KLIMAANPASSUNG · 06. JULI 2026
KI-generiertHabeck und die Pensionskassen: Wer baut die hitzefeste Stadt?
Robert Habeck geht zum Immobilieninvestor Urban Partners und will privates Kapital für klimaneutralen, bezahlbaren Wohnraum mobilisieren. Parallel zeigt der Immobilienverbund DAVE, was eine hitzefeste Stadt tatsächlich ausmacht: Bestand, Dach, Fassade und Stromnetz.
Robert Habeck wechselt zum Immobilieninvestor Urban Partners. Zum 1. August startet der ehemalige Bundeswirtschaftsminister als Senior Advisor bei dem in Kopenhagen gegründeten Investmenthaus und soll dabei helfen, ein skandinavisches Modell nach Deutschland zu holen: Pensionskassen investieren dort seit Jahren in Infrastruktur, Städtebau und Wohnungsbau. „In unseren Städten entscheidet sich der Erfolg der großen Transformationen unserer Zeit", sagt Habeck zu seinem neuen Engagement.
Das Ziel, das er für die Übertragung des Modells formuliert: klimagerechte, klimaneutrale und zugleich bezahlbare Wohnungen in deutschen Städten. Ob das in Deutschland trägt, ist offen, denn Pensionsfonds-Regulierung und Renditeerwartungen unterscheiden sich von Skandinavien.
Während sich die öffentliche Debatte um Hitzeschutz oft an der Klimaanlage festbeißt, zeigt eine Zahl, wie klein dieses Thema im realen Baugeschehen ist: Nur 4,3 Prozent der 2025 fertiggestellten Wohngebäude in Deutschland wurden überhaupt mit einer Kühlung ausgestattet, meldet das Statistische Bundesamt, wenn auch mehr als doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor. Ob eine Stadt hitzefest wird, entscheidet sich also woanders: an Dach, Fassade und Bestand.
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Ein dänisches Modell für deutsche Städte
Urban Partners wurde 2005 in Kopenhagen als Nrep gegründet und verwaltet heute rund 25 Milliarden Euro. Die Gesellschaft hat sich auf sogenannte Brownfield-Projekte spezialisiert: die Umnutzung industrieller oder brachliegender Flächen zu Wohn- und Stadtquartieren. Ihr neuer Fonds UPRF hat gerade ein erstes Closing über 650 Millionen Euro erreicht.
Co-CEO Jens Stender nennt die Zusammenarbeit von öffentlicher Hand und privatem Kapital den „Kern unserer DNA als Investor". Habeck bringe Erfahrung genau an der Schnittstelle, um die es gehe: Nachhaltigkeit, Bezahlbarkeit, Privatwirtschaft.
Was in Skandinavien seit Jahren funktioniert, ist in Deutschland bislang die Ausnahme: Pensionskassen als Langfrist-Investoren im Wohnungsbau statt nur in Büros und Logistikhallen. Ob sich das Modell übertragen lässt, hängt an der Regulierung deutscher Pensionsfonds und daran, wie viel Rendite Investoren für sozial gebundenen Wohnraum akzeptieren. Genau mit dieser Übertragung beschäftigt sich Habeck jetzt.
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Die eigentliche Baustelle ist der Bestand
Während Habeck über Kapital für neue Quartiere spricht, richtet der Deutsche Anlage-Immobilien Verbund (DAVE) den Blick auf das, was schon steht. Der Verbund vereint zwölf Immobiliendienstleister mit rund 600 Experten an 40 Standorten. „Deutschland hat bislang keine nationale Strategie dafür, wie Gebäude und Städte langfristig hitzeresilient werden sollen. Stattdessen diskutieren wir aktuell vor allem über Klimaanlagen. Das greift viel zu kurz", sagt DAVE-Geschäftsführer René Husfeldt.
