Grüngasquote im Wärmesektor: Teure Scheinlösung statt echter Wärmewende

Grüngasquote soll Erzeuger in die Pflicht nehmen, Biomethan oder Wasserstoff beizumischen.

Die schwarz-rote Koalition steht kurz davor, die 65-Prozent-Regel im Gebäudeenergiegesetz durch eine Grüngasquote im Gebäudemodernisierungsgesetz zu ersetzen. Das wäre ein klima- und energiepolitischer Irrweg, der für Haushalte teurer wäre, die Wärmewende ausbremst und fossile Abhängigkeiten zementiert. Ein breites Bündnis aus Umweltverbänden und der Elektroindustrie warnt eindringlich – und die nackten Zahlen geben ihnen Recht.

Die Debatte um die Grüngasquote im Gebäudesektor ist eine Fata Morgana in der energiepolitischen Wüste: Aus der Ferne verspricht sie Klimaschutz ohne Heizungstausch, soziale Schonung und technologische Offenheit. Doch je näher man kommt, desto deutlicher zeigt sich: Klimaschutz bleibt auf der Strecke, Betriebskosten für Haushalte steigen, und fossile Abhängigkeiten werden nur verlängert.


Laut Berichten von Table.Briefings vom 23. Februar 2026 läuft die GEG-Reform auf genau dieses Szenario hinaus: Die 65-Prozent-Erneuerbare-Energien-Pflicht für neue Heizungen soll fallen, stattdessen soll eine Grüngasquote eingeführt werden. Die Verpflichtung zum Klimaschutz im Gebäudesektor würde damit formal von den Immobilieneigentümern auf Brennstofflieferanten und Gasnetzbetreiber verlagert.

Das bisherige GEG soll zum Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG) umgetauft werden – ein semantischer Trick, der über den klimapolitischen Rückschritt hinwegtäuschen soll.

Fossile Lobby macht Druck auf Wirtschaftsministerin Reiche

Die fossile Lobby hat kürzlich laut SPIEGEL einen letzten Vorstoß unternommen, die Entscheidungen der Bundesregierung zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Eine Allianz aus dem Deutschen Verband Flüssiggas, en2x (einem Zusammenschluss von Mineralölunternehmen) und dem Eigentümerverband Haus & Grund hat ein Positionspapier vorgelegt, das einer Abschaffung des Heizungsgesetzes gleichkäme. Die Kernforderung: eine „komplett neue Systematik“, bei der die Pflicht zum klimafreundlichen Heizen auf die Energieanbieter übertragen wird. Verbraucher könnten weiter auf Gasheizungen setzen.

Dass Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) für diesen Vorschlag empfänglich sein könnte, überrascht kaum: Noch als Chefin der Eon-Tochter Westenergie hatte sie dafür plädiert, Privathäuser mit grünem Wasserstoff zu beheizen statt auf Wärmepumpen zu setzen. Die Personalentscheidung, eine ehemalige Energiekonzern-Managerin zur Wirtschaftsministerin zu machen, könnte sich als eine der folgenreichsten dieser Legislatur erweisen.

Constantin Zerger von der Deutschen Umwelthilfe hatte frühzeitig auf LinkedIn vor der drohenden Einführung gewarnt. Die Grüngasquote war bereits zu Ampelzeiten diskutiert worden – die damaligen SPD-Abgeordneten Andreas Rimkus und Bengt Bergt hatten im Sommer 2023 einen eigenen Aufschlag gewagt, der allerdings vom grünen Bundeswirtschaftsministerium nie weiterentwickelt wurde.

DNR und sieben Umweltverbände: „Klimapolitischer Irrweg“

Unter dem Dach des Deutschen Naturschutzrings (DNR) haben sich BUND, Deutsche Umwelthilfe, Gaswende, Greenpeace, NABU, Umweltinstitut München und WWF Deutschland mit einem gemeinsamen Positionspapier gegen die Grüngasquote im Wärmesektor positioniert. DNR-Präsident Kai Niebert bringt es auf den Punkt: Eine Grüngasquote im Wärmemarkt sei ein klimapolitischer Irrweg und eine teure Scheinlösung, die die Klimaziele im Wärmebereich unmöglich mache.

