CARBIOS: Enzymatisches Kunststoffrecycling mögliche Lösung für die globale Plastikkrise

Wie das französische Cleantech-Unternehmen Carbios echte Kreislaufwirtschaft möglich macht

Das Plastik-Problem ist bekannt: Jährlich werden 460 Millionen Tonnen Kunststoff produziert, nur 14 Prozent davon recycelt. Der Rest landet auf Deponien oder in den Ozeanen. Das französische Unternehmen Carbios bietet einen bahnbrechenden Ausweg: enzymatisches Recycling, das PET-Kunststoffe nahezu unendlich oft in Lebensmittelqualität zurückgewinnen kann.

Enzymatisches Recycling: Carbios Antwort auf die globale Plastikkrise

Das Kernprinzip von Carbios ist elegant und leistungsstark: Mittels speziell entwickelter Enzyme kann das Unternehmen PET-Flaschen und Polyester nahezu unendlich oft wiederverwerten – ohne Qualitätsverlust. Das patentierte enzymatische Depolymerisationsverfahren arbeitet mit beeindruckender Effizienz: 97 Prozent des Kunststoffs werden bereits in nur 16 Stunden abgebaut. Dies ist etwa 10.000-mal effizienter als frühere biologische Recycling-Versuche. Das Verfahren funktioniert mit einer Lösung namens CARBIOS Active, die auch für biologisch abbaubare Kunststoffe entwickelt wurde.


Mittlerweile arbeitet ESTER Biotech an einem ähnlichen Verfahren.

Ein besonderer Vorteil des Verfahrens: Carbios kann auch Kunststoffarten recyceln, die mit herkömmlichen Technologien nicht verarbeitet werden können. Mehrschichtige, farbige und undurchsichtige Verpackungsabfälle sowie Textilabfälle aus Polyester – bislang Problemmüll – können nun in hochwertige Rohstoffe zurückverwandelt werden.

Die jüngsten Erfolge zeigen die Marktverwirklichung dieser Technologie

2024 markiert einen kritischen Wendepunkt für Carbios. Das Unternehmen hat eine Reihe bemerkenswerter Meilensteine erreicht, die die Skalierbarkeit seiner Technologie unter Beweis stellen. Im März 2025 brachte Carbios zusammen mit dem Luxusgüterhersteller L’Oréal (Biotherm-Linie) die erste kommerziell verfügbare Kunststoffflasche auf den Markt, die vollständig aus enzymatisch recyceltem Material hergestellt wurde. Dies war das Ergebnis von drei Jahren intensiver Forschungsarbeit und ein visueller Beweis dafür, dass enzymatisches Recycling bereits Realität ist, nicht nur Zukunftsvision.

Darüber hinaus unterzeichnete Carbios im Juni 2024 eine Absichtserklärung mit der chinesischen Zhink Group, einem der 500 größten Privatunternehmen Chinas. Diese Partnerschaft zielt darauf ab, eine enzymatische Depolymerisationsanlage in China mit einer Mindestkapazität von 50.000 Tonnen aufbereiteter PET-Abfälle pro Jahr zu errichten. Im September 2024 gab Carbios zudem eine Zusammenarbeit mit Selenis, einem führenden Anbieter von Spezialpolyesterlösungen, bekannt, um nachhaltige PETG-Materialien zu entwickeln.

Starke Partnerschaften in der Textil- und Modeindustrie

Besonders bemerkenswert ist das wachsende Interesse der Modeindustrie an Carbios-Technologie. Die Modeunternehmen On, Patagonia, Puma, PVH (Tommy Hilfiger und Calvin Klein) und Salomon kooperieren alle mit Carbios, um enzymatisch recycelte Polyester-Fasern für ihre Produkte zu nutzen. Dies zeigt, dass Carbios nicht nur ein Nischenplayer ist, sondern auf dem Weg ist, zum Standard im nachhaltigen Kunststoffrecycling zu werden.

