
Gaskrise? Die Märchen des Fritz Vahrenholt
SPD-Mitglied und Aurubis-Aufsichtsratschef Vahrenholt radikalisiert sich – und tritt in sehr rechten Kanälen mit fragwürdigen Thesen auf.
Deutschlands Gasspeicher sind leerer als im Vorjahr. Für AfD-nahe YouTube-Kanäle ist das ein Grund für Panik – bis hin zur Ausrufung einer angeblichen Gaskrise. Dabei ist der Speicherfüllstand vergleichbar mit dem aus dem Krisenjahr 2022. Der entscheidende Unterschied: Die Gasspeicher haben heute aufgrund veränderter Infrastruktur eine deutlich geringere Bedeutung. Nun hat sich auch Hamburgs ehemaliger Umweltsenator Fritz Vahrenholt im Kanal HKCM von Philip Hopf geäußert – und versucht, eine Gaskrise herbeizuschwurbeln.
Dieser Faktencheck Gaskrise analysiert zehn zentrale Aussagen aus dem Video-Interview. Ob Vahrenholt selbst glaubt, was er dort erzählt? Man weiß es nicht. In diesem Cleanthinking-Beitrag gibt es Fakten rund um die Frühwarnstufe Gas und die Gasspeicher-Füllstände, speziell den Gasspeicher Rehden.
(Das vollständige Transkript ist als Ausklappkasten ganz unten hinterlegt – niemand muss sich das Interview als Video antun.)

Aussage 1: „Wir sind nur mit 70 % Füllstand in den Winter gegangen“
Nein. Deutschlands Gasspeicher lagen zu Beginn des Winters bei rund 75 Prozent.
Diese Abweichung ist kein Rundungsfehler, sondern politisch relevant: Zwischen 70 % und 75 % liegen mehrere Terawattstunden Arbeitsgas. Die Aussage erzeugt künstlich den Eindruck eines „verfrühten Mangels“.
Aussage 2: „Offenbar haben die Einkäufer – die Bundesnetzagentur – mit solchen Wintern nicht mehr gerechnet“
Im Gegensatz zu Herrn Vahrenholt haben die „Einkäufer“ die entscheidenden Unterschiede zu früheren Wintern sehr wohl verstanden:
• mehr Pipelinegas (vor allem aus Norwegen)
• mehr LNG
• geringere strukturelle Abhängigkeit von Speichern
• höhere Systemflexibilität
Aufgrund dieser veränderten Infrastruktur hat die Bedeutung der Gasspeicher abgenommen. Aktuelle Füllstände sind nicht das Alleinkriterium für einen angeblichen Gasmangel, eine Gaskrise oder Ähnliches.
Aussage 3: „… dann kann man davon ausgehen, dass jeden Tag 1 % aus den Gasspeichern verschwindet“
Diese Aussage ist so wirr, dass sie fast beeindruckend ist.
Fakt ist: Es gibt keinen linearen Zusammenhang zwischen Temperatur und Entnahmerate. Es ist keine flächendeckende, anhaltende Kälteperiode mit −10 °C und darunter in Sicht. Speicherentnahmen sind steuerbar – nicht naturgegeben.
Hier wird eine fiktive Wetter-Extremlage zur mathematischen Gewissheit erklärt.
Zur Abwechslung erzählt auch Philip Hopf ein Märchen:
„Global Warming hört man gerade irgendwie gar nicht mehr.“
Richtig ist: Globale Erwärmung ist dauerpräsent. Rekordjahre, Rekordtemperaturen, Kipppunkte. Die Klimaforschung weist seit Jahren darauf hin, dass der Klimawandel zu mehr Extremwetter, länger anhaltenden Wetterlagen und größerer Volatilität führt. Dass Wetter ≠ Klima ist, sollte auch Herr Hopf wissen. Es handelt sich um Grundschulwissen.
