Kippt der Golfstrom? Was die Forschung wirklich weiß

WISSENSCHAFT · 05. JULI 2026

Golfstrom-Kollaps: Was die Forschung über die AMOC weiß

Neue Studien beziffern das Risiko für einen Golfstrom-Kollaps höher als der Weltklimarat: bis zu 70 Prozent bei anhaltend hohen Emissionen, gerechnet bis zum Jahr 2300. Zwei Forschungslager streiten über Methoden und Zeithorizonte. Beim Risiko selbst liegen sie näher beieinander, als die Schlagzeilen vermuten lassen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 8 Min. Lesezeit


Die Fachwelt nennt das System, zu dem der Golfstrom gehört, Atlantic Meridional Overturning Circulation, kurz AMOC. Ein vollständiger Kollaps noch in diesem Jahrhundert gilt in der Forschung als Minderheitsposition. Ein erhebliches, inzwischen beziffertes Kollaps-Risiko über einen längeren Zeitraum bis 2300 oder 2500 tragen dagegen Warner wie Skeptiker mit.

Was ist die AMOC?

Die AMOC funktioniert wie eine gigantische Zentralheizung für Nordwesteuropa. Warmes, salzhaltiges Oberflächenwasser strömt aus den Tropen nach Norden, gibt seine Wärme an die Atmosphäre ab, kühlt vor Grönland ab, sinkt in die Tiefe und fließt als kalter Strom zurück nach Süden. Der Golfstrom selbst ist ein windgetriebener Oberflächenstrom vor der US-Ostküste und nur ein Teilstück dieses Systems.

Lange galt die AMOC als ein einziges, geschlossenes Band. Eine Science-Reportage von Paul Voosen beschreibt sie nach neueren Messdaten als „belt of belts", ein Bündel gekoppelter Teilströme, die teils unabhängig voneinander reagieren. Das bisherige Paradigma, wonach Erwärmung und Süßwassereintrag automatisch eine schwächere AMOC erzeugen, hält nach Einschätzung von Susan Lozier von der Georgia Tech der Datenlage nicht mehr stand.

„Es gibt einen Grund, warum wir keine einfache AMOC-Theorie haben: Sie existiert nicht", sagt Eleanor Frajka-Williams, Ozeanografin an der Universität Hamburg und frühere Leiterin des RAPID-Messprogramms.

Golfstrom-Kollaps: Was zeigen die Messungen?

Das RAPID-Programm misst die AMOC-Stärke seit 2004 direkt bei 26,5 Grad Nord im Atlantik. Die Messreihe zeigt eine Abschwächung, aber keinen statistisch gesicherten Trend. Für einen belastbaren Nachweis braucht es nach Einschätzung des beteiligten Ozeanografen Ben Moat rund ein weiteres Jahrzehnt an Daten, weil sich das erwartete Signal erst dann vom natürlichen Rauschen der Jahresschwankungen trennen lässt.

Einen indirekten, vielzitierten Beleg liefert der Cold Blob: ein Gebiet südlich von Grönland, das sich seit Jahrzehnten gegen den globalen Erwärmungstrend abkühlt. Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung liest darin den Fingerabdruck einer schwächer werdenden Umwälzzirkulation, die weniger warmes Wasser in die Region transportiert. In seinem Übersichtsartikel in der Fachzeitschrift Oceanography nennt er die Evidenz für eine Abschwächung überwältigend und stuft das Risiko höher ein als der bisherige Mainstream der Klimaforschung.

Das quantifizierte Risiko

2024 veröffentlichten René van Westen und Henk Dijkstra von der Universität Utrecht den ersten physikbasierten Frühwarnindikator für einen AMOC-Kipppunkt bzw. Golfstrom-Kollaps in einem hochauflösenden Klimamodell: den Süßwassertransport am südlichen Rand des Atlantiks. Reale Messdaten bewegen sich nach ihrer Auswertung bereits auf den kritischen Punkt zu.

Ein Team um Valentin Portmann glich Klimamodelle 2026 mit Beobachtungsdaten zu Temperatur und Salzgehalt ab. Für ein mittleres Emissionsszenario ergibt sich eine Abschwächung um rund 51 Prozent bis 2100, mit einer Unsicherheit von plus/minus 8 Prozentpunkten. Der bisher in internationalen Klimaberichten verwendete Wert lag bei 32 Prozent, mit einer weit größeren Unsicherheit von plus/minus 37 Punkten.

„Die pessimistischen Modelle sind leider die realistischen, weil sie besser mit den Beobachtungsdaten übereinstimmen", sagt Rahmstorf zu dem Ergebnis.

