„Geld ist niemals neutral" - Silke Stremlau von Finance 4 Transition im Cleanthinking-Interview

INTERVIEW · SUSTAINABLE FINANCE

„Geld ist niemals neutral"

Silke Stremlau leitet Finance for Transition, den neuen Berliner Thinktank für Transformationsfinanzierung. Im Gespräch erklärt sie, warum Deutschland kein Kapitalmangelproblem hat, sondern ein Kapitalallokationsproblem.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 Min. Lesezeit LESEN


Silke Stremlau ist seit Anfang 2026 Geschäftsführerin von Finance for Transition (F4T), finanziert von der Stiftung Mercator mit Sitz in Berlin. F4T arbeitet an konkreten Lösungen für die Transformationsfinanzierung in Deutschland, mit Fokus auf jene Branchen, die dringend Kapital brauchen, aber keinen Marktzugang finden. Zuvor leitete Stremlau den Sustainable Finance-Beirat der Bundesregierung in der 20. Legislaturperiode. Sie ist Aufsichtsrätin der NORD/LB und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der UmweltBank AG. Das Gespräch fand am 12. Mai 2026 statt.

Vom Beratungsgremium zum freien Thinktank

Cleanthinking: Sie haben den Sustainable Finance-Beirat der Bundesregierung geleitet. Dann kam das Ende der Ampel, der Beirat war Geschichte. Was können Sie jetzt als unabhängige Organisation, was Sie im Regierungsauftrag nicht konnten?

Stremlau: Eine ganze Menge. Der Beirat hatte seine Stärken im Hintergrund: 34 Menschen aus Finanzwirtschaft, Realwirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, die in geschützten Räumen ehrlich reden konnten. Das war wertvoll, vor allem für die Ministerien, die so Zugang zu Praxiswissen bekommen, ohne Lobbyisten am Tisch. Aber man führt dabei auch immer den kleinsten gemeinsamen Nenner. Und wenn die Bundesregierung sich schon so uneinig ist, dass sie das Mandat nicht mal über das Ende der Legislatur verlängern kann, dann endet so ein Gremium eben einfach.

Bei F4T sind wir ab dem 1. Juli acht Personen, über fünf Jahre gesichert finanziert, mit Perspektive auf weitere fünf. Wir müssen keinen Konsens finden. Wir können kontinuierlich über Legislaturperioden hinweg arbeiten. Und wenn uns etwas an der Politik nicht passt, müssen wir kein Blatt vor den Mund nehmen. Das ist ein fundamental anderes Arbeiten.

Cleanthinking: Woran wollen Sie sich in zwei Jahren messen lassen?

Stremlau: Wir haben vier Branchen mit hohem Transformationsdruck im Fokus: kommunale Wärmewende, Kreislaufwirtschaft, Wasser- und soziale Infrastruktur. Für jede dieser Branchen wollen wir in zwei Jahren klare Analysen, Hemmnisse und Finanzierungsmodelle auf dem Tisch haben. Und es wäre schön, wenn bis dahin der erste Investor mit einem konkreten Projekt verbunden ist. Wir erleben das schon jetzt: Es kommen Anfragen zu Freiflächen-PV, die für das Recycling ein Finanzierungsmodell suchen. Wir übernehmen eine Brückenfunktion zwischen Kapitalmarkt und Transformationsbranchen.

„Das Kapital ist da. Es landet nur am falschen Ort.”

Cleanthinking: Oft wird getan, als fehle das Geld für die Transformation. Ist das wirklich so?

Stremlau: Nein. Es gibt genug Kapital in diesem Land. Institutionelle Investoren investieren durchaus in nachhaltige Infrastruktur. Aber sie tun das in Frankreich, in Spanien, in Skandinavien. In Deutschland nur zu einem sehr geringen Teil. Das ist die eigentliche Diagnose. Nicht Kapitalmangel, sondern Kapitalfehlleitung.

Die BDI-Studie, die 1,4 Billionen Euro Zusatzinvestitionen bis 2030 für Deutschland ausweist, erschreckt viele. Mich macht sie eher hoffnungsvoll. Sie zeigt: Zwei Drittel der industriellen Wertschöpfung muss transformiert werden. Aber ein großer Teil davon sind ohnehin fällige Investitionen. Ein Maschinenbauer, der nach 20 Jahren seinen Maschinenpark erneuern muss, sollte das eben jetzt klimaneutral und kreislaufwirtschaftsfähig tun. Er hat das sowieso in seinem Finanzplan. Er braucht dann vielleicht noch etwas mehr, aber er muss nicht bei null anfangen.

Silke Stremlau, Finance for Transition (F4T)
Silke Stremlau (Foto: Jana Mai)

Cleanthinking: Immer wieder werden Kosten fossiler Importe mit Investitionen in Erneuerbare verglichen, als wären das vergleichbare Größen.

Stremlau: Das ist ein Äpfel-Birnen-Vergleich. Und er wird bewusst so angestellt. Fossile Importkosten fließen dauerhaft ab, ins Ausland, in die Kriegskassen von Petrostaten. Investitionen in erneuerbare Infrastruktur bleiben im Wesentlichen hier, schaffen Wertschöpfung und schützen langfristig vor Preisschocks. Das sind komplett verschiedene Kategorien.

Vollbremsung bei der Wärmewende

Cleanthinking: Was beobachten Sie gerade bei Stadtwerken, seit das Gebäudemodernisierungsgesetz in der Diskussion ist?