Aussage 4: „0,5–1 TWh LNG pro Tag ist nicht der Rede wert“
Vahrenholt erklärt, die LNG-Lieferungen seien „nicht der Rede wert“. Tatsächlich entsprechen 0,5–1 TWh pro Tag rund einem Viertel des täglichen Gasbedarfs Deutschlands.
Später erklärt er, ein Mangel von 1 TWh pro Tag wäre „katastrophal“.
Beides gleichzeitig kann nicht stimmen. Es ist doppelt unlogisch.
Aussage 5: „Zunächst wird eine Alarmstufe ausgerufen … dann die Notfallstufe“
Der Notfallplan Gas kennt drei Stufen. Aktuell gilt die niedrigste Frühwarnstufe. Das bedeutet: intensive Beobachtung – keine Eingriffe. Es gibt keinerlei Automatismus für die Anwendung der beiden höheren Stufen. Alle relevanten Stellen sagen: Die Lage ist stabil.
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Aussage 6: „Dann wäre auch die Stromversorgung gefährdet“
Diese Aussage bezieht sich auf ein fiktives Szenario, in dem Deutschland angeblich täglich 1 TWh Gas fehlen würde. Dann – so Vahrenholt – gäbe es nicht nur eine Gaskrise, sondern sei auch die Stromversorgung gefährdet, weil angeblich kein Wind wehe und Strom im Wesentlichen aus Gas erzeugt werde. Das ist faktisch falsch und grob irreführend.
Aussage 7: „Wir hätten genug Gas – aber dürfen es nicht fördern“
Richtig ist: Fracking ist in Deutschland aus guten Gründen verboten – wegen Grundwassergefährdung, Methanemissionen, Erdbebenrisiken und breitem gesellschaftlichem Widerstand. Unabhängig davon wäre Fracking keine kurzfristige Lösung um eine angebliche Gaskrise zu verhindern.
Aussage 8: „… indem sie ihre Erdgasleitungen rausreißen oder stilllegen“
Hier wird es endgültig wild. Tatsächlich werden Stadtverteilnetze dort stillgelegt, wo auf Wärmepumpen und Fernwärme umgestellt wurde. Das hat nichts mit „Mittelalter“ zu tun, sondern mit einer sauberen Zukunft.
Aussage 9: „Wer soll für 14 Jahre ein teures Gaskraftwerk bauen?“
Vahrenholt behauptet, niemand investiere für den Zeitraum zwischen 2031 und 2045 in neue Gaskraftwerke. Dabei „vergisst“ er zu erwähnen, dass diese Kraftwerke H₂-ready sind und später auf grünen Wasserstoff umgestellt werden sollen.
Aussage 10: „… wir glauben, wir könnten mal halbieren“
Hier geht es um die Behauptung, das Energieeffizienzgesetz würde eine Halbierung des Energieverbrauchs erzwingen. Das ist eine Märchenerzählung, wie man sie auch von Hans-Werner Sinn kennt.
Richtig ist: Der Endenergieverbrauch sinkt durch Elektrifizierung und Effizienz. Das ist kein Experiment, sondern ein bewährter Mechanismus: Gasheizungen werden durch Wärmepumpen ersetzt, Verbrenner durch Elektroautos, industrielle Abwärme wird endlich genutzt.
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Vahrenholt: Gaskrise oder Märchen?
Das Video-Interview von Fritz Vahrenholt bei HKCM ist ein Beispiel für fossile Panikkommunikation. Die Märchen speisen sich aus:
• falschen Zahlen
• ausgelassenen Fakten
• logischen Brüchen
• emotionaler Eskalation
Am Ende steht erneut der Aufruf, „wie die Bauern nach Berlin zu marschieren“. Das zeigt, wie weit sich Vahrenholt inzwischen selbst radikalisiert hat. Offenbar treibt ihn die Sorge um, dass es ohne fossiles Verbrennen nicht gehe – eine Vorstellung, die selbst ein Märchen ist.
