KLIMAPOLITIK · 22. MAI 2026
EU-Methanverordnung unter Druck: Wenn Klimaschutz dem Gasgeschäft weichen soll
Die EU-Methanverordnung ist eines der wirksamsten Klimainstrumente der Union. Jetzt soll sie aufgeweicht werden: auf Betreiben der Gaslobby, der Trump-Regierung und einer deutschen Wirtschaftsministerin, die das „pragmatisch“ nennt.
Cleanthinking / KI-generiertEs ist ein ungewöhnliches Bündnis, das sich gegen die EU-Methanverordnung formiert hat. Auf der einen Seite: Andrew Puzder, US-Botschafter bei der EU, der in der niederländischen Zeitung „Fd“ warnte, die Klimavorschriften seien „nicht praktikabel“ und drohte, die USA könnten ihre Öl- und Gaslieferungen nach Europa ab Januar 2027 einstellen. Auf der anderen Seite: Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, die für eine „pragmatische und realistische“ Umsetzung der Verordnung plädiert, um internationale Gaslieferungen nicht zu behindern.
Und mittendrin: ein internes Papier der EU-Kommission, das dem Spiegel vorlag und zeigt, dass Brüssel offenbar bereit ist, Strafen gegen Verstöße der Methanverordnung auszusetzen, wenn die Energieversorgung gefährdet sein könnte. Das Papier liefert keine Definition, was eine solche Gefährdung ausmacht. Es legt auch keine Zeitgrenze für das Aussetzen der Strafen fest. Unternehmen, die ihre Methan-Lecks nicht schließen, könnten das auf unbestimmte Zeit tun, ohne Konsequenzen zu fürchten.
Das ist kein bürokratisches Detail. Die EU-Methanverordnung ist ein zentrales Instrument, um den Klimaschutz über die eigenen Grenzen hinaus wirksam zu machen. Wer sie ausshöhlt, schwächt nicht nur den Klimaschutz, sondern auch die strategische Unabhängigkeit Europas von fossilen Lieferanten.
Was ist die EU-Methanverordnung?
Die EU-Methanverordnung (Verordnung 2024/1787) ist seit August 2024 in Kraft. Sie verpflichtet Unternehmen im Öl-, Gas- und Kohlesektor, ihre Methanemissionen entlang der gesamten Lieferkette zu messen, zu melden und zu reduzieren. Routinemäßiges Abfackeln und Entlüften von Methan ist verboten. Bei Verstößen drohen empfindliche Bußgelder.
Ab Januar 2027 greift die entscheidende Erweiterung: Dann dürfen Länder außerhalb der EU Öl, Gas und Kohle nur noch in die Union einführen, wenn sie dieselben Standards bei Überwachung, Berichterstattung und Überprüfung einhalten wie EU-Produzenten. Das betrifft vor allem Lieferanten aus den USA, Norwegen, Algerien und den Golfstaaten.
Warum ist Methan so relevant? Das Gas wirkt in den ersten 20 Jahren nach seiner Freisetzung etwa 80-mal stärker auf das Klima als CO₂. Es baut sich nach rund zwölf Jahren wieder ab, was bedeutet: Wer Methan heute reduziert, bremst die Erderwärmung kurzfristig messbar. Laut dem UN-Umweltprogramm geht rund ein Drittel der Erwärmung seit der vorindustriellen Zeit auf Methan zurück. Methan-Emissionen lassen sich übrigens per Luftschiff erkennen.
Die Verordnung ist Teil des europäischen „Fit for 55“-Pakets und soll sicherstellen, dass importierte fossile Energie denselben Klimastandards unterliegt wie in Europa produzierte. Sie schafft damit faire Wettbewerbsbedingungen und schließt eine systematische Lücke: Bisher entstand ein Großteil des europäischen Methan-Fußabdrucks außerhalb der EU-Grenzen, in Förderanlagen, Pipelines und LNG-Terminals, ohne dass Europa dafür Verantwortung übernahm.
Wie die Lobbymaschinerie arbeitet
Dass die Gaslobby gegen die Methanverordnung vorgeht, ist nicht neu. Laut Spiegel-Recherchen fordern Lobbyvebände wie Eurogas seit Mai 2025 in Schreiben an die EU-Kommission und bei zahlreichen Treffen einen sogenannten „Stop the Clock“: Bestehende und neu abgeschlossene Lieferverträge sollen für einen Übergangszeitraum nicht sanktioniert werden, auch wenn Leitungen und Anlagen weiterhin undicht sind.
Im Dezember 2025 schloss sich die Trump-Regierung an. In einem offiziellen Schreiben verlangte Washington, die EU solle die Methanverordnung entweder vollständig abschaffen oder deutlich entschärfen. Konkret: US-Produzenten, die Verträge vor Oktober 2035 abgeschlossen haben, sollen vollständig von den Regeln ausgenommen werden. Auf Strafzahlungen bei Verstößen soll verzichtet werden.
Das interne Kommissionspapier, das dem Spiegel vorlag, klingt wie eine Antwort auf genau diese Forderungen. Strafen sollen ausgesetzt werden, wenn ein Unternehmen mehr als 28 Prozent des nationalen Gasverbrauchs deckt oder kaum Alternativen verfügbar sind. Eine Definition von „Energiekrise“, eine Befristung der Ausnahmen, klare Kriterien: Fehlanzeige. „Die Kommission darf dem Lobbydruck von Trump nicht nachgeben“, sagte Konstantin Zerger von der Deutschen Umwelthilfe dem Spiegel. „Ansonsten höhlt sie ein zentrales Instrument für Klimaschutz und eine resiliente Versorgung aus.“
Reiche übersetzt Lobbysprache in Regierungshandeln
Was in Brüssel als informelles Kommissionspapier kursiert, klingt in Berlin nach Ministeriumspolitik. Reiche plädiert für eine „pragmatische“ Umsetzung der Methanverordnung mit dem Argument, allzu strenge Regeln könnten Partnerländer vom LNG-Export nach Europa abhalten. Das ist das klassische Muster fossiler Argumentation: Ein reales Risiko wird benannt, der Kontext weggelassen, daraus eine politische Forderung abgeleitet.