Auch der ZVEI, der Verband der Elektro- und Digitalindustrie, warnte am 23. Februar 2026, eine verpflichtende Grüngasquote für den Wärmesektor würde zentrale Elemente der Wärmewende konterkarieren, den Wirtschaftsstandort belasten und den Klimaschutz schwächen.

Ein Blick in die Daten der Energiewirtschaft macht deutlich, warum die Grüngasquote scheitern muss. Der SPIEGEL hat die Zahlen zusammengetragen – und sie sind brutal.

Biomethan: Ein Prozent statt hundert

Die naheliegendste Option, eine Grüngasquote zu erfüllen, wäre Biomethan. Doch die Mengenverhältnisse sind absurd: Deutschland produziert zwar rund 87 Terawattstunden (TWh) Biogas pro Jahr, doch die Aufbereitung zu Biomethan stagniert seit Jahren und belief sich 2024 auf nur etwa 10 TWh. Hinzu kamen 3,5 TWh an Importen. Dem steht ein Gesamtgasbedarf von 845 TWh gegenüber. Die Biomethan-Produktion deckt also gerade einmal gut ein Prozent des deutschen Gasbedarfs.

Die meisten Biogasanlagen erzeugen vor Ort Strom und erhalten dafür eine EEG-Vergütung. Ein beträchtlicher Teil des verfügbaren Biomethans wird zudem in Blockheizkraftwerken verbrannt oder zu Bio-LNG für Lkw verarbeitet. Die bundeseigene Deutsche Energie-Agentur (Dena) konstatiert in ihrem jüngsten Branchenbarometer: Von einem Aufwind bei der Nachfrage könne keine Rede sein.

Wie das Bundeswirtschaftsministerium bereits unter grüner Führung betonte, ist Biomasse eine begrenzte und wertvolle Ressource. Schon heute werden in Deutschland etwa 15 Prozent des Ackerlands für den Anbau von Substratpflanzen für Biogas verwendet. Eine massive Ausweitung ist weder ökologisch noch ökonomisch sinnvoll.

Wasserstoff: 0,181 von 10 Gigawatt

Noch schlechter sieht es beim Wasserstoff aus. Die Ampelregierung hatte das Ziel ausgegeben, bis 2030 Elektrolyseure mit einer Leistung von 10 Gigawatt (GW) zu installieren. Tatsächlich sind laut dem Energiewirtschaftlichen Institut (EWI) an der Universität zu Köln gerade einmal 0,181 GW installiert – weniger als zwei Prozent des Ziels. Für weitere 1,3 GW liegt eine Investitionsentscheidung vor oder der Bau läuft.

Technisch ist im bestehenden Erdgasnetz nur eine maximale Beimischung von rund 20 Prozent Wasserstoff möglich. Das würde – aufgrund der niedrigeren Energiedichte von Wasserstoff – die realen Emissionen im Wärmesektor lediglich um etwa sieben Prozent senken. Für höhere Anteile bis 100 Prozent müssten alle angeschlossenen Verbraucher im jeweiligen Netzabschnitt auf wasserstofffähige Geräte umgerüstet sein – ein Koordinierungsproblem, das in der Praxis kaum lösbar ist.

Preise: Biogastarife schon heute deutlich teurer

Eine aktuelle Verivox-Auswertung zeigt, wie teuer grüne Gastarife bereits heute sind: Biogastarife mit einem Biomethananteil von 65 Prozent kosten im Schnitt 14,7 Cent pro Kilowattstunde – deutlich mehr als konventionelle Erdgas-Grundversorgungstarife mit 13,5 Cent pro kWh. Und das ist erst der Anfang: Nach Berechnungen des Wuppertal Instituts und des IW könnten die Gaspreise durch eine Grüngasquote bis 2040 um bis zu 25 Prozent steigen.