Transkript des Video-Interviews
0:00 – 0:52 Teaser / Einstieg
(Off / Teaser):
„Bau Gaskraftwerk – die sind frühestens 2031 da und dann würde ich 2045 aussteigen. Was ist das für ein Schwachsinn? Das ist absurder Selbstmord. Die gesamte Welt setzt auf Erdgas. Wird Deutschland ins Mittelalter zurückschießen. Das ist wirklich unglaublich. Das ist dann sozusagen unser Steuergeld, das da verpulvert wird – für nichts und wieder nichts. Es funktioniert nicht. Es wird nicht funktionieren.“
(Off / Einordnung):
„Gas ist im deutschen Winter der wichtigste und zugleich kritischste Energieträger. Ein Blick auf die aktuellen Füllstände der Gasspeicher zeigt uns jedoch: Sie leeren sich in diesem Jahr schneller als je zuvor. Drohen Industrieabschaltungen, Versorgungsengpässe und eine neue Energiekrise bereits in den kommenden Tagen? Darüber spreche ich heute mit dem Energieexperten Professor Dr. Vahrenholt. Los geht’s.“
1:06 – 1:48 Begrüßung & Vorstellung
Philip Hopf:
Herzlich willkommen. Mein Name ist Philip Hopf. Das ist ein weiteres Video der HKCM. Herzlich willkommen auch an Herrn Professor Dr. Vahrenholt.
Sie sind promovierter Chemiker und ausgewiesener Energieexperte. Von 1991 bis 1997 waren Sie Umweltsenator der Stadt Hamburg und anschließend in führenden Positionen bei Unternehmen in der erneuerbaren Energienbranche wie Repower Systems und RWE Energy tätig. Darüber hinaus haben Sie sich durch zahlreiche Publikationen zu Energie und Klima einen Namen gemacht.
Auch Ihr jüngstes Buch „Die große Energiekrise und wie wir sie bewältigen können“ wurde zum Bestseller. Unten in der Videobeschreibung findet ihr den Direktlink zu diesem Buch, falls ihr es erwerben wollt.
1:50 – 2:11 Frage: Wie ernst ist die Lage?
Hopf:
Meine erste Frage an Sie: Inzwischen ist es in den meisten Schlagzeilen sehr präsent – die Medien berichten, dass sich unsere deutschen Gasspeicher aktuell rapide leeren. Die Bundesnetzagentur bekräftigt weiter, dass es überhaupt keinen Grund zur Sorge gibt. Wie ernst ist die Lage wirklich? Stehen wir vor einer potenziellen Gaskrise?
2:13 – 3:50 Antwort: Winter, Füllstände, „Gasdruck“
Fritz Vahrenholt:
Ja, der Unterschied zu den Vorjahren ist zweierlei. Erstens: Wir sind in diesem Winter mit deutlich geringeren Gasspeichermengen gegangen. Wir sind nur mit 70 Prozent Füllstandsgrad in den Winter eingestiegen.
Und nun stellen wir fest: Wir haben den kältesten Winter seit 15 Jahren. Offenbar haben die Einkäufer – die Bundesnetzagentur – mit solchen Wintern nicht mehr gerechnet.
Das führt dazu, dass wir heute nur noch einen Füllstandsgrad von 36,6 Prozent haben. Unter 30 Prozent wird es zunehmend schwieriger: Der Gasdruck wird geringer und die Versorgungssicherheit gefährdet.
Und ich kann natürlich verstehen, dass die Bundesnetzagentur abwiegelt – und hoffentlich geht’s ja noch mal gut, wie es Herrn Habeck ja auch dreimal gut gegangen ist. Das waren zwei sehr milde Winter, die dazu geführt haben, dass wir immer noch an einer Notlage vorbeigeschrammt sind.
Aber wenn ich mir die Wettervorhersage der nächsten zehn Tage anschaue: Wir kriegen jetzt in den nächsten Tagen eine ganz leichte Erwärmung auf etwa 0 bis 2 Grad. Nachts bleibt es frostig. Aber danach geht es in eine weitere Ostwindwetterlage mit noch tieferen Temperaturen – und dann wird es ernst, weil man dann davon ausgehen kann, dass jeden Tag 1 Prozent aus den Gasspeichern verschwindet.
