Decade Energy baut Ladeinfrastruktur für Elektro-Lkw, bevor die Flotten kommen

E-LKW · 26. MAI 2026

Ladeinfrastruktur für Elektro-Lkw: Decade Energy übernimmt das Risiko

Elektro-Lkw erreichen in Europa gerade erst 4,7 Prozent Marktanteil. Die Ladeinfrastruktur hinkt noch weiter hinterher. Das Pariser Cleantech-Startup Decade Energy, gegründet vom Team hinter Volta Trucks, geht einen ungewöhnlichen Weg: Batterien finanzieren die Infrastruktur, bis die Flotten wirklich kommen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 Min. Lesezeit LESEN


Der europäische Elektro-Lkw-Markt hat die S-Kurve begonnen. Wie der IEA Global EV Outlook 2026 zeigt, verdoppelten sich Elektro-Lkw 2025 weltweit auf über 400.000 Einheiten. In Europa stieg der Marktanteil von 0,7 Prozent im Jahr 2022 auf 4,7 Prozent in 2025. Der Schwerverkehr, lange als letztes Segment für Elektrifizierung abgeschrieben, dreht sich.

Doch genau hier liegt das Problem: Die Ladeinfrastruktur für Elektro-Lkw auf Logistikgeländen und entlang der Güterkorridore fehlt noch weitgehend. Wer wartet auf wen? Spediteure warten auf Ladepunkte, Investoren warten auf Spediteure mit Elektro-Lkw. Decade Energy will diesen Knoten durchschlagen.

Das Geschäftsmodell: Investitionsrisiko übernehmen, Immobilieneigentümer gewinnen

Das in Paris ansässige Unternehmen wurde von denselben Gründern aufgebaut, die zuvor Volta Trucks gegründet hatten. Der schwedische Elektro-Lkw-Hersteller ging im Herbst 2023 insolvent. Statt einem neuen Fahrzeug bauen die Gründer nun die Ladeinfrastruktur für Elektro-Lkw, um die Einsatzfähigkeit von entsprechend elektrifizierten Fahrzeugen zu ermöglichen. Es ist das berühmte Henne-Ei-Problem, das so auf geschickte Weise gelöst werden soll.

Der Schlüssel liegt im Adressaten: Decade Energy wendet sich nicht an Spediteure oder Flottenbesitzer, sondern an Grundstückseigentümer - Logistikimmobilienunternehmen, die ihre Flächen an Transportunternehmen vermieten. „Ein Kernproblem ist, dass Grundstückseigentümer wissen, dass die Elektro-Lkw kommen, aber nicht wann, was die Investition riskant macht“, sagt CEO Casper Norden.

Decade Energy übernimmt deshalb das Investitionsrisiko selbst: Das Unternehmen stellt den Netzanschluss sicher, installiert Ladeausrüstung und Batteriespeicher zur Lastspitzenglättung und betreibt eine Softwareplattform. Das Grundstücksunternehmen vermietet die Fläche an Decade Energy, das seinerseits den Ladeservice an die Logistikmieter vermietet. Verträge mit 15 bis 20 Jahren Laufzeit sollen das Modell stabil halten. „Andere Akteure haben sich an die Lkw-Besitzer gewandt. Aber die sind nur Mieter und haben oft einen viel kurzfristigeren Blick“, so Norden.

Ladeinfrastruktur für Elektro-Lkw finanziert sich über Batterie-Arbitrage

Die entscheidende Frage lautet: Was passiert in der Zwischenzeit? Ein Netzanschluss kostet Geld, auch wenn noch kaum Elektro-Lkw laden. Decade Energy hat dafür eine klare Antwort: Die stationären Batteriespeicher, die ohnehin zur Lastspitzenglättung installiert werden, arbeiten parallel als eigenständige Einnahmequelle im Stromnetz.

„Mit den Batterien können wir Systemdienstleistungen bereitstellen und Energiearbitrage betreiben, also Strom günstig kaufen und teuer verkaufen. Dieser Einnahmestrom finanziert die gesamte Investition“, erklärt Norden. Dafür kooperiert Decade Energy mit Aggregatoren, die die verteilten Batteriespeicher der einzelnen Standorte bündeln und als virtuelles Kraftwerk im Stromsystem vermarkten.

Das Modell verbindet also zwei Logiken: Ladeinfrastruktur für den wachsenden Elektro-Lkw-Markt und stationärer Netzspeicher für die Energiewende. Erst wenn beides zusammenkommt, ergibt sich die wirtschaftliche Tragfähigkeit vor dem Flottenumstieg.

22 Millionen Euro und 50 Projekte als Startschuss

Für den weiteren Aufbau des Geschäftsmodells hat Decade Energy 22 Millionen Euro eingesammelt. Die Runde wurde von der französischen Eiffel Investment Group und dem niederländischen VC SET Ventures angeführt. Rund drei Viertel des Kapitals fließen direkt in die Infrastrukturinstallation, schwerpunktmäßig in Batteriespeicher.

Laut eigenen Angaben hat das Unternehmen bislang 1.500 Machbarkeitsstudien durchgeführt, mehr als 100 Projekte mit zusammen über 500 MW angestossen und eine Pipeline von 50 Projekten aufgebaut, die 2026 starten sollen. Alle 50 liegen in Frankreich, die Hälfte bei einem noch nicht öffentlich genannten Großeigentümer. Durch zusätzliche Fremdfinanzierung von 30 Millionen Euro soll das verfügbare Kapital auf rund 50 Millionen Euro wachsen. Eine Expansion nach Schweden ist für Ende 2027 geplant.

QUELLEN

  1. Ny Teknik (Johan Kristensson, 22. Mai 2026): Efter Volta-konkursen - nu ska de lösa Europas problem för ellastbilar
  2. Cleanthinking.de (Martin Jendrischik, 23. Mai 2026): Elektromobilität 2026: Zahlen, Marktanteile, Trends

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