HEIONTEC bringt Strom aus Umgebungswärme in den Sensor

NACH DER HÖHLE DER LÖWEN · 6. OKTOBER 2026

HEIONTEC will Batterien von Sensoren durch Strom aus Umgebungswärme ersetzen

Bei „Die Höhle der Löwen“ ging HEIONTEC gestern Abend leer aus. Das Cleantech-Unternehmen aus Schleswig-Holstein entwickelt eine Pouch-Zelle, die Batterien in Hoteltüren und Industriesensoren ersetzen soll. Das spart Wartung, Rohstoffe und Elektroschrott, erste Geräte sollen Anfang 2027 laufen. Doch auch andere Unternehmen arbeiten an Energy Harvesting.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 Min. LESEN


Die Erfinder Waldemar Lewtschenko und Anton Ledwon suchten in ihrem Labor in Lohmar bei Bonn eigentlich nach einem besseren Dieselkraftstoff. Als Abfallprodukt blieb eine Flüssigkeit übrig, die sich ungewöhnlich verhielt: Zwischen zwei Elektroden lieferte sie Strom, entlud sich, und lud sich beim Liegenlassen wieder auf. Die Energie dafür hole sich das Material als Wärme aus der Umgebung, sagen die beiden. Aus diesem Elektrolyten entstand 2022 das Cleantech-Unternehmen HEIONTEC aus Siblin bei Lübeck, geführt von Andreas Heine.

Vier Jahre lang testeten Lewtschenko und Ledwon tausende Versuchszellen, schlossen sie kurz, ließen sie liegen und maßen, wie sie sich erholten. Lange habe ihnen niemand geglaubt, erzählten sie der WDR-Lokalzeit. Inzwischen arbeiten Forschende der Hochschule Düsseldorf und der University of South Carolina an der Zelle. Der Chemiker und Patentanwalt Frank Schneider hat als wissenschaftlicher Leiter die Funktionsweise entschlüsselt.

In der VOX-Sendung forderte das Team 250.000 Euro für 2,5 Prozent der Anteile, also eine Bewertung von zehn Millionen Euro. Keiner der fünf Investoren stieg ein. Frank Thelen fand die Präsentation schwach, traute der Technologie aber großes Potenzial zu. Seit der Aufzeichnung hat HEIONTEC laut Wirtschaftswoche eine Finanzierungsrunde zu einer Bewertung von 7,5 Millionen Euro abgeschlossen.

Ein Elektrolyt aus Rapsöl soll Strom aus Umgebungswärme liefern

Den Elektrolyten stellt HEIONTEC aus ranzigem Rapsöl, Schwefelsäure und Eisensulfat her, also aus Reststoff und Industriechemikalien. So beschreibt es ein Gebrauchsmuster, das Anfang 2026 eingetragen wurde. Seltene Erden, Lithium oder Kobalt brauche die Zelle nicht. Zwischen einer Graphitfolie und einer Elektrode aus einfachem Stahl liefere sie bei Raumtemperatur eine Spannung zwischen 0,5 und einem Volt.

Die Funktionsweise beschreibt HEIONTEC als Kreislauf. Gibt die Zelle Strom ab, liefen im Elektrolyten Reaktionen mit Eisen-Ionen ab, die Wärme verbrauchen, und die Zelle kühle ab. Danach nehme sie Wärme aus der Umgebung auf und kehre in ihren Ausgangszustand zurück. Je wärmer es ist, desto schneller gehe das.

Thermo-elektrochemische Zellen erforschen Labore weltweit seit Jahren, in der Regel arbeiten sie mit einem Temperaturunterschied, etwa zwischen Abwärme und kühler Luft. HEIONTEC beansprucht, dass die eigene Zelle ohne äußeres Temperaturgefälle auskommt, und nennt das in seinen Patentanmeldungen als Kern der Erfindung. Zweifel an der Regenerationsfähigkeit führt das Unternehmen auf der Crowdinvesting-Plattform FunderNation selbst als Risiko auf. Ausräumen sollen sie mehrjährige Labortests und eine unabhängige Validierung im Klimaprüfstand der Hochschule Düsseldorf.

„Die intelligente Nutzung thermochemischer Reaktionen zur autarken Energiebereitstellung stellt einen echten Technologiesprung dar“, sagt Jens Bockstette, Professor für Energiewandlung und -speicherung an der Hochschule Düsseldorf. Bockstette war nach eigener Aussage im WDR zunächst skeptisch, bis er das Material selbst untersuchte. Schneider sieht die Lücke, in die der Elektrolyt stößt, bei Wärme knapp über Raumtemperatur: Für Abwärme dieser Güte habe die Industrie bislang kein Konzept.

Auf der Fachkonferenz EnerHarv 2026 stellte das Forschungsteam den Ansatz als Poster vor. Je Gramm Elektrolyt liefere die Zelle danach 0,8 Volt Leerlaufspannung, einen Spitzenstrom von rund einem Milliampere und einen Dauerstrom von rund einem Mikroampere. Sie arbeite bei Temperaturen zwischen zehn und 60 Grad. Für Sensoren, die nur in Abständen einen Messwert funken, sammle eine Leistungselektronik diese Energie in einem Zwischenspeicher.