3:50 – 4:45 Vergleich mit Vorjahr & „Global Warming hört man nicht mehr“
Hopf:
Sie haben es ja gerade schon angesprochen. Wir haben heute geprüft: nach aktuellem Stand etwas über 36 Prozent. Und im letzten Winter, wenn wir das in den Vergleich ziehen, standen wir Ende Januar noch bei über 55 Prozent.
Das heißt also: Es könnte hier wirklich zu einer Notfallsituation kommen. Und Sie hatten uns ja auch angesprochen: Die Medien und die Politik konnten sich das nicht mehr vorstellen. Wir haben immer wieder in den letzten Jahren Berichte gelesen, wonach behauptet wurde, es würde auch nicht mehr schneien in Deutschland – Global Warming und so weiter.
Jetzt aktuell – ich weiß nicht warum – wird das nicht mehr erwähnt. Global Warming hört man gerade irgendwie gar nicht mehr, nach diesem starken Winter. Ich weiß nicht, warum da das Interesse gerade schwindet.
Ist es denn jetzt so, dass wir eine kritische Situation haben? Und was würde das denn bedeuten – kritisch? Was kann denn da passieren im schlimmsten Fall?
4:47 – 6:17 Pipelinegas, LNG, Notfallverordnung, Priorisierung
Vahrenholt:
Also, wir haben ja Gott sei Dank auch noch Pipelinegas – nicht mehr aus Russland, aber aus Norwegen. Und wir kriegen natürlich auch jeden Tag ein bisschen LNG, also Flüssiggas.
Das ist aber insgesamt nicht der Rede wert. Wir haben nur etwa 0,5 bis 1 Terawattstunde pro Tag Flüssiggas. Das heißt: Wir werden nicht auf null gehen. Wenn die Speicher leer sind, werden wir immer noch Pipelinegas haben. Das heißt: Dann werden wir etwa nur noch 70 Prozent des Gases importieren – aber das wird nicht mehr ausreichen, um die gesamten Bedarfe abzudecken.
Und dafür gibt’s eine Notfallverordnung. Das heißt: Zunächst wird eine Alarmstufe ausgerufen. Das Wirtschaftsministerium wird dann, wenn es vorhersehbar so weitergeht, die Notfallstufe ausrufen. Und dann ist die Möglichkeit gegeben, Gewerbebetrieben und der Industrie das Gas abzudrehen.
Haushalte – insofern kann ich beruhigen – Haushalte, öffentliche Gebäude, Krankenhäuser sind davon ausgenommen. Aber: Was ist das für eine Situation, wenn wir davon ausgehen müssen, dass in manchen Regionen die Industrie mit der Produktion nicht weiterkommt? Ich denke an die Glasindustrie, die Papierindustrie, die chemische Industrie, die metallverarbeitende Industrie.
Was ist das für ein Signal auch in die Welt? Die Welt lacht ohne uns schon über uns. Wir haben dreimal so hohe Strompreise wie die Welt. Und wenn wir dann noch feststellen, dass wir unseren Lieferverpflichtungen an Produkten nicht mehr nachkommen können – für ein, zwei Wochen – weil wir nicht genügend Gas eingekauft haben: Dann fragt man sich wirklich, was ist eigentlich in Deutschland los?
7:05 – 8:30 Größenordnung / Stromversorgung / regionale Unterschiede
Hopf:
Sie sprechen von möglichen Abschaltungen in der Industrie. Wir sehen ja jetzt schon, dass jeden Tag mittelgroße Industriekonzerne schließen, Menschen ihre Arbeit verlieren. Auch das galt vor ein paar Jahren noch als große Verschwörungstheorie, dass wir Massenarbeitslosigkeit in Deutschland bekommen. Es gibt de facto eine Deindustrialisierung, eine starke Abwanderung.