Stefan Bolln, Energieberater und Bundesvorsitzender des Energieberatendenverbands GIH, bringt es auf den Punkt: Bei solch hohen Preisen für Biogase dürfte sich die Anschaffung einer Wärmepumpe sehr schnell rechnen. Die Grüngasquote würde Eigentümern kurzfristig etwas Luft verschaffen, weil sie zunächst keine teuren Umbaumaßnahmen angehen müssten – dann käme es aber „knüppeldick“.

Drei Kernprobleme laut DNR-Positionspapier

Das DNR-Positionspapier benennt drei zentrale Schwachstellen der Grüngasquote, gestützt auf übereinstimmende Analysen des Wuppertal Instituts, des IW sowie von Agora Energiewende und Agora Industrie.

Scheinlösung statt Dekarbonisierung: Bei einer Definition von „grünen Gasen“, die auch kohlenstoffarme Gase mit nur 70 Prozent Treibhausgaseinsparung umfasst, wäre Klimaneutralität bis 2045 selbst bei 100 Prozent Grüngas nicht erreichbar. Die Quote setzt einen Fehlanreiz für den Weiterbetrieb und Neukauf von Gasheizungen und lenkt Kapitalflüsse weg von Wärmepumpen und erneuerbarer Fernwärme.

Kostenfalle für Haushalte: Besonders hart treffen würde die Grüngasquote Mieter und einkommensschwache Haushalte, die nicht selbst in klimafreundliche Heizsysteme investieren können. Sie würden über ihre Heizkosten den Hochlauf grüner Gase mitfinanzieren, ohne davon zu profitieren. Die Verbände selbst räumen „höhere Brennstoffkosten infolge eines steigenden Beimischungsanteils“ ein – ohne konkreter zu werden.

Kein Nutzen für den Wasserstoffhochlauf: Grüner Wasserstoff ist knapp und sollte vorrangig in der Industrie eingesetzt werden. Beimischungen im Erdgasnetz würden diese knappe Ressource unspezifisch verteilen – grüner Wasserstoff würde in Haushalten mitverbrannt statt von der Industrie genutzt. Die Folge wäre eine kostenintensive Parallelinfrastruktur aus Wasserstoffkernnetz und weiter betriebenen Erdgasnetzen.

Verfassungsrechtliche Bedenken

Die Debatte hat auch eine juristische Dimension. Ein von Greenpeace und Gaswende beauftragtes Rechtsgutachten kommt zu dem Schluss, dass eine Absenkung der 65-Prozent-Vorgabe gegen das Grundgesetz verstoßen könnte. Das Klimaschutzgebot und das vom Bundesverfassungsgericht formulierte Verschlechterungsverbot setzen der politischen Gestaltungsfreiheit enge Grenzen.

Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Heilmann hatte bereits auf das Verschlechterungsverbot hingewiesen: Einmal eingeführte Emissionsreduktionen dürften nicht ohne triftige wissenschaftliche oder rechtliche Begründung gelockert werden. Die mündliche Verhandlung beim Bundesverfassungsgericht zum GEG-Gesetzgebungsverfahren von 2023 – ursprünglich für den 24. Februar angesetzt – wurde wegen des Staatsakts für die verstorbene Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth verschoben.

Wärmepumpen-Absatz auf Rekordhoch – ausgerechnet jetzt bremsen?

Besonders absurd ist der Zeitpunkt: Laut den jüngsten BDH-Absatzzahlen wurden 2025 erstmals mehr Wärmepumpen als Gaskessel verkauft – 299.000 Geräte, ein Plus von 55 Prozent. Der Gesamtmarkt für Wärmeerzeuger schrumpfte gleichzeitig um weitere 12 Prozent. Die Wärmewende nimmt trotz politischer Unsicherheit Fahrt auf.

Genau in diesem Moment die bewährte 65-Prozent-Regel durch eine unwirksame Grüngasquote zu ersetzen, wäre ein fatales Signal: Investiert nicht in die Zukunft, die Politik hält an der Vergangenheit fest.