Der weggelassene Kontext: Die USA sind mit rund 58 Prozent der EU-LNG-Importe der mit Abstand wichtigste Flüssiggaslieferant Europas. Sie haben ein erhebliches wirtschaftliches Interesse daran, diesen Markt zu halten. Die Drohung, Lieferungen nach Asien umzuleiten, ist strategisches Verhandeln, kein Abbruch. Und: Methan-Lecks zu schließen ist technisch möglich und wirtschaftlich sinnvoll. Es spart Gas, das sonst verloren geht.
Jutta Paulus, Grüne EU-Abgeordnete, bringt den Widerspruch auf den Punkt: „Es ist ein fatales Signal gegenüber dem Druck aus den USA und verringert unsere Versorgungssicherheit.“ Wer die Methanverordnung aufweicht, um US-Gas zu sichern, macht Europa dauerhaft abhängig von einem Lieferanten, der Klimaschutz als Verhandlungsmasse benutzt.
Was wirklich auf dem Spiel steht
Eine Studie von Industrieverbänden und der Beratungsfirma Wood Mackenzie vom März 2026 kam zu dem Schluss, dass die Methanvorschriften ab 2027 dazu führen könnten, dass 43 Prozent der EU-Gasimporte und 87 Prozent der Ölimporte nicht mehr den Anforderungen entsprechen. Diese Zahl wird von der Gaslobby als Argument für eine Aufweichung der Verordnung verwendet. Die Schlussfolgerung ist falsch.
Denn das eigentliche Problem sind nicht die Regeln, sondern die Dreckigkeit der Lieferketten. Wenn 87 Prozent der Ölimporte die Anforderungen nicht erfüllen, heißt das: 87 Prozent der Ölimporte kommen aus Quellen, bei denen Methan in erheblichem Umfang entweicht. Die Antwort darauf kann nicht sein, die Messlatte zu senken. Sie muss sein, die Lecks zu schließen. Laut IEA-Bericht vom Mai 2026 steigen die Methanemissionen im Kohlesektor trotz EU-Regulierung sogar noch an, während rund ein Drittel der deutschen Öl- und Gasunternehmen seine Berichtspflichten vernachlässigt.
Dr. Sabina Assan, Methan-Analystin beim Energie-Think-Tank Ember, zieht die Konsequenz: „Die EU-Methanverordnung wird nur dann signifikante Emissionsminderungen bewirken, wenn sie ordnungsgemäß durchgesetzt wird.“ Unabhängige Überprüfung und abschreckende Strafen seien für ihre Wirksamkeit unerlässlich - beides steht jetzt zur Disposition.
Versorgungssicherheit durch Klimaschutz, nicht trotz ihm
Das Argument, Klimaschutz gefährde die Versorgungssicherheit, wird von Reiche, Puzder und der Gaslobby gleichlautend vorgetragen. Es dreht die Kausalität um. Eine Verordnung, die sicherstellt, dass Gaslieferanten ihre Methan-Lecks schließen, erhöht die Effizienz der Lieferkette. Gas, das nicht entweicht, steht für die Versorgung zur Verfügung. Die Verordnung schafft außerdem Transparenz darüber, wo in der Lieferkette Verluste entstehen - eine Information, die für Versorgungssicherheit wertvoll ist, nicht schädlich.
Wer die Verordnung aufweicht, schafft zudem einen dauerhaften Hebel für fossile Exporteure, europäische Klimapolitik zu erpressen. Heute ist es die Methanverordnung. Morgen ist es der CO₂-Grenzausgleich (CBAM). Übermorgen der Green Deal insgesamt. Die Logik ist dieselbe: Klimaschutzregeln als Handelshemmnis definieren, mit Lieferstopps drohen, Ausnahmen fordern.
Europa ist beim LNG tatsächlich verwundbar. Aber die Antwort auf diese Verwundbarkeit ist nicht, Klimastandards aufzugeben. Sie ist, die Abhängigkeit von fossilen Importen schneller zu reduzieren. Mit Wärmepumpen, die Gasheizungen ersetzen. Mit Erneuerbaren, die Gaskraftwerke verdrängen. Mit Batteriespeichern, die Flexibilität ins System bringen. Alles Maßnahmen, die Reiche bremst, während sie gleichzeitig für „pragmatischen“ Klimaschutz wirbt.
Die EU-Methanverordnung ist dabei kein Sonderfall, sondern Testfall. Wenn Brüssel hier nachgibt, sendet das ein Signal an jeden fossilen Exporteur weltweit: Europäische Klimagesetze sind verhandelbar, sobald der Druck groß genug ist. Das fossile Casino lebt davon, dass die Regeln immer wieder neu geschrieben werden, bevor die Transformation abgeschlossen ist.
QUELLEN
- Der Spiegel / Susanne Götze Die EU will die Methanverordnung abschwächen. Und kommt damit Trump entgegen
- table.media Gasimporte: Reiche sieht Methanverordnung als Hindernis
- Euronews Internes EU-Dokument zeigt Pläne zur Lockerung von Methan-Strafen
- energiezukunft.eu Methan-Bilanz 2026: Methanemissionen steigen trotz EU-Verordnung
- Umweltbundesamt Europäische Methanverordnung