Und jetzt sagen Sie: Es könnte dazu noch kommen, dass wir in eine Gasmangellage kommen und dann treten gewisse Regelungen in Kraft. Das heißt: Zum Schutz der Zivilbevölkerung, damit diese weiterhin Gas haben, werden Industriebetriebe abgeschaltet. Von welcher Größenordnung reden wir dann?
Vahrenholt:
Ja, wenn es tatsächlich so kommt, dass wir jeden Tag 1 Terawattstunde Gas zu wenig haben, dann werden zusätzlich die Gaskraftwerke natürlich beliefert – denn die sorgen dann ja noch für die Stromversorgung. Also zum allen Übel würde dann ja auch noch die Stromversorgung gefährdet. Also: Die haben auch Priorität.
Und den Rest wirklich einzusparen – das wird schon zu flächendeckenden Sperrungen bei Industriebetrieben kommen. Es kommt sehr regional darauf an, wie der Gasdruck in jeder Region ist. Das ist sehr unterschiedlich, das kann ich Ihnen jetzt nicht vorher sagen.
Aber an sich: Die Tatsache, dass wir mit so etwas rechnen müssen – und dass darüber auch im deutschen Bundestag keine Aktuelle Stunde gibt, keine wirkliche Debatte – das macht mich wirklich fassungslos. Weil wir spielen mit der Industrie in Deutschland Bank. Und das ist ja schon in der Vergangenheit so gewesen: indem man einfach Kernkraftwerke abgestellt hat, die zur Grundversorgung nötig waren.
8:49 – 11:31 Kraftwerksbau, Winterrisiko, Klimanarrativ & „Naturzyklen“
Vahrenholt:
Und vor dem Hintergrund, dass durch die abgestellten Kernkraftwerke jetzt ja – wie Frau Reiche, Ministerin Reiche, erklärt – eigentlich 25 Terawattstunden Gaskraftwerke gebaut werden müssten: Er hat jetzt die Erlaubnis, 12 GW zu bauen – Entschuldigung, 12 Gigawatt zu bauen, also etwa 20 Gaskraftwerke. Aber auch die müssen im Winter mit Gas beliefert werden.
Das geht alles nicht zusammen. Und deswegen kann ich mir das eigentlich nur so erklären, dass man einfach die letzten drei warmen Winter fortgeschrieben hat – nach dem Motto: „Klimakatastrophe ist ja sowieso nicht mehr“, also die kalten Winter sind sowieso nicht mehr wegen Klimakatastrophen, Entschuldigung – und deswegen mit solchen kalten Wintern nicht mehr gerechnet.
Aber wer ein bisschen weniger an die Modelle glaubt – und diejenigen, die ja immer nur glauben: alleine CO₂ macht Erwärmung – dem muss man einfach sagen: Die Natur hat natürliche Zyklen.
Und wenn wir zurückgucken, wissen wir: Am Ende einer Solarperiode, am Ende einer elfjährigen Sonnenperiode, wenn die Aktivität der Sonne zurückgeht, gibt es in Nordeuropa einen Einfluss auf die Windströmung. Dann lässt die Westwindwetterlage nach, und es kommen häufiger Ostwind- und Nordwindwetterlagen. Das hatten wir 2009 bis 2011 so – das waren die letzten kalten Winter. Das wird jetzt die nächsten Jahre im Übrigen auch häufiger eintreten. Das ist statistisch gesichert, das ist wissenschaftlich gesichert.
Aber es wird nicht zur Kenntnis genommen, weil man alleine glaubt: „Nur CO₂ kann das Klima beeinflussen.“ Nein, die Natur macht das auch. Sie hat Schwankungen und natürliche Einflüsse.
Wenn man das bestreitet, dann kommt man zu dem Glauben, dass das alles so weitergeht – und dann kauft man falsch ein, dann macht man keine Sicherheit. Denn jetzt zu handeln ist sehr spät.