Grünes Beruhigungspillchen: Die Grüngasquote reiht sich ein

Die Grüngasquote ist kein Einzelfall. Sie reiht sich ein in eine Serie grüner Beruhigungspillchen, die von fossilen Interessen propagiert werden, auf dem Papier plausibel klingen – und an der ökonomischen Realität zerschellen.

E-Fuels für PKW folgen exakt demselben Muster: Synthetische Kraftstoffe aus erneuerbarem Strom versprechen, dass der Verbrennungsmotor weiterleben kann. Die Physik sagt etwas anderes. Für die Herstellung von E-Fuels gehen rund 85 Prozent der eingesetzten Energie verloren – ein Elektroauto nutzt denselben Strom fünf- bis sechsmal effizienter. Die Folge: E-Fuels werden nach Schätzungen des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung selbst langfristig drei- bis fünfmal teurer bleiben als Strom fürs Elektroauto. Kein Wunder, dass Porsche sein E-Fuel-Pilotprojekt in Chile bereits zurückgefahren hat und der globale Marktanteil von E-Autos unaufhaltsam steigt. Das Versprechen der E-Fuels diente nie der Klimaneutralität des Verkehrs – es diente der Verzögerung der Elektromobilität.

CCS für Gaskraftwerke ist das gleiche Spiel im Energiesektor: CO₂-Abscheidung und -Speicherung soll fossile Stromerzeugung klimaverträglich machen. Doch auch hier rechnet sich die Technologie schlicht nicht. Die Kosten für CCS an Gaskraftwerken liegen bei 80 bis 120 Euro pro Tonne CO₂ – und damit weit über dem, was Solar- und Windstrom mit Batteriespeicher heute kosten. Neue Solar- und Windkraftanlagen mit Speicher produzieren Strom bereits günstiger als fossile Kraftwerke mit CCS-Nachrüstung. Gleichzeitig erfasst CCS nie 100 Prozent der Emissionen, sondern bestenfalls 90 Prozent – der Rest geht in die Atmosphäre. CCS hat seine Berechtigung in Industrieprozessen mit unvermeidbaren Emissionen, etwa in der Zementherstellung. Im Stromsektor ist es ein ökonomisches Auslaufmodell, bevor es begonnen hat.

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Das Muster ist immer dasselbe: Die fossile Industrie präsentiert eine technologische Scheinlösung, die den Fortbestand bestehender Infrastruktur und Geschäftsmodelle legitimiert. Es werden Pilotprojekte gestartet und Potenzialstudien zitiert, die ein „theoretisch machbar“ zum „praktisch sinnvoll“ aufblasen. Die elektrische Alternative – ob Wärmepumpe, Elektroauto oder erneuerbarer Strom mit Speicher – ist in jedem dieser Fälle physikalisch effizienter, ökonomisch günstiger und bereits heute verfügbar.

Fazit: Elektrifizierung statt Beimischung

Die Wärmewende gelingt durch Elektrifizierung, Effizienz und erneuerbare Wärmenetze – nicht durch die Beimischung knapper „grüner“ Gase ins Erdgasnetz. Die Grüngasquote im Gebäudesektor ist klimapolitisch wirkungslos, sozial unausgewogen und systemisch kontraproduktiv.

Die Zahlen sind eindeutig: Ein Prozent Biomethan-Anteil am Gasverbrauch, 0,181 von 10 Gigawatt Elektrolyseur-Kapazität, Biogastarife die schon heute teurer sind als Erdgas, und ein Verfassungsgericht, das dem Klimaschutz-Rückbau Grenzen setzen könnte. Die Grüngasquote ist keine technologieoffene Alternative – sie ist Lobby-Politik, die die Wärmewende ausbremst und Verbraucher in eine Kostenfalle lockt.

Statt echten Fortschritt zu erzwingen, verlagert die Grüngasquote die Verantwortung zurück auf fossile Gasströme – ohne klare Klimawirkung, ohne Kostenkontrolle, ohne industrielle Kapazitätsentwicklung. Das ist kein pragmatischer Kompromiss. Das ist die Rettung der Gasheizung auf Kosten der Verbraucher und des Klimas.

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