Vattenfall holt Regelenergie aus der Nordsee

Netzstabilität aus der Nordsee · 19. OKTOBER 2026

Betreiber stabilisieren das Stromnetz mit Regelenergie aus Offshore-Windparks

Vier Unternehmen haben Nordsee-Windparks inzwischen für den Regelenergiemarkt präqualifiziert. Vattenfall bietet aus dem Park Veja Mate 200 Megawatt an, die bislang größte Leistung. Kohle- und Gaskraftwerke müssen so seltener für die Regelreserve laufen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 Min. LESEN


Vattenfall vermarktet seit Kurzem Regelenergie aus Offshore-Windparks. Die Leistung stammt aus Veja Mate, rund 95 Kilometer nordwestlich von Borkum, wo 67 Windenergieanlagen zusammen 416 Megawatt erreichen. Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet hat den Park dafür in seiner Regelzone präqualifiziert. Damit stelle Vattenfall die bislang größte Leistung an Regelenergie aus Offshore-Wind bereit, teilte der Konzern am Montag mit.

Veja Mate gehört einem Konsortium aus Commerz Real, Ingka Group, KGAL Group und wpd invest, Vattenfall verkauft den Strom als Direktvermarkter. Vor Vattenfall haben drei andere Unternehmen Offshore-Windparks in den Regelenergiemarkt gebracht. Ørsted liefert aus Borkum Riffgrund 1 seit Mai 2022 Regelenergie. RWE bekam Anfang 2025 die Präqualifikation für 60 Megawatt aus Amrumbank West, Trianel liefert aus Borkum I seit Juli rund 70 Megawatt.

Netzbetreiber halten die Frequenz mit Regelenergie stabil

Das Stromnetz muss jederzeit eine Frequenz von 50 Hertz halten. Weichen Erzeugung oder Verbrauch von der Prognose ab, rufen die Übertragungsnetzbetreiber Regelenergie ab, also Leistung, die Anlagen kurzfristig zusätzlich einspeisen oder zurücknehmen. Die Netzbetreiber staffeln diese Reserve nach Reaktionszeit, von der Primärregelleistung binnen Sekunden bis zur Minutenreserve (mehr dazu: Wie Netzbetreiber Großstörungen abfangen).

Fehlt Strom im Netz, braucht es positive Regelleistung, also zusätzliche Einspeisung. Ist zu viel Strom im Netz, rufen die Netzbetreiber negative Regelleistung ab, dann drosseln Erzeuger ihre Leistung. Wer mitbieten will, braucht eine Präqualifikation, den technischen Nachweis gegenüber dem Netzbetreiber, dass die Anlage jeden Abruf zuverlässig erfüllt.

Bundesnetzagentur sieht Erneuerbare als Ersatz für fossile Reserve

Ein Kraftwerk kann seine Leistung nur drosseln, wenn es läuft. Deshalb bleiben Kohle- und Gaskraftwerke am Netz, auch wenn Wind und Sonne den Bedarf längst decken. Sie laufen selbst dann, wenn der Strompreis unter null fällt (mehr dazu: Das Paradox der Solarflut). Die Bundesnetzagentur bezifferte diese konventionelle Mindesterzeugung in ihrem jüngsten Bericht von 2021 auf mindestens vier bis sieben Gigawatt.

Den größten Teil davon führte die Behörde auf die Vorhaltung negativer Regelleistung durch konventionelle Kraftwerke zurück. Dieser Anteil könne sinken, wenn mehr Erneuerbare-Energien-Anlagen am Regelenergiemarkt teilnehmen und negative Regelleistung bereitstellen. Betreiber von Windparks können genau diese Leistung liefern, indem sie auf Abruf die Rotorblätter aus dem Wind drehen.

„Bislang kam diese Regelenergie meist aus flexiblen Pumpspeichern oder Gaskraftwerken“, sagt Christian Sdralek, der bei Vattenfall das Portfolio erneuerbarer Energien verantwortet. Die Präqualifikation beweise, dass erneuerbare Energien auch netzsichernde Aufgaben übernehmen könnten.

Betreiber setzen bei Regelenergie aus Offshore-Windparks auf stetigen Wind

Auf hoher See wehe der Wind meist konstant und gut vorhersehbar, begründet Vattenfall die Eignung. Die Netzbetreiber haben für Windparks eigene Anforderungen formuliert. RWE muss die Leistung von Amrumbank West auf Abruf binnen Sekunden senken und das Angebot innerhalb von fünf Minuten vollständig erbringen. Energy2market, der Vermarkter von Ørsted, plant die angebotene Menge für den Folgetag und bietet bei unsicherer Wettervorhersage etwas weniger Leistung an.

Nach Angaben von Direktvermarktern lässt sich bislang nur ein Bruchteil der installierten Wind- und Solarleistung präqualifizieren. Sie nennen als Hürden die nötige Einspeisepräzision und eine eigene Steuerbox vor Ort, deren Nachrüstung sich für kleinere Parks selten lohnt. Als besonders geeignet gelten große Parks ab etwa 20 Megawatt.

Vattenfall selbst beteiligt sich bislang vor allem mit Pumpspeicherkraftwerken von zusammen 2,7 Gigawatt an der Regelreserve. Weitere Präqualifikationen seien in Arbeit, sagte Sdralek, für Offshore-Windparks, für Solarparks mit Großbatterien und für Batteriespeicher, die Vattenfall zu einem Festpreis miete. Speicher und flexible Verbraucher senken nach Rechnung des Energieexperten Tim Meyer auch den Bedarf an neuen Gaskraftwerken (mehr dazu: Gesicherte Leistung).

QUELLEN

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  1. Vattenfall: Beitrag zur Netzstabilität: Vattenfall vermarktet in Deutschland erstmals Regelenergie aus Offshore-Windpark, Pressemitteilung, 19. Oktober 2026.
  2. Solarserver: RWE: Offshore-Windpark Amrum liefert Sekundärregelleistung, 10. Februar 2025.
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