Wir haben tatsächlich jetzt festgestellt: Die Preise gehen jetzt raketenartig nach oben.
11:40 – 13:22 Gaspreise, LNG-Umlenkung, Transportzeit & „nicht heilbar“
Vahrenholt:
Noch mal ein Zusatzeffekt: Gerade die letzten Tage … Ja. 30 Prozent Gas. Deswegen würde ich eben raten, jetzt seinen Gasvertrag nicht zu verlängern – denn das wirkt sich natürlich auch auf private Gasverträge aus – und abzuwarten, dass das wieder runterkommt im Sommer.
Aber jetzt geht natürlich automatisch der internationale Gashandel nach Europa. Das heißt: Die Schiffe, die nach Südostasien unterwegs sind – von Katar zum Beispiel – die drehen und fahren nach Europa, weil es ja nicht nur in Deutschland, sondern europaweit knapp ist.
Diese Politik ist europaweit so gefahren worden: möglichst kein ukrainisches Gas. Das haben wir gerade in diesen Tagen gelernt. Die EU-Kommissarin hat ganz vollmundig erklärt: 2027 müsse absolut Schluss sein mit dem Russengas.
Aber diese LNG-Schiffe kommen viel zu spät. Also sind jetzt zwei Schiffe umgedreht – irgendwo im Stillen Ozean – bis die hierher kommen, sind das drei Wochen.
Man muss bedenken: Ein LNG-Tanker von Amerika nach Norddeutschland braucht drei Wochen. Und dann hat er eine Terawattstunde. Das heißt: Das reicht dann für einen Tag. Das reicht für einen Tag.
Das ist nicht mehr durch zusätzliche Tanker, die man umdirigiert, zu heilen.
Wir werden durch diese Krise wohl durchgehen. Und am Ende ist das schon ein Weckruf für die Energiepolitik, die beim Strom gescheitert ist und jetzt beim Gas die gleiche erlebt.
13:37 – 14:16 „Wir hätten Gas“, Fracking-Verbot, USA-Vergleich
Vahrenholt:
Denn zu einem Überfluss muss man ja sagen: Wir hätten ja genügend Gas in Deutschland. Es ist ja nicht so, dass wir nur auf Importe angewiesen sind – aber es ist verboten, es zu fördern.
Das muss man der deutschen Bevölkerung mal sagen: Seit 2017 ist es verboten, in Deutschland Schiefergas zu fördern. Wegen dem lieber Schiefergas aus Amerika – das deutlich teurer ist – als wenn wir es hier hätten. Was übrigens auch hier umweltfreundlicher gefördert würde als in den Vereinigten Staaten der Fall ist.
14:21 – 15:27 Nachfrage: LNG kann die Lücke nicht schließen / Nachbarländer / Ausstieg 2045?
Hopf:
Die Bundesnetzagentur sagt: „Das ist alles beherrschbar und wir kaufen das einfach am Weltmarkt ein.“
Jetzt haben Sie uns aber gesagt: Selbst wenn die Schiffe ankommen, reden wir immer nur von einem Tag. Das heißt: Wenn ich das richtig verstehe: Die LNG-Schiffe – ob sie nun aus den USA kommen, zu einem Vielfachen der Preise wie wir sie hier zahlen würden, oder ob sie aus anderen Ländern kommen – die können diese Lücke ja nicht schließen.
Und wenn Sie mich richtig interpretiert haben: Sie sagen auch, dass unsere Nachbarländer ein ähnliches Problem haben wie wir.
Jetzt ist es ja so, dass Deutschland bis 2045 komplett aus Gas als Energieträger aussteigen möchte. Auch Ihre alte Heimat Hamburg hat gesagt, sie möchten quasi Zero Emission werden und gehen da sehr interessante kreative Wege.
Kann man damit rechnen, dass die Gasversorgung somit jedes Jahr immer unwichtiger wird – oder wie ist das? Wenn wir davon wegkommen wollen, dann müssen wir jetzt schon aktive Schritte einleiten, damit der Gasverbrauch deutlich verringert wird.