Schema eines energieautarken Funksensors mit TEC-G-Zelle, Zwischenspeicher, Sensor und Funkmodul
Aufbau eines energieautarken Funksensors: Die TEC-G-Zelle speist über eine Leistungselektronik einen Zwischenspeicher, der Sensor und Funkmodul versorgt. Grafik: HEIONTEC

Celtrix soll die ersten Pouch-Zellen fertigen

Aus dem Labor in die Fertigung geht HEIONTEC mit dem Batteriezellen-Hersteller Celtrix aus Itzehoe. Celtrix baut Zellen nach Maß, etwa für Medizintechnik, Drohnen und Raumfahrt, wo Standardbatterien an Grenzen stoßen. Im Juli vereinbarten beide Unternehmen eine Technologiepartnerschaft, vermittelt über das Lübecker Startup-Programm Gateway49. Celtrix soll zunächst Prototypen bauen, später wollen die Partner in Serie fertigen.

„Unser Beitrag besteht darin, aus einer vielversprechenden Technologie fertigungstaugliche Zellen zu machen“, sagt Celtrix-Mitgründer Stefan Klebor. Statt auf Knopfzellen setzt HEIONTEC inzwischen auf Pouch-Zellen, also flache Zellen in einer Folienhülle, deren Größe sich an die Anwendung anpassen lässt.

Zwei Unternehmen testen die Technologie bereits, sagte Gründer und Geschäftsführer Andreas Heine der Wirtschaftswoche. Ziel seien erste Geräte in Lagern und Büros bis zum ersten Quartal 2027. Als Anwendungen nennt HEIONTEC Sensoren in der Industrie und Türschlösser in Hotels. Eine eigene Fabrik plant das Unternehmen nicht, es will die Technologie lizenzieren und Partner fertigen lassen.

Hinter HEIONTEC stehen Family Offices, Business Angels und öffentliche Förderprogramme. Über FunderNation sammelte das Unternehmen rund 1,26 Millionen Euro von 292 Anlegern ein. Kurz vor der Ausstrahlung gewann HEIONTEC den Innovationspreis der Lübecker Wirtschaft. Ein Siegerplatz im Landeswettbewerb „Überflieger 2026“ bringt das Team im Frühjahr 2027 ins Silicon Valley.

EnOcean und Exeger gewinnen Energie aus Bewegung und Licht

Batterielose Sensoren gibt es seit mehr als 20 Jahren, Fachleute sprechen von Energy Harvesting, dem Ernten kleiner Energiemengen aus der Umgebung. Die Münchner EnOcean GmbH startete 2001 als Ausgründung von Siemens und versorgt Funkschalter und Sensoren mit Energie aus Tastendruck, Licht oder Temperaturunterschieden. Ihr Funkstandard ist seit 2012 international genormt. Produkte nach diesem Standard stecken laut der EnOcean Alliance in mehreren hunderttausend Gebäuden.

Für Innenräume setzen zwei schwedische Cleantech-Unternehmen auf Solarzellen, die schon bei Lampenlicht arbeiten. Exeger aus Stockholm baut seine Powerfoyle-Zellen in Kopfhörer und andere Elektronik ein. Ende 2025 erhielt Exeger dafür 130 Millionen Kronen von der schwedischen Energieagentur. Epishine aus Linköping fertigt organische Solarzellen für Innenraum-Sensoren.

HEIONTEC zielt auf Orte, an die weder Licht noch Bewegung reichen. Das kann das Innere eines Türschlosses sein, ein Schaltschrank oder ein Temperaturfühler im Gewächshaus. Dort tauschen Techniker heute Batterien. Laut Patentanmeldung soll die Zelle auch ungerichtete Abwärme bis 70 Grad nutzen, wie sie in Fabrikhallen anfällt. Als Nächstes will HEIONTEC die Zellchemie reproduzierbar in extern gefertigte Pouch-Zellen übertragen und unabhängig validieren lassen.

QUELLEN

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  1. HEIONTEC: Pressemitteilung „HEIONTEC bei ‚Die Höhle der Löwen‘: Deep-Tech aus Schleswig-Holstein vor einem Millionenpublikum“, 5. Oktober 2026.
  2. HEIONTEC und Celtrix: Pressemitteilung „HEIONTEC und Celtrix starten strategische Partnerschaft zur Fertigung neuartiger Energiezellen für autarke Sensorik“, 9. Juli 2026.
  3. Gründerfreunde: Höhle der Löwen gestern: Staffel 20, Folge 5, Oktober 2026.
  4. HEIONTEC: TEC-G-Technologie, abgerufen am 6. Oktober 2026.
  5. EnOcean Alliance: Building Smarter Connectivity, abgerufen am 6. Oktober 2026.
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