Generelles Tempolimit: Schluss mit dem Recht auf’s Rasen<

Generelles Tempolimit und Spritpreise

Neue Greenpeace-Berechnung zeigt: Ein generelles Tempolimit von 100 km/h auf Autobahnen könnte die Deutschen beim Tanken um bis zu 9,5 Mrd. Euro pro Jahr entlasten. Doch das Oligopol der Mineralölkonzerne könnte diese Ersparnis abschöpfen.

Ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen würde die Haushalte sofort entlasten. Das belegt eine neue Berechnung von Greenpeace, die heute veröffentlicht wurde. Während die Spritpreise infolge des Irankriegs Rekorde brechen und die Koalition über Gegenmaßnahmen streitet, liefert der Umweltverband konkrete Zahlen: Bis zu 9,5 Milliarden Euro pro Jahr könnten die Deutschen an der Zapfsäule sparen.


Bis zu 331 Euro Ersparnis pro Haushalt

Deutsche Pkw verbrauchen jährlich rund 43,5 Milliarden Liter Kraftstoff. Bei aktuellen Preisen von 2,17 Euro für Benzin und 2,40 Euro für Diesel entspricht das Spritkosten von 98,5 Milliarden Euro pro Jahr. Pro Pkw zahlen Fahrer im Schnitt 2.063 Euro, Diesel-Fahrer wegen ihrer höheren Fahrleistung sogar 2.857 Euro.

Tempolimit Einsparungen pro Haushalt

Greenpeace hat drei Tempolimit-Szenarien durchgerechnet. Bei 130/100 km/h (Autobahn/Landstraße) spart ein Haushalt mit durchschnittlich 1,21 Pkw rund 70 Euro pro Jahr. Bei 120/100 km/h sind es 124 Euro, bei 100/80 km/h bereits 239 Euro. Diesel-Haushalte sparen im strengsten Szenario sogar 331 Euro jährlich. Bundesweit summieren sich die Einsparungen auf 2,76, 4,92 oder 9,46 Milliarden Euro.

Die Berechnung basiert auf Modellierungen der Universität Stuttgart und der PTV Transport Consult im Auftrag des Umweltbundesamtes. Berücksichtigt wurden der Geschwindigkeitseffekt und der Routenwahleffekt. Nachfrageeffekte durch Umstieg auf den ÖPNV hat Greenpeace bewusst herausgerechnet, weil dort Gegenkosten entstehen. Die tatsächliche Entlastung dürfte also noch höher liegen.

Tempolimit - Berechnungen von Greenpeace

Tempolimit: Birol und Grimm dafür, Reiche dagegen

IEA-Chef Fatih Birol forderte Deutschland im Spiegel explizit zum Tempolimit auf. Schon zehn Kilometer pro Stunde weniger könnten den nationalen Ölverbrauch um bis zu sechs Prozent senken. Birol warnt zudem vor Diesel- und Kerosin-Engpässen in Europa: 80 Energieanlagen im Nahen Osten seien im Krieg beschädigt worden, die Vorkriegsproduktion werde selbst bei einem Friedensabkommen lange auf sich warten lassen.

Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm nannte das Tempolimit in der Rheinischen Post ein kluges Signal. Tankrabatte und Preisdeckel seien der falsche Weg, weil sie die Preise verzerrten. Die Regierung müsse die Preise wirken lassen, damit die Energienachfrage sinke.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche lehnt das Tempolimit ab. Ihr Argument: Der Spritpreis werde auf dem Weltmarkt gebildet, nicht auf der deutschen Autobahn. Stattdessen schlägt sie eine temporäre Erhöhung der Pendlerpauschale vor.

Reiches Argument führt allerdings zu einer Schlussfolgerung, die die Ministerin vermutlich nicht beabsichtigt. Wenn Deutschland die Weltmarktpreise nicht beeinflussen kann, ist die logische Antwort: den Verbrauch senken. Genau das leistet ein Tempolimit. Die Pendlerpauschale hingegen verschiebt die Kosten lediglich vom Autofahrer zum Steuerzahler, ändert am Verbrauch nichts und wirkt laut CDU-Arbeitnehmerflügel frühestens mit der Steuererklärung 2027.

Was bedeutet das für Verbraucher?

Die Ersparnis durch ein Tempolimit ist real. Aber sie hat eine Schwachstelle: das Mineralöl-Oligopol. Greenpeace selbst weist darauf hin. Der Tankstellenmarkt wird von wenigen großen Anbietern dominiert. Das Bundeskartellamt sieht ein erhöhtes Kollusionsrisiko: die Gefahr, dass sich die Anbieter stillschweigend auf Preise oberhalb des Wettbewerbsniveaus einigen.

In einem solchen Oligopol könnte ein Tempolimit kurzfristig dazu führen, dass die Konzerne niedrigere Mengen akzeptieren, die Preise aber stabil halten oder sogar erhöhen. Die Erfahrung mit dem Tankrabatt 2022, als die Steuersenkung laut einer RWI-Studie nicht vollständig an die Kunden weitergegeben wurde, bestätigt dieses Muster. Auch die 12-Uhr-Regel, die seit dem 1. April nur noch eine tägliche Preiserhöhung erlaubt, hat an den Rekordpreisen nichts geändert. Der Dieselpreis hat seitdem sieben Allzeithochs in Folge markiert.

Der eigentliche Hebel gegen das Oligopol liegt in der Elektrifizierung. Wer ein E-Auto fährt, zahlt weder 2,50 Euro pro Liter noch ist er der Marktmacht der Mineralölkonzerne ausgeliefert. Strom aus erneuerbaren Energien wird in Deutschland produziert, nicht am Persischen Golf. Im März 2026 wurden 66 Prozent mehr Elektroautos zugelassen als im Vorjahr, ihr Marktanteil stieg auf 24 Prozent und überholte erstmals die Neuzulassungen von Benzinern. Die Verbraucher ziehen ihre Schlüsse offenbar schneller als die Wirtschaftsministerin.

Ausblick: Generelles Tempolimit als erster Schritt

Deutschland ist das einzige Industrieland der Welt ohne generelles Tempolimit auf Autobahnen. Die Greenpeace-Berechnung zeigt, was das die Bürger kostet. Ein Tempolimit wäre die einfachste Entlastungsmaßnahme, die die Koalition beschließen könnte: sofort wirksam, ohne Kosten für den Staatshaushalt, gut für Klima und Verkehrssicherheit.

Allein löst es das Problem nicht. Solange ein Oligopol die Preise an der Zapfsäule diktiert, kann weniger Verbrauch durch höhere Preise kompensiert werden. Langfristig bricht die Marktmacht der Mineralölkonzerne erst, wenn genug Alternativen zum Verbrenner existieren. Das Tempolimit kann diesen Übergang beschleunigen.

Und die 331 Euro, die ein Diesel-Haushalt pro Jahr spart, sind ein guter Anfang für den Umstieg auf ein Elektroauto.

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Da würde ich sogar weiter gehen. Wir haben so viele PKW wie noch nie, die soviel fahren wie nie. Zumeist SUV. Doppelt so viele Fahrzeuge wie zu meiner Kindheit.

Tempolimit ja. Höhere Steuern für große SUVs ja. Beanspruchen ja auch mehr Raum. Und Zuschuss für kleine PKW und Abschaffung von PKW mit freien Bahnkarten bezuschussen.

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