Stuttgarts Wärmeplan: früh, ambitioniert, kompliziert

KOMMUNALE WÄRMEPLANUNG · BADEN-WÜRTTEMBERG

Kommunale Wärmeplanung Stuttgart: Wem gehört die Wärme?

Stuttgart ist die Großstadt in Deutschland, die besonders früh ihre Wärmeplanung vorgelegt hat, in Eigenregie erstellt, ohne externes Beratungsunternehmen. Doch das Fernwärmenetz, über das knapp ein Fünftel der Stadt versorgt wird, gehört nicht der Stadt.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 8 MIN LESEN


Stuttgart, 605.663 Einwohner, Landeshauptstadt Baden-Württembergs: Der Gemeinderat hat die kommunale Wärmeplanung am 14. Dezember 2023 beschlossen, weit vor dem bundesgesetzlichen Stichtag 30. Juni 2026 und als eine der wenigen deutschen Großstädte ohne externen Berater. Im Oktober 2024 bestätigte das Regierungspräsidium die Plausibilität des Plans. Ziel: klimaneutrale Wärmeversorgung bis 2035. Der Haken: Das 218 Kilometer lange Fernwärmenetz, das rund 18 Prozent des Stadtgebiets versorgt, gehört nicht der Stadt, sondern dem Energiekonzern EnBW. Ein BGH-Urteil von Ende 2023 hat die Rechtslage geklärt, die Netzkonzession ist aber bis heute nicht neu ausgeschrieben.

Status der kommunalen Wärmeplanung Stuttgart

Das Amt für Umweltschutz der Stadt Stuttgart hat den Wärmeplan ohne externe Berater entwickelt, eine bewusste Entscheidung, die die Verwaltungskompetenz intern halten sollte. Der Ratsbeschluss vom 14. Dezember 2023 kam rund zweieinhalb Jahre vor dem Stichtag, den das Wärmeplanungsgesetz (WPG) für Großstädte über 100.000 Einwohner vorschreibt. Im Oktober 2024 prüfte das Regierungspräsidium Stuttgart den Plan und bestätigte seine Plausibilität. Eine Fortschreibung ist für 2026 geplant; sie soll neue Analysen zu Wärmepumpen, Wärmespeichern und dem Vergleich zwischen zentraler und dezentraler Versorgung einbeziehen.

Der Plan identifiziert 53 Stadtquartiere, in denen neue Wärmenetze entstehen sollen, gegliedert in drei Prioritätsstufen. Bis 2035 sollen mehr als 40.000 Wohneinheiten an Nahwärme angeschlossen werden; die geplante Wärmemenge wurde zwischenzeitlich von 125 auf 235 Gigawattstunden pro Jahr angehoben. Das größte Einzelprojekt ist der Synergiepark Vaihingen mit rund 17.000 Wohneinheiten. Parallel soll ein Drittel des heutigen Wärmeverbrauchs durch Effizienzmaßnahmen eingespart werden.

Wärmeplan steht, Netz ungeklärt: der BGH-Präzedenzfall

Stuttgart plant früh und ambitioniert, aber das zentrale Infrastruktur-Problem ist noch nicht gelöst. Das 218 Kilometer lange Fernwärmenetz gehört EnBW, nicht der Stadt. Seit 2014 stritten Stuttgart und der Energiekonzern vor Gericht darüber, wer das Netz betreiben darf. Am 5. Dezember 2023 fällte der Bundesgerichtshof sein Urteil (Az. KZR 101/20): Die Stadt wird nicht kraft Gesetzes Eigentümerin des Netzes und kann keine Eigentumsübertragung verlangen. EnBW hat aber auch keinen kartellrechtlichen Anspruch auf eine automatische Verlängerung der Wegerechte. Die Stadt darf in einem transparenten, diskriminierungsfreien Verfahren neu ausschreiben, und muss es tun. Dieses Verfahren läuft noch nicht.

