Klimazweifel auf Bestellung

KLIMAPOLITIK · JUNI 2026

Rechter Populismus: Klimazweifel auf Bestellung

Donald Trump, die AfD und ein Netzwerk rechter Medien behaupten, der IPCC habe sich verrechnet und die Klimakrise sei überbewertet. Beides ist falsch. Sie haben auf diesen Moment gewartet.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 8 Min. Lesezeit LESEN


Am 16. Mai 2026 schreibt Donald Trump auf Truth Social: "Wrong! Wrong! Wrong!" Der Weltklimarat habe gerade eingeräumt, dass seine eigenen Prognosen falsch gewesen seien. Der IPCC habe sich verrechnet und das jetzt zugegeben.

Das ist eine Lüge in jedem Detail. Der IPCC hat sich nicht verrechnet, weil er keine Prognose abgegeben hat. Er hat nichts zugegeben, weil er nichts zurückzunehmen hat. Und die Klimakrise ist nicht abgesagt, weil sich an ihren physikalischen Grundlagen nichts geändert hat.

Trotzdem läuft die Kampagne. Am 20. Mai beruft die AfD im Bundestag eine Aktuelle Stunde ein. Nius jubiliert. Apollo News und das Klimawandelleugner-Portal EIKE stimmen ein. Auch Bild aus dem Hause Springer fügt einen eigenen Spin hinzu: Das Klimaurteil des Bundesverfassungsgerichts müsse neu bewertet werden.

Überraschend kommt das nicht. Klimawissenschaftler Michael E. Mann beobachtet diese Netzwerke seit 25 Jahren. Schon länger habe man in einschlägigen Telegram-Kanälen darauf gewartet, sagt er der Zeit. "Es war nur eine Frage der Zeit, wann das hochkochen würde."

Wer das Drehbuch kennt, erkennt das Muster: Ein wissenschaftlicher Routinevorgang wird aus dem Kontext gerissen, mit einer falschen Schlussfolgerung versehen, in eine politische Forderung übersetzt, möglichst oft wiederholt. Der italienische Informatiker Alberto Brandolini hat dafür das Bullshit-Asymmetrie-Prinzip formuliert: Es braucht ein Vielfaches an Energie, Schwachsinn zu widerlegen, wie ihn zu produzieren.

Diesmal ist die Antwort allerdings schon da, bevor das Narrativ richtig durchschlagen kann. Petra Pinzler hat in der Zeit die Geschichte der Kampagne nachgezeichnet. Christian Stöcker hat im Spiegel die Finanzierungskette offengelegt. Die AFP hat einen detaillierten Faktencheck veröffentlicht.

Anatomie einer halben Wahrheit

Der reale Vorgang, an den sich die Kampagne anhängt, ist ein normales Stück Wissenschaftsgeschichte. Im April 2026 hat eine Gruppe von Klimamodellierer*innen unter der Leitung von Detlef van Vuuren im Fachjournal Geoscientific Model Development ein Papier zu den Emissionsszenarien für den siebten IPCC-Sachstandsbericht veröffentlicht. Ergebnis: Das extremste Szenario RCP8.5 wird als unplausibel ausgemustert, weil erneuerbare Energien schneller wachsen als angenommen und die globale Kohleverbrennung sich nicht versiebenfacht.

Was das im Detail bedeutet, hat Cleanthinking.de in zwei Beiträgen erläutert: einmal zur wissenschaftlichen Einordnung, einmal zur Geschichte des Szenarios.

Drei Punkte sind für die aktuelle Debatte entscheidend. Erstens: Das CMIP-Konsortium, das die Empfehlung ausgesprochen hat, ist nicht der IPCC und nicht die UN. Der Weltklimarat hat das in einer eigenen Mitteilung vom 20. Mai 2026 ausdrücklich klargestellt: Er betreibt keine eigene Forschung, führt keine Modelle aus, nimmt keine Messungen vor.

Zweitens: RCP8.5 war nie eine Prognose, sondern ein Szenario der Maximaleskalation. Das Aussortieren bedeutet nicht, dass die Wissenschaft sich getäuscht hätte, sondern dass die Welt einen anderen Weg eingeschlagen hat. Drittens: Selbst nach der aktuellen Politik erwartet die UN eine Erwärmung von rund 2,8 Grad bis 2100, mit verheerenden Folgen für Ökosysteme, Küsten und Ernährung.

