojekt auf drei Jahre angelegt, Scuderi hofft auf eine frühere endgültige Genehmigung.
Sun-Ways expandiert nach Italien
Nach dem Erfolg in der Schweiz nimmt Sun-Ways jetzt Italien ins Visier. Das Startup hat eine Kooperationsvereinbarung mit einem italienischen Partner unterzeichnet, dessen Name in der Pressemitteilung nicht genannt wird. Dieser Partner steht seinerseits in Kontakt mit der italienischen Bahninfrastrukturgesellschaft Rete Ferroviaria Italiana, RFI ist damit noch nicht direkter Vertragspartner, sondern beobachtet das Vorhaben über einen Dritten.
Ein Streckenabschnitt für das italienische Pilotprojekt steht noch nicht fest, ebenso wenig ein Zeitplan über die Ankündigung hinaus, dass es in den kommenden Monaten starten soll. Parallel dazu hat die südkoreanische Regierung bereits ein Projekt genehmigt, und Sun-Ways verhandelt nach eigenen Angaben zusätzlich mit den Niederlanden, China, Indien und Singapur. In Frankreich kooperiert Sun-Ways bereits seit Februar mit der staatlichen Bahngesellschaft SNCF.
In Italien selbst ist die Grundidee nicht neu. Das italienische Startup Greenrail arbeitet seit Jahren an Photovoltaik-Elementen in Bahnschwellen, allerdings mit einer nicht demontierbaren Technologie. Von den 1.600 Tunneln und 23.000 Viadukten im italienischen Schienennetz erreicht die Sonne zudem einen erheblichen Teil der Strecke gar nicht, was das reale Potenzial dort von vornherein begrenzt.
Nicht die einzige Bahnschienen-Idee
Sun-Ways ist nicht das erste Unternehmen, das Bahntrassen für Photovoltaik nutzen will. Cleanthinking berichtete bereits 2018 über das britisch-schweizerische Unternehmen Bankset Energy, das mit einer anderen Technik einzeln einklickbare Solarmodule auf Bahnschwellen ankündigte, unter anderem für ein Pilotprojekt der Deutschen Bahn in Ostdeutschland. Größere Umsetzungen dieser Pläne wurden seither öffentlich nicht bekannt.
Sun-Ways selbst hatte sein Pilotprojekt 2023 angekündigt, mit Solarmodulen in Standardgröße, die im Gegensatz zum Bankset-Ansatz wie ein Teppich zwischen die Schienen eingeklemmt werden. Der jetzt vorgelegte Ein-Jahres-Praxistest ist damit der erste belastbare Betriebsnachweis für dieses Konzept überhaupt, nicht nur eine weitere Ankündigung.
Auch die Deutsche Bahn erforscht Bahnsolar auf eigenen Flächen, unter anderem mit einem Innovationsradar-Vorhaben zu Solaranlagen auf Bahnschwellen und Lärmschutzwänden. In Österreich haben die ÖBB gemeinsam mit Burgenland Energie bereits eine erste Agri-PV-Anlage mit Tracker-System für Bahnstrom in Betrieb genommen. Bahnsolar bleibt damit ein Sammelbegriff für mehrere technische Ansätze, nicht das Alleinstellungsmerkmal eines einzelnen Unternehmens.
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