Longlaville-Projekt: Verzögerung, aber weiterhin im Plan

Der Bau der weltweit ersten kommerziellen PET-Biorecycling-Anlage in Longlaville (Frankreich) ist zwar verzögert worden, das Projekt läuft aber weiterhin. Nach den im September 2025 gemeldeten Halbjahreszahlen steht die Wiederaufnahme des Bauprojekts vor Jahresende 2025 bevor, vorbehaltlich der Sicherung erforderlicher Finanzierungen. Carbios hat eine solide Liquiditätsposition von 72 Millionen Euro zum 30. Juni 2025 aufgebaut und arbeitet rigoros daran, die betrieblichen Aufwendungen zu senken.

Das Unternehmen verhandelt mit öffentlichen Förderern (ADEME und Regionalrat) und privaten Investoren. Mit dem deutschen Recycler Hündgen schloss Carbios einen Liefervertrag ab, um ab Ende 2026 etwa 15.000 Tonnen PET-Post-Consumer-Abfälle jährlich bereitzustellen. Diese Rohstoffversorgung ist ein kritischer Erfolgsfaktor für die zukünftige Rentabilität der Anlage.

Regulatorische Rückendeckung durch EU-Gesetze

Die europäische Regulierung arbeitet Carbios in die Hände: Ab 2025 schreibt die EU einen Mindestanteil von 25 Prozent recyceltem Kunststoff in PET-Flaschen vor. Diese gesetzliche Anforderung schafft immense Nachfrage nach enzymatisch recycelten Materialien. Große Markenartikler wie PepsiCo, L’Oréal und Suntory Beverage & Food sind bereits an Bord und suchen nach Lösungen, um ihre neuen Compliance-Anforderungen zu erfüllen. Carbios Active, die Enzymlösung für biologisch abbaubare Kunststoffe, wurde auch mit Sleever für biologisch abbaubare Schutzvorrichtungen in Lebensmittelverpackungen kooperiert.

Der Forschungsstandort Universität Leipzig trägt bei: Forscher unter Leitung des Biochemikers Christian Sonnendecker haben das Enzym PHL7 entdeckt, das PET-Kunststoffe in nur 14 Stunden vollständig zersetzen kann. Diese Forschung unterstützt die weltweiten Bemühungen um enzymatisches Kunststoffrecycling.

Carbios SA Aktie: Chancen und Herausforderungen

Carbios wird an der Euronext Growth Paris unter dem Ticker ALCRB gehandelt. Das Unternehmen hat etwa 16,8 Millionen ausstehende Aktien mit einer aktuellen Marktkapitalisierung im zweistelligen Millionen-Euro-Bereich. Die Aktienentwicklung war volatil: Nach einem Anstieg auf über 37 Euro im Jahr 2023 fiel der Kurs deutlich, notierte Ende 2024 bei etwa 6 Euro und erholte sich im März 2025 auf etwa 6-7 Euro.

Das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) ist negativ (-2,81 für 2024), da das Unternehmen sich noch in der Forschungs- und Entwicklungsphase befindet und keine Profite generiert. Der negative Cash-Flow pro Aktie (-1,34 EUR) und das Kurs-Cashflow-Verhältnis von -4,49 spiegeln die Investitionsphase wider. Dies ist typisch für innovative Biotechnologie-Unternehmen in der Skalierungsphase.

Für Investoren stellt Carbios eine hochspekulative Wette dar. Der Kurs ist eng mit der Nachricht über Finanzierungen, Partnerschaften und Produktionserfolge verknüpft. Der Schlüssel zum langfristigen Erfolg liegt in der erfolgreichen Industrialisierung der Longlaville-Anlage und der Skalierbarkeit des Lizenzmodells.

Warum Carbios jetzt so bedeutsam ist

Die Zeitpunkte kommen zusammen: Während die globale Plastikkrise eskaliert, öffnet sich ein regulatorisches Fenster (EU-Vorschriften ab 2025), und Carbios hat eine funktionierende, patentierte Technologie. Die kommenden 18-24 Monate werden entscheidend sein. Wenn Carbios die Finanzierung für Longlaville sichert und die Anlage in Betrieb geht, könnte das Unternehmen zum globalen Standard für enzymatisches Kunststoffrecycling werden.

Das Geschäftsmodell basiert auf Lizenzvergabe: Große Recycler und Kunststoffhersteller zahlen für die Nutzung der Carbios-Technologie in ihren eigenen Fabriken. Dies könnte langfristig sehr rentabel sein, wenn die Skalierung gelingt.