Detlef van Vuuren selbst sagt es so: Das Ende von RCP8.5 "bedeutet keineswegs, dass wir beim Klimawandel große Fortschritte gemacht haben". Im Gegenteil. "Wir stehen sehr viel schlechter da als noch 2010, wir überschreiten die 1,5 Grad", zitiert ihn die Zeit.

Auch Klimaforscher Niklas Höhne vom New Climate Institute, der die wissenschaftlichen Grundlagen für das Karlsruher Klimaurteil miterarbeitet hat, hält den Schluss, das Urteil habe nun keine Basis mehr, für absurd. Das Urteil stützt sich auf das Pariser 1,5-Grad-Ziel, nicht auf RCP8.5.

Das Drehbuch kennen wir seit 25 Jahren

Wenige Menschen können diese Kampagne so präzise einordnen wie Michael E. Mann. Der Klimawissenschaftler an der University of Pennsylvania veröffentlichte 1999 die Hockeyschläger-Grafik: Sie zeigte erstmals, wie die globalen Durchschnittstemperaturen über Jahrhunderte hinweg moderat schwanken und dann mit der Industrialisierung steil ansteigen.

Für diese Erkenntnis wurde Mann jahrelang verleumdet, in Verschwörungsblogs als Betrüger dargestellt, mit Klagen überzogen. Er gewann mehrere Prozesse, schrieb ein Buch mit dem Titel Science Under Siege und beobachtet seither sehr genau, wie diese Netzwerke arbeiten.

Manns Befund ist eindeutig: Die Kampagne gegen RCP8.5 war seit Monaten in Vorbereitung. In rechten Telegram-Gruppen sei diskutiert worden, dass jede Revision des Szenarios sich politisch nutzen lasse. Frei nach dem Motto: Wenn ein Szenario revidiert wird, sei wohl auch der Rest der Wissenschaft falsch.

Mann verweist auf das Prinzip, das Trumps früherer Berater Steve Bannon formuliert hat: "Flood the zone with shit", frei übersetzt: Überflute den Raum mit Mist. Erst in Klimaleugner-Kreisen gesät, über soziale Netzwerke verbreitet, finanziell unterstützt von Teilen der Öl- und Gaslobby. Schließlich von konservativen Politikerinnen und Meinungsführern aufgegriffen.

Das Muster wirkt, weil es Halbwahrheiten, echte Fakten und glatte Lügen miteinander mischt. Trumps Truth-Social-Post tut genau das: realer Vorgang (RCP8.5 wird aussortiert), Lüge (der IPCC habe das selbst gemacht und sich verrechnet), Suggestion (Klimaschutz sei demnach überflüssig).

Wer das auseinanderzieht, braucht mehr Worte als Trump. Wer es nicht auseinanderzieht, gibt das Narrativ weiter, auch wenn man das gar nicht wollte.

Die Kette: AEI, Welt, Nius, Bundestag

Wie das im konkreten Fall lief, hat Christian Stöcker im Spiegel in einer scharfen Kolumne nachgezeichnet. Ausgangspunkt war ein Blogbeitrag von Roger Pielke Jr. am American Enterprise Institute (AEI) mit der Überschrift, RCP8.5 sei offiziell tot.

Das AEI ist über Jahre mit Millionen aus den Stiftungen des US-Ölmilliardärs Charles Koch finanziert worden, wie das Investigativportal DeSmog dokumentiert hat. Dazu kommen Spenden von ExxonMobil, Shell und dem American Petroleum Institute. Das AEI ist eine der etablierten Stationen im Kommunikationsnetz der fossilen Industrie.

Von dort sprang das Narrativ in die Welt, aufgegriffen von einem Autor, der zuletzt durch eine Rüge des Presserats und einen Gerichtsbeschluss wegen falscher Berichterstattung über NGOs auffiel. "Plötzlich" hätten Klimaforscher ihr Worst-Case-Szenario abgeschafft, hieß es in der Schlagzeile. Plötzlich war an dem Vorgang allerdings nichts. Schon im IPCC-Sachstandsbericht von 2021 galt RCP8.5 als Szenario geringer Wahrscheinlichkeit.