Stremlau: Wir hören es direkt von Stadtwerken: Viele haben eine Vollbremsung gemacht. Sie haben das Gefühl, sie müssen jetzt zwei Infrastrukturen parallel aufrechterhalten, die klassische Gasversorgung und eine dekarbonisierte Fernwärmestruktur. Das ist nicht finanzierbar. Also stoppen sie ihre Investitionsplanung erst mal. Das ist das Gegenteil von dem, was wir brauchen.

Dabei ist das Grundproblem strukturell: 50 Prozent der deutschen Stadtwerke haben eine Bilanzsumme zwischen 50 und 100 Millionen Euro. Was sie aber an Investitionsvolumina vor sich haben, sind in vielen Fällen 500 Millionen. Diese Lücke lässt sich nicht aus der eigenen Bilanz schließen. Da braucht es Bündelung, regionale Kooperation, Projektgesellschaften mit externem Kapital. Und dazu braucht es politische Klarheit, keine parallelen Infrastrukturpflichten.

Cleanthinking: Wer sollte das Kapital stellen? Blackrock oder eher die Versicherungen?

Stremlau: Mir liegen die deutschen Pensionskassen und Versicherungen am Herzen. Die investieren mit einem Horizont von 20 bis 50 Jahren, haben lange Rentenverpflichtungen und verträgliche Renditeerwartungen. Das passt. Blackrock steht zwar auf der Matte, aber mit Renditeerwartungen von 10 bis 15 Prozent. Das werden Stadtwerke nicht liefern können. Das ist das falsche Kapital für dieses Thema.

Die Debatte darüber, wer die kommunale Wärmewende finanziert, ist damit noch nicht entschieden. Aber die Richtung ist klar: Kapital mit langem Atem schlägt Kapital mit hohem Renditeappetit. Was fehlt, ist die Plattform, die beides zusammenbringt.

Silke Stremlau ist Geschäftsführerin von Finance for Transition (F4T). Sie ist außerdem Aufsichtsrätin der NORD/LB und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der UmweltBank AG. Das Interview wurde am 12. Mai 2026 geführt und zur Autorisierung vorgelegt.

Dänemark und Deutschland: 350 gegen 150

Cleanthinking: Sie nennen Wärmegenossenschaften als Baustein. Wie weit ist Deutschland da?

Stremlau: Erschreckend weit weg. Dänemark hat bei 6 Millionen Einwohnern rund 350 Wärmegenossenschaften. Deutschland bei 84 Millionen gerade mal 150. Das sagt alles. Die genossenschaftliche Struktur hat dabei nicht nur einen Finanzierungsvorteil, sondern wirkt demokratiefördernd: Die Menschen vor Ort partizipieren finanziell direkt, sie sehen das Projekt vor der eigenen Haustür, sie können mitbestimmen.

Das ist auch ein Gegenmittel gegen die Politikverdrossenheit, die entsteht, wenn externe Investoren einfach in eine Region reinkommen und den Windpark bauen, ohne dass irgendwas von den Einnahmen vor Ort bleibt.

ESG-Backlash: Schon vorbei

Cleanthinking: Trump, ESG-Backlash, Taxonomie-Verwässerung. Wie stabil steht die Finanzindustrie wirklich hinter dem Thema?

Stremlau: Stabiler als die öffentliche Debatte vermuten lässt. Bei der NORD/LB zum Beispiel: 30 Prozent des erneuerbaren Kreditportfolios liegen in den USA. Seit Trump begann, ist kein einziges Projekt abgesagt worden. Kein einziges. Das, was man an lautem Trump-Getöse wahrnimmt, und das, was wirklich auf Projektebene und in den verschiedenen Bundesstaaten passiert, das sind zwei verschiedene Welten.

Auf Regulierungsebene hält der Druck außerdem an. EZB, BaFin, die europäische Versicherungsaufsicht, sie alle sagen: Klimarisiken werden in den nächsten Jahrzehnten finanziell schlagend, also materiell. Wer diese jetzt nicht in seine Kreditrisiko-Bewertung einbezieht, wer keine Transitionspläne von Kreditnehmern abfragt, der wird das bereuen. Der extreme Backlash war im letzten Jahr. Wir merken, die Stimmung dreht sich schon wieder, weil die Unternehmen wissen, Klimakrise oder Lieferengpässe, sind reale Herausforderungen, für die es Antworten braucht.

Cleanthinking: Und auf der Ebene der Privatpersonen? Was raten Sie jemandem, der kein großes Kapital hat, aber trotzdem mit seinem Geld etwas bewegen möchte?

Stremlau: Jeder macht schon etwas, wenn er ein Girokonto oder ein Tagesgeldkonto hat. Die Frage ist: Bei welcher Bank? Was macht die mit meinem Geld? Wie transparent geht sie damit um? Hat sie Kriterien für ihre eigene Anlage? Jeder Euro wirkt, ob man will oder nicht. Deswegen sage ich: Geld ist niemals neutral. Es wirkt immer, je nachdem, wofür wir es einsetzen. Das Bewusstsein dafür darf in Deutschland wachsen.

Und dann natürlich: Wer die Möglichkeit hat, sollte sein Geld oder das neue Altersvorsorge-Depot nutzen, um nicht in amerikanische ETFs zu investieren, die mit der Transformation hier nichts zu tun haben. Es gibt Produkte, die direkt in deutsche und europäische Infrastruktur investieren. Die werden noch nicht annähernd so genutzt, wie es möglich wäre.

Cleanthinking: Vielen Dank für dieses Interview, Frau Stremlau!

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