Carbios PET-Recycling

Carbios repräsentiert einen der vielversprechendsten Ansätze zur Lösung der globalen Plastikkrise. Die Kombination aus innovativer Technologie, starken Partnerschaften und regulatorischer Unterstützung ist einzigartig. Allerdings bleibt die Aktie hochriskant – der Erfolg hängt davon ab, ob das Unternehmen seine ambitionierten Industrialisierungsziele erreicht. Für „Clean Planet Advocates“ und Investoren in nachhaltige Technologien ist Carbios dennoch ein faszinierendes Unternehmen zum Beobachten.

Forschung, Forschung, Forschung – Die Meilensteine auf dem Weg zur Industrialisierung

Wie forschungsgetrieben Carbios ist, zeigt die rasche Abfolge von Durchbrüchen und Erfolgen über mehr als ein Jahrzehnt. Das 2012 gegründete Unternehmen hat konsequent an enzymatischen Lösungen gearbeitet und dabei beeindruckende wissenschaftliche Fortschritte erzielt.

Im April 2020 folgte der erste große Durchbruch: Ein Team von Carbios-Forschern veröffentlichte eine bahnbrechende Studie in der renommierten Fachzeitschrift Nature und präsentierte ein speziell entwickeltes Enzym, das Kunststoff effizient abbauen konnte – deutlich schneller als die Natur es könnte. Dies war der wissenschaftliche Beweis für die Machbarkeit enzymatischen Recyclings im großen Maßstab.

Im November 2020 folgte die erste praktische Demonstration: Carbios präsentierte eine durchsichtige Kunststoffflasche, die vollständig aus recyceltem Polyester bestand – ein visueller Beweis, dass enzymatisches Recycling funktioniert. Im April 2021 bewies das Team dann, dass auch technische Fasern aus Recyclingmaterial hergestellt werden können. Der deutsche Reifenhersteller Michelin erkannte das Potenzial und begann, mit Carbios zusammenzuarbeiten, um diese Fasern für die Reifenherstellung einzusetzen.

Der Durchbruch für hochwertiges recyceltes PET (rPET) folgte im Juni 2021 in einer hochkarätig besetzten Kooperation: Carbios, der Getränkeriese PepsiCo und der Luxusgüterhersteller L’Oreal präsentierten die erste Flasche aus vollständig enzymatisch recyceltem PET in Lebensmittelqualität. Dies war ein Moment, der zeigte, dass die Technologie nicht nur im Labor, sondern auch bei großen Markenartiklern akzeptiert wird.

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Zwischen den Jahren 2021 und 2024 folgte eine Phase der intensiven Industrialisierung und Skalierung. Carbios baute eine Demonstrationsanlage auf, um die Technologie unter realistischen Bedingungen zu testen und zu optimieren.

Seit 2023 schließlich arbeitet das Cleantech-Unternehmen parallel intensiv am Lizenzmodell – ein entscheidender Schritt zur weltweiten Verbreitung der sauberen Technologie, bei dem große Recycler und Kunststoffhersteller die Carbios-Verfahren in ihren eigenen Fabriken einsetzen können.

Besonders interessant ist die Technologie dann, wenn es einem Kontinent gelingt, weitgehend zu elektrifizieren – denn dann wird genügend Energie verfügbar sein, um etwa das Carbios-Verfahren konsequent zu nutzen. Bislang scheint es am wahrscheinlichsten, dass China der erste Elektrostaat wird.

Weitere Informationen über die Erfolge des Unternehmens finden Sie in unserem News-Archiv. Alternativ auch direkt im Newsroom auf der Unternehmenswebseite.

(Dieser Beitrag entstand ursprünglich am 19. Februar 2023. Letzte Überarbeitung im Dezember 2025)

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[…] Das Ergebnis sind kostengünstige, grüne Carbonsäuren – Grundstoffe für Kunststoffe, Lösemittel und Pharmaprodukte. Diese Herangehensweise unterscheidet sich grundlegend von anderen Recyclingansätzen wie dem enzymatischen Verfahren von ESTER Biotech oder dem PET-Recycling von Carbios. […]

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Bei der „Überarbeitung Juli 2024“ hätte man auch weglassen können, dass die Aktie bei 37 Euro ist, das ist nämlich falsch. Sie ist nach wie vor bei 20 Euro.

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