In Deutschland verstärkten Nius und Apollo News. Trump twitterte sein "Wrong! Wrong! Wrong!", deutsche Medien übersetzten. Auch die ehemalige Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) schrieb in der Welt: Die Apokalypse falle aus, Klimaziele müssten überdacht werden. Schröder ist heute beim Thinktank R21 engagiert, der die Union nach rechts ziehen will. Die AfD trug die Aktuelle Stunde in den Bundestag.

Wer das Drehbuch kennt, erkennt es wieder. Es ist dasselbe Muster wie beim Streit um die Hockeyschläger-Grafik, beim Streit um das Ozonloch, beim Streit um das Waldsterben, beim Streit um die Wirksamkeit von Corona-Maßnahmen. Wissenschaftliche Selbstkorrektur wird als Selbstwiderlegung umgedeutet.

Aus einem normalen Forschungsfortschritt wird ein Skandal gebaut. Aus dem Skandal wird eine politische Forderung. In diesem Fall: das 2-Grad-Ziel aufgeben, Klimaziele überdenken, das Bundesverfassungsgerichtsurteil kassieren.

Diesmal steht die Antwort

Was diese Kampagne von früheren Versuchen unterscheidet, ist die Geschwindigkeit der Antwort. Petra Pinzlers Analyse in der Zeit (Nr. 25/2026) zerlegt das Narrativ Punkt für Punkt und erklärt das Präventionsparadox: Je erfolgreicher Klimapolitik betrieben wurde, desto unwahrscheinlicher wurde RCP8.5. Und desto lauter behaupten seine Gegner nun, es habe nie der Anstrengung bedurft.

Christian Stöckers Kolumne im Spiegel legt die Finanzkette des AEI offen und benennt die deutschen Verstärker beim Namen. Der AFP-Faktencheck widerlegt Trumps zentrale Behauptungen detailliert. Carbon Brief liefert die englischsprachige Faktenprüfung.

Auf der wissenschaftlichen Seite haben Zeke Hausfather, Glen Peters und Piers Forster auf The Climate Brink die Lage präzise zusammengefasst: "We should celebrate progress, but not overstate it." Zwei Dinge sind gleichzeitig wahr. RCP8.5 war nie das wahrscheinlichste Szenario. Und der rapide Preisverfall bei sauberer Energie hat die Emissionskurve weiter nach unten gedrückt.

Daraus folgt keine Entwarnung, sondern eine nüchterne Neueinordnung. Auch der Energieanalyst Michael Liebreich diskutiert in seinem Podcast Cleaning Up mit Roger Pielke Jr. ausführlich, was die Änderung bedeutet. Beide halten unmissverständlich fest: Das Ende von RCP8.5 ist keine Entwarnung. Genau diesen Teil zitieren die rechten Verwerter nicht.

Hinter dem rechten Populismus steht ein zweites Motiv: die fossile Panik. Die Panik der Öl- und Gasindustrie und ihrer politischen Verbündeten vor dem Ende des eigenen Geschäftsmodells. Bereits 60 Prozent der globalen Energieinvestitionen fließen laut Internationaler Energieagentur in die Elektrifizierung. Peak Fossil ist Tatsache, nicht Zukunftsmusik. Der Krieg am Persischen Golf hat den Trend zusätzlich beschleunigt.

Wer in dieser Lage Zweifel an der Klimawissenschaft sät, hat nur selten ein wissenschaftliches Interesse. Meistens geht es um Aufträge, Bilanzen und politische Macht. Wenn die Apokalypse, wie Schröder schreibt, ausfallen sollte, dann liegt das daran, dass Menschen sie verhindern. Nicht daran, dass sie nie real war.

QUELLEN

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  1. Pinzler, Petra: Hä, welche Klimakrise denn?, Die Zeit Nr. 25/2026, 2. Juni 2026. zeit.de
  2. Stöcker, Christian: So funktioniert fossile Propaganda heute, Der Spiegel, 24. Mai 2026. spiegel.de
  3. AFP Faktencheck: Konsens über Klimawandel bleibt trotz Überarbeitungen extremer Emissionsszenarien, 2. Juni 2026. factcheck.afp.com
  4. Hausfather, Peters, Forster: On the death of RCP8.5, The Climate Brink, 18. Mai 2026. theclimatebrink.com
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