15:29 – 18:49 „Absurd“, Welt setzt auf Gas/Atom, 2031 vs 2045, Wärmepumpen, KI
Vahrenholt:
Ja, die deutsche Politik muss ich mal langsam ehrlich machen. Es ist doch völliger Wahnsinn, 2045 die Erdgasversorgung in Deutschland einzustellen. In jeder Straße gibt es Erdgasleitungen, die die Bevölkerung versorgen – aber nicht nur die Bevölkerung, sondern auch das Gewerbe. Natürlich – damit heizen wir nicht nur, sondern machen auch Wärmebehandlung von Metallen. Also: Betriebe hängen davon ab. Das ist absurder Selbstmord.
Die gesamte Welt setzt auf Erdgas. In Amerika ist der Zubau an Erdgaskraftwerken plus Kernkraftwerken jetzt vorprogrammiert im Wettlauf mit China. China setzt ebenfalls auf Kernenergie und massiven Ausbau von Erdgas. Nur die Deutschen glauben, sie könnten die Welt retten, indem sie ihre Erdgasleitungen rausreißen oder stilllegen. Das ist so absurd – das wird Deutschland ins Mittelalter zurückschießen.
Es funktioniert nicht. Es wird nicht funktionieren.
Und deswegen ist es doch schon abenteuerlich, dass man auf der einen Seite jetzt die Engpässe bei der Stromversorgung sieht. Man merkt, dass man ab November vom Wettergott abhängt. Wind ist heute – wenn ich rausgucke – überhaupt nicht. Also braucht man immer noch Kohlekraftwerke, die das Netz stabilisieren. Und dafür will ja die Bundesregierung Gaskraftwerke bauen.
Ja: Ich baue Gaskraftwerke – die sind frühestens 2031 da – und dann würde ich 2045 aussteigen. Was ist das für ein Schwachsinn?
Wer soll für 14 Jahre ein teures Gaskraftwerk bauen? Das kann man machen, wenn man dem das bezahlt – aber das ist dann sozusagen unser Steuergeld, das da verpulvert wird für nichts und wieder nichts. Das ist eine so absurde Politik, die spätestens jetzt bei dieser Gaskrise offenbart wird.
Vor 14 Tagen hat die Bundesregierung gejubelt und gesagt: „Ja, wir dürfen jetzt 12 GW Gaskraftwerke bauen.“ Damit sei die Unsicherheit auf der Stromseite beseitigt. Das glaube ich noch nicht. Denn die nächsten fünf Jahre – bis die dann kommen – wird es ewig ein Zittern geben, ob in der Dunkelflaute nicht die Stromversorgung zusammenbricht.
Aber gleichzeitig ist das Datum festgelegt: 2045 gibt’s kein Gas mehr. Und die denken, das ist alles durch Wärmepumpen herstellbar.
Die ganze Welt – ich wiederhole mich – setzt auf KI, das heißt auf mehr Energieverbrauch. Das ist auch wohlstandschaffend: die Verdoppelung des Energieverbrauchs in den USA, die Verdreifachung in China – und wir glauben, wir könnten mal halbieren. So steht’s im Energieeffizienzgesetz, das von den Grünen damals durch den Bundestag – und der SPD und der FDP darf man auch nicht vergessen – durch den Bundestag gebracht hat. Das ist alles Selbstmordprogramm.
Und jetzt spüren wir das.
18:50 – 20:33 Mobilisierung, Medienkritik, Schluss
Vahrenholt:
Und ich muss eigentlich sagen: Ich sehe immer noch nicht, dass 50.000 Arbeiter von den Betrieben, die davon betroffen sein werden, nach Berlin marschieren und sagen: Jetzt reicht’s uns. Spätestens dann, wenn die Betriebe abgestellt werden, haben sie ja dann alle auch ein bisschen Zeit.