Zu kurz greift die Debatte deshalb, weil Kühlung mit Technik nur einen Teil der Lösung abdeckt. DAVE zählt auf, was jenseits des Klimageräts wirkt: außenliegender Sonnenschutz, begrünte Dächer und Fassaden, Betonkernaktivierung, Kühldecken, hochwertige Fenster. Jede einzelne Maßnahme senkt die Temperatur im Gebäude, ohne zusätzlichen Strom für Kompressoren zu ziehen.
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DAVE-Partner Wieland Münch bringt den Bestand-vor-Neubau-Gedanken auf den Punkt: „Die eigentliche Transformation findet nicht im Neubau statt, sondern in Millionen bestehender Wohnungen und Gebäude. Dort entscheidet sich, ob unsere Städte künftig auch im Sommer lebenswert bleiben."
Habeck sucht das Kapital für neue, klimaneutrale Quartiere. DAVE zeigt, dass die meisten Häuser, in denen Deutschland im Sommer schwitzt, längst gebaut sind und saniert werden müssen.
Kühlung ist immer auch eine Netzfrage
Wo Klimageräte trotzdem laufen, hat das Folgen für die Stromnetze. Entscheidend ist das Lastprofil: Mittags trifft der Kühlbedarf auf reichlich Solarstrom, der gerade an Wochenenden und Feiertagen teils kaum Abnehmer findet. Kritisch wird es in den Abendstunden, wenn die Klimaanlagen weiterlaufen, die Sonne aber untergegangen ist und Windstrom fehlt.
„Der Energiebedarf für Kühlung wird deutlich steigen. Deshalb müssen wir Gebäude stärker als Teil der Energieinfrastruktur verstehen", erklärt DAVE-Partner Daniel Triffterer. Ohne intelligente Netze, Speicher und Lastmanagement drohen trotz hoher Solarerträge neue Verbrauchsspitzen.
Einen Teil der Antwort liefert die Klima-Solar-Anlage nach dem Vorschlag der Grünen-Fraktion: Solarstrom vom eigenen Dach deckt den Kühlbedarf genau dann, wenn die Hitze am größten ist. Die Abendlücke schließt das allein nicht, dort helfen Speicher und vor allem die baulichen Maßnahmen. Ein Gebäude, das sich tagsüber weniger aufheizt, braucht abends weniger Kühlung.
Fläche, Bäume und ein Präzedenzfall aus Utrecht
Der Blick übers Gebäude hinaus zeigt: Auch der Straßenraum entscheidet mit. Mobilitätsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) nennt eine Zahl, die zeigt, wie ungleich Flächen in deutschen Städten verteilt sind: „In Berlin hat das Auto noch einen Anteil an den täglichen Wegen von 22 Prozent und braucht dafür aber knapp 80 Prozent der Verkehrsfläche." Weniger Autos bedeuten laut Knie schlicht mehr Platz für Grün, einen Zielkonflikt mit guter Erreichbarkeit sieht er nicht.
Bäume kühlen ihre Umgebung um bis zu sieben Grad, zugleich sind rund eine Million Stadtbäume in den vergangenen fünf Jahren abgestorben oder gefällt worden. Hitze ist dabei längst kein abstraktes Risiko mehr: Allein 2025 zählte das Robert Koch-Institut rund 2.500 Hitzetote in Deutschland, im laufenden Jahr sind es bereits über 800.
Wie eine grüne, wasserspeichernde Stadt konkret aussehen kann, zeigt Utrecht mit dem Quartier Merwede: ein früheres Industrieareal, auf dem ein autofreies Viertel für rund 12.000 Menschen entsteht, in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt. Ein Brownfield-Projekt, das strukturell dem ähnelt, was Urban Partners mit seinem UPRF-Fonds finanzieren will.
Utrecht zeigt aber auch den Haken an grünen Vorzeigequartieren: Im benachbarten Rijnvliet liegen die Immobilienpreise rund 500 Euro über dem städtischen Schnitt, Sozialwohnungen haben jahrelange Wartelisten. Grüne, klimafeste Stadtentwicklung kann Gentrifizierung befeuern, wenn sie nicht bewusst gegensteuert. Genau da will Habecks Auftrag ansetzen: klimaneutraler Wohnraum, der nicht nur der gehobenen Mittelschicht nützt.
