Sieben EU-Länder gegen Berlins E-Auto-Bremse

ELEKTROMOBILITÄT · 7. JUNI 2026

Elektroauto-Disruption: Sieben EU-Länder stellen sich gegen Berlins Bremskurs

Frankreich, Spanien und fünf weitere EU-Mitgliedstaaten warnen: Wer die Flottenregeln jetzt aufweicht, begeht einen strategischen Fehler. Die IEA erwartet für 2026 weltweit 23 Millionen Elektroauto-Verkäufe. Der Markt hat entschieden.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. Lesezeit LESEN


Sieben EU-Mitgliedstaaten haben sich in einem gemeinsamen Schreiben gegen eine weitere Aufweichung der europäischen Flottenregeln positioniert. Frankreich, Spanien, Portugal, die Niederlande, Luxemburg und Schweden erklären, eine „Beeinträchtigung der Integrität und der Vorhersehbarkeit“ des CO₂-Reduktionsgesetzes im Automobilsektor sei ein „strategischer Fehler.“ Die Initiative geht von der französischen Umweltministerin Monique Barbut aus.

Hintergrund ist der anhaltende Druck Deutschlands, die ursprünglichen 2035-Ziele weiter zu lockern. Die EU-Kommission hatte bereits im Dezember auf Berliner Betreiben hin nachgegeben: Statt eines vollständigen Verbots von Verbrennern ab 2035 müssen Hersteller ihre CO₂-Emissionen nur noch um 90 Prozent gegenüber 2021 senken. Deutschland und Italien drängen auf weitere Flexibilisierung. Sollte das gelingen, könnte die Sieben-Länder-Koalition eine Sperrminorität im EU-Rat bilden.

Das Büro von Ministerin Barbut lässt keinen Zweifel an der Entschlossenheit: Man sei „genug, um den Text zu verzögern“ oder zu blockieren. Die Unterzeichner verweisen auf die aktuelle Energiekrise als Argument für mehr, nicht weniger Tempo: Der Iran-Krieg zeige „ganz deutlich, dass die Verringerung der europäischen Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen eine absolute Notwendigkeit ist.“

IEA-Zahlen: Die Elektroauto-Disruption läuft auf Hochtouren

Die Datenlage zur Elektroauto-Disruption spricht eine andere Sprache als die Berliner Verzögerungspolitik. Der Global EV Outlook 2026 der Internationalen Energieagentur erwartet für dieses Jahr weltweit 23 Millionen Elektroauto-Verkäufe, was einem Marktanteil von fast 30 Prozent entspricht. 2025 waren es bereits 20 Millionen Fahrzeuge und 25 Prozent Marktanteil, in fast 100 Ländern wurden neue Verkaufsrekorde aufgestellt. Die globalen Marktdaten im Überblick: Elektromobilität 2026: Zahlen, Märkte, Trends.

Elektroauto-Disruption: Marktanteile nach Ländern

Besonders aufschlussreich ist die regionale Aufschlüsselung des ersten Quartals 2026. Global sanken die E-Auto-Verkäufe um 8 Prozent, weil China und die USA Förderungen zurückgefahren hatten. Europa dagegen legte im gleichen Zeitraum um fast 30 Prozent zu. In der Asien-Pazifik-Region ohne China stiegen die Verkäufe sogar um 80 Prozent, Lateinamerika verzeichnete plus 75 Prozent.

Der IEA-Chef Fatih Birol ordnet die Lage klar ein: Die wachsende Beliebtheit von Elektrofahrzeugen bringe nun „eine gewisse Erleichterung angesichts des größten Ölschocks der Geschichte.“ Sinkende Batteriepreise und mögliche politische Reaktionen auf die Energiekrise würden den Markt weiter beschleunigen. Bis 2035 rechnet die IEA mit einer weltweiten E-Auto-Flotte von bis zu 510 Millionen Fahrzeugen.

Deutschlands Widerspruch: Bremspolitik, aber 25 Prozent Marktanteil im Mai

Dass die Disruption sich auch durch Berliner Zögerlichkeit nicht stoppen lässt, zeigen die aktuellen deutschen Zulassungszahlen. Im Mai 2026 war jeder vierte Neuwagen ein reines Elektrofahrzeug, die Zulassungen legten um 39 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat zu. Der Marktanteil von 25 Prozent ist der dritthöchste Wert aller Zeiten. Treiber sind die hohen Spritpreise infolge des Iran-Kriegs sowie die neue staatliche Kaufprämie.

Gleichzeitig zeigt die Markentabelle, wer von der Disruption profitiert. Tesla legte im Mai um 322 Prozent zu, BYD um 232 Prozent. Die volumenstarken deutschen Hersteller VW und Mercedes verloren dagegen jeweils 8,9 Prozent. EY-Experte Constantin Gall warnt, dass die staatliche Förderung vor allem ausländischen Marken nütze, weil diese im niedrigeren Preissegment mehr zu bieten hätten als VW und Co.

Auf dem Gebrauchtwagenmarkt ist die Dynamik noch deutlicher. Das Angebot an gebrauchten Elektroautos auf mobile.de sank von März bis April um 17,6 Prozent, weil die Nachfrage die Bestände leerräumt. Der Elektroauto-Anteil an den Gebrauchtwagenzulassungen stieg zwischen April 2025 und April 2026 von 3,0 auf 7,7 Prozent, so die Verkehrsorganisation ICCT. Fraunhofer-Forscher Patrick Plötz sieht den Markt auf dem Weg „vom Nischensegment zu einem etablierten Markt.“

Investitionssicherheit ist das eigentliche Problem

Die Elektroauto-Disruption wird durch Berlins Kurs nicht aufgehalten, aber sie wird teurer gemacht. VW-Konzernchef Oliver Blume bringt es im Interview mit dem Toggenburger Tagblatt auf den Punkt: „Technologisch sind Elektrofahrzeuge den Verbrennern überlegen.“ Dieser Abstand werde sich weiter vergrößern. Dass Blume dennoch flexible CO₂-Übergangszeiträume fordert, ist kein Widerspruch zur Disruption, sondern eine Forderung nach Zeit für den Umbau, nicht nach einer Rückkehr zum Verbrenner.

Das zeigt sich in der Investitionsstrategie des Konzerns. Durch Bündelung von drei Marken auf einer Plattform und eigener Batterieproduktion in Spanien hat VW nach Blumes Angaben über 600 Millionen Euro eingespart. Die Fabrikkosten der Marke VW in Deutschland sanken im vergangenen Jahr um über 20 Prozent. Ab 2027 soll in Portugal mit dem ID.Every1 ein Elektroauto für rund 20.000 Euro vom Band laufen, ein Preispunkt, der den Massenmarkt aufschließen würde.

Mehrere Ökonomen haben zuletzt gewarnt, dass das weitere Aufweichen des Verbrenner-Aus weder die strukturellen Probleme der europäischen Automobilindustrie löse noch langfristig Arbeitsplätze sichere. Die sieben Unterzeichnerstaaten sehen das genauso: Spielräume bei den CO₂-Zielen müssten „streng begrenzt“ bleiben, um den „bereits laufenden industriellen Wandel“ nicht zu verlangsamen. Der Markt hat diesen Wandel längst vollzogen. Politische Klarheit würde ihn nur beschleunigen.

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