Das Urteil gilt bundesweit als Präzedenzfall für die Frage, ob Kommunen bei auslaufenden Fernwärmekonzessionen überhaupt Gestaltungsmacht zurückgewinnen können. Acht Unternehmen hatten bereits vor Jahren Interesse an einer Konzession angemeldet; das Ausschreibungsverfahren, das Stuttgart 2013 eingeleitet hatte, wurde zwischenzeitlich ausgesetzt. Solange die Konzessionsfrage offen ist, bleibt die strategische Frage unbeantwortet: Wer baut das Stuttgarter Fernwärmenetz in Richtung Klimaneutralität um, und nach welchen Regeln?

Einen Schritt in Richtung klimaneutraler Fernwärme hat EnBW in Stuttgart bereits gemacht: Im April 2024 nahm der Konzern im Stadtteil Münster eine Großwärmepumpe mit 24 Megawatt Leistung offiziell in Betrieb. Sie nutzt Abwärme aus dem benachbarten Restmüll-Heizkraftwerk und wird mit Grünstrom aus der Müllverbrennung betrieben. Der Anteil klimaneutraler Fernwärme im EnBW-Netz stieg dadurch von rund 15 auf rund 25 Prozent; rechnerisch werden etwa 10.000 Haushalte versorgt, und die jährlichen CO₂-Emissionen sinken um rund 15.000 Tonnen. Das Projekt ist Teil des Förderprogramms „Reallabore der Energiewende" des Bundeswirtschaftsministeriums. Am selben Standort entstand parallel ein wasserstofffähiges Gaskraftwerk mit 124 Megawatt elektrischer Leistung, das im Herbst 2025 in Betrieb ging und die alten Kohlekessel ersetzte.

Zum Vergleich: Mannheim hat in seinem kommunalen Wärmeplan konkrete Schritte zur Stilllegung des Gasnetzes bis 2035 verankert, ein Ansatz, der zeigt, wie weit Kommunen mit eigenem Netz gehen können. Mehr zum Mannheimer Modell gibt es hier.

Der Neckar als Wärmequelle: großes Potenzial, frühe Planung

Eine ungenutzte Ressource zieht sich durch Stuttgart: der Neckar. Eine Studie der TU Braunschweig (Hydro2HEAT-Projekt, 2024) berechnete, dass Aquathermie aus dem Neckar bis zu 82 Prozent des Stuttgarter Haushaltswärmebedarfs decken könnte. Für Stuttgart sieht die Studie das Potenzial für bis zu zehn Großwärmepumpen zwischen den Stadtteilen Mühlhausen und Untertürkheim. Eine erste Flusswärmepumpe im Bereich Untertürkheim ist geplant und soll allein rund 90 Gigawattstunden Wärme pro Jahr liefern. Bisher ist keines dieser Projekte beantragt oder genehmigt; sie befinden sich im Planungsstadium. Die Neckar-Flusswärme ist damit eine der größten offenen Chancen im Stuttgarter Wärmeplan, aber noch kein gesicherter Beitrag zur Versorgung.

Stuttgart wäre das erste Neckar-Stadtgebiet mit einer Flusswärmepumpe in dieser Größenordnung. Zum Vergleich: Die Rhein-Städte weiter nördlich arbeiten längst an ähnlichen Konzepten. Der Technologie-Mix des Stuttgarter Wärmeplans setzt auf Geothermie, Abwasserwärme, Flusswärme, industrielle Abwärme und Solarthermie. Bei der Tiefengeothermie ist der Bohrplatz noch nicht festgelegt; keine Bohrung ist bislang bestätigt.

Wie groß das Potenzial von Großärmepumpen generell ist, zeigt eine Studie der Agora Energiewende, die deren Rolle im deutschen Fernwärmesystem untersucht hat.