Die hitzefeste Stadt in Zahlen
Die wichtigsten Kennzahlen zu Gebäuden, Stadtgrün und Hitzefolgen im Überblick.
| Kennzahl | Wert | Quelle |
|---|---|---|
| Wohngebäude mit Kühlung (Neubau 2025) | 4,3 Prozent | Statistisches Bundesamt |
| Kühlleistung durch Stadtbäume | bis zu 7 Grad | Grünen-Fraktion/UBA-Kontext |
| Verkehrsflächenanteil Autoverkehr in Berlin | rund 80 Prozent (bei 22 Prozent Wegeanteil) | Andreas Knie, WZB |
| Hitzetote Deutschland, Zwischenstand 2026 | über 800 | Robert Koch-Institut |
| Hitzetote Deutschland, Gesamtbilanz 2025 | rund 2.500 | Robert Koch-Institut |
Warum bleibt der Kulturkampf um die Klimaanlage hier aus?
Dass Deutschland überhaupt in Kategorien wie Gebäudesanierung und Netzentlastung diskutiert, statt in einem offenen Kulturkampf um Klimaanlagen, ist keine Selbstverständlichkeit. In Frankreich hat der Rassemblement National einen 20-Milliarden-Euro-Klimaanlagenplan zur Wahlkampfwaffe gemacht und fordert offen die Abschaffung von Sanierungsförderung. Wie diese Frontstellung entsteht und warum sie hierzulande bislang ausbleibt, hat Cleanthinking im Kommentar Der Klimaanlagen-Kulturkampf läuft ins Leere, wenn jemand einfach baut eingeordnet.
Hinter dem Streit um die Klimaanlage steht damit eine größere Frage: Wie kommt privates Kapital in die klimafreundliche, bezahlbare Stadt? „Geld ist niemals neutral", sagte Silke Stremlau von Finance for Transition dazu im Cleanthinking-Interview. Habecks Wechsel zu Urban Partners führt genau diesen Strang weiter.
Der Standortfaktor der Zukunft
Ob Habeck bei Urban Partners liefert, wird sich erst zeigen, wenn die ersten deutschen Projekte stehen. Ob DAVEs Sanierungspraxis in der Breite ankommt, hängt an Förderprogrammen und Handwerkerkapazitäten, die heute knapp sind. Beides bleibt offen.
Was schon feststeht: Hitzeschutz wird zum Standortfaktor. Münch formuliert die Konsequenz für Kommunen so: „Die Kommunen, die heute ganzheitliche Strategien entwickeln, werden morgen die lebenswerteren und wirtschaftlich stärkeren Städte sein."
Die hitzefeste Stadt entsteht dort, wo Kapital, Dach, Fassade und Stromnetz zusammengedacht werden: Baustein für Baustein, Gebäude für Gebäude.
QUELLEN
- Der Spiegel: Robert Habeck berät künftig eine dänische Investmentgesellschaft, 06.07.2026.
- Urban Partners: Pressemitteilung zum Einstieg Robert Habecks, 06.07.2026.
- Deutscher Anlage-Immobilien Verbund (DAVE): Pressemitteilung „Deutschland reagiert auf Hitzewellen mit Klimaanlagen, statt mit Strategien für hitzeresiliente Gebäude und Städte", 06.07.2026.
- Statistisches Bundesamt: Baufertigstellungsstatistik 2025, Anteil Wohngebäude mit Kühlung.
- Klimareporter°: Bäume für die Städte, Gemeinwohl vor Eigennutz und der verschleuderte Tankrabatt, 14.06.2026.
- Robert Koch-Institut: Hitzetote, Zwischenstand 2026 und Gesamtbilanz 2025.
- Bündnis 90/Die Grünen, Bundestagsfraktion: „Hitze und Trockenheit: Unser Plan für kühle Städte und Schutz für alle".
- Les Echos: Canicule: au RN, un grand plan clim' sans « argent magique », Juli 2026.