Bis 2300 rechnet eine Studie von Sybren Drijfhout, an der auch van Westen und Rahmstorf beteiligt waren: 20 Szenarienläufe aus zehn Klimamodellen. Bei anhaltend hohen Emissionen kollabiert die Umwälzzirkulation in 70 Prozent der Simulationen, bei mittleren in 37 Prozent, selbst bei niedrigen Emissionen im Rahmen des Pariser Abkommens noch in 25 Prozent. Der Kipppunkt in den entscheidenden Nordatlantik-Meeren fällt in den Simulationen typischerweise in die kommenden Jahrzehnte, der vollständige Kollaps zieht sich danach über Jahrzehnte hin.

Eine weitere Studie vom Potsdam-Institut beziffert die Rückkopplung: Kollabiert die AMOC, kippt der Südliche Ozean von einer CO2-Senke zu einer CO2-Quelle. Das würde die globale Erwärmung um weitere 0,17 bis 0,27 Grad verstärken, schreibt das Team um Ko-Autor Johan Rockström.

Zahlen und Projektionen im Überblick

QuelleZeithorizontBefund
RAPID-Direktmessung, 26,5° Nordseit 2004Abschwächung sichtbar, statistisch noch nicht gesichert; rund ein weiteres Jahrzehnt Messdauer nötig
van Westen & Dijkstra, Science Advances 2024GegenwartFrühwarnindikator (Süßwassertransport) bewegt sich real auf kritischen Punkt zu
Portmann et al., Science Advances 2026bis 2100rund 51 % Abschwächung (± 8 Punkte), deutlich über dem bisherigen Klimarat-Wert von 32 %
Drijfhout et al., Environmental Research Letters 2025bis 2300Kollaps-Risiko 70 % bei hohen, 37 % bei mittleren, 25 % bei niedrigen Emissionen
Baker et al., Met Office/Univ. Exeter 2025bis 2100vollständiger Kollaps in diesem Jahrhundert unwahrscheinlich

Der Weltklimarat stufte einen AMOC-Kollaps bisher als folgenreich, aber unwahrscheinlich ein. Mehrere neue, voneinander unabhängige Studien liegen inzwischen über dieser Einschätzung.

Was wenden die Skeptiker ein?

Jonathan Baker vom britischen Met Office kam im Februar 2025 mit einem Team der Universität Exeter zu einem vorsichtigeren Schluss: Ein vollständiger AMOC-Kollaps noch in diesem Jahrhundert sei unwahrscheinlich, stabilisierende Effekte im Südlichen Ozean stützten das System. Die sehr langen Zeithorizonte bis 2300, wie sie Drijfhout und Kollegen durchrechnen, hat seine Studie nicht simuliert. Das Risiko dort könne demnach höher liegen.

Niklas Boers, Erdsystemmodellierer an der TU München, kritisierte 2023 eine vielzitierte dänische Studie, die den wahrscheinlichsten Kollaps-Zeitpunkt auf das Jahr 2057 bezifferte. Die Methodik führe die Unsicherheiten in Mechanismen und Daten nicht ausreichend mit, ein realistischer Zeitpunkt liege irgendwo zwischen morgen und in 5000 Jahren. „Die Wahrscheinlichkeit eines Kollabierens der atlantischen Umwälzzirkulation steigt mit jedem Zehntelgrad weiterer Erwärmung", sagt Boers zugleich.

„Das ist ein stark stabilisierender Effekt für die AMOC", sagt Gerrit Lohmann vom Alfred-Wegener-Institut über einen Mechanismus, den viele Modelle zeigen: Wärmere Luft transportiert mehr Wasserdampf vom Atlantik in den Pazifik und wirkt damit dem Süßwassereintrag entgegen, der die Zirkulation schwächt. Längst nicht alle Mechanismen seien verstanden, betont Lohmann.

Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie erkennt an, dass van Westens Arbeit wichtige Hinweise auf die Existenz eines Kipppunkts liefert. Seine Zweifel richten sich auf die Präzision einzelner Kollaps-Prognosen für dieses Jahrhundert und auf die Frage, ob die Meeresoberflächentemperatur als AMOC-Indikator taugt.

Das Kollaps-Risiko selbst bestreitet keiner der vier. Auch eine schwächere, nie vollständig kollabierte AMOC habe Folgen, fasst Fiamma Straneo von der Harvard University im Science-Feature zusammen. Die Frage sei, wie schwach sie werde.

Wie belastbar ist die Entwarnung?