Dann erwarte ich doch einfach, dass sie so viel Mut haben, wie die Bauern es haben, wenn es um ihre Interessen geht. Wir müssen uns wehren dagegen. Die Berliner Blase muss merken, dass die Metallarbeiter, die Chemiearbeiter, die Arbeiter in den energieintensiven Betrieben sich nicht so behandeln lassen – und dass man nicht mit ihren Arbeitsplätzen spielen kann.
Ich hoffe jedenfalls, dass das passiert. Aber ich gebe Ihnen recht: Es ist immer noch der Eindruck: Es geht doch alles wunderbar.
Und die Medien spielen natürlich hier eine entscheidende Rolle. Ich werde ja nicht von ZDF oder ARD eingeladen, um meine abweichende Meinung kundzutun, sondern von Ihnen dankenswerterweise. Und ich hoffe, dass Sie viele Einschaltquoten haben, dass die Menschen merken, wie mit ihnen umgegangen wird.
Hopf:
Herr Professor Dr. Vahrenholt hier mit sehr klaren und deutlichen Aussagen. Vielleicht einer der Gründe, warum er eben nicht im ARD und ZDF erscheint mit seiner abweichenden Meinung – denn das würde dann möglicherweise einige Leute sehr nervös machen.
Ich möchte mich ganz herzlich bedanken dafür und kann nur an die Leute appellieren, die das Ganze sehen: Wer immer wieder das Gleiche tut und andere Ergebnisse erwartet – das ist ja schon die Definition des Wahnsinns von Albert Einstein – der darf sich nicht wundern, wenn es in Deutschland genauso weitergeht.
Herzlichen Dank, Herr Professor Dr. Vahrenholt.
Die Art und Weise, wie fossile Protagonisten wie Fritz Vahrenholt mittlerweile versuchen, gegen das Erfolgsprojekt Energiewende zu argumentieren, sind verräterisch. Ohne das Verdrehen oder das faktische Weglassen maßgeblicher Fakten, ist es nicht mehr möglich. Die Realität sieht dabei ganz anders aus: Erst kürzlich hat Cleanthinking berichtet, dass sich neben China auch Indien bereits auf dem Weg in Richtung Elektrostaat befindet – und das fossile Zeitalter weitgehend überspringen wird.
Hier der Artikel zu Indiens Weg zum Elektrostaat.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.
Das Fundament der sicheren Gasversorgung Deutschlands und Mitteleuropas ist weggebrochen.
Die Pipelinesysteme in den heutigen Ländern Russland, Ukraine, Belarus, Slowakei bis zum Knoten Baumgarten in Österreich, und weiter nach Tschechien sowie Deutschland, und viel später auch Nordstream wurden mit großer Kapazität ausgelegt, mit gewaltigen Puffern versehen und in Jahrzehnten gebaut.
Wie historische Gasflüsse (siehe entsog) und historische Speicherstände belegen, war es damals dadurch möglich, selbst in der Heizsaison unsere Speicher zu befüllen!!!
Das wurde auch wiederholt getan, und niemand kam auf die damals absurde Idee, über die damaligen Speicherstände zu diskutieren!
Das alles ist jetzt weg (bis auf kleine Pipelines über den Balkan vom Gashub Türkei, seinerseits über Turkstream mit Russland verbunden).
Und was hat Deutschland im Gegenzug erhalten?…kümmerliche LNG Lieferungen von den eigenen Küsten und erhöhten Inanspruchnahme der bereits lange vorhandenen Importkapazitäten aus Norwegen (, den Niederlanden (im Wesentlichen LNG) und Belgien (LNG).
Und aus diesen bescheiden Quellen muss via Transit auch noch Österreich, Tschechien, die Schweiz, und auch ein wenig Polen, MITversorgt werden.
Auch wenn es absurd klingen mag, Deutschland ist auch Gasexporteur, die Tansitlieferungen über D in diese Länder sind für diese (bis auf Polen Binnenländer) lebensnotwendig.
An dieser Situation wird sich in den kommenden Jahren nichts wesentliches ändern können.