KOMMUNALE WÄRMEPLANUNG · HESSEN
Marcus Surges auf PixabayKommunale Wärmeplanung Wiesbaden: viel Gas, wenig Zeit
Wiesbaden hat seine Wärmeplanung fristgerecht beim Land Hessen eingereicht. Anders als Stuttgart oder Berlin ist die Stadt kein Technik-Vorreiter, sondern ein Nachzügler mit hohem fossilem Bestand, der jetzt aufholen muss.
Wiesbaden, gut 300.000 Einwohner, hessische Landeshauptstadt: Der Magistrat beschloss die kommunale Wärmeplanung am 23. Juni 2026 und reichte sie fristgerecht bis zum 30. Juni beim Regierungspräsidium Darmstadt ein. Die Ausgangslage ist unbequem. Rund 80 Prozent der Wohngebäude hängen noch an Gas- oder Ölheizungen. Bis 2045 will die Stadt klimaneutral heizen, dafür müssten jährlich rund 8 Prozent der Gebäude auf klimaneutrale Systeme umsteigen. Wiesbaden zeigt damit, wie groß die Aufgabe für eine durchschnittliche deutsche Großstadt tatsächlich ist.
Status der kommunalen Wärmeplanung Wiesbaden
Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende nannte den Magistratsbeschluss „einen wichtigen Meilenstein für die künftige Energieversorgung unserer Stadt". Bürgermeisterin Christiane Hinninger bezeichnete die Wärmeplanung als „einen zentralen Baustein, damit Wiesbaden und unsere Wärmeversorgung bis 2045 klimaneutral werden können".
Grundlage der Planung ist ein Wärmekataster, das den aktuellen Energieverbrauch und seine Verteilung auf Energieträger stadtweit erfasst. Darauf aufbauend hat die Stadt eine Eignungsprüfung durchgeführt: Welche Stadtteile eignen sich für ein Fernwärmenetz, wo bleibt nur die dezentrale Versorgung über Wärmepumpen. Das Ergebnis ist rein strategisch. Der Plan verpflichtet kein Gebäude und keine Heizung zu einem bestimmten Wechsel, er zeigt nur Entwicklungspfade auf.
Kommunale Wärmeplanung: Was das Gesetz vorschreibt → Kommunale Wärmeplanung in Deutschland
80 Prozent Gas und Öl: der eigentliche Ausgangspunkt
Die Zahl, die den Wiesbadener Fall von Vorreiter-Städten unterscheidet, ist unbequem: Rund 80 Prozent der Wohngebäude werden aktuell mit Gas oder Öl beheizt. Damit steht Wiesbaden näher an der bundesdeutschen Realität als an Städten, die schon seit Jahren an Wärmenetzen bauen. Um das Klimaneutralitätsziel 2045 zu erreichen, müssten rechnerisch jedes Jahr rund 8 Prozent der Gebäude auf klimaneutrale Heizsysteme umgestellt werden, in erster Linie auf Wärmepumpen.
Der Plan setzt auf zwei Spuren. In dicht bebauten, zentral gelegenen Stadtteilen soll die Fernwärme deutlich ausgebaut werden, dort hält die Stadt den wirtschaftlichen Betrieb für am ehesten gegeben. In Stadtteilen ohne wirtschaftliche Fernwärme-Perspektive sollen Wärmepumpen die Hauptrolle übernehmen, nach Möglichkeit kombiniert mit Photovoltaik auf dem eigenen Dach.
Das Wiesbadener Fernwärmenetz von ESWE Versorgung ist mit gut 120 Kilometern bereits im Ausbau, seit 2016 in Richtung Innenstadt. Etwa 60 Prozent der Wärme stammen aus dem Biomasseheizkraftwerk nahe der städtischen Deponie, der Rest aus konventionellen Heizwerken, teils mit Kraft-Wärme-Kopplung. ESWE investiert nach eigenen Angaben rund 6,2 Millionen Euro, um weitere Innenstadt-Abnehmer an klimafreundlichere Fernwärme anzuschließen.
Akteure und Perspektiven
Die Wärmeplanung ist ein gemeinsames Projekt von Stadtverwaltung und ESWE Versorgung AG, unterstützt von externen Fachbüros. Diese Konstellation ist typisch für Städte mit eigenem kommunalem Versorger: Die Stadt setzt den strategischen Rahmen, ESWE bleibt der operative Akteur, der Fernwärme tatsächlich baut und betreibt.
Anders als in Berlin, wo die Rekommunalisierung des Fernwärmenetzes erst die Voraussetzung für den Umbau schuf, oder in Stuttgart, wo ein Bundesgerichtshof-Urteil die Netzkonzession zum Streitfall machte, gibt es in Wiesbaden keinen vergleichbaren Eigentumskonflikt. Das senkt eine mögliche Hürde. Es ändert aber nichts am strukturellen Kernproblem: Der überwiegende Teil des Gebäudebestands hängt an fossilen Einzelheizungen, und deren Austausch ist eine Entscheidung, die am Ende jede Eigentümerin und jeder Eigentümer selbst treffen muss.
Der Magistratsbeschluss war fristgerecht, aber nicht früh. Die Offenlage des Entwurfs endete erst im März 2026, gut drei Monate vor dem gesetzlichen Stichtag. Das unterscheidet Wiesbaden von Städten wie Stuttgart, die ihren Plan bereits Jahre vor der Frist vorlegten. Wiesbaden reiht sich damit eher bei den Kommunen ein, die das Wärmeplanungsgesetz zum Handeln gezwungen hat, als bei jenen, die von sich aus vorangegangen sind.
Ausblick
Nach der Vorlage beim Regierungspräsidium Darmstadt soll der Wärmeplan veröffentlicht und regelmäßig aktualisiert werden. Rechtlich bindet er weiterhin niemanden zu einer bestimmten Heizungsentscheidung, er soll aber Eigentümerinnen und Eigentümern, Unternehmen und der Wohnungswirtschaft als Orientierung für Sanierungs- und Anschlussentscheidungen dienen.
Der eigentliche Prüfstein liegt in der Umsetzung. Eine jährliche Sanierungs- und Umstiegsrate von rund 8 Prozent der Gebäude ist ambitioniert, gemessen an den bundesweit eher zähen Wärmepumpen-Hochlaufzahlen der vergangenen Jahre. Wiesbaden hat mit dem Fahrplan ein Instrument, aber noch keinen Beleg, dass der Umbau in diesem Tempo tatsächlich gelingt. Genau das macht die Stadt zu einem realistischeren Testfall für die Wärmewende als so manche Vorreiter-Kommune.
UPDATES
30. Juni 2026: Erstveröffentlichung.
QUELLEN
- FAZ, Jochen Remmert, 30.6.2026: Wie Wiesbaden in Zukunft Wärme erzeugen will (Paywall)
- Wiesbadenaktuell.de, 23.6.2026: Meilenstein für die Energiewende: Magistrat beschließt Kommunale Wärmeplanung für Wiesbaden
- Landeshauptstadt Wiesbaden, Kommunale Wärmeplanung: Kommunale Wärmeplanung Wiesbaden
- Landeshauptstadt Wiesbaden, Pressemitteilung 23.6.2026: Magistrat beschließt Kommunale Wärmeplanung
- ESWE Versorgung: Verbundnetz Wiesbaden - Fernwärme