Ein Teil der aktuellen Entwarnungswelle stützt sich auf einen Befund ohne Fachbegutachtung: einen Konferenzabstract von Jack Wharton und David Thornalley, vorgestellt auf dem Ocean Sciences Meeting im Februar 2026. Er deutet an, dass die AMOC am Ende der letzten Eiszeit womöglich gar nicht vollständig kollabiert ist.

Ein zweiter Sedimentkern derselben Forschungsgruppe, aus einer Zeit vor rund 400.000 Jahren, zeigt eine Abschwächung um 30 Prozent und eine Abkühlung um bis zu 7 Grad. „Das Musterbeispiel dafür, wohin wir uns bewegen könnten", nennt Thornalley diesen zweiten Fund.

Welt-Autor Axel Bojanowski kritisiert die mediale Golfstrom-Debatte seit Jahren als Alarmismus und beruft sich dabei auf Boers, Baker, Lohmann und Marotzke. Mit der Unsicherheit einzelner Termin-Prognosen liegt er auf Linie dieser Forscher; das von ihnen selbst bezifferte Langfrist-Risiko trägt seine Entwarnung allerdings nicht.

Was würde ein Kollaps für Europa bedeuten?

Sedimentkerne aus der Eifel zeigen, wie ein solcher Umbruch aussieht. Frank Sirocko von der Universität Mainz hat darin den letzten AMOC-Kollaps vor rund 12.000 Jahren dokumentiert: Die Temperaturen brachen um 5 bis 10 Grad ein, die Niederschläge gingen massiv zurück.

Modellrechnungen für einen heutigen Kollaps kommen auf Winter, die in Europa binnen weniger Jahrzehnte um 5 bis 15 Grad kälter würden, in Norwegen um bis zu 30 Grad. Südeuropa würde trockener, der Monsun verschöbe sich, der Meeresspiegel im Nordatlantik stiege um rund einen halben Meter. Tim Benton von Chatham House rechnet mit europäischen Agrarerträgen, die um ein Viertel bis ein Drittel sinken.

Island stuft das Risiko eines AMOC-Kollapses seit 2025 offiziell als nationale Sicherheitsgefahr ein. Die Regierung koordiniert dafür die Ministerien für Energie, Lebensmittelversorgung und Infrastruktur.

Was senkt das Risiko?

Boers und Rockström kommen unabhängig voneinander zum selben Schluss: Jedes vermiedene Zehntelgrad Erwärmung senkt das Kollaps-Risiko. Der wirksamste Hebel ist der Ausstieg aus fossilen Energieträgern.

Stefan Rahmstorf ordnet den aktuellen Forschungsstand rund um den möglichen AMOC- und Golfstrom-Kollaps am Dienstag, 7. Juli 2026, von 19 bis 20:30 Uhr im kostenlosen Webinar „Europe Calling" ein: Kippt die AMOC, und was folgt aus den jüngsten Studien? Hier geht es zur kostenlosen Anmeldung.

Ein vergleichbares Warnsignal zeigt sich am anderen Ende der Welt, in der Umwälzzirkulation des Südpolarmeers: mehr dazu im Cleanthinking-Beitrag zum SMOC-Kipppunkt. Wie mediale Zuspitzung und Forschungsstand beim Klimaschutz auseinanderfallen können, zeigt der Faktencheck zur Debatte um Umweltbewegung und Klimaschutz.

QUELLEN

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  1. Oceanography, Rahmstorf: Is the Atlantic Overturning Circulation Approaching a Tipping Point?, 2024.
  2. Science Advances, van Westen/Kliphuis/Dijkstra: Physics-based early warning signal shows that AMOC is on tipping course, Februar 2024.
  3. Communications Earth & Environment, Nian et al.: Collapse of the Atlantic meridional overturning circulation would lead to substantial oceanic carbon release and additional global warming, 2026.
  4. Science Media Centre Spain: A collapse of the AMOC in this century is unlikely, says modelling study (Baker et al.), Februar 2025.
  5. Science Media Center Germany: Kritik an Studie zum baldigen Kollaps des Golfstroms (Boers zu Ditlevsen et al.), 2023.
  6. Deutschlandfunk, Lemmerich: Bringt der Klimawandel Europas Wärmepumpe aus dem Takt?, Mai 2026.
  7. Deutschlandfunk, Mrasek: AMOC und Klimawandel: Droht der Zusammenbruch der atlantischen Umwälzzirkulation?, August 2025.
  8. Tagesschau Klimazeit: Interview mit Niklas Boers zum AMOC-Kipppunkt, SWR 2025.
  9. Welt, Bojanowski: Golfstrom-Kollaps? Es wird einsam um die Untergangspropheten, Juli 2026.
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