Akteure und Perspektiven

Die Stadtwerke Stuttgart GmbH, zu 100 Prozent im Eigentum der Stadt und geführt von Peter Drausnigg, ist für den Ausbau der Nahwärme zuständig. Sie ist damit der operative Arm des städtischen Wärmeplans in den 53 identifizierten Quartieren. Das Fernwärmenetz hingegen liegt bei EnBW. Diese Zweiteilung ist kein technisches Detail: Sie entscheidet darüber, wer über Tempo und Richtung der Wärmewende im größten Teil der Stadt bestimmt. Bei der Schwerpunktsitzung des Ausschusses für Klima und Umwelt im Oktober 2025 berichteten Amt für Umweltschutz, Stadtwerke Stuttgart, Stuttgart Netze, EnBW und das Energieberatungszentrum Stuttgart (EBZ) gemeinsam über Fortschritte und Hürden. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten rund 1.400 Personen vor Ort und 450 online an Informationsveranstaltungen teilgenommen; 580 hatten sich für eine kostenlose Vor-Ort-Beratung angemeldet.

Das Klima- und Umweltbündnis Stuttgart (KUS) übt in seiner Stellungnahme vom März 2024 Kritik: Der Plan sei zu unverbindlich und halte nicht einmal die eigenen Vorgaben ein. Die Wärmewende werde privatisiert, statt strukturell abgesichert. Das ist ein inhaltlicher Einwand, der über Stuttgart hinaus gilt: Ohne Netzkonzession, ohne verbindliche Ausbaupflichten und ohne gesichertes Investitionsrahmenwerk bleibt der frühe Wärmeplan ein Fahrplan ohne Garantie.

Ausblick: Konzession, Fortschreibung, Neckar

Der kommunale Wärmeplan Stuttgart ist ein Vorreiter beim Zeitplan, aber kein Vorreiter bei der Umsetzung. Die nächsten Meilensteine sind klar: Die Fortschreibung des Wärmeplans soll 2026 abgeschlossen werden. Die Netzkonzession für das EnBW-Fernwärmenetz muss ausgeschrieben werden; solange das nicht geschieht, bleibt die Frage ungeklärt, wer die 218 Kilometer Leitungen in Richtung Klimaneutralität umbaut. Die erste Flusswärmepumpe am Neckar ist geplant, aber noch nicht beantragt. Der Synergiepark Vaihingen soll schrittweise angeschlossen werden.

Ein ehrlicher Befund gehört dazu: Dass Stuttgart früh plant, ändert nichts daran, dass der dezentrale Wärmepumpenhochlauf bisher hinter den eigenen Zielen zurückbleibt. Waren es im ersten Halbjahr 2025 noch 363 Förderanträge für Wärmepumpen, gingen bis Oktober 2025 bereits mehr als 540 ein; die Stadt rechnet mit rund 600 Förderfällen bis Jahresende. Die Netzkonzession bleibt das strukturelle Nadelöhr. Die Neckar-Flusswärme ist der größte ungehobene Schatz. Geothermie und Flusswärme können Beiträge leisten. Das Rückgrat der Wärmewende bleibt die Elektrifizierung über Wärmepumpen, zentral wie dezentral.

UPDATES

30. Juni 2026: Erstveröffentlichung.

QUELLEN

84d1d711cfdc4028b0d2453e34408c37
  1. Landeshauptstadt Stuttgart, Amt für Umweltschutz: Kommunale Wärmeplanung Stuttgart
  2. Bundesgerichtshof, Pressemitteilung 5. Dezember 2023: BGH zum Streit um das Fernwärmenetz Stuttgart (Az. KZR 101/20)
  3. Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE), Februar 2024: Kommunaler Wärmeplan Stuttgart, Modellierungsbericht
  4. Landeshauptstadt Stuttgart, Pressemitteilung Oktober 2025: Schwerpunktsitzung zur Wärmewende, Gemeinsam für die Klimaneutralität
  5. Klima- und Umweltbündnis Stuttgart (KUS), März 2024: Stellungnahme zum Kommunalen Wärmeplan der LHS Stuttgart
0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Nach oben scrollen
0
Ihre Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x